Ostenmauer – 18. Langeweile und Freiheit

Das Phänomen der Langeweile lässt sich denjenigen schwer beschreiben, die reizüberflutet sozialisiert wurden. Ich habe einmal einen Test gemacht und jungen Frauen die Verfilmung von Tennessee Williams Endstation Sehnsucht vorgespielt. Wer diese Art der Gestaltung kennt, weiß, dass dort immer wieder Sätze im Raum stehen, die in sich ruhen und auf die nicht gleich eine Reaktion kommt. Das Warten, das Verarbeiten, das Schweigen, alles gehört zu dem Konzept des Vestehens. Meine Testpersonen hielten das nicht lange aus. sie protestierten umgehend und wiesen darauf hin, dass sie das nicht lange aushalten würden. Als ich sie um mehr Geduld bat, strengten sie sich einige Minuten länger an. Doch dann brach der Sturm los. Der Versuch musste abgebrochen werden. Sie ertrugen es einfach nicht.

Ähnliche Beobachtungen können überall gemacht werden. Irgendwo sitzen, Beobachten und Warten, das alles existiert nicht mehr. Das ist kein Tadel. Denn mein Motiv, der Langeweile, die eine ganz andere, für heutige Verhältnisse unvorstellbare war, zu entfliehen und nach einem anderen Leben zu suchen, entsprang auch der Ungeduld. Wie gesagt, es gab ja nichts. Außer einem Klub, in dem gute Musik, die selbstverständlich nicht im Radio zu hören war, gespielt wurde und mit Menschen zu sprechen, die die Monotonie und die Hierarchie auch nicht mehr aushielten, gab es an den Wochenenden nichts. Ich wiederhole: Nichts. Und wenn ich zu dem Klub wollte, musste ich in eine andere Stadt, die 25 Kilometer entfernt war. Und da ich kein oder kaum Geld hatte und am Wochenende sowieso keine Busse fuhren, musste ich trampen. Manchmal, wenn ich ankam und der Klub noch nicht geschlossen hatte, blieben mir ein bis zwei Stunden. Dann konnte ich montags auf ein ereignisreiches Wochenende zurückblicken. Manchmal kam ich aber auch gar nicht an.

Was blieb, war die Fähigkeit, tatsächlich irgendwo zu sitzen, weil es nicht mehr weiterging und keine Information kam. Wenn die Freundin nicht in dem Zug saß, in dem sie kommen wollte und der nächste erst in einer Stunde kam. Dann blieb nichts anderes als zu warten. Und dann sah ich die damals als Gastarbeiter bezeichneten Männer, die sich auf dem Bahnhof trafen, weil der irgendwie der Hafen ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte war. Da kamen die Leute an und von dort wollten sie auch irgendwann wieder zurück. was den wenigsten gelang. Sie, die dort herumsaßen wie ich so oft, waren die ersten Kontakte zu einer anderen Welt, die ich knüpfte. Ich lernte, wie die vergeblichen Wege, wie der Wartesaal zu einer Stelle der Begegnung wurde. Dort, wo ich aufwuchs, konnte ich das bereits kultivieren. Und ich habe es immer so gemacht, bis heute. Irgendwo hinsetzen, das Geschehen beobachten und als das betrachten, was es ist: eine wichtige Episode der Existenz. Dann dauert es nicht lange, und ich werde vom Beobachter zum Akteur. 

Abgesehen von dem Vorhaben, was im Englischen so prächtig Killing Time genannt wird, gelingt es so, aus der scheinbaren Leere ein Ort der Erkenntnis zu machen. Das ist alter Stoff, der bereits von den Stoikern zur Genüge erklärt wurde. Aber die eigene Erfahrung, sich in einer unerträglichen Langeweile zu wähnen und mit vielen neuen Einsichten aus ihr herauszutreten, weil die eigene Agenda gar keine Rolle mehr spielt, ist Reichtum. Das öffnet die Sinne. 

Ich erinnere mich an eine Episode, als wir, jung und voller Tatendrang, in einer Clique junger Männer einmal wieder auf Tour waren und in einer Großstadt so richtig auf den Putz hauen wollten. Wie bei diesen Gelegenheiten üblich, hingen wir vor der Nacht noch in einer Kneipe ab und heizten mächtig vor. Und einer stellte die Frage, was sich jeder vorstellte, einmal unbedingt machen zu wollen, was er sich wirklich wünschte, aber momentan nur ein Traum sei. Die Antworten kamen, sie bezogen sich auf Weltreisen, Liebesabenteuer, Luxus und Macht. Nur einer, ein Bär von einem Mann, seinerseits von Beruf Schmied, der sagte: Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich gerne einmal einfach so dasitzen. Wir alle brachen in schallendes Gelächter aus und sein Beitrag galt lange als der running Gag. Viel später begriff ich: er war der Klügste von allen. Sein Wunsch ist unbezahlbar! 

