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Konturen der Dekadenz

Zukunftspotenziale von Gesellschaften zu identifizieren ist eine Herausforderung. Neben so genannten objektiven Fakten, wie z.B. die demographischen Tendenzen, das Vorhandensein natürlicher und artifizieller Ressourcen, der Stand der physischen und elektronischen Infrastruktur, das Bildungsniveau, die Gesundheit, der Zivilisationsgrad und die mit allem verbundene Prognostik existiert noch eine andere Seite der Medaille. Dort stehen Dinge, die gerne als weiche Faktoren beschrieben werden. Darunter versteht man zum Beispiel die Kollektivsymbolik, die Qualität der sozialen Beziehungen, das Vorhandensein von Zielen, die in die Zukunft weisen, ein Konsens über das nationale Selbstverständnis, verknüpft mit mehrheitlich getragenen Identifikationsmustern und vor allem ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Rahmenbedingungen für die Gestaltung der Zukunft.

Betrachtet man unsere Republik unter diesen Gesichtspunkten, dann stechen bestimmte Dinge direkt ins Auge. Demographisch dominiert die geriatrische Tendenz, die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen hält sich in engen Grenzen, die artifiziellen Ressourcen, Wissen und Know-how, sind durch Investitionsdefizite im Hochschulbereich sehr gefährdet. Die physische Infrastruktur, vom Schienennetz bis zu den Straßen, von Bahnhöfen bis zu Radnetzen, sind in einem zunehmend desolaten Zustand und die elektronische Infrastruktur ist im Vergleich zu vielen angelsächsischen Ländern, den asiatischen Tigerstaaten, dem Baltikum oder Spanien auf einem Stand, der dort mindestens zehn Jahre zurückliegt. Das Bildungsniveau ist von den durch die OECD ermittelten PISA-Werten der ersten Runde nicht merklich besser geworden und die akademischen Eliten gehören mangels Möglichkeiten im eigenen Land prozentual zur größten Emigrantengruppe. Um den allgemeinen Gesundheitszustand ist es ebenso nicht gut bestellt, auffallend da ist der Trend von mehrheitlich physiologischen hin zu psychosomatischen Erkrankungen. Letztendlich ist der Zivilisationsgrad, der einmal erreicht war, erheblich gefährdet durch soziale Entpflichtungstendenzen der sozialen Eliten.

Bei der Betrachtung der weichen Faktoren fallen verschiedene Dinge gleichfalls relativ schnell auf. Die Kollektivsymbolik ist nach den großen Wellen der digitalen Kommunikation einer Vorstellungswelt gewichen, die dominiert wird von Bildern aus der Blütezeit einer Landwirtschaft und Forstwirtschaft des 19. Jahrhunderts mit Attributen wie nachhaltig, biologisch und erneuerbar, während die großen politischen Bezugsfelder abgedeckt werden aus dem Reservoir der politischen Korrektheit. Die Qualität der sozialen Beziehungen kann gekennzeichnet werden durch eine erneute Beschleunigung der Individualisierung und markante Entsolidarisierungstendenzen.

Ziele, die in die Zukunft weisen sind eher rar, ein Konsens kommt eigentlich nur zustande in Fragen der Verständigung darüber, was man nicht möchte. So ist es nur folgerichtig, dass positive kollektive Identifikationsmuster ebenso fehlen wie eine Vorstellung darüber, welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um Zukunft gestalten zu können. Wer dazu keinen Willen aufweist, vermisst allerdings auch nichts. Vielleicht ist die hilfreichste Illustration dieses Zustandes, wenn man die großen politischen Skandale und Friktionen anschaut. Da gibt es eher einen Konsens über den nicht enden wollenden und sollenden Ausbau des Konsumentenschutzes vermittels einer stetig wachsenden Bürokratie, und nicht, die Anmerkung sei erlaubt, vermittels Bildung und der Befähigung von Bürgerinnen und Bürgern, selbst vernünftige Entscheidungen zu treffen. Während auf der anderen Seite eine veritable Mehrheit gegen den Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur deutlich zu vernehmen ist.

