Ostenmauer – 43. Illusiones perdues

Mussolini schrieb in einem seiner internen Briefe an die faschistische Bewegung, dass es darauf ankomme, in den Massen zunächst die Angst zu schüren. Immer und überall. Mit einem klaren Feindbild. Wenn die Angst übergeht zur Hysterie, dann, so spekulierte er richtig, sei die Stunde gekommen, um aus ihr den Hass zu formen.

Wir wissen heute, welche Stunde er meinte. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung ansehe, dann sind wir kurz vor dem Scheitelpunkt, an dem aus Angst Hass wird. In Konturen ist das bereits zu identifizieren. Wie verhängnisvoll das wirken kann, ist zu beobachten. Wenn sich der aufkommende Hass sowohl gegen vermeintlich äußere wie innere Feinde richten kann. Die doppelte Zielrichtung spricht für die Potenz der Selbstzerstörung.

Deshalb scheint es richtig zu sein, zunächst alles zu tun, um der Saat der Angst den Boden zu entziehen und die Feindbilder zu zerstören. Das erfordert sehr viel Kraft. Vor allem, weil alle Fraktionen der Destruktion es nicht gerne sehen, wenn man sich an die Basis ihrer Existenz macht. 

Die Lektion hat anscheinend in Deutschland nichts gefruchtet. Die Angst ist ein Massenphänomen und der Hass nistet sich in allen politischen Lagern ein. Illusiones perdues. 

Illusiones perdues

Der Traum ist aus?

Was war das für ein Gefühl! Welche Aufbruchstimmung. Als in den Jahren 1989/90 der eiserne Vorhang fiel und die Menschen in unterschiedlichen Ländern den Wind der Veränderung spürten. In vielen Ländern Osteuropas wurde wieder eine Art der Befreiung gefeiert und in Deutschland erfüllte sich ein Traum, an den niemand mehr zu hoffen wagte. Zurück und vereint! Einig, auf dem Boden des Rechts und der Freiheit. Die Hymne wurde über Nacht eine Zustandsbeschreibung! Im transatlantischen Amerika sprach man vom Ende der Geschichte. Im Sinne Hegels. Es sollte die Vollendung des Gedankens der Demokratie sein.

Ich habe mir meine eigenen Aufzeichnungen und zahlreiche Dokumente aus jener Zeit noch einmal angesehen. Bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, tatsächlich unzählige Träumer sprechen zu hören, die mit der harten Realität, die sich seitdem durchgesetzt hat, nichts, aber auch gar nichts gemein hatten. 

Das, was wir heute lesen müssen und selbst schreiben, fühlt sich angesichts des historischen Vergleiches an wie der Widerstand gegen die Verhältnisse, die damals zum Einsturz kamen. Die heutigen, zeitgenössischen Dokumente, sei es bei denen aus Regierungskreisen, seien es die einer wie auch immer gearteten Opposition, erscheinen heute wie die Texte eines Theaterstücks aus den letzten Tagen des Kalten Krieges.

Die Regierungen, ja, auch und vornehmlich die aus dem freien, demokratischen Europa, reden und führen sich auf wie die damals untergehende Nomenklatura eines geistigen wie teilweise staatlichen Totalitarismus. Sie leben in ihren Blasen, von den tatsächlichen Lebensumständen der Bevölkerung haben sie keine Idee. Sie diskreditieren und verfolgen jede Form der Kritik und unterstellen ihr, von vermeintlichen Feinden gesponsert zu sein. Und sie hängen sich gegenseitig Orden um den Hals und schmücken sich mit Preisen, die durch den Akt selbst zu wertlosem Lametta werden.

Und die unten, die legendären kleinen Männer und Frauen, was machen sie? Sie wenden sich ab in Entsetzen, sie verdrehen die Augen, wenn sie ihre vermeintlichen Vertreter reden hören und sie wissen viel mehr, als man im elfenbeinernen Turm zu glauben vermag. Auch sie sind weltweit vernetzt, sie wissen um die permanent ihnen an den Kopf geworfenen Unwahrheiten, sie reisen selbst in die Länder, die auf der Liste der vermeintlichen Feinde stehen und machen sich ihr eigenes Bild. Und sie erzählen es weiter. Und alle wissen, welches Spiel gespielt wird. 

Eine treffende Bezeichnung für das, was da gespielt wird, werden Nachgeborene noch finden. Die Analogie jedoch zu dem, was vor 35 Jahren passierte, ist offenkundig. Es ist ein Vorabend. Ein Vorabend des Zusammensturzes eines politischen Systems, das sich über eine Generation dem ungezügelten Wirtschaftsliberalismus hingegeben hat und dabei sowohl die eigene Substanz als auch die Würde verloren hat. Mit dem Märchen des Wertewestens kann man selbst in dem Areal seines Wirkens niemanden mehr bei der Stange halten. Und bei jenen, die das Treiben einer verrohten, lumpenproletarischen Politikklasse von außen betrachten, wirkt das hier aufgeführte Theater nur noch absurd. Geglaubt, geglaubt wird den Vertretern des so hoch gerühmten Bündnisses, das sich exklusiv dem Krieg verschrieben hat, nicht mehr.

