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All Along The Watchtower

Auf die soeben verkündete Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan kann ich nur sehr persönlich reagieren. Erst kürzlich traf ich im Internet einen Freund aus alten Schultagen. Wenn ich richtig rechne, haben wir uns zum letzten Mal gesehen, als wir beide siebzehn Jahre alt waren. Als ich ihn kontaktierte, war seine erste Reaktion, dass er mir All Along The Watchtower in der Version von Jimi Hendrix sandte. Ich war berührt, war es doch das Stück, dass ich einen ganzen Sommer lang gehört und ihm damals vorgespielt hatte. Er schrieb mir, wenn er das Stück höre, müsse er immer an mich denken. Ich antwortet ihm, dass ich es bis heute für ein grandioses Stück hielte, und nicht nur wegen der großartigen Art, in der es Jimi Hendrix interpretiert hätte, sondern auch wegen des Textes von Bob Dylan. Ich schrieb ihm, das sei mit die beste Prosa, die im 20. Jahrhundert geschrieben worden wäre. Und er gab mir sofort Recht.

Es war sicherlich kein Zufall, dass der musikalische Revolutionär Jimi Hendrix sich sehr früh für das Covern eines Stückes des Textrevolutionärs Bob Dylan entschieden hatte. Solche Leute haben ein Gespür dafür, wo neue Korridore geöffnet werden. All Along The Watchtower wird in den vielen Hommagen, die der stets umstrittene und immer auch heftig kritisierte Bob Dylan in diesen Tagen bekommen wird, nicht in der ersten Rehe genannt werden. Da gibt es andere Songs, deren Texte die meisten begeistern. Es werden die Stücke sein, die für den Frieden oder die Rebellion sind. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es diese Texte sind, die die innovative Genialität Dylans im Sinne des Begriffs Literatur ausmachen. Denn Bob Dylan bleibt sich auch in dieser Situation treu, ohne es selbst zu wollen: Er ist für viele schwer lesbar, weil er sich nie festlegte und deshalb auf kein Klischee reduzieren lässt. Das verärgert viele. Letztendlich hat er mit seinem Lebensweg und seiner Interpretation selbst diejenigen, die glaubten, sie könnten ihn für sich beanspruchen, ohne jegliche Gnade des Konservatismus überführt.

Der Dialog zwischen einem Narren und einem Dieb, die sich in ihrer Diagnose über die Ungerechtigkeit und den Widersinn der Welt schnell einig sind, die beschreiben, wie sie ihrer Früchte beraubt werden und die darüber in Verwirrung geraten, ohne dass sie verzweifeln, weil sie erkennen, dass die Art, wie sich die Zeit fortbewegt, nur in einer Situation enden kann, in der vieles wiederum auf den Kopf gestellt werden wird, dieser Dialog beinhaltet den ganzen Diskurs der Postmoderne. Sowohl Dylans Worte und Metaphern, die übrigens in analog genialer Weise von dem unvergessenen Carl Weissner als Übersetzung in deutscher Sprache vorliegen, als auch Hendrix´ kontrapunktische Instrumentierung sind vielleicht das Pionierstück des 20. Jahrhunderts per se. Ach, wie golden war diese Stunde, für alle Freunde des Wortes wie der Musik. Und wie groß war und ist die Strafe für diesen einzigartigen Genuss. Generationen von fahlen Plagiatoren und Kohorten von eindimensionalen Lichtern sollten folgen, die den Raum für das Wort und die Musik kontaminierten.

Der Literaturnobelpreis an Bob Dylan war seit langem überfällig. Ich empfehle, ihn mit Hendrix´ Version von All Along The Watchtower zu begehen, denn da ist dann noch ein anderer beteiligt, der nicht vergessen werden wird. Und wenn es euch gefällt, dann entzündet noch eine Kerze für Carl Weissner, für den wäre heute auch ein großer Tag. Und damit wollen wir zufrieden sein!

Sich selbst ein Ständchen

Bob Dylan. Fallen Angels

Es ist die Zeit, in der es so manch großer Künstler fertig bringt, passend zu seinem fortschreitenden runden Geburtstag ein Werk vorzustellen. Diese Werke können unterschiedlich sein. Entweder, sie verweisen auf das bisherige, lange schöpferische Schaffen oder sie ziehen Bilanz. Ganz selten wird noch einmal eine neue Perspektive eröffnet, es gilt schließlich, das eigene Leben zu betrachten.

Bob Dylan legt passend zu seinem 75. Geburtstag das Album mit dem Titel Fallen Angels vor. Und der Titel ist das Einzige, was aus Dylans Feder stammt. Bei den 12 eingespielten Songs handelt es sich, und bereits da tappen vielleicht einige in die erste Falle, nicht exklusiv um Stücke Frank Sinatras, sondern um Standards aus der amerikanischen Jazzgeschichte. Zwar hat Frank Sinatra tatsächlich Young At Heart, Polka Dots And Moonbeams, All Or Nothing At All, That Old Black Magic oder Come Rain Or Come Shine gesungen, aber auch er griff auf das Kollektivgedächtnis des Jazz seines Landes zu.

Es sind die Weisen, die in diesem Land gefühlt immer schon gespielt wurden und von denen nicht nur ein Frank Sinatra, sondern auch ein John Coltrane nicht lassen konnten. Im Reigen solcher Größen fehlt Bon Dylan einfach. Er, der mit dem Protest begann und dem Protest gegen das Vorgefertigte immer treu bleib, er kann auch den Standards eine neue Perspektive der Interpretation geben. Wieder hat er diejenigen seiner Anhängerschaft enttäuscht, die ihn bereits passend in eine Schablone gepresste haben. Aber er passt weder in das Protest-Folk- noch in das Rock-Muster. Bob Dylan ist ein großer Musiker, der zum Nationalepos seines Landes, dem Jazz, genauso gehört wie die bereits Genannten und viele der Kreativsten mehr.

