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Literarischer Reichtum in der Dystopie

Mary Shelley. Der letzte Mensch

Das Phänomen Covid-19 hat zur Wiederentdeckung und Neuauflagen dreier literarischer Schriften geführt, die ansonsten eher bei einem begrenzten Publikum Interesse geweckt hätten. Es sind dies Albert Camus „Die Pest“, Daniel Defoes „Die Pest zu London“ und Mary Shelleys „Der letzte Mensch“. Spielte Camus Roman noch bei allen, die sich mit dem Existenzialismus auseinandersetzten, eine Rolle, so war Defoes fiktiver Bericht einer realen Katastrophe eher etwas für die Defoe-Forschung. Mary Shelleys „Der letzte Mensch“ kam nie über ein Fachpublikum hinaus. Alle drei Autoren hatten sich mit der Ausbreitung der Pest und den damit verbundenen Auswirkungen auf die jeweilige Gesellschaft und ihr Handeln beschäftigt. „Der letzte Mensch“ ist selbst in diesem vorgestellten Ensemble eine Besonderheit.

Mary Shelley, die vor allem und wenn nicht gar exklusiv durch ihr Frühwerk „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ und dessen spätere Verfilmungen in Deutschland Aufmerksamkeit erregte, schrieb danach noch einige Romane von Bedeutung. „Der letzte Mensch“ ist insofern bemerkenswert, als dass er bereits 1826 zum ersten Mal erschien und in den heutigen Klappentexten als die erste Dystopie der modernen Weltliteratur gepriesen wird. Und es ist tatsächlich, vor allem aus heutiger Betrachtung, eine seltsame Koinzidenz, dass ein Teil der Handlung bestimmte Fragestellungen nahelegt, die auch in der Phase der Globalisierung des 21. Jahrhunderts hohe Aktualität genießen. 

Im Jahr 2089 brechen nicht nur die britische Monarchie vor dem Hintergrund ur-demokratischer Fragen zusammen, sondern der Globus wird von einer Pestepidemie überzogen, die letztendlich dazu führt, dass nur ein Mensch übrig bleibt, nämlich das erzählende Ich. Damit hat Shelley ein Konstrukt gewählt, das ihr die Möglichkeit gibt, aus einer für alle Menschen offensichtlichen Katastrophe ein räsonierendes Individuum am Ende vor alle Fragen zu stellen, die das Existenzielle der Gattung betreffen. Es geht dabei um nicht weniger als das Glück, den Wert und den Sinn menschlichen Lebens. Der Erzähler könnte als so etwas wie der kollektive Gesamt-Mensch bezeichnet werden und seine Ausführungen auf den letzten Seiten sind so etwas wie eine Rückschau auf die menschliche Zivilisation und das Wissen um die Endlichkeit jeglicher Existenz.

Insgesamt ist die Lektüre für das Publikum unserer Tage nicht ohne Tücken, was in der Qualität der vorliegenden Schrift begründet ist. Mary Shelley war eine meisterhafte Autorin der Genres der Romantik, auch wenn die dystopischen, grausigen und horrorartigen Szenarien gar nicht dazu passen mochten. Von ihrem elaborierten, mitfühlenden und feinfühligen Beobachtungsvermögen und ihrer sensiblen, blumenartigen Metaphorik besehen ist das Romantik pur, die nicht in die Lesegewohnheiten von Menschen passt, die ihrerseits im technokratischen, sich immer auf das vermeintlich Wesentliche konzentrierende Zeitalter sozialisiert wurden. 

Insofern sei darauf hingewiesen, dass die Leserinnen und Leser eine Anstrengung erwartet, die vielleicht am besten als das Erlernen von Geduld für ein überaus reiches Panorama an Handlungssträngen, Detailbeobachtungen und sublimen Gefühlslinien zu beschreiben ist. Allein diese Übung ist es wert, die heutigen Gewohnheiten des Lesens in einem kritischen Licht zu beleuchten. Dass dann das, was als die letzten Fragen der menschlichen Existenz bezeichnet werden kann, zum Schluss noch mit dargeboten wird, kann als eine letzte, großartige Überraschung der Autorin nicht genug gewürdigt werden. 

