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Wahrheit macht nur schlechte Träume

Wo bleiben die Szenarien? Ist es ratsam, immer nur in Vierjahreszyklen zu denken? Wie wird es wohl weiter gehen mit dem europäischen Gebilde? Ist das rasende Tempo der Erweiterung, getrieben von Kapitalverwertung und vermeintlichen Sicherheitsinteressen auch in nur einem kleinen Punkt krisenfest? Oder treibt bereits alles auseinander? Wie geht es weiter mit einem West- und Mitteleuropa, in dem Formen der Assimilation und Integration längst eingeübt sind und einem Osten, der sich noch gar nicht von einer gnadenlosen Wirtschaftsreform erholt hat, aus dem viele der Jungen in den vergleichsweise prosperierenden Westen gezogen sind und in dem die Geriatrie die Infrastruktur von Morgen bestimmt? Und wie sieht das der Rest der Welt? Orientieren die USA sich nicht längst Richtung Pazifik, wo ein gewaltiges China wartet, das nich schwächer wird, wenn sich ein großes Russland mit ihm wieder verbündet? Wo wird das Konstrukt Europa bleiben, das seine Stärke, die Wertschöpfung, dem schönen Schein der Finanzspekulation zunehmend opfert, dessen Staaten den Raum der politischen Gestaltung verlieren und von dem bald nur noch eine ineffektive Bürokratie als eine scheppernde Normierungsbehörde übrig bleibt? Kann es da noch Visionen geben, die einen Neuanfang beflügeln?

Zugegeben, es ist Vollmond. Und bei Vollmond dominieren, zumindest bei den Fühligen, die skeptischen Gedanken. Irgendwie herrscht der Blues, und alles, was da kommt und auf der Bildfläche erscheint, hat das Gesicht einer Gefahr oder eines schlechten Omens. Aber, und das ist das Schmerzhafte, so ganz beschwingt wird niemand, auch die nicht, die sich als flammende Europäer bezeichnen, diese Fragen beantworten und ihr einen positiven Teint verleihen können. Die Lage ist kritisch. Und wenn die Lage kritisch ist, dann ist es hilfreich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wie sagen die alten Weisen, um Trost zu spenden, doch so gerne: Es mag jetzt weh tun, aber in ein paar Jahren wirst du über das Missgeschick, dass dir jetzt widerfährt, vielleicht sogar lachen.

Nun, nochmal, bei Betrachtung der Fragen wird sich einiges auftürmen, das nicht in einigen Jahren als eine kleine Episode vom Tisch sein wird. Denn von selbst wird sich nichts zum Guten wenden. Damit das geschieht, müssen beherzte Kräfte ohne falsche Rücksichtnahme die Fehler kritisieren und die Lage analysieren. Und eines steht fest: Wenn sich die Dinge zum Besseren entwickeln sollen, dann muss sich vieles, sehr vieles ändern. Russen und Amerikaner, die die Macht haben, denken in größeren Zeiträumen, von den Chinesen ganz zu schweigen, die sind es gewohnt, in wahrlich geschichtlichen Dimensionen zu agieren. Allein die Frage, wo Deutschland und Europa wohl in dreißig Jahren stehen wird, würde dem politischen Personal hierzulande wohl die Verlegenheit ins Gesicht treiben. Von hundert oder fünfhundert Jahren ganz zu schweigen. Der anfängliche Fragenkatalog, der längst nicht komplett ist, bei dem veränderte Bündnisse und wechselnde Partnerschaften nur der Rand sind, bei dem aber ökologische Verschiebungen und neue Ressourcen noch gar keine Rolle spielen, zeigt, dass zunächst die richtigen Fragen gefunden werden müssen. Dieser Fragenkatalog zeigt aber auch, dass die amöbenhafte Geschichtsbetrachtung dafür sorgen wird, dass im Spiel der Mächte längst andere am Ruder sind, die am Konstrukt der Zukunft arbeiten.

Die Wahrheit, so sagen die Russen, die immerhin über siebzig Jahre ein Parteiorgan ertrugen, das diesen Namen trug, die Wahrheit macht nur schlechte Träume. Das mag so sein, aber wer sie nicht aushält, diese schlechten Träume, der ist raus aus dem Spiel.