Alle Versuche, die eher dürftige Ausgangsposition für zukünftige Gestaltungsprozesse beim Namen zu nennen, enden sehr schnell in einer hysterischen Anklage derer, die sich darum bemühen. Das erleichtert allerdings die Suche nach einer Überschrift für den Gesamtzustand, der immer zweifelsfreier als ein hohes Stadium der Dekadenz beschrieben werden kann.

Babylonisches oder die Verwirrung der Gefühle

Das Diktum ist so alt wie die Philosophie selbst: Der Konnex zwischen dem Denken und dem Sprechen ist vital. Und die Feststellung, dass es sich bei der Sprache um einen Ausdruck des Denkens handelt, hat keine noch so psychologisch motivierte oder ästhetisch sublimierte Sprachtheorie vermocht zu verleugnen. Pragmatisch wie wir sind, bleiben wir also dabei und machen etwas, das in diesen Regionen gefürchtet wird wie der Handschlag Luzifers: Wir bringen es für jedermann verständlich auf den Punkt und sagen, am Sprechen erkennt man, wie klar es hinter der Stirnwand zugeht.

Betrachten wir uns dann die Debatten und Begrifflichkeiten in unserem öffentlichen Diskurs, oder schlimmer noch, in unserem Diskurs über die Kommunikation, dann wünschten wir uns, wir hätten niemals den Fehler begangen, irgendetwas auf den Punkt zu bringen. Denn sowohl terminologisch als auch definitorisch und semantisch haben wir nicht mehr vieles, was als deutlich beziehungsweise sogar eindeutig Geltung beziehen könnte. Da schleichen sich dann selbst Begriffe in den öffentlichen Raum wie die Unzweideutigkeit, die schon ein Symptom dafür ist, dass dem Eindeutigen bereits etwas Pathologisches anhaftet. Herrje, die Welt steht Kopf und man kennt sich gar nicht mehr aus!

Das uns umgebende Babylonische, Diskursuntaugliche sorgt dafür, dass wir uns immer mehr mit einer ansonsten den homo sapiens ausmachenden Operation überfordert sehen, nämlich den der Kommunikation. Das geht soweit, dass es als allgemein gesellschaftlich akzeptabel gilt, jedes geplatzte oder verpatzte Projekt mit mangelnder oder fehlerhafter Kommunikation erklären zu können, ohne dafür geköpft zu werden. Durch diesen Brauch entwickelt sich die human gesetzte kommunikative Kompetenz zu einer Ausnahme, gar zu einem Geheimwissen, auf das die breite Mehrheit nicht mehr zurückgreifen kann. Der kommunikative Zusammenbruch gilt als das Normale der Massendemokratie und die gelungene Interaktion als die Raffinesse von artistischen Genies.

Da ist etwas gehörig schief gelaufen, in dem Prozess der Zivilisation, wenn eines der zentralen Adjektive der menschlichen Existenz in einer Epoche des unbegrenzten Zugangs zu Wissen abhanden kommt. Die Mutation der Kommunikation zum Spezialistentum ist ein Synonym für die Entmündigung der Massen. Durch die Erzeugung dessen, was herrschaftssprachlich als Bildungsferne bezeichnet wird, werden 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung von einem Verständigungsprozess ausgeschlossen, der zum Überleben der verschiedenen Zivilisationen an sich und für sich unausweichlich geworden ist. Statt Kommunikation mit der Suche nach Sinnstiftung erleben wir eine Verständigung mit dem Ziel der Privilegierung und Ausgrenzung. Die Bildungsfrage ist die zentrale Frage nach Demokratie und Befreiung. Aus Missverständnissen aufgrund fehlerhafter Kommunikation kann auch Zorn werden ob der verpassten Chance. Historische Beispiele gibt es genug.