Nichts als Trägheit und Defätismus?

Kürzlich bekannte sich mir gegenüber ein älterer Herr, der weit gereist und in einigen Ländern Organisationen geführt hatte, dass er nicht wüßte, ob er, trotz seiner reichhaltigen Erfahrung, in der Lage wäre, die Dinge besser zu managen, als dieses momentan geleistet würde. Damit meinte er nicht nur Organisationen, Unternehmen und die Politik, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Bemerkung verdient Anerkennung. Normal ist es in diesen Sphären nicht, dass jemand an seiner eigenen Fähigkeit zweifelt, in neuartigen und komplexen Situationen richtig und gut handeln zu können. Üblicherweise blicken die Senioren des Metiers leicht arrogant und vollmundig auf das aktuelle Geschehen und sparen nicht mit Tadel und Herablassung denen gegenüber, die momentan die Verantwortung tragen. Insofern wäre die Bemerkung, unter dem Aspekt, wie es weiter gehen soll, schon einmal ein Anfang.

Nicht, dass es nichts zu kritisieren gäbe. Vieles sogar. Aber alles, was seit Jahren in die falsche Richtung läuft, allein denen zuzuschreiben, die momentan in Verantwortung sind, ist billig. Diese Feststellung fällt etwas schwer, weil in dem einen oder anderen Bereich Fehler gemacht wurden, die im wahren Sinne des Wortes nachhaltig sind und deren Korrektur nicht mehr möglich ist. Aber bleiben wir bei der Grundaussage. Wie wäre es, wenn diese ewige, unproduktive und lediglich auf dem Medienmarkt interessante Diskussion um Schuld und schlechten Charakter ausbliebe und man damit begänne, gemeinsam zu überlegen, wohin die Reise in Zukunft gehen soll.

Der Besitz- und Klassencharakter spricht gegen ein solches Vorgehen, damit niemand der Träumerei und Illusion bezichtigt werde. Da existieren Gruppen, die sich durch ihre Existenz und ihr Verhalten von der Gesellschaft abgekoppelt haben und alles tun werden, um einen solchen Diskurs zu verhindern. Sieht man sich den gegenwärtigen Wahlkampf an, dann wird deutlich, dass sie bereits dabei sind, alles zu diskreditieren, was einen Diskurs der Gesellschaft und nicht der gewöhnlichen Lobbygruppen ausmachen würde und auf eine Strategie abzielte, die mehrheitsfähig wäre. Die Sprechblasen so mancher politischen Marionette bezeugen, dass das Votum des vermeintlichen Souveräns in diesen Kreisen nichts zählt. 

Noch, so eine weitere These, ist es nicht zu spät, mit allen, die den Konsens pflegen, dass die Gesellschaft die Sache der Menschen ist, die in ihr leben, an einer Zukunftsvision zu arbeiten, die sehr viel zu tun hat mit einer Friedensarchitektur, mit wirtschaftlicher Potenz und dem damit verbundenen Wohlstand und die von dem hohen Gut der Selbstbestimmung ausgeht.

Die Diskussionen vor einer Wahl wären geeignet wie nichts anderes, sich über diese Fragen auseinanderzusetzen. Dass kaum etwas in dieser Richtung stattfindet, ist das beste Indiz für einen um sich greifenden Unwillen. Für den Unwillen derer, die momentan die Verantwortung tragen, zuzugeben, dass sie es alleine nicht werden richten können. Für den Unwillen derer, die von dem ganzen Desaster vom heißen bis zum Wirtschaftskrieg profitieren. Und für den Unwillen vieler, die das hohe Gut des Individualismus zu einer Form des bräsigen Konsumismus haben verkommen lassen. Und, by the way, durch Konsumverhalten wurde noch nie eine Gesellschaft verändert. 

Alles, was daran hindert, die offene und ehrliche Diskussion um eine gesellschaftliche Zukunft zu führen, ist nichts anderes als ein Indiz für Trägheit und Defätismus.

