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Ein trauriges Dokument

Frank Goosen, Lovely Rita. Roman

Der unvergessene Carl Weissner, seinerseits unangefochtener Übersetzer amerikanischer Underground-Literatur und selbst experimenteller Romancier, gestand mir einmal bei einer Tasse Kaffee, dass es für ihn nichts Schlimmeres gebe, als eine negative Rezension schreiben zu müssen. Lieber sage er nichts, als dass er einem anderen Autor die Leviten lesen solle. Mir geht es bis heute genauso. Wenn mir ein Buch gefällt, tue ich das gerne kund, wenn nicht, hülle ich mich lieber in Schweigen. In diesem Fall aber, und zwar bei Frank Goosens neuem Roman Lovely Rita überwinde ich diese Zurückhaltung.

Ursache dafür ist das nach sehr angestrengter Lektüre immer noch mächtige Gefühl, gerade Zeuge eines aktuellen Massenphänomens geworden zu sein, das sehr gut den kulturellen Abstieg unserer gesellschaftlichen Periode illustriert. Um eines vorauszuschicken: Frank Goosen hat in einigen Büchern bewiesen, dass er in der Lage ist, den skurrilen Menschenschlag des Ruhrgebiets mit seiner Erdigkeit, seinem Überlebenswillen, seiner pittoresken Verfasstheit, seiner Unbezwingbarkeit und seinem diabolisch-rustikalen Humor einzufangen und einer Leserschaft nahe zu bringen. 

Und all das ist mit Lovely Rita, einem Roman über eine Bochumer Kneipe, ihrer Inhaberin, ihrer Familie und ihrem Stammpublikum, komplett dahin. Die Frage nach dem Warum ist relativ schnell beantwortet. Goosen bleibt nicht bei der Darstellung real existierender Figuren, deren Realismus bereits Operncharakter besitzt, sondern er benutzt die Agierenden, um ihnen das ganze Kompendium des akut politisch korrekten Sprechens und Denkens in den Mund zu legen.  Das Resultat ist, dass nicht eine Figur in dem gesamten Personal-Portfolio auch nur den Hauch von Authentizität versprüht, den man aus früheren Erzählungen von Goosen kennt. Alles wirkt unecht und gestelzt, man sieht quasi das Injektioswerkzeug eines woken Weltbildes auf seinem Schreibtisch liegen und fragt sich, welcher Teufel den guten Mann dazu getrieben hat, durch derartige Unterwerfungsgesten unter den vermeintlichen Mainstream seine Talente in den daneben stehenden Papierkorb zu werfen.

Goosen ist allerdings kein Unikat. Überall, in Musik, in der Kleinkunst, in der Literatur und im Kabarett entscheiden sich nicht wenige, die durchaus Gutes in der Vergangenheit hervorgebracht haben, in die Marketingabteilung abgewirtschafteter Regierungen überzuwechseln. Wer beginnt, seine politische Zuverlässigkeit mit nichtssagenden Phrasen belegen zu wollen, ist künstlerisch unweigerlich auf dem Weg nach unten.  

Lovely Rita – der Song ist besser als dieses Buch. Es ist ein trauriges Dokument. Schade, sehr schade. Ich könnte noch in Details gehen. Will ich aber nicht. Es widerstrebt mir zutiefst. Da lese ich lieber etwas von Carl Weissner.   

Ein trauriges Dokument

Ein antikes Drama im amerikanischen Ghetto

Robert Lowry. Tag, Fremder

Ein Roman über Boxen, 1953 zum ersten Mal veröffentlicht, als Empfehlung zur Lektüre im Jahr 2020? Die Antwort ist Ja. Robert Lowry hat mit „Tag, Fremder“ eine Erzählung hinterlassen, die in Mark und Bein geht. Obwohl das Thema vordergründig von Geschehnissen gespeist wird, die durch den Weltmeisterschaftskampf zwischen Sugar Ray Robinson und Jake LaMotta inspiriert wurden, handelt es sich um eine Geschichte von nahezu archaischer Universalität. Ein schwarzer Boxer aus Harlem trifft auf eine extravagante, weiße Künstlerin aus Greenwich Village. Den Rahmen bildet die Vorbereitung auf einen Kampf, bei dem die Hauptfigur sein Gegenüber nicht nur durch einen lupenreinen Knock Out besiegt, sondern tötet.