Von chinesischen Katzen und kapitalistischen Mäusen

Böse Zungen behaupten, die unsichtbare Hand des Marktes ordne gerade wieder alles, was aus den Fugen geraten sei. Denn der freie Markt ist ja bekanntlich der beste Ordnungshüter. Angebot und Nachfrage, um präzise zu sein, sind nach Adam Smith das unbestechlichste Kriterium für die Entwicklung von Leistungen und Produkten. Künstlich erzeugte Begehrlichkeiten wirken nicht so lange und da, wo ein Bedürfnis herrscht und kein Angebot vorliegt, scheint irgendetwas aus dem Ruder gelaufen zu sein. Auch das gibt es. Und die ordo-liberale Theorie von der ordnenden Hand des Marktes gehört zu den ewigen Schimären kapitalistischer Mystifikation, die selbst so dezidiert nie von Adam Smith vertreten wurde.

Nun aber dennoch: Mit dem gegenwärtigen Schlingern einer gesteuerten Marktwirtschaft wie der chinesischen sind sehr viele puristisch angelegte kapitalistische Unternehmen in eine Gefahrenzone geraten. Sie haben nämlich das gemacht, was die Stärke des Kapitalismus ausmacht, sie haben dort Geschäfte gemacht, wo sie gemacht werden konnten, unabhängig von Kultur oder Weltanschauung derer, mit denen sie in die geschäftliche Interaktion treten. Die kapitalistischen Katzen haben chinesische Mäuse gefressen. Und die chinesischen Katzen kapitalistische Mäuse und so ideologisch den Satz verwendet, der die spätsozialistische Funktionsweise der späten Comecon-Ökonomien beschrieb: Wenn jeder jedem was klaut, kommt keinem was weg.

Und jetzt, wo der große, von allen Gierigen als unendlich gepriesene Markt schwächelt, genau jetzt beginnt in den traditionellen Hochzentren des Finanzkapitals ein Gejammer über die Wachstumsbeschwerden einer Ökonomie, die so gar nicht nach der Philosophie des Wirtschaftsliberalismus funktioniert. In China, hinter der Mauer, da herrschen andere Gesetze. Ob sie dem Betrachter aus dem Westen schmecken oder nicht, das interessiert die Chinesen keinen Deut. Sie denken in anderen Dimensionen und auch ganzheitlicher, da haben sie den jungen Zivilisationen einiges voraus. Und sie denken auch nicht in Kategorien von Einzelschicksalen, weil es dort keine bürgerliche Revolution gab, in deren Theater die Selbstfindung und Läuterung des Individuums eine zentrale Rolle spielte. In China, bei der Planung, wird als kleinster Einheit in kollektiven Generationen gedacht. Ob da das individuelle Glück oder Wohlergehen leidet, wen stör es?

Umso gespenstischer ist das Bangen der westlichen Zivilisationen um den chinesischen Markt. Der Blickwinkel, aus dem gebangt wird, entstammt dem Interesse des bürgerlichen Individuums, das nicht wie in seinem Anfangsstadium nach Freiheit und Glück, sondern nach Coupon und Rendite strebt. Beglückend da die Tatsache, dass die Entscheidungen, die in China angesichts der Krise getroffen werden müssen, sich nicht am Wohle der zitternden Spät-Individuen der bürgerlichen Gesellschaft orientieren werden, sondern an den Interessen zukünftiger Generation, alle Fehlannahmen natürlich inbegriffen.

Insofern wird gerade ein Stück aufgeführt an den Börsen, das wissentlich so noch nie dagewesen ist. Die Spekulanten des kapitalistischen Westens bangen um die Solvenz des kommunistischen Ostens. Ganze Volkswirtschaften des Westens sind in die im Osten getätigten Investitions- und Spekulationsprogramme derartig involviert, dass sie zu kollabieren drohen, wenn die Kommunistische Partei Chinas nicht gegensteuert. Das ist tatsächlich großes Kino. Die Suprematie des freien Marktes, seine ordnende Hand und alles, was ansonsten an geistigem Zinnober in die Lehrbücher der abendländischen Volkswirtschaftslehre Eingang gefunden hat, entpuppt sich als Mystifikation. Nicht, dass das chinesische System, welches im Augenblick seines Schwächelns die eigene Macht über den Kapitalismus unter Beweis stellt, zu mehr Freiheit und Glück führen würde! Auch das ist eine Illusion. Aber es wird deutlich, wie abgenutzt die eigenen Erklärungsmuster geworden sind.