Monotonie und Erlösung reichen sich manchmal die Hand

Die Form der affirmativen Demokratie

Um den Zustand einer Gesellschaft, die sich auf die Demokratie beruft, beurteilen zu können, kann man sich auf verschiedene Ebenen begeben. Die Parteienlandschaft ist immer ein Indiz. Wenn Parteien zugelassen sind, die ihrerseits alles andere als die Interessen der großen wie herrschenden Gruppen vertreten, kann das als ein wichtiger Hinweis gelten für gewährte Pluralität. Wenn allerdings bei allen Parteien etwas anderes vertreten wird als das, was auf dem Label steht, sollte man schon einmal genauer hinsehen. Eine andere Kategorie bilden die Medien ab. Wenn auch dort unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte zum Tragen kommen, als die herrschende Meinung, spricht das ebenfalls für demokratische Konnstitutionsprinzipien. Ist dies jedoch nicht der Fall und ist zu beobachten, dass, ganz im Gegenteil, die existierenden Medien eine Treibjagd auf alles veranstalten, was als reale Opposition bezeichnet werden müsste, sollten alle Alarmglocken läuten.

Ein weiteres, letztendlich das wohl bestechendste Indiz für den tatsächlichen Zustand einer Gesellschaft, die sich Demokratie nennt, sind die Institutionen, die sui generis dazu dazu da sind, den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten. Es handelt sich einerseits dabei um das Kabarett und die politische Komödie und die Saturnalien der Moderne, den Karneval oder Fasching. Gerade in diesen Tagen feiert letzterer seine Hochzeit und es wird in bedrückender Weise deutlich, was das Kabarett bereits seit einiger Zeit vorexerziert. Die genuine Aufgabe, den Herrschenden den Marsch zu blasen, wurde einem Paradigmenwechsel unterzogen. Das Kabarett hat sich bereits seit geraumer Zeit dazu entschieden, auf jede Art von Opposition loszugehen und zwar zum Teil im Wortlaut der Herrschenden. Dafür regnet es Preise. Diejenigen, die ihren devoten Charakter am hemmungslosesten und damit künstlerisch am trivialsten zur Schau tragen, bekommen die renommiertesten Preise. Und, stets mit dem Signet, sich besonders um die Demokratie verdient gemacht zu haben. Aus dem Munde derer, die in den höchsten Ämtern weilen.

Karneval und Fasching haben sich in diesen Tagen dem Trend angeschlossen und damit letztendlich das Ende des Genres eingeleitet. In kaum zu ertragender Weise waren aus den Bütten Hetztiraden zu hören, die mit dem rebellischen Geist des Ursprungsgedanken nichts, mit dem devoten Gekläffe von Untertanen allerdings sehr viel zu tun hatten. Sie dokumentierten, wie ihre schreienden Kumpane aus dem Kabarett, wie es um die Demokratie bestellt ist. Die letzten Bastionen sind gestürmt. So degoutant das alles ist, so erkenntnisreich ist es auch. Und gerade dieses Phänomen zeigt, dass es mittlerweile einer nostalgischen Regung gleicht, den jetzigen Zustand noch als Demokratie zu bezeichnen.

Wollte man polemisch sein, dann müsste man den existierenden Kanon des öffentlichen Diskurses als affirmative Demokratie bezeichnen. Affirmativ in dem Sinne, als dass man innerhalb der Gemeinschaft nur noch dann die Zugehörigkeit zur Demokratie zugesprochen bekommt, wenn man die gleichen Gewissheiten pflegt und, das vor allem, die gleichen Feindbilder teilt, wie die, die die tatsächliche Macht besitzen und diejenigen, die in deren Sinne die Geschäfte führen. Das alles ist eine nette Übung für alle, die ihre Sensorik beim letzten Sperrmüll entsorgt haben. 

Man sollte sich nichts vormachen. Die Form der affirmativen Demokratie ist ein Widerspruch in sich. Und sie endet im Autoritatismus. 

