Fredy Gareis. 100 Gramm Wodka. Auf Spurensuche in Russland
Die Zahlen über die in Deutschland lebenden Menschen, die mal als Russlanddeutsche, mal als Bürgerinnen und Bürger mit russischem Hintergrund bezeichnet werden, schwanken beträchtlich. Dennoch sollte man sich die Dimension vor Augen führen: die vorsichtigsten Schätzungen gehen von 2.5 Millionen aus und die Zahlenwerke reichen bis zu 4 Millionen. Ein, angesichts der jüngsten historischen Ereignisse, nicht zu unterschätzender innenpolitischer Faktor.
Der Journalist Fredy Gareis, seinerseits 1975 in Alma-Ata geboren und in Rüsselsheim aufgewachsen, zählt zu dieser Gruppe. Am Sterbebett seiner Großmutter, die nach einer langen, beschwerlichen und zumeist verschwiegenen Lebensreise es bis nach Mannheim geschafft hatte, nimmt er sich vor, das Land seiner Familie und seiner eigenen Herkunft und die Orte aufzusuchen, an denen sich seine Familie auf den verschiedenen Stationen zwischen gemäßigtem Wohlstand, Deportation, Zwangsarbeit und den großen Mühlen der Weltpolitik aufgehalten hatte.
Sein Reisebericht, der unter dem Titel „100 Gramm Wodka. Auf Spurensuche in Russland“ erschienen ist, ist eine atemberaubende Schilderung, allein wegen der geographischen wie emotionalen Weiten, die es für den Erzähler zu überwinden galt. Die Reise begann im europäischen Geist entstandenen Sankt Petersburg, ging über Moskau, den Kopf Russlands, bis zum pazifischen Magadan. Insgesamt 12.000 Kilometer hat Gareis zurückgelegt, im Auto und auf der Schiene. Dabei hat er Menschen unterschiedlichster sozialer Zugehörigkeit wie ethnischer Provenienz getroffen. Die Begegnungen bestätigen unzählige Vorurteile, die hierzulande gegenüber Russland gepflegt werden, aber sie eröffneten auch Sichtweisen, die weder populär noch spektakulär sind, die jedoch dazu beitragen, dieses gewaltige wie gewalttätige Land besser zu verstehen. Auch wenn letzteres in einer mehr und mehr in den unaufgeklärten Wahnsinn abgleitenden Gesellschaft nicht mehr dazugehören mag.
Der eigentliche Anlass der Reise, die eigene Familiengeschichte zu erhellen, gerät dabei nicht in Vergessenheit. Der immer wieder vorgenommene Rekurs auf die Geschichte, von der Anwerbung deutscher Handwerker durch Katharina der Großen, deren Ansiedlung im Wolga-Gebiet, ihre ersten Deportationen während des napoleonischen Feldzugs, die weiteren Umsiedlungen während des I. und während des II. Weltkrieges, ihr Einsatz in den Gulags und die Rückkehr aus dem fernen Asien in die spätere Bundesrepublik. Gareis selbst beendet seine Reise in Magadan am Ochotskischen Meer.
Auch wenn ein Reisebericht als Lektüre wohlbehalten bei einer Tasse Tee zu verrichten ist, hat mich „100 Gramm Wodka“ emotional sehr angestrengt. Er verdeutlichte am Beispiel der Geschichte der so genannten Russlanddeutschen die Leiden und Verheerungen der europäischen Geschichte, er gab ein bewegendes Bild über die emotionale Befindlichkeit derer, die von einer unendlichen wie unwirtlichen Weite in die nächste getrieben wurden, er verdeutlichte, dass Menschen, die die russische Seele verkörperten, diesen Menschen aber auch Hoffnung vermittelten und ihnen dazu verhalfen, zu überleben. Und der Autor Fredy Gareis fand heraus, warum seine Verwandten nie darüber sprechen konnten und wollten. Bei einem traditionellen Borschtsch, bei eingelegten Gurken und Tomaten, bei Kartoffelsalat, bei Wodka und Tee und einer russischen Napoleon-Torte, deren helle Creme den russischen Winter versinnbildlicht, an dem nicht nur ein Invasor scheiterte.
