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Der Mann im Parka

Er bot der Strömung die Stirn. Immer. Schon in den siebziger Jahren, als viele noch mit einem Parka bekleidet waren. Er trug den zwar auch, aber er blieb dabei. Als die Rebellen sich ihre Formen suchten, fand er seine eigene. Ihm war es fremd, sich einem Dogma zu unterwerfen. Als alle noch dachten, Computer seien Teufelszeug, setzte er, der Soziologe, sich damit auseinander und wurde ein Fachmann. Gefragt von den eigentlichen Profis, wenn die nicht mehr weiter wussten. Er kam dann und löste ihre Probleme. Für sehr viel Geld. Als diese seine Fähigkeiten erkannten und ihn zu kaufen suchten, zeigte er ihnen den Mittelfinger. Er spazierte in den Etagen ein und aus, in denen man maßgeschneiderte Anzüge trug und in handgemachten Schuhen über dicke Teppiche schritt, aber er hatte keine Lust, dort zu verweilen. Mit dem Geld fuhr er in die Welt, aß und trank gut, aber lebte ansonsten einfach. Kein Kontinent, den er nicht wie ein Penner betrat und als geschätzter Gesprächspartner wieder verließ.

Zu Silvester, wenn die Feste gefeiert wurden, pflegte er in die Sahara zu gehen, weil dort die Skyline so prachtvoll sei und er sich Inspirationen holen konnte. In Japan saß er in den Fresstempeln der Sumo Ringer und diskutierte mit ihnen über die Mitte. In Chile kochte er mit den Müttern derer, die nach dem Putsch gegen Allende in den Fußballstadien zu Tode gefoltert wurden. In den USA kannten sie ihn auf jeder Greyhound Station und in den Diners, die sonst nur die Trucker unter sich und vorgehaltener Hand empfahlen. Er tauchte in China auf und hielt vor tausenden wissbegierigen Studenten in einem Fußballstadion einen Vortrag über empirische Sozialwissenschaften. Er verschiffte Jeeps nach Afrika und Taxis in den Libanon. Er reiste nach Kurdistan, als viele noch gar nicht wussten, dass es dieses Volk überhaupt gab. Als Khomeini noch in Paris weilte, pilgerte er nach Teheran und in die persische Wüste. Und natürlich fuhr er mit dem Zug die komplette transsibirische Eisenbahn. Wenn er zurück war, in Deutschland, dann kaufte er sich Festivalpässe. Für den Film, für Jazz und elektronische Musik. Dann war er komplett absorbiert. Der Mann mit dem Parka kannte alles aus diesen Genres. Was es ihm antat, das war immer das Innovative, die Avantgarde, das Unregelmäßige und Rebellische. Er sprach schon von der Verbürgerlichung des Jazz, dem er eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung prognostizierte wie der Oper, als dort die Großen alle noch in der Blüte standen.

Seine Sprache war ein breiter pfälzischer Dialekt, den er nie ablegte. Sein Englisch war perfekt, nur mit dieser unverkennbaren pfälzischen Intonation. Zwischendurch, wenn er nicht wieder etwas erkunden wollte oder einen dieser kniffligen Jobs machte, von dem das technische Gelingen einer Bundestagswahl oder die Logistik eines Weltkonzerns abhing, räsonierte er über die Zeit, wenn er einmal alt wäre. Mal plante er sein Alter in Japan, natürlich wegen der Spiritualität seiner Bewohner, mal in der Schweiz, wegen der grandiosen Landschaft. Ab und zu wollte er auch zurück in die Pfalz. Jeder, der ihn kannte, verlor ihn immer wieder mal für ein oder mehrere Jahre aus den Augen. Aber wenn er wieder auftauchte, auch im 21. Jahrhundert immer noch im Parka und mit zerschlissenen Jeans, dann griff er in die zeitgenössischen Debatten mit einer Kraft und Präsenz ein, die ungemein inspirierte.

Allmählich jedoch verschwand er aus den Städten, nur wenige wussten, dass er zurück in das Dorf gegangen war, woher er kam. Und obwohl er erkrankte und die Ärzte ihm geraten hatten, seine Lebensweise umzustellen, ging er seinen alten Gewohnheiten nach, aß zu üppig und liebte den Wein. Die letzten, die ihn sahen, sprachen davon, dass er innerhalb weniger Monate ein alter Mann geworden sei. Grau sei er geworden und am Stock sei er gegangen. Den letzten, zu denen er Kontakt gehabt hatte, erzählte er, er ginge demnächst ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Kürzlich wurde er gefunden. Tot in einem leeren Haus. Sein letzter Wille stand auf einem Blatt geschrieben, bitte keine Todesanzeige, keine Zeremonie, nur verbrannt wollte er werden. Diejenigen, die sich von ihm verabschiedeten, spielten schweigend einige Free-Jazz-Platten ab, die neben seinem Leichnam gelegen hatten. Der Mann im Parka wurde 63 Jahre alt.

