Schlagwort-Archive: Dr. Gerhard Mersmann

Die Anmaßung

Nicht jeden Tag scheint die Sonne. Und nicht an jedem Tag ist der Himmel voller Wolken. Die menschliche Existenz ist durchsetzt von unterschiedlichen Stimmungen. Sie werden verursacht durch äußere Anlässe oder durch innere Regungen. Das Spannende in einem sozialen Gefüge ist, inwiefern die einzelnen Individuen sich mit ihren Regungen, Neigungen und Wünschen arrangieren können. Denn es ist klar, dass weder die Gefühlswelt, noch Bedürfnisse oder Zielsetzungen analog verlaufen oder identisch sind. Immer, zu jeder Zeit, gibt es Menschen, die vorwärtsgehen, guten Mutes sind und wissen, was sie wollen. Und gleichzeitig existieren Zeitgenossen, die zweifeln, zaudern oder den Moment festschreiben möchten. Das, so weiß jedes Kind, das in der Lage ist, den Kopf zu benutzen, führt zu Friktionen. Mit dem schönen Wort, das sich schon ein wenig anhört wie eine feine Säge, sind Brüche zwischen den handelnden Menschen gemeint. In geringem Ausmaß sind es Irritationen, in größerem massive Konflikte. Der Mensch ist nie allein. Auch wenn manche der Auffassung sind, es wäre so. You ´ll never walk alone – das ist nicht nur ein Schlachtruf der Solidarität oder das Signé einer verschworenen Gemeinschaft, sondern auch eine Plattitüde für den Sachverhalt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.

Heute morgen mußte ich an einen Menschen denken, der in gewisser Weise wie ein Prototyp einer ganzen Epoche immer dabei war und immer dann auftauchte, wenn sich eine Gruppe von Menschen für einen Aufbruch entschieden hatten. Wenn dann die Tür aufging und er erschien, wechselten die anderen, die exzellenter Laune waren und sich einiges vorgenommen hatten, vielsagend die Blicke. Und sobald der Besagte herausgefunden hatte, um was es ging, entrollte er wie ein Auktionator der Unmöglichkeiten alles, was dem Plan entgegenstehen könnte. Und, glauben Sie mir, es waren niemals nur kleine Bedenken, sondern immer eine ganze Kanonade.

Da ging es dann um rechtliche Hürden, um Haftungsfragen, um Kollateralschäden, um mögliche Verwerfungen, um lauernde Kosten, um Ungerechtigkeiten, um Missbrauchsgefahren, um unterbliebene Autorisierungen und um überall lauernde unlautere Motive. Ich bin mir sicher, Sie kennen nicht nur solche Situationen, sondern auch derartige Menschen. Menschen, die es zu einer regelrechten Virtuosität gebracht haben, wenn es darum geht, anderen Menschen einen hoffnungsvollen Blick selbst in die nahe Zukunft zu verbauen.

Und weil wir alle solche Zeitgenossen kennen, sie keine Randerscheinung sind, sondern sie es zum Prototyp gebracht haben, können sie als eine Signatur der Zeit bezeichnet werden. In Bezug auf die psychologische Wirkung, die das jeweilige Auftreten des Besagten auslöste, nannten ihn alle schlicht „die Anmaßung“. Jeder, der bei der Entwicklung einer Strategie der Gestaltung beteiligt war und sich mit Haut und Haaren einem positiven Ziel verschrieben hatte, empfand es nämlich so, wie es ausgedrückt wurde. Was, so fragten sich alle, bildet sich dieser Mensch ein, immer dann zu erscheinen, wenn die Sonne aufging, um ohne Ankündigung das Licht ohne jegliche Empathie wieder auszuschalten? 

Und das, was alle am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass die inkarnierte Anmaßung nahezu jede Ära, ob sie geprägt war von einzelnen Figuren oder von bestimmten Handlungskonzepten, unbeschadet überstand. Der Preis war eine gewisse Einsamkeit. Aber er schien sich in ihr sogar wohlig zu baden. Und da die Fleisch gewordene Anmaßung nicht nur eine Einzelerscheinung ist und, wenn wir ehrlich sind, in unserem nationalen Bett sogar faustisch-mephistophelisch gezeugt wurde, gehört sie wohl immer dazu. Trotz unablässig aufflackernder heißer Quellen der Hoffnung. 

Ein guter Freund brachte es immer wieder wunderbar auf den Punkt: „So ist unser Leben, mal Feuer, mal Asche. Und darüber zu klagen ist töricht und unangemessen“. 