Freiheit durch Verlust

Wir neigen dazu, bei Verlusten traurig zu sein. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die uns etwas bedeuten. Die Gründe sind vielfältig. Mal trennen sich Wege, auf denen man lange zusammen geschritten ist. Es kann sein, dass sich etwas ereignet hat, dass zu einem unerwarteten Bruch führte. Mal ist es ein längerer Prozess, der die Entfernung vergrößert, bei dem sich beide Seiten darüber grämen und sich immer wieder fragen, wie es dazu kommen konnte. Und selbstverständlich können es die immer wieder bemühten höheren Mächte sein, die eine soziale, menschliche, emotionale Bindung zu anderen Menschen beenden, wozu irgendwann und immer auch der Tod gehört. Egal, wie es sich vollzieht, selten führt ein Verlust menschlicher Konnektivität zu spontaner Freude. Oft ist es Trauer, manchmal Wut, und es kann auch zu  Verzweiflung führen.

Bei diesen Ausführungen kommen mir diejenigen in den Sinn, denen das Schicksal ihre Jugend geraubt hat und die, als sie noch von einem Leben vor sich träumten, in Uniformen gesteckt und in einen Krieg geschickt wurden, den sie weder wollten noch mochten. Sie lernten auf brachiale Weise, wie mit Verlusten umzugehen ist. Täglich, stündlich, verloren sie Freunde, mit denen sie am Tag zuvor noch gescherzt und über eine vor ihnen liegende Zukunft gesprochen hatten. Und diese Erfahrung machten sie über Jahre, bis das Gemetzel ein Ende hatte. Und später, als das alles hinter ihnen lag, kompensierten sie diese Erfahrung mit einer Härte, die ihre Nachkommen nicht verstanden. Da wurden Verluste vermeintlich bagatellisiert und man bekam den Rat, kühlen Blickes mit so etwas umzugehen. Du kannst fallen, hieß es da, aber du darfst nie liegenbleiben, du musst immer wieder aufstehen. Oder man bekam die Weisung, sich den Mund abzuwischen und sich weiter um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. 

Neben der Sozialisierung im Umgang mit permanenten Verlusten im Krieg existiert allerdings auch noch eine Form der Betrachtung, die einem tiefen humanistischen Denken entspricht. Spräche man mit einer zeitgemäßen Terminologie, so praktiziert sie ein Reframing. Sie erachtet den Verlust nicht exklusiv als ein verletzendes Ereignis, sondern auch als einen unerwarteten Zuwachs an Freiheit.  Wenn Bindungen sich lösen, ist man freier. So einfach wie überzeugend ist auch dieser Gedankengang. 

Was in Bezug auf Menschen vielleicht bei der ersten Überlegung etwas zynisch klingen mag, was es allerdings nicht ist, stellt sich als eine großartige Inspiration heraus, wenn es um Gewissheiten geht. Und in dieser Situation befinden wir uns seit einiger Zeit. Die Welt, unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft bieten nicht mehr die Gewissheiten, die wir seit langer Zeit gewohnt waren. Und, ganz wie bei menschlichen Beziehungen, es ist mehr als folgerichtig, dass wir zunächst in Trauer und schmerzhafte Reaktionen verfallen, wenn wir uns von diesen Gewissheiten verabschieden müssen. Die Zeitläufe sind allerdings so, dass wir gut beraten wären, diesen Modus so schnell wie möglich zu verlassen und uns dem zuwenden, was die Möglichkeiten der neuen Freiheit mit sich bringen mag.

Jetzt ist die Zeit, um sich an diejenigen zu erinnern, die ihre Jugend im Krieg verbracht haben und danach in Zeiten des Verlusts strikt dazu rieten, aufzustehen, sich den Mund abzuwischen und sich neuen, wichtigen Aufgaben zuzuwenden. Das Leben und die Geschichte sind immer gute Ratgeber.  

Verbrennen wir die Farben! Seien wir pragmatisch!

