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Brunnenvergifter und Nestbeschmutzer?

Wer sich im Kreuzfahrer- oder Missionarsmodus befindet, kennt nur zwei Zustände. Entweder man ist mit dabei auf dem Feldzug für die gute Sache oder man verweilt im Lager des Feindes. Das ist mental einfach und bequem. Der Haken dabei: es führt zu nichts anderem als zu Zerstörung.  

Um konkret zu werden. Immer wieder fragen mich Menschen, wenn ich versuche, die Motive des Handelns eines Landes wie Russland oder China zu erklären, ob ich so leben wolle wie die Menschen dort. Stellt mir jemand eine solche Frage, dann weiß ich, dass er oder sie sich im Kreuzfahrer- oder Missionarsmodus befindet. Wäre das nicht so, dann machte die Frage keinen Sinn. Denn der Versuch, das Gegenüber zu verstehen, heißt nicht, dass man Motive wie Art und Weise diese zu vertreten auch teilt. Nicht alle Menschen, mit denen ich diskutiere, sind so verdorben wie viele der Berufspolitiker und Auftragsjournalisten, die jedem, der den Versuch macht, das Problem durch einen Perspektivenwechsel irgendwie in den Griff zu bekommen, bescheinigen, er sei ein russischer oder chinesischer Agent. Und so ist es folgerichtig, dass Begriffe wie Brunnenvergifter oder Nestbeschmutzer aus dem Vokabular des Kalten Krieges in bestimmten Kreisen wieder en vogue sind.  Natürlich ist das töricht. Aber es ist auch Standard.

Die Diskussion ist besonders in Deutschland alt. Irgendwie scheinen bis zum heutigen Tag viele zu glauben, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle. Auch wenn die Ziele heute andere sind, so ist das Auftreten genauso imperialistisch wie das einstige mit den Militärstiefeln. Zu akzeptieren, dass andere Länder und Kulturkreise unterschiedliche politische Systeme präferieren und es dort zum Teil so zugeht, wie das hier niemand wollen kann, ist nicht einfach, aber notwendig, wenn man außerhalb des heißen Konfliktes miteinander reden will, um zu Ergebnissen zu kommen, die den Namen einer friedlichen Koexistenz verdienen. 

Zum anderen gehört es zu den guten Traditionen der Aufklärung, dass man sich zunächst einmal mit den Verhältnissen befasst, in denen man lebt und auf die man in der einen oder anderen Weise einen gewissen Einfluss hat. Das als Nestbeschmutzung oder Verrat an den eigenen Prinzipien zu brandmarken, ist auch so ein Schmankerl aus der Rhetorik von Bellizisten. Letztere haben in unserem Land im Moment leider die Lufthoheit. Das ist tatsächlich eine reale, wenn nicht gar die größte Gefahr, in der sich dieses Land befindet. Gravierende Irrtümer in Strategie und Taktik und der kontinuierliche Abbau demokratischer Rechte mit dem Argument der Sicherheit sind die wahre, innere Bedrohung der hiesigen Lebensverhältnisse.

So ärgerlich das sein mag. Es hilft nicht, einem am laufenden Meter externe Feindbilder anzubieten, um von den eigenen Versäumnissen und Unzulänglichkeiten abzulenken. Wer, bitte schön, hätte denn hier die Mittel, um einem russischen, chinesischen oder amerikanischen Präsidenten das Handwerk zu legen? Schön, für alle, die das glauben. Aber ein gewisser Realitätssinn wäre doch hilfreich. Und, wer glaubt, Menschen, die bis drei zählen können, seien bereit, auf die berechtigte Kritik an den eigenen Verhältnissen zu verzichten, um es einem Putin, Xi oder Trump einmal so richtig zu besorgen, hat sich gravierend verkalkuliert. Wer darauf hereinfällt, ist schlichtweg nicht mehr zu retten. Und die Gemeinde der in tiefer Nacht Verweilenden als das Bollwerk der Demokratie verkaufen zu wollen, zeugt von nichts anderem als dem hohen Grad der eigenen Verblendung. Seriöse Menschen kümmern sich um die Verhältnisse im eigenen Haus. Bellizisten schimpfen auf den Nachbarn. 

Brunnenvergifter und Nestbeschmutzer?

