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Der gordische Knoten

Vertrauen in unruhigen Zeiten II

Eines der Argumente, das das Vorgehen jener legitimieren soll, deren Handlungen zunehmend bezweifelt werden, ist das der wachsenden Komplexität. In allem! Die Welt, so wird uns erzählt, ist komplexer geworden. Wenn damit der Trend gemeint ist, dass sich Wirtschaft und Politik internationalisiert haben, dann bedeutet das nicht unbedingt eine neue Stufe der Komplexität, es kann auch einfach alles nur etwas komplizierter geworden sein. Es ist ein guter Rat, genau hinzuschauen und sich die Frage selbst zu beantworten. Denn nicht alles ist wirklich komplex. Manches ist vielleicht kompliziert, anderes auch komplex. Aber heißt das, dass wir es deshalb so akzeptieren müssen, wie es ist? Kann nicht auch sein, dass viele Enden von verschiedenen Akteuren irgendwann zusammengeführt worden sind, und das für eine Weile gehalten hat, aber uns heute dennoch nichts mehr nützt? Wie wäre es, nicht jede Konstruktion, die uns vorgesetzt wird, als für alle Zeiten gültig zu betrachten?

Auch da besitzen wir eine Erzählung, die weit älter ist und sich mit dem legendären Alexander befasst, der auszog, Asien zu erobern und dabei vieles entdeckte. Die Geschichte, die als die vom gordischen Knoten bezeichnet wird, passt sehr gut zu dem beschriebenen Problem. Der Überlieferung nach war eine Konstruktion am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios besonders beachtet. Es handelte sich um einen aus dem Bast der Kornelkirsche gebundenen Knoten, der Deichsel und Zugjoch des Streitwagens verband und als stabil wie flexibel gepriesen wurde und als nicht auflösbar galt.

Alexander, der schöne Jüngling, der einen ganzen Kontinent mit seiner Entschlossenheit und Dynamik überraschte, wurde diese Konstruktion gezeigt mit der Frage, ob er in der Lage sei, den Knoten zu lösen. Und wenn etwas mehr als zweitausend Jahre zurückliegt, so ist es erklärlich, dass es unterschiedliche Versionen der Erzählung gibt. Unbezweifelt ist, dass Alexander sich nicht allzu lange mit dem Konstrukt beschäftigte, sondern nach kurzer Betrachtung sein Schwert zückte und den gepriesenen Knoten mit einem heftigen Schlag durchtrennte. Zum Knoten selbst und seinem Zustand wird jedoch auch an manchen Stellen erwähnt, dass er schmutzig und regelrecht ekelerregend auf Alexander gewirkt habe und für ihn gar nicht mehr identifizierbar gewesen sei, wie die einzelnen Enden zueinander gefunden hätten, sondern dass eine Masse von stinkendem Unrat nur noch die Funktion erfüllte. Entscheidend ist jedoch die Quintessenz, dass Alexander das Konstrukt mit dem Schwert durchschlug.

Angewendet auf unsere Tage, in denen die Komplexität von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Konstrukten immer wieder bemüht wird, um die Dings so, wie sie existieren, zu legitimieren, empfiehlt sich ein gewisses Maß an alexandrinischer Ungeduld. Es ist sinnvoll, sich die Gebilde anzuschauen. Sollten wir jedoch zu dem Ergebnis kommen, dass gar nicht mehr nachzuverfolgen ist, wie und warum etwas zustande kam und wie welche Funktion mit welcher anderen zusammenhängt, dann kann es sinnvoll sein und weiterführen, kurzerhand und entschlossen den Funktionszusammenhang aufzulösen und die Konstruktion neu zu denken. 

Dazu bedarf es dem Vertrauen auf die eigene Urteilskraft, einer gewissen Ungeduld, die verhindert, nicht durch das Detail vom Handeln abgehalten werden zu wollen und dem Mut, eine Entscheidung zu treffen und sich von etwas zu trennen, das einen großen Namen hat. So erwirbt auch die Geschichte vom gordischen Knoten gewaltige Relevanz in unseren unruhigen Tagen.

