Wer, außer denen, die die Politik machen, liefert eigentlich die dazu gehörigen Informationen und versucht sich an Interpretationen? Die aktive Seite der Politik lässt sich relativ leicht quantifizieren. Man rechne allein die Mandatsträger der Republik zusammen. Bundestag, Landtage, Kreistage, Gemeinderäte etc. und man käme zu einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Vertreterinnen und Vertretern des so genanten Volonté générale. Es sind ca. 200.000! Diese 200.000 werden in der Regel von sehr wenigen Protagonisten repräsentiert, die durch Amt und Bedeutung und zuweilen auch durch ihr Mundwerk prädestiniert sind. Das, was die insgesamt große Kohorte an Erfahrungen sammelt und mit welchen Verhältnissen sie sich auseinanderzusetzen hat, wird durch diese Auswahl nicht repräsentiert.
Setzt man die „Informanten“ und Diskutanten von Presse, Funk und Fernsehen dagegen, vor allem die, die ständig auf den großen Plattformen zu registrieren sind, handelt es sich um eine verschwindend kleine Zahl. Man sehe sich nur das immer wieder eingeladene Personal bei den Lanz, Mioskas, Illners oder Maischbergers an. Geschätzt sind es vielleicht 100 Figuren, die die Interpretation von Politik vornehmen und sich an der gerne angestellten Spekulation über Trends verlustieren. Legitimiert hat sie weder der Souverän noch irgendwelche nachvollziehbare Qualitätsmerkmale. Und, das die größte Irritation, in diesen Formaten findet der Souverän allenfalls als im Vorfeld überprüftes Publikum statt. Als Fragender, Mahnender und Fordernder nie!
Der Disproporz zwischen Wahlvolk, Mandaten und „Einordnern“ hat zu verschiedenen Brüchen geführt, unter denen die politischen Systeme in der westlichen Hemisphäre gegenwärtig beträchtlich leiden. Zum einen sind die sichtbaren Vertreter auf der großen Bühne, sowohl was ihre konkrete Politik als auch was ihren Habitus betrifft, weit entfernt von dem Verständnis, das ursprünglich ihr Dasein definiert hat. Sinn der Beziehung von Souverän und Mandat ist die treuhänderische Vertretung von Interessen. Und betrachtet man die Äußerungen von Politikern der ersten Reihe, die unabhängig von dem, was die Wählerinnen und Wähler wollen, handeln, damit begründen, weil sie höhere Einsichten besitzen, dann wird deutlich, was mit dieser Entfremdung gemeint ist.
Aber auch die Kommunikation von Politik ist Bestandteil eines demokratischen Systems. Und das dort präsente Ensemble geriert sich zumeist noch schlimmer als fehlgeleitete Politiker. Moderatoren mit Gehältern, die doppelt und dreifach so hoch wie die eines Bundeskanzlers sind, laden Gleichgesinnte in ihre Shows, die exklusiv durch ihren Standpunkt, aber nicht durch nachprüfbare Expertise ausgewählt werden.
Das alles führt zu einem chronischen Entsetzen auf Seiten der Bevölkerung und hat sich mittlerweile zu einem Trend etabliert, der schlichtweg zur sukzessiven Abwahl des politischen Establishments führt und, hier in Deutschland, zu der Forderung nach der Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehwesens gediehen ist. Bis auf diese Ausnahme ist die Entwicklung in nahezu allen westlichen Demokratien zu verzeichnen.
Dass diejenigen, die zu Recht mit dem Verlust ihrer Mandate rechnen müssen, diese Tendenz nicht gutheißen, ist nachvollziehbar. Und dass sie mit allen Mitteln dieses Schicksal abwenden wollen, auch. Deshalb werfen sie auch mit ausgrenzenden Bezeichnungen auf, die davon profitieren. Welche Qualität da profitiert, ist, für die, die der schlechten Politik und der Arroganz der gegenwärtigen Protagonisten überdrüssig sind, aktuell nicht die Frage.
Bei allem, was sich zur Zeit ereignet, ist gut beraten, wer sich nicht in die hirnlosen und verzweifelten Diskurse begibt, sondern mit überlegt, was erforderlich wäre, um dem Souverän seine Stimme zurück zu geben und seine Interessen zum Zentrum der Handlungen zu machen. Das wiese nach vorne. Dass ein Establishment in den Wald geschickt wird, sollte niemanden bekümmern.
