Die sedierte Gesellschaft

Erst wenn sich Überdruss breit macht, strebt die ganze Geschichte auf einen Siedepunkt zu. Solange es noch gelingt, dass sich große Teile der aktiven Diskutanten wie die Schakale auf Symbole stürzen, um ihre Aggressionen an den Mann zu bringen, ist diese Phase noch nicht erreicht. Noch gelingt es, ab und zu den Menschen, die sich als engagiert betrachten, ein Stöckchen hinzuhalten, und schon setzen sie zum Sprung an. Und je ferner die angeblich so aufregende Angelegenheit von der realen Lebenswelt entfernt ist, desto intensiver wird darüber gestritten. Im fernen Amerika gibt es ungeheuer viele Dinge, über die es sich zu echauffieren lohnt, da sind die Experten im Auftrag der medialen Meinungsmaschinen bis zum Überschlagen der Stimme kritisch. Russland, das sich in der alleinigen Hand des Despoten Putin befindet, ist ganz selbstverständlich zum heldenhaften Aufbegehren geeignet wie der totalitäre Überwachungsstaat China. Und die Araber sind, in allen Variationen, mit ihrem Islam schon immer blutrünstige Säbelschwinger gewesen.

Und, wenn das Abarbeiten an anderen Ländern, sozialen Systemen oder auch exponierten Figuren so gut funktioniert, warum sollten sich die profiliertesten Platzhirsche eines bis zur Unkenntlichkeit verkommenen Diskurses da noch um die Verhältnisse im eigenen Land kümmern? Das könnte ja Folgen haben. In einem Land, in dem es nicht weniger drunter und drüber geht als in den gestern noch lupenrein demokratischen und heute schon kriminell despotischen USA, da verbrennen sich die Experten mit den Hasenherzen nicht so gerne den Mund. Da kuschen sie mit ihren geübten Akzenten und verpfuschten Punkfrisuren und pflegen eine Konversation wie an einem Mädcheninternat der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Artig sitzen sie da, legen ihre panisch schwitzende Hände auf die keusch zusammen gekniffenen Knie und sagen die Gedichte auf, die ihnen ihre Herren und Gebieter als Hausaufgabe aufgegeben haben.

Nein, mit dem, was eine jede Gesellschaft ausmacht, in der der Gleichheitsgrundsatz genauso gilt wie die Rechtssicherheit und der Wettstreit um den besseren Weg, ist ein derartiges Schauspiel, wie es die Bundesrepublik Deutschland momentan bietet, nicht zu vergleichen. Wenn man so will, trotz allem lauten Geschrei, treffen wir hier auf eine sedierte Gesellschaft.  Diejenigen, die jetzt auch gefragt wären, versinken in elitärem Konsumismus und die Underdogs sind zu sehr damit beschäftigt, legal am Leben zu bleiben. Was nicht heißt, dass das alles so bleiben muss. Was heute aussieht wie ein Friedhof, kann morgen schon ein Schlachtfeld sein.

Es existieren Zeichen, die darauf hindeuten, dass alles, was aus den Organen der Regierungsführung wie der Meinungsbildung abgesondert wird, seine Wirkung zunehmend verfehlt und der Überdruss auf Expansionskurs ist. Kaum jemand von jenen, die noch versuchten, sich mit den hingeworfenen Argumenten auseinanderzusetzen, wird noch von Wut und Zorn übermannt. Die Zorndepots sind bereits prall gefüllt und was sich zum wachsenden Überdruss gesellt, das ist das Lachen. Und letzteres ist immer ein sicheres Indiz dafür, dass die herrschenden Gedanken, die immer die Gedanken der Herrschenden sind, zielsicher auf ihr Verfallsdatum zugehen. Das Modell der sedierten Gesellschaft ist am Ende. Sie weiß es nur noch nicht. 

Die sedierte Gesellschaft

Krieg ist gut, Moral ist schlecht!