Die Vernichtung der Feigenblätter

Harald Welzer. Zeitenende. Politik ohne Leitbild. Gesellschaft in Gefahr

Wollte man die Verzweiflung derer, die glauben, tatsächlich zu herrschen, am besten beschreiben, dann könnte man es die zunehmende Vernichtung der Feigenblätter nennen. Die nun seit Jahren bestehende Klage aus der Gesellschaft, dass man nicht mehr sagen könne, was man denke, weil man sonst in metaphorischem Sinne aufgespießt würde, wird immer und sofort beantwortet als Hirngespinst. Jeder und jede darf in diesem Land sagen, was er oder sie will! Und nicht selten zeigt man auf medial präsente Figuren, die immer wieder vor laufenden Kameras oder durch Publikationen die Finger in die Wunden legen. Seit Corona, dem Krieg in der Ukraine und nun in Israel/Palästina ist es allerdings selbst für etablierte Kritiker, die den Charakter von Feigenblättern haben, richtig gefährlich geworden. 

Harald Welzer gehört zu jenen Figuren, die es immer wieder geschafft haben, mit kritischen Anmerkungen die Konsens- und Wohlfühlen-Atmosphäre zu stören. Bis dato hat er die Inquisition im Gegensatz zu anderen einigermaßen überstanden. Nichtsdestotrotz sind in seinem neuesten Buch mit dem Titel „Zeitenende. Politik ohne Leitbild. Gesellschaft in Gefahr“ Spuren der Furcht vor den Schergen der reinen Regierungslehre durchaus aufzuspüren. Dennoch ist es ein wichtiges, hilfreiches und über alle Maßen inspirierendes Buch geworden. Systematisch, wie der Mann nun einmal ist, arbeitet er sich an dem rhetorisch vom Kanzler eingeworfenen Begriff der Zeitenwende ab und weist die Unangebrachtheit im Kontext der russischen Invasion in der Ukraine nach. Was ihn allerdings dazu führt, das komplexe Krisengeflecht, in dem wir uns seit längerer Zeit befinden, genauer zu beschreiben. 

Für Welzer steht fest, dass der entscheidende Punkt der Klimawandel ist und dieser die Möglichkeiten zivilisierter menschlicher Existenz radikal in Frage stellt. Die Politik allerdings suggeriert, als würde die eine oder andere Maßnahme zur Lösung des Problems führen. Der Autor verweist allerdings auf die kapitalistische Produktionsweise und der mit ihr einhergehenden Notwendigkeit ständigen Wachstums. Wachstum allerdings bedeutet Verbrauch und Vernichtung von Ressourcen mittels Energie. Daher ist es folgerichtig, dass Welzer von Rückbau von Produktion uns Konsum und die Besinnung auf eine Gesellschaftsordnung, in der das Notwendige zur Verfügung steht, aber die direkte, zivile, kulturelle und bereichernde Kommunikation steht – und nicht der sinnfreie Konsum

Dass der Autor in diesem Kontext auf die Renaissance des Imperialismus verweist, der seinerseits mit der Ausbreitung von Kriegen einhergeht, die alles, was an ökologischen Politikansätzen bereits existiert, ad absurdum führt, ist folgerichtig. Und dass der Imperialismus nicht exklusiv die Idee eines durchgedrehten russischen Despoten ist, bleibt da ein wenig im Hintergrund. Aber, der Verweis sei erlaubt, vielleicht ist diese Unzulänglichkeit der Passierschein, um ohne Vorladung zum medialen Gerichtshof weiter öffentlich seine Meinung vertreten zu dürfen?

In einem weiteren Kapitel dokumentiert der Autor verschiedene ökonomische Ansätze, die bereits existieren und die den Weg zu einer anderen Form gesellschaftlichen Zusammenlebens weisen könnten. Und dass er, quasi als Verarbeitung seines zusammen mit Richard David Precht veröffentlichen Buches „Die vierte Gewalt“ mit der Degenerierung des Journalismus zu staatlicher Propaganda und/oder zur organisierten Treibjagd auf die Politik scharf ins Gericht geht, spricht genauso für ihn wie Ausführungen über die Verselbständigung der Politik als eine von der Bevölkerung abgehobene Klasse. Dieser durch die Reduzierung der Wählbarkeit auf eine Legislaturperiode und vermehren Einsatz von Losverfahren die Grundlage zu entziehen, ist ein einfach zu realisierender wie die Demokratie belebender Vorschlag. 

Und so endet das Buch beim Souverän. Die „Leute“, wie es so schön heißt, sind die Auftraggeber von Politik. Und es liegt in ihrer Hand, denen, die sie verspotten, das Mandat zu entziehen. Welzers Buch bietet in konzentrierter Form eine Revue über nahezu alles, was uns bewegt. Oder bewegen sollte.