Fallen Angels ist in einer Weise arrangiert, die von der sonstigen Verwertung abgeweicht, weil Dylan weder voluminöse Bläser noch schmalzige Streicher einsetzt. Er lässt sie mit Minimalbesetzung spielen und singt dazu mit seiner ihm heute typischen, etwas heiseren, lyrisch klingenden Stimme, die eine Melancholie vermittelt, die in dem Wissen um die Vergänglichkeit des Schönen liegt.

Mit Fallen Angels gibt sich ein Großer selbst ein Ständchen. Das macht er unprätentiös und im Wissen um die Kultur, in der er sich hat entwickeln können. So wild die Geschichte ist, auf die er als Individuum zurück blicken kann, so ruhig und selbstbewusst ist das Narrativ dieses Landes, das nicht umsonst auf die Universalthemen der Menschheit immer wieder rekurriert. Bob Dylan hat die Lieder aus dem kollektiven Gedächtnis seiner Nation genommen, die vor allem auf die Liebe verweisen. Das ist gut, das ist dem Anlass gebührend und es ist ihm vor allem vergönnt.

Bob Dylans Klarheit der Sprache

Wer seinen Augen und vor allem Ohren traut, der war immer gut beraten, eine Stimme zu hören, die seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts das verschlafene, verklemmte, verbrämte und verklebte Bürgertum heftig aufschreckte. Das Märchen von der christlich bürgerlichen Ehe, natürlich einer weißen, von der abendländischen Kultur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wurde von diesem daher gelaufenen Immigranten, der mit einer schrottigen Westerngitarre daherkam, einfach geschreddert. Er schrieb und sang von den Verwerfungen des amerikanischen Lebens, von den Lügen und ihren Dekors und es gelang ihm wie keinem, in der Alltäglichkeit des rauen Daseins eine Poesie zu begründen, die atemberaubend war und ist.

Immer stand er gegen den Mainstream, er spielte Folk, als der Swing zur schalen Tanzmusik verkam, er rockte, als das Rebellenestablishment in den Folk zog und als dieses begann zu rocken, zog es ihn zu Stille und Innerlichkeit. Auf jedem seiner avantgardistischen Wege hinterließ er Musik, die auf allen Kontinenten Resonanz fand und er formulierte Texte, die zur großen Kunst des 20. Jahrhunderts zu zählen sind. Und wenn es je einen qualitativen Nachweis für die mögliche Fusion von Rebellentum und Ästhetik gegeben hat, dann ist sein Name an vornehmer Stelle zu nennen.

Nun, immer wieder existieren historische Phasen, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie wie die Eiszeit über die Zivilisation herziehen und alles erstarren lassen, woraus eine attraktive Kultur ihr Leben zog. Das kann mal in der Form von glatt rasierten Schädeln und Uniformen geschehen und mal im verlotterten, vermeintlich demokratischen Gewande. Oder, und das ist die perfideste Form der zivilisatorischen Zerstörung, die schneidigen Barbaren bedienen sich der vermeintlichen Demokraten, um ein Marionettentheater aufzuführen. Ein Beispiel für diese Variante bietet, stellvertretend für andere westeuropäische Länder, das politisch korrekte Frankreich unter der Regierung Francois Hollandes.

Bob Dylan, die Ikone gegen Rassismus und Verlogenheit, wurde in Paris von einer kroatischen Vereinigung wegen Rassismus und Aufruf zu Hass angezeigt, weil er in einer Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2012 ein Interview gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Da es sich um eine monströse Interpretation handelt, hier die Sätze im Wortlaut, zitiert direkt aus dem Magazin Rolling Stone:

„Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht. (…) Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück. Schwarze wissen, dass einige Weiße die Sklaverei nicht aufgeben wollten, dass, wenn es nach ihnen gegangen wäre, die Schwarzen immer noch unter ihrem Joch stünden. Sie können nicht so tun, als wüssten sie das nicht. Wenn du das Blut eines Sklaventreibers oder eines Klan-Mitglieds in deinen Venen hast, spüren diese Schwarzen das. Diese Sachen klingen bis heute nach. Genauso wie die Juden Naziblut ausmachen können, oder die Serben das Blut von Kroaten.“

Im Falle der Kroaten spielt Dylan auf das faschistische Ustascha-Regime während des II. Weltkrieges an, das sich schlimmer Pogrome an Juden, Serben, Sinti und Roma schuldig gemacht hatte. Die juristische Finte, mit der der Rat der Kroaten in Frankreich (CRICCF) Bob Dylan vor Gericht und zur Verurteilung bringen will und der Eifer, mit dem die französische Staatsanwaltschaft die Causa vorantreibt dokumentieren nur eines: Die Zeiten, dass Political Correctness eine Zeiterscheinung einiger verirrter Hardliner zu sein schien, sind längst vorbei. Im Herzen Europas konstituieren sich gegenwärtig Terrorregime gegen die freie Meinungsäußerung und sie suchen einen diktatorischen Code zu etablieren, der die Differenzierung zwischen Gut und Schlecht gar nicht mehr zulässt.

„No reason to get excited (…)
There are many here amoung us
Who feel that life is but a joke
But you and I, we´ve been through that
And this is not our fate
So let us not talk falsely now, the hour is getting late.”

Aus: Bob Dylan, All Along The Watchtower