Nun hat sich ein Unding mit Hilfe zwielichtiger Gestalten ins Kanzleramt geschlichen und spielt dort das Spiel demokratischer Normalität. Was man dem staunenden Publikum konzedieren muss, ist ein nicht zu brechender Glaube an die Legitimität dessen, was es als demokratische Verfahren und seine Institutionen gelernt hat. Insofern muss man dem Plebs, wie er in den Köpfen der Demonteure genannt wird, eine überdimensionierte Portion guten Glaubens auf die Habenseite schreiben. Mehr aber auch nicht. 

Die eigene Lebenserfahrung nämlich hätte mehr zu sagen. Denn wer akzeptierte schon, bei sich zu Hause, in der Firma oder im Verein einen Vorstand, der mit einer gewissen Agenda ins Rennen ging und nach der Inthronisierung genau das Gegenteil von dem machte, womit er warb? Und wer erklärte sein d´ accord zu einem, der sich überhaupt nicht für die internen Belange interessierte und nur mit einem Megaphon über Land führe und in enervierender Lautstärke die eigene Bedeutung anpriese? Und wem würde nicht schlecht, wenn er sähe, wie unterwürfig und speichelleckerisch dieser Gernegroß sich verhielte, sobald er bei seinen Touren auf jemanden träfe, der mit mehr Gewicht und Gewalt zu brillieren wüßte?

Ja, die Enttäuschung bei vielen ist groß. Selbst bei denen, die das eigene Lager des Unding ausmachen. Sie reiben sich die Augen und sind noch benommen, von den Zurechtweisungen, die sie bereits seit der internen Inthronisierung erfahren mussten, wenn sie sich anmaßten, so etwas wie eine eigene Meinung zu artikulieren. Und dass das Gleiche bei der Partnerorganisation, mit der das Unding nun gemeinsam das Land massakriert, ebenso geschieht, passt in das Verständnis von Führung dieser Spezies von Dekonstrukteuren zumindest einer formalen Demokratie. Auch im anderen Lager reiben sich die niederen Kohorten die Augen und verstehen die Welt nicht mehr. Krieg ist gut, Moral ist schlecht und Verbrechen sind notwendige Operationen. Die Programmatik dieser Agentur lässt die Umwertung aller Werte in einem eigenartigen Licht erscheinen. 

Was die Köpfe in den Entscheidungsetagen eint, ist die vermeintliche Vorbereitung auf einen Krieg, der das Potenzial hat, in vielen Bereichen dieses Planeten endgültig das Licht ganz auszulöschen. Diejenigen, die das Gemetzel an Mensch, Zivilisation und Natur zum Geschäftsmodell haben, unterhalten solche Charaktere wie das Unding, um ihre chronisch kranke Gier weiter zu stillen, obwohl es gar nicht geht. Die Sucht ist ein Modell, das mit sozialen Systemen als Leitmotiv nicht vereinbar ist. Aber, wen dieser Akteure würde das schon stören? 

Das Blättern in den Annalen bereits erlebter Katastrophen hilft zuweilen, um sich ein Bild von dem zu machen, was mit euphemistischer Verve versucht wird als alternativlos  an den Mann und an die Frau zu bringen. Da war in einem Journal, das kurz nach dem letzten großen Krieg erschien, zu lesen:

„„Mit welchen Waffen, was meinen Sie, wird man nach einem Atomkrieg dann künftige Kriege führen?“ fragte ein Journalist einen hohen amerikanischen Offizier, der an den Atombombenversuchen auf Bikini teilgenommen hatte.

„Wahrscheinlich mit Pfeil und Bogen“, antwortete der Befragte lakonisch.““

Um lakonisch zu bleiben: In der Erkenntnis, wohin eine bestimmte Politik und der Einsatz von Waffen führen kann, waren vorhergehende Generationen bereits wesentlich weiter. 

Krieg ist gut, Moral ist schlecht!