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Der Lebensnerv der Welt

Peter Frankopan, Licht aus dem Osten. Eine neue Weltgeschichte der Welt

Da wir es bis heute gewohnt sind, Atlanten aufzuschlagen, die auf der Weltkarte des Geographen, Philosophen und Kartographen Gerhard Mercators aus dem Jahre 1569 basieren, ist es kein Wunder, dass unser ohnehin verzerrtes Weltbild mit diesem Blick immer wieder untermauert wird.  Denn die Größenordnungen der einzelnen Kontinente fielen in ihrer notwendigen Akkuratesse der Verzerrung zum Opfer, die die Reduktion der Drei- auf Zweidimensionalität geschuldet sind. Und zudem erschien seit Mercator Europa immer als Zentrum der Betrachtung. Der Rest der Welt weiß, dass Europa klein und nicht der Mittelpunkt dieses Planeten ist. Geographisch gesehen, versteht sich.

Die Weltgeschichte einmal aus einem anderen Blickwinkel zu schreiben, und zwar mit der Perspektive aus dem eigentlichen Zentrum ihrer Entstehung, ist dem britischen Historiker Peter Frankopan eindrucksvoll gelungen. In seinem opulenten Werk mit dem Titel „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ beginnt die Geschichte mit dem Beginn der menschlichen Zivilisation im fruchtbaren Halbmond, der Region mit den Flüssen von Euphrat und Tigris. Dass es sich aus europäischer wie amerikanischer Sicht um den Nahen oder Mittleren Osten handelt, dokumentiert bereits das Missverständnis. Denn lange bevor sich in Europa welthistorisch etwas Nennenswertes tat, blühte diese Region und wurde in der gesamten Periode der Menschheitsgeschichte nicht nur zu einem kulturell pulsierenden Zentrum, sondern auch zum Scharnier zwischen Ost und West. Der Welthandel ist bereits seit mehreren Tausend Jahren über diese Region gelaufen, während der Eroberungszüge Alexanders, während Chinas Blütezeit, während der Hegemonie der mongolischen Steppenvölker, zur Zeit des Römischen Reiches, in der venezianischen Epoche, während der Weltkriege. 

Lange bevor die Rohstoffe gefunden wurden, die in der Moderne mit ihrer Industrialisierung so wichtig wurden, ging es um edle Stoffe, Gewürze, raffinierte Substanzen, sie gingen von Ost nach West, die Währungen waren mal Menschen, mal Pferde und mal Kamele, gefolgt von Edelmetallen und Münzen. 

Was besonders beeindruckt und in dem Buch ausführlich dargestellt ist, sind die Folgen, die der Aufstieg Europas durch die Entdeckung von Wasserwegen in verschiedene Regionen der Welt und die Ausbeutung des amerikanischen Kontinents für das eigentliche Zentrum der Zivilisation ausmachten. Die Befähigung der europäischen Welteroberer durch ihre Waffentechnik verursachten ununterbrochene Interventionen in Märkte und Herrschaftsformen. 

In der Neuzeit waren es britische, deutsche, russische und in der Folge Großbritanniens amerikanische Interventionen, die es auf das abgesehen hatte, was als die ökonomische Hauptschlagader der menschlichen Zivilisation bezeichnet werden muss, die Seidenstraße. Wer sich auf der Seidenstraße bewegen konnte, wer dort Handel trieb und Zugriff auf die Güter hatte, die dort lagerten oder geborgen werden konnten, besaß die Macht auf diesem Globus. Folglich ist es mehr als schlüssig, dass ausgerechnet in der Finalisierungsphase der von China finanzierten und administrierten Neuen Seidenstraße die Nervosität in der amerikanischen Machtzentrale so groß ist, dass man glaubt, der wieder einmal aufkommenden Macht China einen Strich durch die Rechnung machen zu müssen.