Der Mob und die Lostrommel

Die Liste ist lang. Sehr lang. Bei der Lektüre der Zustandsbeschreibungen des Landes, die zur Zeit kursieren, trifft man auf eine unendliche Abfolge von bitteren Erkenntnissen. Das ist, so kurz vor einer Wahl, ein Indiz dafür, dass alles möglich ist. Unwille, Zorn und Verbitterung sind Gemütsverfassungen, die ein rationales Urteil nicht gerade begünstigen. Folglich ist damit zu rechnen, dass vor allem Emotionen darüber entscheiden werden, ob Menschen zur Wahl gehen werden oder wen sie gewillt sind zu wählen. Die Republik, die sich für viele gar nicht mehr so anfühlt, gleicht einer Lostrommel. Ausgang ungewiss, mit der einzig sicheren Prognose, dass aus solchen Gefäßen nur wenige Gewinne und sehr viele Nieten gezogen werden.

Fragt man die Menschen auf den Straßen, dann beklagen sie, vor allem im Hinblick auf die nicht enden wollende Abfolge von Krisen, dass von dem ehemalig vermuteten und teils auch beobachtbaren Organisationstalent nicht mehr viel übrig geblieben ist. Eine sich zunehmen welt- und lebensfremd generierende Bürokratie agiert langsam, umständlich und überfordert, in den politischen Ämtern sind kaum noch Menschen zu finden, die gewillt sind, Verantwortung zu übernehmen, dort, wo einmal der Pioniergeist herrschte, hat sich ein lauwarmer Geist der Absicherung, des Opportunismus und der Gefallsucht breit gemacht, dort, wo der Finger auf die Wunden gelegt wurde, in Presse und Medien, leiert das Band der Rechtfertigung, Unternehmen, die den Globus eroberten, meiden das Risiko und treffen konformistisch ihre Entscheidungen und dort, wo gute Ideen den Unterschied machen könnten, findet sich kein Investor mehr.

Stattdessen folgt man einer Schimäre nach der anderen, Hauptsache, sie kaschiert die eigene Verantwortung und Unzulänglichkeit. Mal sind es Skeptiker im eigenen Land, mal sind es Bösewichter am so genannten Rande der EU, mal ist es Russland, mal China, mal ein amerikanischer Präsident und mal in störrisches Inselvolk im eigenen Westen. Der Zorn, der sich jedesmal entlädt, ist das Ventil, das gebraucht wird, um der Verzweiflung eine Richtung zu geben. Vieles entspringt vielleicht sogar der eigenen, inneren Überzeugung, aber es führt mit Sicherheit zu einem erneuten Zustand eines neuen deutschen Sonderweges, der sich vor allem über die eigene, nicht vorhandene Überlegenheit stützt. Dass allein die Frage, ob das gut gehen kann, dazu führt, von der größten lokal existierenden Echokammer mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung konfrontiert zu werden, dokumentiert nicht nur, wo man gesellschaftspolitisch wieder unrühmlich gelandet ist, sondern auch, dass der Glaube an eine schnelle, zumindest mentale Wende aus der Misere eine Illusion bleibt.

Wie war das, in der jüngeren Geschichte, wenn Staatsoberhäupter und die ihnen unkritisch folgende Entourage solche Slogans bemühten, die mit den folgenschweren Sätzen begannen „Immer weiter, immer weiter“? Zumeist dauerte es nicht lange, sondern es ging überraschend schnell, dass ihr Kartenhaus zusammenbrach und nichts mehr übrig blieb von der ganzen Konstruktion. 

Und wie unglaublich ist die Verblendung, wenn jetzt diejenigen, die bei den nächsten Wahlen ein Mandat anstreben, glauben, sie könnten aus den letzten Krisen, die allen noch in den Gliedern stecken, weil so vieles deutlich machte, dass da mit einer falschen Perspektive und einer fragwürdigen Haltung gearbeitet wurde, noch profitieren? Der Mob, von dem sie sich in ihrer Lebensweise distanziert haben und von dem die Mandate vergeben werden, der will wissen, wie die Zukunft aussieht. Ohne Wenn und Aber, einfach nur Klartext. Keine einzelnen Maßnahmen, die sich auf das Zurückblickende beziehen. Wer das glaubt, hat sich elementar getäuscht.