Der Strömung die Stirn bieten!

Charlotte Kerner. Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong

Die Historiographie hat in den letzten Jahren wieder besonders gelitten. Auch und gerade in Deutschland. Wer geglaubt hatte, dass sich die Darstellung historischer Ereignisse und Figuren so langsam gelöst hätte von einem intendierten ideologischen Zweck, hatte sich geirrt. Das ist betrüblich, aber leider auch nicht zu ändern. Und es ist nicht flächendeckend so. Manchmal ragen ganz plötzlich solche Werke heraus, denen es ganz unspektakulär und ohne großen PR-Aufwand gelingt, eine ganz andere Qualität an die Leserschaft zu bringen, als sie die Fronten zwischen der jeweiligen hysterischen Parteinahme vermuten lassen.

Charlotte Kerner, geboren in Speyer und heute in Lübeck lebend, ist zwar keine Historikerin, sondern Volkswirtin und Soziologin, und sie hat meistens den Beruf der Journalistin ausgeübt. Vielleicht wegen der Koinzidenz, dass sie selbst Ende der siebziger Jahre für ein Jahr in China weilte und die Erdverschiebungen nach dem Tod Mao Zedongs hautnah miterlebte und sicher aus einem vitalen Interesse hat sie sich an eine Biographie dieses Titanen gewagt. Unter dem Titel Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong ist ihr ein Buch gelungen, das alle lesen sollten, die Interesse an Erkenntnisgewinn besitzen und die Lust verloren haben, sich ideologisch belehren zu lassen.

Denn die Stärke von Kerners Buch ist eine wohl tuende Distanz zu der historischen Figur Mao Zedong, die es ermöglicht, die Lebensumstände des Staatsgründers der Volksrepublik China zu objektivieren und seine intrinsische Motivation freizulegen. Zunächst frei von Urteilen werden die Schlüsselerlebnisse des jungen Mao in der Provinz geschildert, die langsame , aber stetige Entwicklung seiner Denkweise und die Herausbildung einer Persönlichkeit, die selten im Geschäft der Weltpolitik war und geblieben ist. Eine Mischung aus Poet, denn Mao verfasste von seiner Jugend bis zum Tod qualitativ hoch stehende Lyrik, und Machtpolitiker, der bei aller Empathie und Sensibilität nicht mit der Wimper zuckte, wenn es darum ging, das durchzusetzen, was er als wichtig erachtete. So entsteht das Bild eines Regisseurs der Weltgeschichte, zum Lieben und Fürchten zugleich.

Rote Sonne, Roter Tiger ist aber auch eine sehr gekonnt gezeichnete Illustration des historischen Rahmens, in dem sich das Leben Mao Zedongs innerhalb Chinas abspielte. Die ungeheuren Katastrophen, die vor Mao das Land prägten, die Demütigungen, die die Nation erleiden musste, der Befreiungsschlag der erfolgreichen Erhebung und die hausgemachten Katastrophen, die folgen sollten, aber das Land dennoch weiter brachten. Denn ohne dass die Autorin den belehrenden Zeigefinger benötigt, gelingt es ihr, die Dialektik zwischen der Kulturrevolution, ihren Verwüstungen, ihrer Niederschlagung, der erneuten Bürokratisierung und dem heutigen zivilgesellschaftlichen Widerstand zu verdeutlichen. Trotz der furchtbaren Dimension der Kulturrevolution hat sie den Keim gesetzt, der es einem Volk, dass unter einer tausendjährigen Autokratie gelitten hat, ermöglicht zu rebellieren.

Das Bestechende an diesem Buch über Mao Zedong ist nicht nur der Mangel an Rechthaberei und Verurteilung, sondern auch die angebrachte historische Relativität einer möglichen Bilanz. Nahvollziehbar beschreibt die Autorin die Lebensspanne Maos im europäischen Vergleich mit den Ereignissen aus 400 Jahren. Da relativieren sich auch die Dimensionen. Und es bleibt der Leserschaft überlassen, zu welchen Urteilen sie sich durchringt. Eine atemberaubende Perspektive im Zeitalter wachsender Belehrung!