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Ein Strategem, Quaresmas Todesstoß und die Frage nach der Feuerfestigkeit

Es wird alten chinesischen Militärs zugeschrieben, das Zitat, das so gar nicht chinesisch klingt: Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Im Grunde ist es auch egal, woher es stammt, es könnte auch eine Verballhornung clausewitzscher Weisheit sein, aber es trifft den Kern von Strategie und Taktik. Wenn der Sieg das Ziel ist, stellt sich die Frage, wie die eigenen Stärken wie Schwächen gegen die Pole der Gegner zu stellen sind. Wer die Stärken des Gegners zu neutralisieren weiß und den Neutralisierten gar irgendwann mit den eigenen Stärken konfrontieren kann, der hat gute Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden.

Portugal hat dieses Strategem aktiviert und im Spiel gegen Kroatien zum Erfolg gebracht. Emotional waren Pluspunkte für Kroation ebenso verteilt wie die Spekulationen über den Verlauf kommuniziert. Portugal hatte sich in einem torreichen, offenen Schlagabtausch mit Ungarn nur mit der berühmten Haaresbreite für das Achtelfinale qualifiziert. Dagegen stand ein Kroatien, das ohne Modric, aber mit Bravour und Löwenherz die iberischen Könige des Tiki-Taka schlichtweg gedemütigt hatte. Nun, mit Modric, galt Portugal bereits vielen Experten vor dem Spiel als gehäutet.

Portugal vollbrachte taktisch eine Meisterleistung, indem es durch eine geschickte Verteidigung das kroatische Mittelfeld neutralisierte und so einen Zermürbungskampf einleitete, der in der 117ten Minute durch den Todesstoß Ricardo Quaresmas endete. Das war taktisch genial und führte zum Sieg. Die deutsche Expertise mokierte sich kollektiv über diese taktische Finesse und sprach von einem Grottenkick. Allein die eingangs zitierte Betrachtungsweise geht diesen Mainstream-Wellenreitern vermutlich zu weit, rein intellektuell versteht sich.

Polen spielte gegen die Schweiz wie gegen Deutschland, d.h. mit wenigen Ausnahmen wurde die Defensive gepflegt und auf Konter gesetzt. Die Sache ging zwar mit einem Elfmeterschießen gut aus, aber als Akteur für Höheres hat sich das Team nicht empfohlen. Es ist stark zu vermuten, dass die Reise bald beendet ist.

Dass Frankreich Irland bezwang, entsprach den Erwartungen, und dennoch bleibt, wie nach allen Spielen des Gastgeber-Teams, ein Restzweifel über die Feuerfestigkeit. Deutschland wusste gegen die Slowakei zu überzeugen, die Variante mit dem Mittelstürmer scheint sich als die vielversprechendere zu etablieren. Und die belgische Konterqualität lieferte wiederum Anschauungsmaterial für das Lehrbuch. Der deutlichste Sieg des Turniers bis jetzt läutete auch die Zeit des Erwachens ein, nun kommen die Spiele, in denen es um alles geht.

Bevor die Dramaturgie neue Höhen erreicht, stellt sich die Frage, inwieweit sich der Aufbau von Feindbildern bereits erledigt hat. Nach den Russen, die durch ihr frühzeitiges Aus und die Abreise ihrer Hooligans nicht mehr als Hauptfeinde des gesamten Turniers beschrieben werden können, könnte es sein, dass die Engländer zum ersten Spiel nach dem Brexit diese Vakanz einnehmen. Vor der Abstimmung im eigenen Lande, als noch Hoffnung auf den Verbleib existierte, konnte selbst das Auftreten englischer Hooligans in Marseille, die die Stadt drei Tage lang in den Ausnahmezustand versetzten, die Stimmung nicht vermiesen. Das kann sich gegen Island sehr schnell ändern und einen neuen Beweis dafür liefern, dass längst Marketingunternehmen mit einem genau beschriebenen politischen Programm die Kommunikation dieses Turniers bestimmen. Früher nannte man das Propaganda. Es bleibt dabei, Europa zeigt bis auf wenige sportliche Ausnahmen seine momentan so gar nicht attraktive Physiognomie.

