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Tiefe Züge aus der Shisha

Bei Betrachtung der westlichen Politik gegenüber dem, was in den USA der Mittlere und in Europa der Nahe Osten genannt wird, ist es nicht abwegig, auf die Idee zu kommen, dass die Geschichten aus 1000 und einer Nacht zu dem Pate gestanden haben, was als das Verständnis dieser Weltregion gilt. Nicht, dass ein solcher Eindruck exklusiv aus westlicher Sicht entstünde. Nein, auch aus der inneren Perspektive dieser Welt kommt der Eindruck zuweilen auf, es handele sich um unglaubliche Geschichten mit hohem Symbolcharakter. Aber, und das ist immer ein guter Ratgeber bei der Untersuchung fremder Verhältnisse, es existieren stets Fragen außerhalb der Vermessenheit der Beteiligten, die zu einem Bild verhelfen können, das mehr erklärt als verklärt.

Eine Frage, die aus den kalten Gemächern der westlichen Vernunft kommt und die Politik dort für eine ganze Epoche revolutioniert hat, ist die nach dem Interesse. Das heißt, wer vertritt in einem Konflikt welche Interessen. Das hilft schon bei zwei Parteien, und es hilft noch mehr, wenn es viele sind. Momentan haben wir wieder so einen Konflikt im Nahen Osten, nämlich in Syrien, und der wird jetzt auch aufgrund der Flüchtlinge, die er hervorbringt, richtig heiß. Dieser Konflikt, der besser ein lokaler Krieg genannt wird, währt mittlerweile seit vier Jahren und hat bis jetzt laut einer heutigen Meldung von BBC 280.000 Opfer geordert. Oberflächlich kämpft der Herrscher Assad gegen das eigene Volk und unterstützt wird er, wie sollte es anders sein, von den Russen. Ein Produkt dieses Konfliktes, so wird es fälschlicherweise kommuniziert, ist ISIS, dem aus westlicher Sicht genauso der Kampf angesagt werden muss wie Assad. Und falls es nicht aufhört, notfalls auch Russland.

Soweit die Sicht aus dem erwähnten Opus aus 1000 und einer Nacht. Assad, selbst Mitglied der alawitischen, nicht zu verwechseln mit den auch zahlreich in der Türkei beheimateten Aleviten, Glaubensgemeinschaft, steht geopolitisch für eine relativ unabhängige Position und ist bzw. wäre die Passage des schiitisch dominierten Iran zum Mittelmeer. Der Kampf zwischen dem sunnitischen Saudi Arabien und dem schiitischen Iran ist das Magnetfeld, auf dem die Konflikte der Region erklärt werden können. D.h. auch ISIS ist vermutlich eine weitere grausige Schöpfung des im Westen fest verankerten Saudi Arabien, geschaffen, um die nicht sunnitischen Muslime wie die relativ zahlreichen Christen in Syrien zu massakrieren, um den Weg frei zu machen für einen sunnitischen Staat, der den schiitischen Iran weiter isoliert. In diesem Lichte betrachtet ist die Stützung des Assad-Regimes durch Russland zu sehen und macht, im Sinne des Gleichgewichts der Kräfte und einer daraus resultierenden Stabilität, sogar Sinn.

Im Westen wird dieser große Interessenkonflikt bis heute nicht kommuniziert, weil er weitreichende Folgen für die eigene Bündnispolitik haben müsste. Die Erkenntnis führte nämlich zu dem Schluss, Saudi Arabien auf die Liste der Schurkenstaaten zu setzen. Stattdessen wird an den Symptomen des Konfliktes laboriert, wie die vereinzelte, aber unstete Unterstützung von Bündnispartnern wie der Kurden, Drohnen-Attacken gegen ISIS und die Aufnahme von Flüchtlingen. So wie es aussieht, sind nicht nur die Märchen aus 1000 und einer Nacht für das westliche Verständnis der Region verantwortlich, sondern auch eine große Treue zu Saudi Arabien. Beides ist fatal, aber nicht fatal genug. Nun, wie sollte es anders sein, kommt noch die Moralistenkeule gegen Russland. Das bewirken die tiefen Züge aus der Shisha, der Verstand verflüchtigt sich und weicht dem Traum.

Die Wucht einer humanitären Geste!

