Ostenmauer – 25. Like A Rolling Stone

Immer wieder ist es mir so ergangen. Ich fand Menschen, mit denen ich mich verstand. Da stimmte alles. Die Hoffnungen, die auf eine Zukunft gerichtet waren. Das Lebensgefühl. Der Lebenswillen. Der Genuss. Der Humor. Und die Unersättlichkeit. Wir freundeten uns an, wir stahlen uns das Leben und fraßen vom Kuchen des Daseins bis nichts mehr hineinpasste. Dabei fragten wir nicht nach der Zeit, sondern lebten in den Tag hinein. Jeder Tag ein Fest. Jeder Tag eine Revolution. Jeder Tag ein Superlativ. Und es schien, als ginge das immer so. Bis zum Jüngsten Tag.

Aber es war nicht so. Und es wird nie so sein. irgendwann war das Pulver verschossen. Irgendwann ereilte uns die Einsicht, dass es noch etwas anderes gab, das gemacht werden musste. Oder sollte. Weil im tiefen Innern doch so etwas wie eine Vernunft waltete, die uns soufflierte, dass das schöne Leben, mit allen Widrigkeiten, die auch das bot, nicht ewig so weitergehen konnte. Irgendwann rief die Pflicht. Sie war der Wink, den das bürgerliche Leben dem Drop Out gab. Hey, ihr kleinen Strunzer, nun mal ans Werk, wenn aus euch etwas werden soll.

Bei manchen, mit denen ich unbeschwerte Zeiten erlebte, kam der Wink nicht. Sie blieben das, was sie waren und versanken in der Belanglosigkeit. Manchmal reichten nur wenige Jahre, die ich sie nicht sah, und dann, wenn ich sie traf, ereilte mich das blanke Entsetzen. Sie so zu sehen, wie ich vor dieser Zeit auch war, nur ein bisschen älter, nur ein bisschen zerstörter. Sie blieben dort, und wenn sie nicht gestorben sind, dann vegetieren sie noch heute in der Vergangenheit.

Und andere wiederum, die auch den Wink bekommen hatten, sich aber anders orientiert hatten, sie waren, wenn ich sie traf, spannend geblieben. Das Interessante bei solchen Zusammenkünften war, dass wir uns viel zu erzählen hatten. Über das, was in der Zwischenzeit passiert war und das, was da noch kommen sollte. Die gemeinsame Vergangenheit spielte gar keine Rolle. Was uns verband, war das zurückliegende Glück und das inzwischen Gelernte.

Der Stillstand derer, mit denen ich so wilde Zeiten erlebt hatte, hat mich immer betrübt. Und das Tempo derer, die sich weiter entwickelt hatten, hat mich immer beglückt, auch wenn ich es oft nur noch aus der Ferne wahrnehmen konnte.

Der Ausgangspunkt war, zumindest bei mir, der Wunsch, aus beengten Verhältnissen entfliehen zu wollen. Da passte der Refrain des Dylan Songs. 

How does it feel

To be on your own

With no direction home

Like a complete unknown

Like a rolling stone.

Was sich zu Anfang des Wegs wie der Blues pur anfühlte, ist heute, nach so viel Jahren und so vielen Erfahrungen, ein einziges Glücksgefühl. Ja, das ist der Weg, der ist richtig, und er bedeutet Freiheit. Und ja. Sie hat ihren Preis. Du darfst immer träumen. Aber nicht an der falschen Stelle. Das ist das Geheimnis.   

With no direction home

Legitimität und Effizienz

Es existieren einige Faktoren, an denen abzulesen ist, wie es um ein Gemeinwesen bestellt ist. Das eine sind die großen, übergreifenden Aspekte, wie die Legitimität von Herrschaft und das Vertrauen in sie. Das andere sind vielen kleinen Indizien, die zeigen, wo so eine Korporation tatsächlich steht. Das sind Geburtenraten, Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit, der Grad der Alphabetisierung, Schulabbrecherquoten, Zugehörigkeit zu sozialen Zusammenschlüssen, Beschäftigungsquoten, Kriminalitätsraten, Staatsausgaben für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur versus Militär und Schuldzinsen. Diese Liste ist lang und kann beliebig erweitert werden. Aussagekräftig sind diese Posten alle, besonders in Konsortium mit allen anderen. Bei genauer Betrachtung deutet der Zeiger nach unten. Seit einiger Zeit. Wer sich näher damit befassen will, möge das tun. Die Tendenz ist seit langem erschreckend deutlich und alle Daten weisen ohne Wenn und Aber auf eigenes Handeln oder Nicht-Handeln hin. Wäre man ehrlich, müsste man den Fehler bei sich suchen. Nicht im Sinne der Selbstvernichtung, sondern um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Weg aussehen müsste, um eine positive Zukunftsprognose zu erhalten. 

Stattdessen hat man sich darauf verständigt, dass Schelme und böse Buben uns unsere schöne liberale Demokratie, die in summa die oben genannten Faktoren im Licht des Erfolges glänzen lassen müsste, durch Angriffskriege auf Drittstaaten, eine feindliche Zollpolitik, staatliche Subventionen und Sabotage zu verantworten haben. Angesichts einer solchen Sichtweise fällt es leicht, die eigenen Hände in Unschuld zu waschen und lustig die Feindbilder zu bedienen. Die vielen, genannten Teilaspekte, deren Analyse dazu führen müssen, dass man sich daran macht, falsche Politik pragmatisch zu korrigieren, sind den Herrschaften, die mit ihrem beschränkten Horizont sich als Gewinner der Krisen wähnen, zu trivial. Was zählt, ist der große Feind und das Prinzip. Und beim Prinzip fühlt man sich dem Rest der Welt überlegen.

