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Technik und res publica

Nun diskutieren sie wieder. Auf dem Kongress re:publica in Berlin hat sich die Welt des unabhängigen Netzes getroffen, um über Chancen und Perspektiven desselben zu beraten. Was auffällt, ist eine bestimmte Katerstimmung. Sie hat etwas zu tun mit der Fragilität der Netzneutralität, mit Stockungen bei der Datenverschlüsselung und mit der angedrohten Vorratsdatenspeicherung und mit der Durchdringung des gesamten Daseins durch Spionagetätigkeit. Kein Grund zum Jubeln, denn der Gedanke der Ermöglichung, der durch die Digitalisierung aufflammte, wird gelöscht von schwer zu realisierenden Bemühungen der Sicherheit. 

Es scheint sich zu offenbaren, dass dort, wo die Macht und das Geld sitzen, auch die Suprematie erreicht wird über eine Technik, die so viel Emanzipation versprach. Auch wenn der Zauber des Möglichen immer wieder auftaucht in vielen intelligenten Innovationen, so ist die Nutzung des technischen Potenzials zur politischen Entmündigung, zur Überwachung und zur gigantischen Vermarktung das Thema, das den gesellschaftlichen Diskurs bewegt. Wie naiv wirken da noch die Argumente derer, die der Technik an sich die Treiberfunktion für technische wie gesellschaftliche Innovation zugeschrieben haben. Es ist wie mit den Atomphysikern, sie konstruierten die H-Bombe und weinten zeitgleich über verdorrte Blumen. Es wird Zeit, das die Begeisterung über die revolutionären Potenziale politisch die Naivität verlässt und ins Erwachsenenstadium gelangt.

Das Problem ist nicht neu und die Muster, nach denen die Diskussion geführt wird, alt. Jede Technik, die eine neue Dimension der Massenkommunikation aufbrach, wurde von denen, die an ihrer Vermarktung Interesse hatten, mit den neuen Möglichkeiten von Bildung promotet. Das war mit dem Radio so, das war mit dem TV so, und das war auch mit der Computerisierung so. Und so bitter das Fazit klingen mag, allen diesen Wellen ist gemein, dass sie ein neues und nachhaltiges Verhalten zur jeweiligen Technik zu inszenieren vermochten, aber den Bildungsstand der Massen nicht verbesserten. Stattdessen trugen sie durch das angesprochene veränderte Verhalten dazu bei, dass die ehernen, erfolgreichen und in diesem Kontext nahezu heilig zu nennenden Institute wie Familie und Schule, die für Erziehung und Bildung standen, in ihrer Substanz erodierten. 

Es sind Fakten, mit denen wir uns auseinandersetzen sollten und keine Treueschwüre und Ressentiments. Technik an sich ist eine Illusion. Die Frage ist, wer sie herrscht und zu welchem Zwecke das geschieht. Solange die Diskussion so geführt wird, als sei die Digitalisierung an sich eine Errungenschaft, solange werden die Bilanzierungen aus einer ambitionierten gesellschaftlichen Perspektive in einer Depression enden. Bevor sich die Möglichkeiten entfalten, geht es um Herrschaft und Macht.

Es ist müßig, die aus der technischen Entwicklung entstandenen zivilisatorischen Fortschritte mit dem gleichzeitigen Abrutschen in eine futuristische Barbarei aufzurechnen. Es sei denn, es geht darum nachzuweisen, inwieweit der Einfluss von wirtschaftlicher Macht und einer demokratisch beeinflussten Politik auf die jeweilige Tendenz wirken. Das ist erkenntnisreich und wird empfohlen. Denn diese Erkenntnisse führen zu den richtigen Schlussfolgerungen.

Entscheidend wird sein, inwieweit ein politischer Wille formuliert wird, zu welchem Zwecke technische Entwicklungen genutzt werden sollen und was damit erreicht werden kann. Das muss der Leitgedanke sein, dem res publica folgen muss, will sie nicht abgleiten in diffuse Reaktion auf unbeeinflussbare Kräfte. Unabhängig von der Digitalisierung dokumentieren die Debatten, dass die Politik, die Größe, die die Sache der Öffentlichkeit gestalten sollte, von der letzten Welle der Technisierung an die Wand gedrängt wurde wie nie vorher. Das muss sich ändern. 