Das Buch Peter Frankopans informiert über die wechselhafte Geschichte dieser Region, die zu Recht den Anspruch für sich vertreten müsste, das eigentliche Zentrum der Welt zu sein. Und die Konflikte, die immer wieder in kriegerischen Handlungen enden, sind die Rechnungen, die bezahlt werden, weil konkurrierende Imperien das Sagen beanspruchen. Kein Wunder, es geht um den Lebensnerv der Welt. 

Der Lebensnerv der Welt

Die neue Seidenstraße

Das Szenario ist nicht neu, aber immer wieder, wenn es aktuell wird, sind viele der Beteiligten perplex. Da spielen die, die immer hier spielen ein Spiel, dessen Regeln sie selbst geschaffen haben. Alle kennen sich aus, jeder hat seine kleinen Tricks und alle Akteure wissen um die Stärken und Schwächen derer, die am Spiel beteiligt sind. Nicht, dass das Spiel nicht in dem einen oder anderen Fall nicht auch noch eine gehörige Portion Brisanz besäße. Aber dennoch, für viele der Beteiligten wirkt es auf die Dauer ermüdend. Eigentlich auf alle, aber die, die die meisten Partien verlieren, weil das Regelwerk ihre Spezifika nicht besonders berücksichtigt, die sind irgendwann an dem Punkt, an dem es keinen Spaß mehr macht.

Und so findet abseits des immer noch mit gleicher Wucht währenden Spielbetriebes das eine oder andere Treffen derer statt, die auch einiges zu bieten haben und die dennoch meistens verlieren. Erst sitzen sie zusammen und klagen, dann gehen sie einmal zusammen aus. Vielleicht spielen sie das Spiel auch einmal unter sich. Aber irgendwann fängt einer an, das Spiel und seine Regeln zu ändern. Und plötzlich kommt Freude über das Neue auf, das ewige Verlieren hat ein Ende und alle Beteiligten, die beim Spiel mitmachen, sind von der neuen Version des Spiels vollauf begeistert.

Die ewigen Gewinner vom Spielfeld nebenan hören von den Treffen, zunächst lachen sie darüber. Weil sie denken, es handelt sich um einen Termin, bei dem die Verlierer sich gegenseitig etwas vor weinen. Doch dann, wenn sie bemerken, dass da an einem neuen Spiel gefeilt wird, werden sie doch hellhörig und wollen wissen, was da eigentlich läuft.

Die Vertreter des neuen Spiels zeigen keine große Neigung, ihre Peiniger von gestern mit in ein neues Szenario einzubeziehen. Sie waren es ja gerade, die mit ihnen ein Spiel spielten, das sie nicht gewinnen konnten und bei dem sie regelmäßig benachteiligt wurden. Da ist es besonders verständlich, dass die Herren des neuen Spiels die des alten nicht dabei haben wollen.

Und so kommt es, dass so langsam nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern sogar die gesamte Attraktion auf das neue Spiel fällt und das Spiel nach den alten Regeln zwar noch gespielt wird, aber immer weniger Akteure anzieht und es auf immer ruinöseren Spielfeldern abspielt.

Das neue Spiel jedenfalls wiederum wird erfasst vom Hype der Zeit, es fasziniert ein Millionenpublikum und es erklimmt neue Höhen. Hier, so kann man lesen, spielt jetzt die Musik und von dort kommen die großen Nachrichten.

Und so passiert es, wie so oft im Leben, dass diejenigen, die sich als mächtig und unangreifbar wähnen, in einem gar nicht so langen und dennoch schleichenden Prozess plötzlich im Schatten der Ereignisse wiederfinden. Verarmt, kaum beachtet, von den strahlenden Spielern des neuen Spieles genauso brutal verachtet wie sie es einst selbst mit denen gemacht haben, die das von ihnen dominierte Spiel einfach nicht gewinnen konnten.

Und in jedem dieser Spiele geht es um Raum und Zeit. Das bleibt.