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„Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?“

Ganz so edel waren die Ursprungsmotive nicht, aber genauso berechtigt wie die jetzige politische Aussage. Die Wissenschaftler, die als Reaktion auf den Präsidenten Donald Trump in Washington auf die Straße gingen, protestierten gegen die drastischen Kürzungsmaßnahmen für alle Arten der Forschung, die Trump angekündigt hatte. Es ging also um Geld und Arbeitsplätze. Also eine individuell existenzielle Bedrohung, die sich schnell ausweitete auf die Frage einer gesellschaftlich existenziellen Bedrohung. Denn wir erleben das Paradoxon einer Epoche, die sich auf die Allverfügbarkeit des Wissens beruft und gleichzeitig die Bedingungen, derer es bedarf, um Licht in die dunklen Geheimnisse dieser Welt zu bringen, gnadenlos privatisiert. Das ist kein neues Phänomen, das mit Donald Trump aufgetaucht ist, sondern eine Begleiterscheinung des Wirtschaftsliberalismus, der entgegen seiner programmatischen Aussage im Namen knallhart aus der Freiheit der Wissenschaften den Zwang zur Auftragswissenschaften geformt hat.

An den Hochschulen der freien westlichen Welt ist seit Jahrzehnten eine Entwicklung zu beobachten, die auf Ökonomie, Technik und Recht setzt und alle Formen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu marginalisieren trachtet. Die materiellen Bedingungen sind entlehnt aus dem Modell des Prekariats. Die meisten Forschungsbereiche sind zeitlich limitierte Projekte, die Wissenschaftler erhalten folglich Zeitverträge, die dann immer wieder so lange unterbrochen werden, bis die Klausel des Kettenvertrags nicht mehr greift. Und diejenigen, die das Geld aufbringen, bestimmen, in welche Richtung geforscht wird.

Die systematische Instrumentalisierung der Wissenschaften, um Markt affine und Markt kompatible Einsichten zu gewinnen, hat ihren immer auch latent vorhandenen subversiven Charakter erheblich reduziert. Eine Erkenntnis, die die bestehenden Verhältnisse weder als Endzweck noch als Erstrebenswertes darstellt, ist nicht gewollt. Das Dilemma, in das die zunehmend im Verborgenen operierende kritische Wissenschaft geraten ist, sind die mangelnden Möglichkeiten der Disseminierung ihrer Erkenntnisse. Das Bildungssystem und seine Absicherung gegen einen breiten Bildungserfolg haben dazu geführt, dass die Form von Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die aus wissenschaftlicher Sicht einer breiten Massen zugänglich wäre, entweder von dieser nicht mehr gefunden oder nicht mehr verstanden wird.

Und so ist es auch ein Zeichen der bereits seit Jahren um sich greifenden Mystifikation, dass die ganze Wut gegen diese Entwicklung, die nun Donald Trump entgegentritt, den Regierungen der eigenen Länder gebührt, die es verstanden haben, die Wissenschaftsbetriebe zu Appendices der Industrie umzuwandeln und in ihren Schulsystemen zu garantieren, dass sich dort nur die nach oben durchsetzen, die aus den Stämmen und Clans der Verwertung stammen, einige Ausnahmen eingeschlossen.

Die Verhältnisse, die in den Demonstrationen für die Wissenschaft angeprangert werden, sind zu kritisieren. Mehr noch, sie sind zu bekämpfen. Im Arsenal der Aufklärung liegen noch Instrumente, die dabei behilflich sein können.