Seien wir einmal ehrlich! Programmatisch verbreitet der gegenwärtige Wahlkampf Langeweile. Nichts, was nicht schon bekannt wäre und nicht das Aroma einer Wiederholung verströmte. Alle antretenden Parteien kommen, wenn überhaupt, mit politischen Aussagen oder Ankündigungen um die Ecke, die sie schon immer im Repertoire hatten. Und, auch das wie immer, viele der Spots und Plakate, sind ohne jeglichen politischen Inhalt. Käme man nach langer Zeit aus einem anderen, fernen und fremden Land, hätte man das Gefühl, auf Altvertrautes zu stoßen. 

Dass die Welt sich im letzten Jahrzehnt dramatisch verändert hat, kann man am Auftreten der politischen Parteien hierzulande nicht erkennen. Einmal abgesehen von lange zurückliegend geglaubten Ressentiments aus dem Kalten Krieg, die ein großes Revival erlebt haben, ist alles beim Alten geblieben. Die einen hauen mit uralten neoliberalen Parolen auf die Pauke, die anderen kommen mit einem Erste-Hilfe-Kasten vor das Wahlvolk und versprechen ihm etwas Linderung bei akuten Verletzungen, dritte wiederum singen ein Öko- und Klima-Lied, das bei der gleichzeitigen Kriegsmentalität einer Inszenierung aus dem absurden Theater gleicht. Und diejenigen, die sich nicht nur gegen den Krieg als Mittel der vermeintlichen Interessenvertretung stellen, sondern auch auf die Auswirkungen bereits geführter Kriege hinweisen, bekommen zwar Zuwachs, werden aber gleichzeitig kollektiv von den programmatisch Stehengebliebenen als Spione des Feindes bezeichnet oder gar des Rechtsradikalismus bezichtigt. Demnach, nur als Hinweis an diejenigen, die zumindest guten Willens sind, wäre ein Willy Brandt heute ein Agent Putins und Helmut Schmidt ein gesichert Rechtsradikaler.

Die Dummheit und Kuriosität einer museal verharrenden Politiklandschaft dokumentiert in bedrückendem Maße, in welch verheerenden Zuständen wir uns befinden. Denn wenn eines offensichtlich ist, dann ist es die Unfähigkeit, aus den sicherlich kostspieligen und schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre Schlüsse zu ziehen und die Politik zu ändern. Alles erinnert an das in der Poesie immer wieder bemühte Narrenschiff, bei dem vom Kapitän bis zum Hilfsmatrosen niemand mehr eine Vorstellung davon hat, wie die totale Havarie verhindert werden kann.

Die mediale Begleitung dieses Trauerspiels entspricht seinem Charakter. Da geht es nicht um gute Ideen, um Vorstellungen zu gehender Wege, von Konzepten, die die Bevölkerung inspirieren und zum Mitmachen anstiften könnten, sondern um Lug und Trug, um Verdächtigungen und Diskreditierungen. Es fehlt nicht mehr viel, und der ganze Unrat einer aus der Zeit gefallenen Gosse wird von den ehemaligen Flaggschiffen des Journalismus auf das Volk hinabgeschüttet. Schon heute befällt immer mehr Menschen die Scham bei der Betrachtung dieses Niedergangs. Und spätestens nach dem Tag der Wahl wird es losgehen, das Verurteilen einer geistig minderbemittelten, intellektuell überforderten und von seinen Bildungsdefiziten gezeichneten Bevölkerung. Sehen sie sich die Journale und Kommentare am Tag danach an! Es wird so kommen!

Was die Frage aufwirft, ob es überhaupt etwas Klügeres gibt, als die möglichen Koalitionen derer, die einer grundlegenden Veränderung unfähig sind, sich selbst zu überlassen. Um Zeit zu gewinnen, für einen Neuanfang.  Ja, der muss demokratisch sein. In seinem tiefsten Sinn. Ohne Ressentiment oder Belehrung. Wie schrieb vor kurzem ein kluger Zeitgenosse? Wir haben nur eine Perspektive, wenn es gelingt, dass unsere schöpferischen Kräfte in der Lage sind, das Ressentiment in Schach zu halten. Verbrennen wir die Farben! Seien wir pragmatisch!