Die Brunnenvergifter kehren zurück

Das Wesen eines gesellschaftlichen Diskurses besteht in der Kontroverse. Allein diese Feststellung wird schon bei einigen dazu führen, dass sie sich nicht mehr wohl fühlen. Das hat jedoch nichts mit dem Diskurs an sich zu tun, der vom Austausch unterschiedlicher Sichtweisen, unterschiedlicher Interessen und unterschiedlicher Meinungen lebt. Das Unwohlsein im Kontext mit einem Disput resultiert aus dem Verlernen, in einer Kontroverse zu bestehen und in dem Missverständnis, unterschiedliche Positionen seien etwas Unangenehmes. Ohne letztere gäbe es keinen Fortschritt, keine Entwicklung und, lassen wir sogar einmal das philosophische Feuer lodern, ohne Kontroverse hörten wir auf zu sein.

Letzteres, die Nicht-Existenz, ist, polemisch formuliert, eine gesellschaftliche Massenerscheinung geworden. Weil mit einem Kanon, der dem inquisitorischen Hexenhammer nicht unähnlich ist, bestimmte kritische oder oppositionelle Positionen per se tabuisiert werden. Wer das Tabu bricht, wird ausgegrenzt. Und das mit einem Tempo, wie es noch nie da war. Das Resultat ist eine totalitäre Logik, die offiziell gar nicht existiert und gerade deshalb so wirkungsvoll ist. Man weise einem Kodex nach, dass er existiert, wenn er von jenen, die ihn anwenden, kollektiv geleugnet wird.

Das einzige Mittel, das sich als geeignet erweisen könnte, den Diskurs wieder zu beleben, ist die Kritik. Kritik ist das Medium überhaupt, mit dem sich die Kontroverse re-installieren lässt. Wer sich jedoch bereits der totalitären Logik verschrieben hat, der wird sich gegenüber der Kritik nicht anders verhalten als die frühen Inquisitoren gegenüber dem Zweifel: Sie werden die Kritik brandmarken und diskreditieren.

Illustriert werden kann die beschriebene Entwicklung an der Metapher des Kalten Krieges. Der alte, historische Kalte Krieg, die Konfrontation zwischen USA und UdSSR, zwischen Ost und West, zwischen Staatsmonopolismus und Privatkapitalismus, lieferte beiden Seiten einen Hexenhammer, ein  Buch der Inquisition. Im Osten wanderten diejenigen, die die Kritik als ultima ratio eines erstorbenen Diskurses widerbelebten, in den GULAG. Das Kamtschatka des Westens war die Ausgrenzung und der wirtschaftliche Ruin. Im Osten hießen die Oppositionellen Agenten des Imperialismus, im Westen schlicht Brunnenvergifter.

Dass der Kalte Krieg zurückkehrt, wird nicht nur an den noch symbolisch-militärischen Handlungen beider Seiten deutlich. Die zwei sich wiederum gegenüberstehenden Fraktionen, die sich systemisch nicht mehr so gravierend unterscheiden, wetteifern auch im innergesellschaftlichen Totalitarismus. Die Rückkehr wird deutlich angesichts der Terminologie wie der Entfernung von gedanklichen Nuancen. Wer sich anmaßt, die Perspektive der „anderen Seite“ nur zu beschreiben, hat sich der Blasphemie bereits schuldig gemacht und wird diskreditiert. Die Benennung der Mechanismen, die die herrschende, bellizistische Stimmung schaffen und fördern, gilt bereits als Landesverrat. Die Inquisition ist bereits in vollem Gange und eine Zuspitzung der inquisitorischen Vorgehensweise innerhalb des eigenen Landes ist zu erwarten.

Auch wenn es nicht mehr lange dauern dürfte, dass neben dem bedrohlichen Iwan, der längst wieder da ist, auch die einheimischen Brunnenvergifter auftauchen, existiert nur ein Mittel, sich des Buches der Inquisition zu bemächtigen und dahin zu bringen, wohin es gehört, nämlich ins Museum. Das wird nur mit den Mitteln der unerschrockenen Kritik möglich sein. Letztere wird zunehmend erschwert, weil es gelungen ist, aus einem formal demokratischen Gebilde ein mentales Inquisitionstribunal zu formen. Das Quantum an Courage, das erforderlich ist, um sich dieser dekadenten Entwicklung entgegenzustellen, wird inflationär wachsen. Aber kein Preis ist zu hoch, um den mentalen Totalitarismus an den Pranger zu stellen.