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht!“

Die Radikalität, mit der Mephistopheles in Fausts Studierzimmer sein Verständnis formuliert, ist in diesem Unterfangen durchaus angebracht. Und wer sich dann fragt, wie das in den Zusammenhang passt, der findet die Antwort an des Teufels literarische Figur natürlich bei Karl Marx, der schrieb in einem jener berühmt gewordenen Briefe an Kugelmann die Antwort nieder:

„Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft? (…) Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände.“

Die Glatzen des Positivismus

Die Aufklärung bleibt ein Thema. Gerade jetzt. In dem Moment, in dem eine Vorahnung auf andere Zeiten auftauchen. Zeiten, in denen sich die Dunkelmänner der Weltgeschichte wieder auf den Weg zu machen scheinen, um sich an die Regiepulte des Geschehens zu setzen. Das geht nur, so die Warnungen, wenn sich die zumindest formal demokratischen Gesellschaften auf das besinnen, was ihnen zugrunde liegt. Nämlich das aufklärerische Denken. Und auch im großen Diskurs um die Rolle der Religion, der durch die Migration von Menschen mit islamischem Glauben in die Zentren des Christentums getragen wurde, hallt angesichts der teilweise an Irrsinn grenzenden Auseinandersetzungen die Mahnung an die Aufklärung durch den Raum. Zu Recht. Denn ohne Aufklärung, so kann allen auf Autonomie und Selbstverantwortung fokussierten Individuen versichert werden, ohne Aufklärung ist alles nichts.

Die Frage zum Beispiel, ob sich eine Religion wie der Islam für die Demokratie eigne, ist die falsche. Religion und Aufklärung per se stehen konträr zueinander. Das Christentum, seinerseits durch seine Fokussierung auf das Individuum bereits ein Vorbote späterer Denkweisen, robbte sich quasi durch die Inquisition, um in den modernen Klassenkämpfen erst als Partei der Monarchie und dann als Dependance des Sozialamtes zu enden. Mit intrinsisch angelegter Aufklärung hat das nichts gemein. Analog ist es mit dem Islam. Aber, und das stösst auf als ein Indiz, wieso beschäftigt sich eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft mit den rückständigen Mystifikationen einer monotheistischen Religion, ohne ihr den Spiegel der eigenen, aufgeklärten Prinzipien vorzuhalten? Die Antwort ist einfach. Die Prinzipien sind im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent.

Gerade in dem Lager, aus dem das affirmative Verständnis für die bestehenden Verhältnisse so wortreich und nachhaltig unterstützt wird, kam und kommt immer der Applaus über die Dialektik der Aufklärung. Über die Möglichkeit, dass sie umschlägt in Unterdrückung und Obskurantismus. Selbst, und die Gefahr ist schlimmer für die Aufklärung als der Islam oder irgendwelche sozialdarwinistischen Theoreme, selbst kommt die Ideologie der Ent-Politisierung völlig unpolitisch daher und verkauft sich als reine Form des Pragmatismus. Aber es ist diese Bewegung, die die sich nun als gefährdet glaubenden Gesellschaften auf den Zustand hingetrieben haben, in dem sie sich befinden. Unfähig zum Kampf gegen die Dunkelheit, ohne die Substanz, auf die es ankommt.

Der Positivismus ist das Gift, das sich in Politik und Philosophie eingesaugt hat und den Austritt der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit behindert. Denn der Positivismus verhindert das Interesse als eigenständige Kategorie aus dem politischen Diskurs. Das Interesse ist jedoch das Movens aller Veränderung. Und das zu verschleiern, ist das Werk einer fundamentalistischen Bewegung gegen die Grundfesten der Aufklärung. Und wenn Aufklärung die Basis der modernen Demokratie bedeutet, dann sind es die Glatzen des Positivismus, die die moderne Demokratie in eine existenzielle Krise gestürzt haben. Das zu verkennen, bedeutet sich auf das Falsche zu konzentrieren. Und um es deutlich zu sagen: Nur die Auseinandersetzung mit dem positivistischen Denken kann zu dem beitragen, was als Rettung der abendländischen Moderne erst einmal als Attraktion etabliert werden muss. Denn es geht, wenn von der Gefährdung des Abendlandes schwadroniert wird, zu definieren, was darunter verstanden wird. Das sollten einmal Abiturienten in Leipzig und Düsseldorf machen. Wir würden uns wundern, wie unaufgeklärt die Ergebnisse klängen.

Den Dogmatismus der Lächerlichkeit preisgeben!