 

 

 

 

EU: Vom Ressentiment zur originären Idee

Die Geister, die gerufen wurden, sind so wach wie nie. Dabei war es ein schleichender Prozess. Von der Idee, Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen, um Frieden fühlbar zu machen, lässt sich immer noch vieles abgewinnen. Sie hat aber ihre Attraktivität im Laufe der Jahrzehnte verloren. Der Krieg in Europa ist lange her und viele haben keine Vorstellung mehr davon, was ein Krieg bedeutet. Selbst die Konstrukteure des heutigen Europa sehen in der Retrospektive vieles anders. Nur eines muss klar sein: Die Gründungsidee war eine den Frieden schaffende. Mit der Entwicklung der EU zu einem militärisch agierenden Bündnis, dass auf Expansion setzt, hat sie nicht nur schön lange ihre Unschuld verloren, sondern ihren Geist ins Pfandhaus getragen. Eine Entschuldigung dafür gibt es nicht. Und das Empörende bei der Entwicklung ist die Tatsache, dass die Akteure dachten, sie könnten diesen fundamentalen Paradigmenwechsel über die Bühne bringen, ohne in kommunizieren zu müssen.

In ihrer Geschichte stand auch die EU vor Fragen, die sich irgendwann jeder wachsenden Organisation stellen. Die entscheidende ist die nach Wachstum und Expansion. Wie wichtig ist es, groß und einflussreich zu werden und wie notwendig ist es, das Wachstum mit Qualität und Befähigung zu paaren? Wen kann die Organisation aufnehmen, um sich als Organisation weiterzuentwickeln und welches neues Mitglied treibt sie in eine neue Richtung? Als viele Länder en gros aufgenommen wurden, die a priori ökonomisch mit den Anforderungen heillos überfordert waren, müssen die machtpolitischen, expansiven Ziele bereits eine Rolle gespielt haben.

Der Kurs der EU wurde immer in starkem Maße von Deutschland und Frankreich und in nicht sichtbarer Linie von den Niederlanden und Dänemark bestimmt. Bis dato hat es keine Koalition jenseits dieser Länder vermocht, diese zu überstimmen respektive einen anderen Kurs zu bestimmen. Die Verantwortung für den Status Quo der EU in Berlin und Paris zu suchen, ist nicht falsch. Die Nachsicht, mit der diese Koalition seit Jahrzehnten auf britische Impertinenzen, die immer auf Eigeninteressen reduziert werden konnten, hat zu dem jetzigen Brexit geführt. Auch eine Lehre: Wer die Konsequenz fehlen lässt, wird irgendwann bestraft.

Böse würde es, als das ökonomische System den Mittelmeerländern zum Verhängnis wurde. Der Flutung mit billigem EU-Geld folgte der Zahltag und dem Zahltag, der ausblieb, die Sanierungskonzepte durch den IWF mit seiner traditionellen Austeritätspolitik. Es war die Geburtsstunde des neuen, bösen Ressentiments in Europa. Kein Regierungsmitglied, auch in Deutschland, hielt sich mehr zurück. Es ist zu degoutant, um es hier zu wiederholen, aber die alten Vorurteile, die die europäischen Kriege des 20. Jahrhunderts beflügelt hatten, waren plötzlich wieder da. Und viele wussten, dass sich damit der mentale Bankrott ankündigte, bis auf die Akteure, die sich vor laufenden Kameras auch noch schlau vorkamen.

Die Rechte wird es nichT richten. Sie würde, bekäme sie das Mandat, die Fehlentwicklung konsequent zu ende führen. Es sind jedoch nicht die Fehler, die exekutiert werden müssen, sondern die originäre Idee muss reaktiviert werden. Wer derzeiten denkt, das wäre der Fall, hat sich vom realen Geschehen sehr entfernt. Das Gezocke um Subventionen und Sonderrechte bezieht sich momentan nur noch auf den machtpolitischen Gegenwert, den die EU daraus ziehen könnte. Aus Polen, aus Ungarn und vom Balkan. Es ist das Ende einer Dienstreise, die in die falsche Richtung geführt hat. Orientierung kann nur gewinnen, wer eine klare und mehrheitsfähige Idee hat.

Einhalten!