Die internationale Konstellation ist komplizierter denn je. Insofern entspricht sie der Gemengelage innerhalb Syriens selbst. Während dort die unter der Fahne Assads agierenden Verbände den Status Quo des eigenen Landes wie den des Nahen Ostens zu verteidigen suchen, geht es den Oppositionellen um das Gegenteil. Assad soll weg, aus Sicht der einen Fraktion zugunsten einer Demokratisierung im Sinne des verblühten arabischen Frühlings, dem Ansinnen der anderen nach im Geiste der bereits heftig strauchelnden islamistischen Politkontingente. Die Golfstaaten wiederum wollen den unsicheren Kantonisten und Aleviten Assad austauschen gegen einen verlässlichen Sunniten, um den aus ihrer Sicht auf Hegemonie lauernden Schiiten des Iran Einhalt zu gebieten. Gelänge dem Iran eine Ausweitung des Einflusses nach Syrien, dann stünde er am Mittelmeer und die Dominosteine einer islamistischen Revision des arabischen Frühlings purzelten wie die vollgefressenen Murmeltiere den Berg hinab.

 Russland, die einstige Supermacht, hat noch genügend Substanz, um sich den Vorhof nicht von allem möglichen Gesindel beziehen zu lassen. So sieht es jedenfalls der ehemalige KGB-Chef Putin. Ein Syrien, das den Status Quo garantiert ist tausendmal sicherer als eine fundamentalistische Kriegsrepublik, die womöglich in den muslimischen Gürtelstaaten zu Russland für noch mehr Unruhe sorgen würde als jetzt. Und ein weiter erstarkender Iran machte Russland nicht weniger Sorgen. Chinas Interessen sind ebenfalls an den Status Quo gebunden: Das, was die neue Supermacht an Rohstoffen aus dieser Region der Welt braucht, bekommt sie nur bei stabilen Verhältnissen. Eine Intervention der USA kann das Signal gegen den Giftgaseinsatz senden, ist aber auch in der Lage, einen  regionalen, wenn nicht gar überregionalen Krieg in Gang zu setzen. Dann rückte selbst die relative Stabilität in weite Ferne.

 Die politische und militärische Explosivität der syrischen Verhältnisse begründen die schier ausweglose Lage, in der sich die USA befinden. Zum einen haben sie immer ihren Interventionismus mit humanistischen oder demokratischen Motiven unterlegt, was Obama nun auch versucht. Zum anderen gehörte es aber auch immer zu ihrer Maxime, die Hegemonie der Supermacht Nummer Eins über die strategischen Rohstoffe zu sichern. Beides ist schlichtweg momentan nicht so einfach zu identifizieren. Zum einen verfügt Syrien nicht über Rohstoffe, kann aber bei einer Destabilisierung der Region den Effekt des Zugriffsverlustes nach sich ziehen. Zum anderen bedeutet dieses Regime auch Minderheitenschutz und Teile der Opposition auch Terrorismus. Da ist guter Rat teuer, und die Zerrissenheit innerhalb der USA dokumentiert sehr gut die Komplexität der Lage.

 Die Verbündeten der USA, zu denen die beiden ehemaligen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich sowie die Hochburg des europäischen Industrialismus Deutschland gezählt werden, erweisen sich in dieser Situation weder als bereichernde Dialogpartner noch als kongeniale Waffenbrüder. In Großbritannien ist die Bevölkerung gegen einen Militärschlag, weil das Abenteuer Tony Blairs an der Seite von George Bush im Irak noch zu sehr in den Knochen steckt, während nun in Frankreich Präsident Hollande mit zur Attacke bläst, um seinen innenpolitisches Desaster mit der tiefen Emotion des Patriotismus zu übertünchen. Und Deutschland, ja Deutschland irrt mit seinen politischen Protagonisten durch das orientalische Labyrinth und pfeift das Lied vom Verhandlungstisch, von dem niemand mehr weiß, wo er steht und wer an ihm sitzen soll. Am wenigsten die Pfeiffer, die nur eines wissen, nämlich dass es ungerecht ist, sie mit in die Verantwortung zu übernehmen.

 Pepe Mujica, der Präsident Uruguays, sprach in diesen Tagen davon, dass das einzig vernünftige Bombardement Syriens momentan das mit Milchpulver und Plätzchen sei. Was die im Magnetismus der Macht befindlichen Politiker amüsieren mag, ist vielleicht die sinnvollste Strategie: Die Wucht einer humanitären Geste könnte die Menschen quälende Hermeneutik des gegenwärtigen Spieles außer Kraft setzen. Die globale Politik hat den virtuellen Raum betreten. Sie vergisst dabei die Völker dieser Welt. Das ist der verhängnisvolle Fehler.