Der entscheidende Dialog in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ findet bei längst fortgeschrittener, hoch dramatischer Handlung in der Bibliothek des Klosters statt. Der blinde Jorge von Burgos, ein Vertreter des klerikalen Absolutismus und Befürworter der Inquisition, streitet sich dort mit dem vieles hinterfragenden Wandermönch aus Baskerville. Im Grunde geht es darum, ob der irdische Mensch das Recht hat, das Dogma der Kirche anzuzweifeln und es durch Fragen erläutern zu lassen. Jorge de Burgos bestreitet das vehement und geht in dem Dialog noch weiter, bevor er lieber die ungeheuer wertvolle Bibliothek und sich selbst in Flammen aufgehen lässt, als der Suche nach Wahrheit eine Chance zu geben. Ganz in der Tradition der Inquisition sagt der Dogmatiker selbst dem Lachen den Kampf an. Er ist der Überzeugung, dass das Lachen der erste Schritt ist, um die kirchlichen Dogmen zu vernichten. Und mit dieser für ihn selbst so schrecklichen Einsicht lag er goldrichtig.

Gehen wir von der Geburtsstunde der Aufklärung in unsere Tage, dann vernehmen wir aus den so vielen Aussagen über die Notwendigkeiten der Zeit immer wieder den Ratschlag, wir, als aufgeklärte Gesellschaft, sollten uns auf die Grundwerte der Aufklärung und der Demokratie besinnen. Ich gäbe alles dafür, wenn die Zustände so wären, wie sie beschrieben wären. Aber leider komme ich mir oft so vor, als säße ein Jorge de Burgos vor mir und erklärte mir, ich dürfe die Dogmen unserer modernen Gesellschaft nicht hinterfragen, sonst begäbe ich mich in die Arme der Blasphemie oder gar des Populismus. Wie soll ich schlau daraus werden, wenn es nur eine Meinung darüber geben soll, was richtig und falsch ist? Und wenn alle, die sich die Mühe machen, hinter nachweislich falschen Begründungen von politischen Entscheidungen auch Gründe dafür zu suchen, warum das so ist, als Feinde des Landes, der EU und der Menschlichkeit bezeichnet werden? Diese eine, offizielle, moralisch begründete Meinung ist allzu oft dogmatisch. Und diejenigen, die sie befragen, werden ausgegrenzt wie zu den Hochzeiten der Heiligen Inquisition.

Diese Erkenntnisse sind nun schon alt genug als dass es ein wenig langweilig wäre, sich nur über diese Zustände zu beschweren. Nehmen wir doch den Appell ernst und zerlegen die falschen Aussagen über die existierenden Verhältnisse mit dem messerscharfen Verstand der Aufklärung. Das ist eine gute Empfehlung und immer mehr Menschen nehmen sie sich zu Herzen. Wer laut denkt, macht schon den ersten Schritt. Dabei sind viele, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, mit den Methoden der modernen Inquisition sehr vertraut und können berichten, wo die Analogien sind zwischen dem, was sie in schmerzhafter Erinnerung haben und dem, was sich hier entwickelt hat. Manchmal ist alles auch ganz einfach. Wieso, so muss gefragt werden, wird ein mehrtägiger offizieller Besuch der Bundesverteidigungsministerin von der Leyen in Saudi Arabien nirgendwo erwähnt und wieso wird aus Aleppo in Form von Privatvideos berichtet, aber nicht, dass es bei der UNO eine Geheimsitzung gab, weil in Aleppo NATO-Offiziere festgenommen wurden? Aber lassen wir auch das.

Umberto Eco hat es mit der Verwundbarkeit des Dogmatikers Jorge de Burgos wunderbar auf den Punkt gebracht. Der Dogmatismus wird nicht nur mit der Analyse und mit politischen Argumenten bekämpft, sondern ihm kommt man auch mit beißendem Spott und Humor bei. Keine politische Auseinandersetzung von Bedeutung war so humorlos wie diese. Das ist ein Erfolg der Dogmatiker. Und das muss aufhören. Wir müssen sie der Lächerlichkeit preisgeben.