Es ist schon kurios. Nach einer Abstimmung, die zwei Optionen zuließ, scheinen sich zumindest alle, die in der Konstruktion EU eine offizielle Rolle spielen, völlig überrascht darüber zu sein, dass die Möglichkeit, die auch zur Abstimmung stand und den Austritt Großbritanniens parat hielt, mit einem eindeutigen Votum gezogen wurde. Das lässt den Schluss zu, dass das, was nicht sein darf, auch nicht entschieden werden hätte können. So kann es aber gehen, und so ist es gekommen. Nun, da offiziell ist, was viele nicht wahrhaben wollten, sind die, die immer mit schnellen Erklärungen bei der Hand sind, an der vordersten Kommunikationsfront und konkurrieren mit Szenarien darüber, wie schlimm es Großbritannien ergehen wird, wie furchtbar die Wählerinnen und Wähler dem Rechtspopulismus auf den Leim gegangen sind und wie nun erst recht der bisherige Kurs weitergefahren werden soll. Gelernt scheinen sie nichts zu haben, dafür scheinen sie auch nicht engagiert zu sein.

Ja, es gibt berechtigte Zweifel an der Art und Weise, wie Großbritannien sich in den letzten Jahrzehnten definiert hat, wie es seine Wirtschaft ruiniert hat und wie es umgegangen ist mit Herausforderungen, die ein internationaler Standort, der im globalen Kommunikationsprozess steht, annehmen muss. Zukunftsweisend ist weder der dortige, bis zum Exzess getriebene Wirtschaftsliberalismus noch ein Isolationismus, der im übrigen ganz und gar nicht britisch ist. Gesiegt hat aber eine Skepsis, deren Wurzeln auch in dem zu finden ist, wie sich die EU vor allem in der letzten Dekade generiert hat.

Die EU hat sich in starkem Maße nicht nur den wirtschaftlichen Export auf die Fahne geschrieben, von dem vor allem auch die Bundesrepublik Deutschland profitiert hat, sondern sie hat sich zu einer Instanz entwickelt, die sich mehr und mehr zu einer gigantischen, zentralistisch operierenden Planungsbehörde entwickelt hat, die nicht nur ihre Bürokraten auf alle existierenden nationalen Besonderheiten gejagt hat, sondern auch immer mehr Geld eingesammelt und zentralistisch wieder verteilt hat. Überschaubar war und ist das für viele nicht mehr, und eine Logik, bis auf die eines Lobbyismus, ist darin auch nicht zu erkennen. Dass ein Land, in dem der Liberalismus, und zwar im positiven Sinne, wie in Großbritannien zuhause ist, da so langsam die Geduld verliert, ist nicht sonderlich überraschend.

Nun, da in Großbritannien die Entscheidung gefallen ist, kann auch ein Dominoeffekt eintreten. Die Niederlande und Frankreich wären potente Kandidaten, um sich des riesigen Apparates zu entledigen, die Republiken im Süden, die als Sanierungsfälle in Privatisierungsexzesse getrieben wurden, hätten noch mehr Grund, sich aus der EU zu verabschieden.

Der Verweis auf die jubelnden Nationalisten vor allem in Frankreich und Deutschland ruft eine Duplizität hervor, die die gleichen Gefahren birgt, wie die Handhabung des Anschwellens der neuen Rechten im nationalen Maßstab. Wird erkannt, dass das britische Votum eine Reaktion auf die gegenwärtige EU-Politik ist, dann besteht die Chance, von dem verhängnisvollen Weg einer zentralistischen, intransparent arbeitenden Giga-Bürokratie abzudrehen und den Versuch einer Neudefinition zu wagen. Das bereits kursierende Rezept, die Nationalisten nun mit mehr Vehemenz zu bekämpfen, lässt jedoch die Diagnose zu, die Fehler bei anderen und nicht in der eigenen Politik zu suchen. Aber Technokraten zu erklären, dass Wahrnehmen und Zuhören zuweilen Tugenden und keine Schwächen sind, ist vielleicht zu viel verlangt. Sie begreifen es einfach nicht. Das lässt nur den Schluss zu, wieder politisch zu denken und die technokratischen Ansätze zu verbannen. Hoffnung ist immer. Ob sie berechtigt ist, wird sich zeigen.