Ruhm in gebrochenem Licht

Klaus Mann. Alexander. Roman der Utopie

Als der Roman erschien, war Klaus Mann 23 Jahre alt. Es handelt sich also um ein Frühwerk. Der Sohn Thomas Manns, der für die kurze Zeit seines Lebens im Schatten seines berühmten Vaters stand, hatte da bereits beträchtliche Widrigkeiten seiner Bildungskarriere hinter sich. Er hatte das Gymnasium in München abgebrochen, und zwei weitere gescheiterte Versuche in Privatschulen, unter anderem der zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Odenwaldschule, hinter sich. Stattdessen waren bereits einige Erzählungen erschienen, mit denen er positiv auf sich aufmerksam machen konnte. Der Roman einer Utopie, wie Klaus Mann ihn selbst nannte, war sein erstes größeres Werk. Alexander, so der Titel, schilderte in einer erstaunlich elaborierten Sprache den Weg dessen, der in den Geschichtsbüchern „Der Große“ genannt wurde und wird.

Was den Roman so erstaunlich macht, ist die erzählerische Konsistenz und die Reife, mit der der Weg des jungen Mazedoniers nachgezeichnet wird. Historisch genau werden die Stationen seines atemberaubenden Weges nachgezeichnet. Neben der Faszination für die homoerotischen Implikationen der Persönlichkeit, die zur intrinsischen Motivation des Autors werden gehört haben mögen, schildert Klaus Mann in dem Werk die Persönlichkeitsveränderungen, die der ungeheure Zuwachs von Macht mit sich brachten. Aus dem juvenilen Liebling seiner Generation wurde zunehmend ein vereinsamter, verhärmter, in sich selbst und in seiner Liebe zu sich selbst verirrter  Mann, der sich seinem eigenen Gefolge nicht mehr durch die Vision einer gemeinsamen Perspektive verständlich machen konnte.

Wenn Erfolg der Treibstoff jeglicher Motivation genannt wird, dann ist es im Hinblick auf den Machtzuwachs ein irritierender, in die Irre führender Indikator. Macht, als Mittel zum Zweck, degeneriert in seinem Zuwachstempo zu einer nicht mehr zu kompensieren Eigendynamik, die isoliert und verbittert. Klaus Mann zerrt diese Erkenntnis in seiner Erzählung immer wieder zurück auf die Realität von Alexanders Beziehungen zu seinen nächsten Weggefährten, zu denen er auch erotische Beziehungen pflegte. Zunehmend kommen ihm die Fähigkeiten abhanden, deren eine soziale Beziehung bedarf: Alexander hörte nicht mehr zu, er nahm nur noch Gefühle entgegen, ohne in der Lage zu sein, sie zu erwidern und er verlor das Maß an Empathie, das erforderlich ist, erfolgreich zu kommunizieren.

All diese Eigenschaften besaß der junge Mann, als er mit seinen Getreuen auszog, ein Weltreich zu schaffen und seine Grenzen zu erreichen. Mit der Dimension des Erfolges wuchs das Dilemma. Er verlor die Fähigkeiten, die ihn zur Größe gehoben hatten mit dem Tempo, mit dem er erfolgreich wurde. Das ist eine weise Betrachtung, die unter normalen Umständen jenen vorbehalten bleibt, die bereits ein reiches Leben hinter sich haben.

Dass Klaus Mann im Alter von 23 Jahren zu so etwas fähig war, spricht für seine großartigen Fähigkeiten. Dass ihm das auch erzählerisch gelungen ist, macht das Buch zu einer aufregenden und denkenswerten Lektüre. Alexander ein gelungenes Frühwerk zu nennen, ist deshalb zu kurz gegriffen. Es hilft auch heute, gut neunzig Jahre nach seiner Veröffentlichung, um den Ruhm in dem gebrochenen Licht zu betrachten, der ihm gebührt! Chapeau!