Ostenmauer – 47. Things Ain ´t What They Used To Be

Wahrscheinlich haben viele die Erfahrung schon gemacht. Ein bestimmtes Erlebnis prägt sich nicht nur wegen des eigentlichen Geschehens ein, sondern es bekommt noch eine bestimmte, unverwechselbare Note, weil es mit Begleitumständen verbunden ist, die es eigentlich unvergesslich machen. Das hängt, wie so vieles, von den Präferenzen desjenigen ab, dem es widerfährt. Bei Menschen, die eine große Affinität zur Musik haben, wie es auch bei mir ist, werden die Umstände des Erlebens durch ein besonderes Stück Musik unvergesslich. Mir selbst ging das oft so und ich habe mir überlegt, ob es nicht reizvoll sein könnte, bestimmte Musikstücke in den Kontext der eigenen Erfahrung zu stellen.

Ich will den Versuch mit Duke Ellingtons Things Ain ´t What They Used To Be beginnen. Ich kannte das Stück damals noch nicht von ihm, sondern in einer Interpretation, die Musiker anläßlich des griechisch-britischen Blues-Musikers Alexis Körner zu dessen 50. Geburtstag gespielt hatten. Ich war von diesem Stück und seiner Botschaft sofort begeistert und hörte es gerne. 

Anlässlich der Einladung zu einer Hochzeit im portugiesischen Faro, auf der ein Brite, dessen Eltern wiederum aus Pakistan stammten und portugiesische Wurzeln hatten, eine Deutsche, nämlich meine Cousine, heiratete, fand sich folglich eine bunt gemischte Gesellschaft ein, die aus vielen Teilen der Welt stammte. Und es dauerte nicht lange und ich fand einen guten Kontakt zu einem schrill wirkenden Typen, der sich als Ire entpuppte und im damals vom Bürgerkrieg geschüttelten Belfast als Kinderpsychologe in einer Klinik arbeitete. Er erzählte mir, wie deprimierend es sei, zu sehen, wie die Kinder in dieser Stadt das meiste Leid an diesem von Gewalt geprägten Irrsinn zu ertragen hatten. Er war so weit, gestand er mir, dass er das selbst nicht mehr lange ertragen könne. 

Doch die Tiefe der ersten Gespräche verbargen noch eine andere Schwingung, die uns verband. Wir sonderten uns, zum Ärger seiner Frau und anderer Familienmitglieder, immer wieder von der Gesellschaft ab und machten die Nacht zum Tag. Und wir stellten sehr bald fest, dass uns der Jazz genauso verband wie der unbändige Lebensdrang. Da die Hochzeit ungefähr eine Woche dauerte, hatten wir genug Zeit, um uns immer wieder davon zu machen, um morgens, wenn die Sonne aufging, noch in irgend einer Spelunke im Hafen zu sitzen und gemeinsam auf dem Tisch zu trommeln. Dennis Morton, so war sein Name, hatte sich als Trompeter geoutet, blies dann die Melodie bestimmter Tunes auch ohne Instrument durch die Zähne und ich schlug dazu auf den Tisch. Zum Abschluss, wenn der Morgen schon längst sein aufdringliches Gesicht zeigte und wir uns ermahnten, dass wir es nicht übertreiben sollten, kam als Abschluss immer Things Ain ´t What They Used To Be. Es wurde unser Erkennungszeichen.

Wir hatten eine großartige Woche, und nachdem die wunderbare Feier zu Ende war, blieben wir in Kontakt. Über viele Jahre. Wir schafften es allerdings nie, uns noch einmal zu sehen. Ich erfuhr, dass Dennis mit seiner Frau irgendwann nach Edinburgh gegangen war und dort in seinem Beruf weiter gearbeitet hatte und dass er dem Jazz treu geblieben war und in einer Band spielte. Edinburgh war für einen Iren zu dieser Zeit auch kein angenehmes Pflaster und nach vielen Jahren fassten er und seine Frau den Mut, auch dort die Koffer zu packen und sie zogen ins irische Cork. Dennis schrieb mir in seinem letzten Brief, er ginge jetzt zurück nach Hause und er sei glücklich.