Schutzzölle auf Solarmodule?

Wenn der neue Ministerpräsident der Volksrepublik China, Li Keqiang, in den nächsten Tagen zu seinem ersten Besuch nach Europa kommt, hat er bereits einen ersten Protest im Gepäck. Der ist zurückzuführen auf Überlegungen der EU-Bürokratie, auf chinesische Solarmodule Schutzzölle bis zu 47 Prozent belegen und gleichzeitig Anti-Dumping-Mechanismen in Gang setzen zu wollen. Das ist bemerkenswert und bestärkt eine Tendenz, die das Projekt Europa zumindest in seiner Doppelbödigkeit einem offenen und transparenten Diskurs aussetzen sollte.

Neben der offiziellen Rhetorik, die für Europa wirbt und in der es immer und vor allem offene Grenzen, Frieden und Menschenrechte, um demokratische Verfassungen und die Selbstbestimmung der Völker geht, existiert noch eine andere Seite. Auch wenn die genannten, durchweg positiv besetzten Begriffe nicht immer einer kritischen Prüfung standhalten, wenn man sich zum Beispiel die Regierungsmannschaft vom Kosovo oder die binnenpolitische Entwicklung in Ungarn anschaut.

Die besagte andere Seite jedoch ist die des Imperiums Europa. Da sitzt eine streng zentralisierte Bürokratie in Brüssel, die in positiver wie negativer Hinsicht exklusiv eine Funktion wahrnimmt: Die der Restriktion. Die positive Variante, aber nur, wenn man so will, besteht in der Zuteilung von zentralistisch zu vergebenen Subventionen, die bis in atemberaubende Details wie der Finanzierung von Bootsstegen geht. Des Weiteren, und nun sind wir bei den negativen Erscheinungsformen, zeichnet die EU-Bürokratie verantwortlich für eine zum Teil despotisch erscheinende Reglementierung nach innen. Das begann irgendwann einmal mit der Definition der Dimensionen von Karamellbonbons und setzt sich aktuell mit der Verbannung rumänischer Frikadellen fort, weil diese Elemente von Backpulver enthalten. Eine derartige Politik unterminiert alle positiven Konnotationen mit dem Projekt Europa.

Das Ärgernis für den chinesischen Ministerpräsidenten schließlich bezieht sich auf die EU-Sanktionen nach außen. Da tritt das marktliberale Europa plötzlich auf wie eine Blaupause des historischen Merkantilismus, der nur die Binnensicht zulässt und gnadenlos zum Mittel des Protektionismus greift, wenn die eigene Konkurrenzfähigkeit zu kurz greift. Wie oft haben wir vor allem von deutscher Seite den Vorwurf der Schutzzollerhebung seitens der USA und Plädoyers für den freien Markt gehört. Dass nun, zugegebenermaßen, die Bundesregierung im Falle der Solarmodule aus China einlenken will, sei fairerweise angemerkt.

Dabei muss es für die deutsche Position schmerzhaft sein und sollte zu denken geben. Besonders im Bereich der energiebezogenen neuen Technologien wähnte man sich hier vor allem politisch in einer Vorreiterrolle. Nirgendwo sonst hat der Staat bei der Entwicklung von Technologien wie der solaren Energieerzeugung und Energiespeicherung derartige Bedingungen geschaffen wie hier, durch Steuervergünstigung und direkte Subvention. Was zu denken geben sollte ist die Tatsache, dass direkt nach der Einstellung der direkten Subventionen und der Minimierung der Steuervergünstigungen die Solarindustrie hierzulande nahezu implodierte. Um es präzise und deutlich zu sagen, sie lieferte ein Beispiel für die Marktunfähigkeit. Dieses Phänomen lässt sich anhand zahlreicher Geschichten in der jüngeren deutschen Industriegeschichte nachweisen, man entsinne sich nur an Themen wie die Halbleiterproduktion aus dem Hause Siemens. Es existiert eine Tendenz, mit staatslich vorangetriebenen Projekten Zeichen setzen zu können. Und die Marktfähigkeit endet mit der Einstellung der Subventionen.