Epistemologie und Digitalisierung

Die Erkenntnistheorien, die der Aufklärung entsprungen sind, hatten einen Konsens. Es war das Fortschreiten der Bewusstwerdung der Welt nach einem relativ einfachen Schema, das in drei Stufen unterteilt wurde: die erste Ebene der Erkenntnis war die unmittelbare Erfahrung. Unter ihr wurde alles subsumiert, was der Mensch, das erkennende Wesen, direkt mit seinen Sinnen wahrnehmen und verarbeiten konnte. Die zweite Stufe war der qualitative Sprung von der unmittelbaren Erfahrung zu rationalen Erkenntnis. Sie beschrieb den Übergang vom Fühlen zum Kognitiven. Das war die Erkenntnis nach den verbrannten Händen auf der Herdplatte, irgendwann konstruierte das Hirn Zustände und Zusammenhänge, die darauf schließen ließen, dass weiterer Schmerz wahrscheinlich sei und die unmittelbare Erfahrung nicht ein weiteres Mal erforderlich sei. Und schließlich, die dritte Ebene war der Sprung von der rationalen Erkenntnis hin zur Bewusstwerdung und aktiven Gestaltung. Somit war die Tirade von Fühlen -Erkennen – und Tun beschrieben, die immer wieder verifiziert werden konnte und deren Erkenntnis weit in andere Disziplinen hineinreichte, vor allem In die Pädagogik und Didaktik. Denn, so die logische Schlussfolgerung, wenn der Mensch so erkennt und lernt wie beschrieben, dann muss Neues auch so gelehrt werden. Die unmittelbare Erfahrung gilt immer noch als die Mutter aller Erkenntnis.

Der durch die Aufklärung beflügelte Prozess der Zivilisation zeichnet sich vor allem durch eine Reduktion des Unmittelbaren in den Lebensbereichen der Menschen aus. Direkte Erfahrungen, die  Landmenschen mit Natur und Umwelt beschert sind, sind bereits Städtern versagt und enden damit, dass heutzutage Stadtkinder in den Zoo müssen, um ihre erste Kuh zu sehen. Das Anschauungsmaterial für die Rückdrängung des Unmittelbaren ist erdrückend: Kinder spielen kaum noch auf der Straße, freies Streunen durch die Städte ist versagt, ein immens steigender Behütungsdrang der Eltern endet in elektronischen Überwachungssystemen. Die Welt von heute, die es zu entdecken gilt, ist in unseren Breitengraden nahezu frei von Gerüchen, Unwägbarkeiten und Gefahren.

Der Verdrängung der unmittelbaren Erfahrung steht eine anwachsende, heute schon alles dominierende mittelbare Erfahrung gegenüber. Im Zeitalter der Digitalisierung und der flächendeckenden Versorgung mit Zugängen zu den Multi-Mega-Wissensarsenalen der Gegenwart kann sich der Mensch mit Informationen versorgen, ohne vorher Lernprozesse durchgemacht zu haben, die ihn bereits epistemologisch geprägt haben. Und darin liegt eine Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht taxiert werden kann. Um es drastisch auszudrücken: wer nichts erfühlt hat auf seinem Weg der Erkenntnis, der wird auch kein Gefühl für das haben, was ihm dar- und angeboten wird. Das, was als rationale Erkenntnis im Gehirn gespeichert wird, hat keine emotionale Grundstruktur.

So sehr die Revolutionierung der artifiziellen Intelligenz auch in Bezug auf ihr Vermögen zu bewundern ist, so sehr hat sie den Menschen von seinem eigenen Produkt entfernt. Die Quelle der Erkenntnis ist die unmittelbare Erfahrung. Wer sie nicht oder nur rudimentär genießt, beginnt sich von seiner eigenen Psyche zugunsten der Ratio zu entfernen. Nichts gegen mehr Ratio in einer Welt, die erstaunlich von Irrationalismen geprägt wird. Aber die mit der Ent-Emotionalisierung verbundene Marginalisierung der Psyche entzieht diese aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Es entsteht eine Unterwelt, in der sich niemand mehr außer den Demagogen auskennt. Die Metapher, die vom Menschen übrig bleibt, ist die der trivialen Maschine. Das ist kein Fortschritt. Das ist Mittelalter. Wenn es eine Dialektik der Aufklärung gibt, d.h. wenn der Gedanke zur Befreiung auch immer die Option in sich trägt, das Dasein zu mystifizieren, dann ist die Digitalisierung unserer Welt der beste Beweis.