Aber, auch das Große, Hehre, auf das man sich zu stützen gedenkt, ist nach den dramatischen Entwicklung der letzten Wochen schlichtweg pulverisiert. Die wachsende Kritik an den liberalen Demokratien als die selbsternannten Staatsformen des späten Kapitalismus, besteht vor allem aus zwei Aspekten. Es handelt sich dabei um die oben genannte Legitimität und die Effizienz. Wenn Mehrheiten keine mehr sind und diese formal nur noch durch syndikalistisches Geschacher zustande kommen, bei dem in Gangstermanier die vermeintliche Beute aufgeteilt wird, ist es mit der Legitimität schnell dahin. Da kann der formale Weg durchaus korrekt sein, wenn Größen wie Vertrauen und Glaubwürdigkeit dabei auf der Strecke bleiben, ist alles verloren.

Und bei der Effizienz wissen alle, die Betonung liegt auf alle, genau, dass das politische System von Regel und Sanktion eine Bürokratie und eine Regelungsorgie gezeitigt hat, die sich verheerend auf alle Geschäftsprozesse auswirkt. Die satirischen Weisen, in denen die Leistungsfähigkeit bei hiesigen Großprojekten mit denen chinesischer verglichen werden, sind Legion. Die Effizienz, welche das bundesrepublikanische Wirtschaften und Organisieren anbetraf, kann allenfalls noch im Museum betrachtet werden. In der profanen Realität ist sie nicht mehr vorhanden.

Legitimität und Effizienz sind dahin, die vielen Parameter, die etwas aussagen über den Zustand eines Gemeinwesens, weisen dramatisch nach unten. Wer, bitte schön, glaubt, dass die Kräfte, die für diese Entwicklung verantwortlich zeichnen, in der Lage wären, eine große Wende zu vollziehen und die Führung zu übernehmen? Niemand. Außer den alimentierten Fanclubs, versteht sich.   

Ostenmauer – 24. Fahrende Gesellen

Walter Benjamin schrieb davon, dass die hohe Schule der Erzählung bei den fahrenden Gesellen zuhause ist. Als ich das las, viele Jahre nachdem ich in der Person meines Vaters einem fahrenden Gesellen zugehört hatte, konnte ich das nur bestätigen. Mein Vater war als Schmied einige Jahre auf der Straße gewesen und hatte, auch das ist bittere Wahrheit, als Soldat im Krieg auch eine besondere Existenzform des fahrenden Gesellen erlebt. Seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, war phänomenal.

Wie oft saßen wir abends in der Küche und hörten uns seine Erlebnisse an. Immer wieder hingen wir gebannt an seinen Lippen und oft war es wie ein Wunschkonzert: Erzähl doch mal die Geschichte, wo du mit Steif Dahl an der Donau…, Wie war das noch mit dem Fußballspiel im Rheinland, bei dem du eingesprungen bist … und wie hieß noch der Bauer, der die Marktkasse komplett verzockt hat? Unzählige Geschichten, und so banal manches auch schien, mein Vater konnte daraus spannende Ereignisse machen, die uns alle in ihren Bann zogen.

Das Fahren, das Wandern, das heute hier und morgen dort, ist nicht nur eine Vorbedingung für die Erzählkunst, die selbstverständlich nicht nur aus der geographischen Veränderung zu erklären ist, sondern auch aus der mündlichen Erzähltradition, deren Voraussetzung das ständige Weitererzählen von Erlebnissen ist. Meine Großmutter, genannt der Rote Zar, saß in ihren letzten Jahrzehnten in einem Raum, immer in dem selben Sessel, der einem Thron glich, gestützt auf einen Spazierstock mit einem verzierten Silberknauf, und erzählte die Geschichten, die sie selbst erlebt oder gehört hatte. Die Besuche bei ihr glichen Festivals. Zusammen mit ihrer mächtigen Erscheinung und donnernden Stimme wähnte man sich in einem Märchen, nicht aus tausend und einer Nacht, sondern, dem Ruhrgebiet entsprechend, dem der tausend Feuer. Der rote Zar breitete die Geschichte einer ganzen Epoche vor einem aus, so manches mal auf Plattdeutsch. Mit einer Intensität, die mir noch heute in den Ohren klingt. So manche Formulierung habe ich übernommen, nur für mich, wenn ich alleine und mit mir im Reinen bin. „Du bist nicht allein, aber du musst es selbst machen“. Übrigens eines der Indizien, die nach Flandern führen. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Das Spirituelle, das aus der Existenz von Fahrenden Gesellen resultiert, ist mir geblieben. Der Wunsch, sich zu verändern, sich unter Menschen zu wagen und das Profane als spannende Episoden zu erleben und daraus die Welt zu erklären, das eigene Erleben in einem Mikrokosmos als Form der möglichen Weltdeutung zu erleben, hat mich nie verlassen. Und immer, wenn ich fahrende Gesellen treffe, spreche ich sie an, unterhalte mich mit ihnen und denke an die Erzählungen meines Vaters. Früh hat er mich verlassen, seine Geschichten sind mir bis heute geblieben.