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Über die Mikroindividualität hinausdenken!

Sie ist Lesbe und sie ist Feministin. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, diskriminiert zu werden. Was Caroline Fourest eine Stimme verleiht, ist ihre Leistung als Publizistin und Filmemacherin. Dass sie es wagt, dem Orkan, der aus der Befindlichkeitskultur entstanden ist, die Stirn zu bieten, spricht für den unabhängigen Geist, den sie sich erarbeitet hat. In ihrem Buch „Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitäten. Eine Kritik“ lässt sie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte Revue passieren. Die Ergebnisse sind beispielhaft wie erschütternd. 

Fourest spannt den Bogen, so wie er mit einem historischen Bewusstsein gezeichnet werden muss. Vom Aufbegehren gegen einen Standard der Diskriminierung über den gemeinsamen Kampf dagegen bis hin zu einer Erstarrung, die aus der Zufriedenheit mit der eigenen Identität resultiert. Ganz im Sinne der französischen demokratischen Tradition verweist sie auf die Notwendigkeit des Prinzips der Gleichheit als Grundlage für politische Veränderungen und die Möglichkeit politischer Gestaltung.

Immer wieder wird die Leserschaft mit den Blüten der inquisitorischen Meute konfrontiert, wie sie es geschafft hat, alle, die über die Mikroindividualität hinausdenken, ihrerseits zu stigmatisieren, zu diskriminierenden und an den Pranger zu stellen. Wer glaubt, dass das alles doch gar nicht so schlimm sei, dem sei dieses Buch, neben seinen analytischen Qualitäten, empfohlen. Vor allem die Verhältnisse an vielen Universitäten dokumentieren, in welches Fahrwasser die Apologeten des Kampfes gegen die kulturelle Aneignung diese Institutionen, die einst für die Freiheit des Wortes, den Streit um der Sache willen und dem Verlangen nach Erkenntnis standen, gebracht haben. Einschüchterung, Verbote, Diskriminierung und Ranküne haben Einzug genommen und sind zu einer lebensgefährlichen Bedrohung des aufklärerischen Gedankens geworden.

Caroline Fourest weiß zu unterscheiden zwischen denen, die den wachsenden Überdruss gegen die neue Inquisition nutzen wollen, um die alten Verhältnisse der Diskriminierung einzelner Bevölkerungsteile wieder herzustellen und denen, die es immer noch gut meinen, aber dem Stillstand der Befindlichkeit auf den Leim gegangen sind und sich zu willfährigen Werkzeugen einer die Gesellschaft zersetzenden und spaltenden Bewegung haben machen lassen. Political Correctness und Wokeness sind Erscheinungsformen einer neuen Gegenaufkärung, die die Thesen von Adornos  und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ bestätigen. In jeder Emanzipation lauert die Gefahr der erneuten Repression und Unterwerfung. 

Das Buch bringt Beispiele aus Frankreich, den USA, Großbritannien und vor allem Kanada, das immer wieder als ein Beispiel einer blühenden Demokratie konnotiert wird und auf dem Weg ist, sich selbst zu zerfleischen. Die Beispiele, die Fourest in diesem Buch anführt, könnten abstruser nicht sein. Das Beklemmende ist, dass es sich dabei um keine Einzelerscheinungen handelt. Man sehe sich die Diskussionen und Kommentare im Netz an und es wird deutlich, dass der Zug der Ignoranz und des intellektuellen Sektierertums bereits auch durch Deutschland rast.

Das Wohltuende an Fourests Buch ist, dass sie nicht im blanken Entsetzen verharrt, sondern politische Perspektiven aufzeigt, die aus dem Gleichheitsprinzip resultieren und die politische Gestaltung der Gesellschaft in den Vordergrund rückt. Es wird Zeit, sich gegen die inquisitorische Technik der gesellschaftlichen Spaltung zur Wehr zu setzen. Die Lektüre ist unbedingt zu empfehlen!