Lesen Sie noch einmal Artikel, Texte, Bücher, aus jener Zeit, als der Eiserne Vorhang fiel. Lassen sie sich noch einmal berauschen von den Träumen, die viele hegten. Und grämen Sie sich nicht zu sehr, dass der große Traum von Freiheit, Frieden, Wohlstand und Selbstbestimmung sehr schnell ausgeträumt war! Wieder steht ein System vor dem Zusammenbruch. Und danach darf wieder geträumt werden.

Der Traum ist aus?

Revolte gegen die Lebensangst!

Wenn die Angst verschwindet, wird alles ganz leicht. Dann ist kaum noch zu glauben, durch welch fragwürdige Informationen Menschen dazu gebracht werden konnten, den versammelten Unsinn dieser Welt zu ertragen. Und warum sie nicht aufstanden, um dem Bacchanal des Wahnsinns mit einem Donnerschlag das Ende zu bereiten. Stattdessen verharrten sie, betrachteten das Unfassbare und rührten sich nicht. Ein Masseneffekt sorgte dafür, dass der scheue Blick nach links wie nach rechts dazu führte, das Gleiche zu sehen wie im Spiegel: Unglaube, Furcht vor einem bösen Ende und Schockstarre.

Und weil das so ist, arbeiten Armeen daran, diesen Zustand zu einer Dauereinrichtung zu machen. Die Angst ist der Treibstoff für jede Art von mieser Herrschaft. Dass, was man hierzulande den Verängstigten als drohendes Unheil fremder Mächte, die nur auf unsre Schwäche lauern, darzustellen versucht, ist längst eingetreten. Ohne Peitsche, ohne Handschellen, sondern nur durch das Jonglieren mit diffusen Ängsten. Letztere, das wissen wir alle, sind vor allem den Deutschen nicht fremd. Wir hatten, betrachten wir die oralen Geschichten wie die Literatur, schon immer ein Faible für das Blutbad und die glühenden Zangen der Inquisition.

Franz Jung, eine der wohl schillerndsten Gestalten Deutschlands im letzten Jahrhundert, der aus den Annalen nahezu verschwunden ist, hatte sich in einem klugen Aufsatz mit dem Phänomen der Angst beschäftigt und einen wertvollen Tipp gegeben. Der Mann, der als Wirtschaftskorrespondent gearbeitet hat, der revolutionäre Bühnenstücke schrieb, Schiffe entführt und mit Lenin diskutiert hatte, der als Spion der Roten Kapelle unterwegs war, in KZs einsaß und nach dem Krieg in Bologna als Pizzabäcker wieder auftauchte und in San Francisco eine wunderbare Biographie über Jack London geschrieben hatte, hielt uns allen die Lupe unter die Nase.

In seinem Essay „Die Albingenser. Revolte gegen die Lebensangst“ brachte er das heutige Dilemma vor nahezu genau 100 Jahren anhand des historischen Beispiels der Albingenser bereits auf den Punkt: Die dumpfe, suggerierte Lebensangst, die von allen Faktoren gespeist wird, die der Herrschaft und Unterdrückung dienen, ist die Ursache für das Hinnehmen selbst der untragbarsten und absurdesten Verhältnisse. So, wie wir es derzeit erleben. Und die Revolte gegen die Lebensangst ist der erste Schritt, um sich auch den absurden Formen von Herrschaft zu entledigen. 

Und, natürlich mit der Empfehlung, diesen Essay in Verbindung mit seiner „Technik des Glücks“ zu lesen, stellen Sie sich einmal vor, die Angst wäre verflogen und man fände in einem Zustand der Leichtigkeit und Befreiung das vor, was wir als Räson guter Geschäftsführung präsentiert bekommen. Was bliebe?

Beim Selbstversuch war sehr schnell nicht nur die Angst verflogen, sondern auch ihr Zwilling, die maßlose Wut, und die Betrachtung mündete in einen Zustand der Belustigung. Wenn die Furcht, auch vor den Auswirkungen pathologischer Selbstbezogenheit und einem nicht mehr steigerbaren Dilettantismus, gewichen ist, dann kommt einem das Ganze doch vor wie eine schrecklich armselige Klamotte, die aus Sicht eines Großteils des Publikums bald zum Ende kommen muss. Und zum Ende kommen wird. 

Insofern sei jede Bestrebung zu empfehlen, die unter der Überschrift als Revolte gegen die Lebensangst zu verbuchen ist. Die Botschaft ist einfach: Wenn die Angst verschwindet, wird alles ganz leicht!  

Revolte gegen die Lebensangst