Ein gemeucheltes Bündnis und ein verzocktes Europa

Wenn nicht alles so traurig wäre! Da geht eine Szene aus dem Oval Office viral, bei der ein amerikanischer Präsident einem ukrainischen Gast die Leviten liest. Und das kollektive Europa fällt vor Entsetzen in Ohnmacht. Das, worum es dort ging, hat in der Tat sehr viel mit Europa, dem amerikanisch-europäischen Verhältnis und dem momentan in der Ukraine vonstatten gehenden Krieg zu tun. Und das Entsetzen, das sich breit gemacht hat, beruht exklusiv auf einem Umstand: das auf beiden Seiten des Atlantiks gepflegte Narrativ vom völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine wird geschreddert. Man sollte bedenken, dass die Demontage des Narrativs, das aus den Federn amerikanischer Demokraten entspringt, wird in weiten Teilen der Welt begrüßt. Das, was der hierzulande als Satan bezeichnete amerikanische Präsident Trump dort zum besten gegeben hat, sind keine Fake News. Der Krieg hat eine Vorgeschichte und die Ursachen liegen auch in dem durchaus planmäßigen Vorgehen der NATO. Und, was viele am meisten entsetzt, Trump will dem Morden auf beiden Seiten ein Ende bereiten. Nicht aus philanthropischen Motiven, sondern aus Interesse.

Bevor das Urteil blitzschnell und blank geputzt auf dem Tisch liegt, möge noch der Verweis auf ein kurz nach dem Eklat durchgeführtes Interview des Nachrichtensenders CNN mit dem us-amerikanischen Außenminister Marco Rubio erlaubt sein, (https://youtu.be/P4MzGljlpr8), in dem nicht nur erklärt wird, was den Szenen vorausgegangen ist, sondern einem von Kenntnissen über das Wesen von Diplomatie entwöhnten Publikum dargelegt wird, was zu tun ist, um Konfliktparteien mit der Bereitschaft zur Verhandlung an einen Tisch zu bekommen. Das mag im ideologisch und mental verseuchten Deutschland besonders schwerfallen. Aber, so Rubio, auch im Verweis auf Selenskys Auftritt, mit der Beschimpfung der anderen Konfliktpartei sinkt die Wahrscheinlichkeit der Verhandlungsbereitschaft genauso wie mit dem Präsentieren eines Katalogs von Bedingungen. Alles dies, so Rubio, kann erst zur Sprache kommen, wenn die Konfliktparteien am Tisch Platz genommen haben. Nach einer teuflischen Finte klingt das nicht, sondern es entspricht der Erfahrung derer, die derartige Verhandlungen bereits erfolgreich geführt haben. Und, um es so deutlich zu sagen, ob es sich um südamerikanische Viehhändler, chinesische Kaufleute oder französische Industrielle handelt. Sie wissen alle, wie so etwas geht.   Nur im deutschen diplomatischen Chor schlagen solche Banalitäten wie der Blitz ein. 

Es sei, wie bei der Sequenz des Disputs zwischen Trump und Selensky und genauso wie bei dem Rubio-Interview geraten, sich alles anzusehen und sich nicht auf die öffentliche Berichterstattung zu verlassen. Die ist nämlich seit langem schäbige Partei. Man höre sich die Rede von Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz an und beobachte, was daraus gemacht wurde. Dann wird deutlich, was mit dem Vorwurf gemeint ist.

Während die mediale und politische Gesellschaft kocht und die abgewählte, aber noch im Amt wütende Kriegströte von Außenministerin von Ruchlosigkeit spricht, weil alles, was auf Frieden abzielt, ihrer regelbasierten Weltordnung nicht entspricht, sei noch einmal auf eine analoge Situation im Weißen Haus verwiesen. Da stand der deutsche Bundeskanzler neben dem damaligen us-amerikanischen Präsidenten Biden und hörte sich mit einem verlegenen Lächeln an, wie dieser ankündigte, wenn nötig, die deutsche kritische Infrastruktur in der Ostsee zu zerstören.  Der starke Mann des Bündnisses verkündete einen Terrorakt gegen ein anderes Mitglied, der letztendlich auch stattfand und wiederum bei anderen Bündnispartnern Jubel auslöste. Was wäre dort wohl passiert, wenn Scholz als Kanzler der Deutschen Flagge gezeigt hätte?

Aber, ich weiß, derartige Demütigungen und Zumutungen werden kollektiv verschwiegen. Und wenn sich die Traumatisierung irgendwann in roher Gewalt Bahn bricht, kann es wieder keiner erklären oder irgendein Teufel aus dem Ural hat alles gesteuert. Das Bündnis, das nun als bedroht angesehen wird, wurde damals gemeuchelt. Von Joe Biden. Aber der gehört ja zu den Guten. Und das freie Europa? Es hat sich verzockt. Was bleibt, ist eine große Hirnleere und eine Unmenge Hass. Hausgemacht! Garantiert!