Nicht jeder gravierende Einschnitt führt zu einem Change

Daniel Defoe. Die Pest zu London

Als 1664/65 in seiner Heimatstadt London die Pest wütete, war Daniel Defoe, in unseren Breitengraden leider nur durch seinen zur Weltliteratur gehörenden Roman Robinson Crusoe bekannt, gerade einmal vier Jahre alt. Dennoch hat ihn das Thema zeit seines Lebens beschäftigt. Erst im Alter von 61 Jahren, 1722, hat er sich daran gemacht, ein Buch darüber zu schreiben. Unter dem nüchternen Titel „Die Pest zu London“ wurde es veröffentlicht. Aufgrund der Aktualität des Themas sollte das Werk aus den Archiven geholt und gelesen werden. Es lohnt sich.

Zunächst ein in in guter Manier verfasster, auf Daten, Fakten und Zahlen beruhender Bericht mutiert die Schrift immer mehr zu einer Erzählung eines fiktiven Protagonisten, der aus seinen konkreten Erfahrungen schöpft, der Geschichten erzählt und der die Geschehnisse bewertet.

Zunächst beschreibt Defoe den Ausbruch der Pandemie, die über die Sterblichkeitszahlen in den einzelnen Kirchendistrikten der Stadt handelt und die ersten Reaktionen der Bevölkerung wie der Verwaltung darauf. Die Wohlhabenden entschieden sich in der Regel zur Flucht, sodass in den Reichenvierteln viele Häuser leer standen, der Königshof floh nach Oxford, was der Erzähler als ein Segen bezeichnet, während die Bedürftigen in der Stadt bleiben mussten und der Pest schutzlos ausgeliefert waren.

Dann kamen die Welterklärer und Auguren zum Vorschein, die, waren sie aus dem religiösen Lager, die Seuche als eine Strafe Gottes beschrieben oder es waren andere, die die wildesten Theorien verbreiteten, um das Elend zu erklären. In zeitlichem Schlepptau folgten die Quacksalber und Scharlatane, die ein Geschäft aus dem Elend machten und alle Möglichen Mittel und Arzneien verkauften, die angeblich dazu geeignet waren, um sich gegen die Pest zu schützen. Helfen tat beides nicht.

Die Verwaltung verhängte eine Reihe von Maßnahmen, die teilweise Wirkung zeigten. Der Lord Mayor beschloss eine Zwangsquarantäne für Häuser, in denen Infizierte wohnten, auch wenn dort auch noch Menschen waren, die noch nicht infiziert waren. Vor die Häuser wurden Wächter gestellt, um den Internierten die Flucht zu verwehren, was allerdings immer noch einigen gelang, mit fatalen Folgen hinsichtlich der weiteren Ausbreitung. Verendete auf den Straßen wurden beiseite geschafft und in der folgenden Nacht in Massengräbern verscharrt. Medizinisches Personal wurde in die Bezirke geschickt, Pflegepersonal aus der Bürgerschaft rekrutiert. Für die Kritik am Verwaltungshandeln war aufgrund der rasenden Entwicklung weder Zeit noch existierten Medien, die eine virtuelle Gegenwelt möglich gemacht hätten.

Die Schrecknisse, die insgesamt bei der damaligen Größe von London mit immensen 100.000 Toten zu Buche schlugen, sind in einer unter die Haut gehenden Nüchternheit beschrieben. Aber auch der Einfallsreichtum der Menschen, wie sie sich gegenseitig halfen, welche Regeln sie entwickelten und wie sie mit den Zuständen umgingen. 

Der wirtschaftliche Ruin war immens. Nahezu alle Kleingewerbe und Handelsbetriebe gingen unter. Als die Sterblichkeitsziffern sanken, und das sollten wir uns merken, ignorierten die Menschen in ihrer großen Mehrheit die immer noch existierenden Gefahren und verfielen in ihren alten Lebensrhythmus, als sei nichts geschehen. Das war allerdings weniger der kognitiven Ignoranz geschuldet, sondern der Notwendigkeit, ihren Lebensunterhalt von Neuem zu sichern. Zudem war die Abstinenz von kulturellem Zusammenleben gravierender vermisst worden, als aus technokratischer Sicht angenommen. 

Dennoch: als die Katastrophe vorbei war, ging das Leben weiter wie zuvor. Nicht jeder gravierende Einschnitt führt zu einem Change.