Doch, so ist das Schicksal, ihm war in der alten Heimat nicht mehr viel Zeit gegeben. Nach etwa einem Jahr erhielt ich die Nachricht, dass er an einem Krebsleiden verstorben war. Die Botschaft traf mich sehr, obwohl unser Treffen in Portugal mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurück lag. Noch einmal einige Jahre später traf ich seine Frau auf der Geburtstagsfeier des damaligen Bräutigams, dessen Schwester sie war. Wir unterhielten uns und sie berichtete mir über ihr Leben mit und ohne Dennis. Und dann sagte sie, ich solle einen Moment warten, sie hätte etwas für mich. Als sie zurückkam überreichte sie mir die alte Kamera von Dennis, mit der er damals die Bilder gemacht hatte, die als Andenken an diese wunderbare Woche bis heute dienen. Sie sagte mir, Dennis hätte das so gewolIt. Ich war sprachlos und ergriffen. Als ich das alte Lederetui öffnete, um das mittlerweile antike Instrument zu begutachten, fiel ein kleiner, vergilbter Zettel in meine Hände, auf dem in krakeliger, verzweifelter Schrift die Botschaft aus dem Jenseits stand: Things Ain ´t What They Used To Be!     

Things Ain‘ t What They Used To Be

Im Rausch der Vollendung

Je komplexer die Welt, desto zuverlässiger sollte das Koordinatensystem sein, dessen sich das im globalen Strudel befindliche Individuum zu bedienen hat. Das politische System ist ausschlaggebend. Denn es bestimmt, was den Menschen, die in ihm leben, an Bildung und Orientierung zur Verfügung gestellt wird. Die alte, zunehmend überkommene Dichotomie von Autokratie, Plutokratie, Oligarchie und Demokratie scheint zunehmend weniger hilfreich zu sein. Warum? Weil sich die Individuen, die als so genannte Normalbürger identifiziert werden, zwar systembedingt mehr unterscheiden denn je. Nur hat sich eine Dimension gravierend verschoben. Der Bildungsgrad der Masse derer, die in der demokratischen Staatsform sozialisiert wurden, ist in Bezug auf den Bildungsgrad radikal abgefallen. Ja, auch in der Demokratie existiert so etwas wie Hoch-Bildung. Sie trifft nicht auf die Masse zu, sondern sie ist ein an Besitz gebundenes Privileg geworden. Nicht formal, aber faktisch.

Es wäre ernüchternd, wenn man den Bildungsgrad aus den westlichen Massendemokratien mit den Menschen aus den Systemen vergliche, die hier und heute als das Böse schlechthin dargestellt werden. Es würde den Schleier, der zu dem didaktischen Mittel schlechthin in unseren Ländern avanciert ist, auf brutale Weise entreißen. Und betrachtet man das, was die jeweilige Politik versucht den Menschen im eigenen Land als das zu verkaufen, was das Etikett der Realität für sich beanspruchen könnte, so ist die Mystifikation im glorreichen Westen in einer Blüte, die mit demokratischen Verhältnissen nichts gemein hat.

Das Fatale an dem seit Jahrzehnten in den westlichen Demokratien grassierenden Wirtschaftsliberalismus ist ein gravierender Verfall dessen, was man in Zeiten vor dem semantisch-mentalen hochtrabenden Niedergang die Volksbildung genannt hat. Ursache dafür sind nicht nur die Vernachlässigung der staatlichen Bildungsinstitutionen, sondern auch die familiären und sonstigen sozialen Verhältnisse, die im Produktionsprozess des Kapitals geschreddert wurden, sondern auch das, was als Common Sense zu klassifizieren wäre. Der Stellenwert der Gemeinschaft ist bis auf die nur noch schattenhaft identifizierbaren Grundmauern niedergebrannt. 

Es herrschen Mystifikation und Tautologie, die Köpfe der Menschen gleichen mehr und mehr den Regalen in den Hyper- und Supermärkten, die kaum noch nach Ordnungsprinzipien sortiert sind, die Notwendigkeiten oder Kausalitäten erkennen lassen. Alles ist schön bunt und lustig, das, was das tatsächliche Leben mit seinen basalen Bedürfnissen und einer notwendigen Sozialstruktur ausmacht, ist verwischt und verbirgt sich hinter einem Warenangebot, dessen Nutzen nicht einmal mehr in Frage gestellt wird.

Sieht man sich die politische Lage auf dem Planeten und die Darstellung dieser Verhältnisse in dem bestehenden politischen System dazu an, dann fällt beim ersten Blick bereits auf, dass es keine qualitativen Kriterien für das eigene Handeln gibt. Das einzige Maß ist der vermeintliche Nutzen. Letzterer ist reduziert auf eine atomisierte Elite, die sich sicher glaubt, exklusiv nach dem eigenen Gutdünken alles zu rauben und verramschen zu können, was ihrem Gusto entspricht. Die Vollendung der Despotie hat sich legal in den Systemen des sich selbst demokratisch nennenden Westens gezeigt. 