Ohne den Verlauf der Handlung preiszugeben, geht es in diesem Lehrstück über das Existenzielle um vieles, was bis heute, auch nach der großen Ära des Boxens, die Gemüter bewegt, weil es immer noch, oder vielleicht mehr denn je zur gesellschaftlichen Realität gehört. Da ist ein Boxer aus dem afroamerikanischen Milieu zu sehen, der in dem Metier den einzigen Weg sieht, um sich sozial zu emanzipieren. Erfolgreiches Boxen bringt ihm Geld. Mit seinen Anlagen wie mit seinem Willen gelingt ihm das und sein Verhalten ist, trotz aller Professionalität was seine sportlichen Belange anbetrifft, das eines sozialen Parvenüs, der dennoch sympathisch wirkt. Und da ist eine junge weiße Frau, die über eine kulturell gediegene Sozialisation verfügt, die von den dazugehörenden Selbstzweifeln einer bildenden Künstlerin teilweise paralysiert ist und nach einem Kick sucht. Beide treffen aufeinander und finden zueinander, ohne die Friktionen, die ihre soziale Herkunft verursachen, lösen zu können. Am Ende steht das Scheitern und der Tod. Und da sind die Geschäftsinteressen, von denen auch das Boxen seit jeher geprägt ist, das keinen Raum für die Befindlichkeiten der Akteure lässt.

Lowry hat in diesem Roman, der packend geschrieben ist und einen profunden Einblick in die Psyche der handelnden Personen wie die Mechanismen gesellschaftlichen Wirkens gibt, nichts an Aktualität verloren, auch wenn der Boxsport längst nicht mehr den Stellenwert besitzt, den er einmal hatte. Die Rassenunterschiede sind virulenter denn ja, die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs der Underdogs sind begrenzter denn je und das Geschäftsprinzip, dem es um Gewinn und nichts anderes geht, auch immer zu Lasten derer, von dem es profitiert, steht nach wie vor in voller Blüte. Transponierte man die Handlung in ein anderes, zeitgenössisches Milieu, dann wäre es das Stück von Literatur, das heute so schmerzlich zu vermissen ist. Robert Lowry hatte das Auge für die Risse in der Gesellschaft und die daraus resultierenden Dilemmata, die sich daraus für all jene ergaben, die versuchten, diese Risse zu überwinden. Zu Schluss sind alle gebrochen. Diejenigen, die tatsächlich scheiterten als auch diejenigen, die scheinbar Erfolg hatten. Der Preis für die Überwindung war der Tod. Das klingt dramatisch, das ist dramatisch, und geändert hat sich daran nichts. 

„Tag, Fremder“ gehört zu jenen Juwelen der modernen Literatur, deren Qualität zudem durch das Wirken des Übersetzers Carl Weissner, seinerseits allzu oft nur mit Charles Bukowski oder den Texten der Rolling Stones assoziiert, richtig zur Geltung kommt. Sein Schaffen ging weit darüber hinaus und niemand wie er hat es verstanden, den amerikanischen Slang, das Idiom und den Soziolekt so authentisch ins Deutsche zu übertragen wie er. Das ist Underground im wahren Sinne des Wortes.

Die Lektüre ist ein Erlebnis, das vielleicht am besten gekennzeichnet wird als ein antikes Drama, aufgeführt im amerikanischen Ghetto.

  • Gebundene Ausgabe : 244 Seiten
  • ISBN-10 : 3807703136
  • ISBN-13 : 978-3807703138