Dass die EU nun zum Mittel des Protektionismus greifen will, ist ein Zeichen von Schwäche. Ausgerechnet Solarmodule! Ausgerechnet aus China! Da passt vieles nicht mehr zusammen. Und schon gar nicht zu den politisch erzählten Legenden!

Maos Parabeln und Dengs Pragmatismus

Henry Kissinger. China. Zwischen Tradition und Herausforderung

Wenn ein ehemaliger Politiker über die Zeit seines politischen Wirkens ein Buch schreibt, impliziert dieses nicht selten die Gefahr, dass die Darstellung dazu dienen soll, die eigenen Aktivitäten in einem sehr positiven Licht erscheinen zu lassen. Henry Kissinger, der ehemalige Politikprofessor und Außenminister unter den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford, war in der Verantwortung, als die USA unter Nixon die Position des eigenen Landes in der sich ändernden globalen Machtkonstellation neu justierten. Das vor allem durch den Korea-Krieg in den fünfziger Jahren schwer belastete Verhältnis zu China sollte unter dem Aspekt der Auseinandersetzung um die Vormachtstellung in der Welt mit der damaligen Sowjetunion auf neue Füße gestellt werden, da die Widersprüche zwischen den einstigen Verbündeten im kommunistischen Lager deutlich wurden und Signale aus China kamen, die eindeutig gegen die Sowjetunion gerichtet waren.

Wohltuend und bereichernd sind die Verweise Kissingers in seinem Buch China. Zwischen Tradition und Herausforderung auf das historisch gewachsene Selbstverständnis Chinas seit seiner hegemonialen, aber nicht imperialen Vormachtstellung in der Welt. Der Rekurs auf den Sino-Zentrismus und die Erklärungen in Bezug auf die chinesische Denkweise hinsichtlich internationaler Beziehungen und der eigenen dominanten Stellung sowie die Einlassungen über den Opium-Krieg, den Niedergang des Kaiserreichs und die japanische Besatzung helfen, um die Positionen des Neuen Chinas, das unter Führung Mao Zedongs seit 1945 das Gesicht des Landes bestimmte, zu verstehen.

Die Kapitel des Buches, die sich mit Kissingers eigener Rolle in der Vorbereitung einer gemeinsamen diplomatischen und politischen Agenda zwischen China und den USA befassen, sind mitnichten eine Beweihräucherung der eigenen Rolle. Sie werden benutzt, um die politischen Entwicklungen des Landes vom Anti-Imperialismus bis zur Kulturrevolution und deren Schwanengesang zu erklären und die Positionen des Führungspersonals von Mao bis Zhou zu dechiffrieren. Besonders aufschlussreich sind die Kommentare zu den Wortprotokollen, die Kissinger ausführlich nutzt, um dem Leser aus dem Westen die an Parabeln angelegte Ausdrucksweise in die konkreten innen- wie außenpolitischen Zusammenhänge zu erklären. Dazu gehört ein sehr ausgeprägtes Verständnis der chinesischen Symbolik und feinsinnigen Diplomatie.

Auch die weiter führenden Kapitel, die sich auf den nach zwei Verbannungen wieder hoch gekommenen Deng beziehen und den Bruch darstellen zwischen dem Anliegen der Kulturrevolution, die tradierten Denkweisen niederzureißen und dem Desaster, welches dieser Bürgerkrieg im Land in Bezug auf die Intellektuellen und die Produktivkräfte angerichtet hatte, und den Übergang zu der Entwicklung darstellen, die die Volksrepublik zu einem Wirtschaftsgiganten und Global Player ersten Ranges gemacht haben, sind von Kenntnis gesäumt, kommen ohne Ressentiments aus und bestechen durch Objektivität.

Die chinesische Reformpolitik und der Aufstieg des Landes, der nicht korrespondierte mit einer breiten Demokratisierung des Landes, nutzt Kissinger nicht, wie viele andere westliche Beobachter, um den Stab über das Land zu brechen, sondern er versucht, die Spezifika der chinesischen Denkkultur zur Erklärung für Entwicklungen zur Hilfe zu nehmen. Das kann Verstimmung bei denjenigen auslösen, denen das Defizit an Demokratie nicht gefällt, was mehr als verständlich ist, und gerne eine negative Etikettierung hätten, was nicht weiter hilft. Um die Großmacht, die sich derzeit anschickt, mit wirtschaftlichen Mitteln ihre Märkte in den USA und Europa zu sichern, besser zu verstehen, eignet sich das Buch in hervorragender Weise.