Wer maßt sich an, angesichts dieser Verhältnisse, noch irgendwo mit einem moralischen Zeigefinger auf andere Entitäten zu deuten? Nur derjenige, der im Rausch der Vollendung meint, er sei der immerwährende Herrscher der Welt. Auch da, so muss konstatiert werden, ist es nicht weit her mit der Bildung. Denn nach dem Zustand relativer Ruhe folgt, zumindest das kann getrost als ein historisches Gesetz betrachtet werden, eine Phase rascher Veränderung. Nichts bleibt so, wie es ist. 

Im Rausch der Vollendung

Archaische Weisheiten und leuchtende Sterne

Wolf Wondraschek, Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen

Im Jahr 2021 wurde ein Buch noch einmal neu aufgelegt, das 2005 erschienen war und bereits zu diesem Zeitpunkt Texte enthielt, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden waren und sich mit den Höhen und Tiefen des Profiboxsports befassten. Es handelt sich um Wolf Wondrascheks „Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen.“ Angesichts eines bevorstehenden Boxkampfes, in dem wieder einmal nach einer neuen deutschen Hoffnung im Schwergewicht gesucht werden sollte und für den ich Karten bekommen hatte, nahm ich das Buch in die Hand und wollte mich ein wenig in die richtige Stimmung versetzen.

Und prompt war ich in der Welt der ganz Großen und Illustren, angefangen mit dem außerirdischen, bis heute über allem stehenden Muhammad Ali, The Greatest, über Max Schmeling,  Joe Frazier, The Locomotive, George Foreman, den Prinz von Homburg Norbert Grupe, Axel Schulz, Sir Henry Maske und die Klitschkos. Die Lektüre war eine Reise in die Vergangenheit, als der Boxsport rund um den Globus faszinierte, als er noch seine archaische Magie ausstrahlte und als dort Figuren unterwegs waren, die eine Aura hatten, die weit über den Ring hinausstrahlte.

Wondraschek, der sich immer zu dem Metier bekannte und der auch die Handschuhe anzog, trainierte und sich ab und zu die Lehren holte, was passiert, wenn man die falschen Entscheidungen trifft, Fehler macht oder unaufmerksam ist. Vieles, was in dem Metier, das weit in die Antike zurückreicht, zu erlernen ist, hat der Autor begriffen und unter diesem Licht seine Betrachtungen angestellt. Dass Muhammad Ali einer war, der von einem anderen Stern kam und bis zu seinem tragischen Ende leuchtete, muss man keinem erzählen, der das Boxen schätzt. Dass in dem Metier seit jeher auch geschoben wurde, dass dort die Kriminalität wucherte und das Schicksal derer, die im Ring oder in der Gosse aufschlagen, von keinem beweint wird, ist auch keine Enthüllung, die als Sensation zu werten ist.

Wondrascheks Texte holen den am Boxen interessierten und vom Boxen faszinierten Leser einfach in diese Welt zurück. Eine Welt, in der es Gesetze gibt, die immer wieder gebrochen werden und die immer wieder mit lapidaren Sätzen wie They´ll Never come back oder You ´ll Never know begleitet werden. Wer Schulungsmaterial für das Leben sucht, der ist in diesem Buch richtig, so absurd es für den Außenstehenden klingen mag. Jener legendäre Rumble in The Jungle war so ein Lehrstück, und The Thrilla in Manila auch. Das verstehen aber nur die Eingeweihten, die die Lehrsätze am eigenen Körper erfahren haben. Da entblättert sich Strategie, Technik, situative Schläue, Präzision und Kondition in Bruchteilen von Sekunden, während andere stumpf auf eine plumpe Schlägerei zu schauen glauben.

Das Dickicht der Fäuste ist ein Text für Afficionados, die schon immer begriffen haben, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist und dass die Existenz etwas zu Erkämpfendes ist. Für sie sind diese Texte eine Erfrischung des Herzens, immer noch. Und das woke Gemüse sollte die Finger davon lassen! Acht Unzen! Zwölf Runden! Da geht es um alles!  

Archaische Weisheiten und leuchtende Sterne