Ein dumpfes Grollen liegt in der Luft

Ein dumpfes Grollen liegt in der Luft. Es dringt von einem Konflikt herüber in die verschiedenen Regionen dieser Welt. Je näher sie am Ort des Geschehens liegen, desto mehr ist der Konflikt sogar zu riechen. Es ist entsetzlich. Vom humanistischen und zivilisatorischen Standpunkt ist es ein Inferno. Angefangen hatte alles mit ein paar Graffitis an einer Schule im syrischen Homs, mit denen Schüler gegen den Herrscher Assad protestiert hatten. Die wurden dann eingesammelt von uniformierten Schergen des Regimes. Kinder wurden gefoltert, was den Protest der Väter und Mütter und dann der ganzen Stadt nach sich zog. Der Konflikt weitete sich allmählich auf das ganze Land aus und er nahm an Komplexität ständig zu.

Zunächst war es ein spontaner Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime, dann entstanden oder zeigten sich in beiden Lagern unterschiedliche Gruppen, hier die Schiiten, Aleviten und Christen, dort die Sunniten, Islamisten und Kurden. Zuweilen kämpften sie gegeneinander. Die Opposition bekam Zuwachs aus dem Ausland, eine Internationalisierung eines nunmehr dreijährigen Bürgerkrieges ist festzustellen. In ihn involviert sind Länder wie Saudi-Arabien, Irak, Iran, Israel, Jordanien, die Türkei, Russland und die USA, und, seit einigen Stunden auch noch Ägypten. Schwieriger und komplexer könnte das alles nicht mehr sein und die Gefahr, dass die betroffenen Parteien den Überblick verlieren und ein Fass in die Luft jagen, das noch mehr Explosivität enthält als alle annehmen, wächst stündlich.

Der amerikanische Präsident Obama hatte vor einiger Zeit in einem Interview eine rote Linie benannt. Falls das Regime Assad damit beginne, so Obama damals, Chemiewaffen gegen die Bevölkerung einzusetzen. Sei diese überschritten sehe er die Notwendigkeit, im Namen der Menschenrechte militärisch eingreifen zu müssen. So wie es aussieht, hat Obama mit dem Zynismus des nah-östlichen Autokraten nicht gerechnet. Die chemische Keule zerfetzte tausende Zivilisten. Nun ist guter Rat teuer. Intervenieren die USA militärisch, dann hat vor allem der pazifistisch-defätistische Standpunkt wieder einmal Recht behalten und die USA als Hauptfeind der Menschheit identifiziert. Intervenieren sie nicht, so werden sie als Papiertiger verspottet werden.

Und obwohl die Position des amerikanischen Präsidenten nahezu alle Voraussetzungen eines tragischen Settings erfüllt, geht es nicht um ihn. Es geht um die Syrer, die weder in der einen noch in der anderen Diktatur leben wollen und des Krieges müde sind. An sie denken wenige. Der Westen orientiert sich an seinen Prinzipien und das in sie eigebettete Völkerrecht, während der Nahe Osten seine direkten Lebens- und Überlebensinteressen im Auge hat. So wie es aussieht, werden die Vereinten Nationen und ihr Sicherheitsrat nicht einmal in der praktischen Ächtung von Chemiewaffen einen Konsens erzielen. Das ist beschämend genug. Und es werden die Ideologen, sofern sie weit genug von dem Elend entfernt sind ein Mikado-Spiel vorführen, bei dem sie immer mit ihrer Rechthaberei gewinnen werden.

Die Prognose liegt nahe, dass es keine Lösung für das Schicksal der syrischen Bevölkerung geben wird, die dem Format von Zivilisation, Menschenrechten und Humanität entspräche. Alle politischen Agenden, die momentan ablaufen, haben diese Zielsetzung bereits nicht mehr auf dem Schirm: Nicht Assad, nicht die islamistische Opposition, nicht die Kurden, nicht die Nachbarstaaten, nicht Russland, nicht der Westen. Rechthaberei wie Triumphalismus könnten deplatzierter nicht sein. Demut und Beschämung sollten herrschen. Überall.