Die Mongolenkriege und der Clash of Civilizations

Neal Stephenson, Mongoliade, Band 1

Dass bestimmte Erfolgsautoren historischer Romane sich angesichts der am laufenden Band erscheinenden voluminösen Werke regelrechte Schreibfabriken mit hauptamtlichen Rechercheuren und Schreibern errichtet haben, ist mittlerweile kein Geheimnis. Dennoch erscheinen die Werke in der Regel nur unter dem Namen des Erfolgsautors. Der amerikanische Autor Neal Stephenson, Autor von Cryptonomicon und Snow Crash, letzteres bereits 1994 erschienen und jetzt wegen seiner Aktualität in Bezug auf Datenkraken wiederentdeckt, hat sich den Ereignissen in Folge der Mongolenfeldzüge aus dem 13. Jahrhundert mit einem Kollektiv aus sieben namentlich genannten Mitgliedern genähert. Es ist ein gewaltiges wie gewagtes Unternehmen, das, von der kompositorischen wie erzählenden Seite als gelungen bezeichnet werden muss. In deutscher Sprache liegt bis dato nur der erste Band einer insgesamt fünf Bände zählenden Mongoliade vor.

Wer einen Roman über diese Phase der Geschichte lesen möchte, in dem es um die grausamen wie erfolgreichen Feldzüge der Mongolen, bei denen wilde Kampfszenen, martialische Methoden und den Clash mit der abendländischen Kultur geht, ist bei dem Werk gut aufgehoben. Spannung wird erzeugt durch eine Mission von christlich-mönchischen Schwertbrüdern, die ins Herz der mongolischen Herrschaft vordringen und mit einem Attentat, das sie auf den mongolischen Herrscher Ögedei verüben wollen, das Blatt zu wenden suchen. Durch verschiedene Handlungsebenen wird ein Faden gesponnen, dem man unbedingt folgen will.

Die Erzählung unterschiede sich nicht von vielen erfolgreichen historischen Romanen, drängten sich nicht, wohl kalkuliert, Fragen auf, die den Bezug zu heutigen Diskussionen und Forschungsgegenstände herstellten. Da geht es um die Funktionsweise und innere Organisation von Geheimbünden, da geht es um asymmetrische Kriegsführung, da geht es um die strategische Überdehnung von Imperien, wo der geographische Raum der Beherrschbarkeit fremder Territorien  in Bezug zu der eigenen ökonomischen wie kulturellen Stärke die Linie des Machbaren definieren, da geh es um Aufweichungs- und Dekadenzerscheinungen im Zentrum der imperialen Macht nach den vermeintlich entscheidenden Siegen, da geht es um die Reformbestrebungen unterlerlegener Mächte, um die eigene Dominanz wiederherzustellen und da geht es um die Möglichkeiten und Grenzen interkultureller Kommunikation.

Neal Stephenson, Greg Bear, Mark Teppo, Erik Bear, Nicole Galland, Joseph Brassey und Cooper Moo haben mit der Mongoliade ein Werk geschaffen, das durch die beschriebenen zwei Ebenen fasziniert. Einerseits ein spannendes Narrativ, das durch die historische Ferne und das epische Konstrukt fasziniert, andererseits durch die Andeutung historisch wie politologisch hoch aktueller und brisanter Fragen, die auch unter der aufreizenden Überschrift eines Clash of Civilizations erörtert werden können.

Dass ausgerechnet ein amerikanisches Autorenkollektiv eine Reise in die Vergangenheit der verheerenden Kriege zwischen Ost und West unternimmt und die Aspekte von Macht und Zivilisation derart im Fokus hat, ist sicherlich kein Zufall und suggeriert weiteres Nachdenken einer aufmerksamen Leserschaft. Was sich zunächst anfühlt wie ein historischer Roman, der auch immer wieder den Wunsch nach Flucht aus dem aktuellen Alltag so attraktiv macht, entpuppt sich als spannender politologischer Diskurs mit massiven Verweisen auf die Gegenwart. Das ist gute Literatur! 

  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  512 Seiten
  • ISBN-10  :  1477808779
  • ISBN-13  :  978-1477808771
  • Originaltitel  :  The Mongoliad: Book One
  • Abmessungen  :  12.6 x 2.54 x 18.59 cm

Vegane Pizzen und der Krieg

Diejenigen, die über gewisse Werte verfügen, haben es nicht leicht in einer Zeit, in der eine von Werten geleitete Politik dominiert. Das ist kein Widerspruch, sondern eine logische Folge. Denn selbstverständlich existiert bei denen, die diese von Werten geleitete Politik zu verantworten haben, eine eindeutige Hierarchie. Zuerst kommt das eigene Gewissen, dann das eigene Weltbild und dann die mangelnde Courage, die Zähne zu zeigen, wenn die eigenen Vorstellungen durch Doppelmoral, irrwitzige Standards und offenen Affront von zynisch auf Atomwaffenarsenalen sitzenden Imperialisten geschändet werden. Wenn es auf Kosten Dritter gehen soll, ist dieser Moralismus eine feine Sache. Über Kriege in der Ferne kann man zur Verdauung auch nach einer veganen Pizza trefflich räsonieren. 

Das Kraftfeld dieser Art des Moralismus ist groß. Nicht nur, dass eine bestimmte politische Klasse dieses Blatt auf der Hand hat, sie wird bei ihrem Treiben noch kräftig von einer gekauften und monopolisierten Presse unterstützt, und so mancher Journalist, der als hof- und demokratiefähig galt, diktiert zur Zeit mit blutigen Lefzen einen kriegstreibenden Artikel nach dem anderen. Die Diktion des Krieges ist längst etabliert und hat sich auf das handelnde politische Personal übertragen. Zumeist handelt es sich dabei um Menschen, die den ganzen Dreck, die Traumata und die Verluste des letzten Desasters nicht einmal mehr aus Büchern kennen. Deshalb sind sie so nonchalant und treiben es, solange man sie lässt. Bei ihnen von Hoffnungsträgern zu sprechen, verbietet sich bei allen, die zumindest noch eine Stimme in der Familie besaßen, die von den Desastern des letzten großen Krieges berichten konnte.

Und es ist nicht nur der Krieg. Es sind die sozialen Verhältnisse, in denen viele leben müssen, es sind die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die selbst demokratische Institutionen verursachen, es ist eine Selbstbildnis, das nicht entstellter sein könnte als durch die täglich praktizierten doppelten Standards. Da werden einem rassistischen Hetzer Preise nachgeworfen, während ein couragierter Journalist im eigenen Rechtsbereich in einem Hochsicherheitstrakt dem Tod entgegensinkt, da werden Zivilisten von feigen, hinterhältig operierenden Drohnen zu Staub zermalmt, da werden nachweislich gekaufte Scharlatane in Venezuela wie in Hongkong als Freiheitskämpfer aufgebaut, während Menschen, die sich die gesetzlich verbrieften Rechte nicht nehmen lassen wollen, zu Terroristen deklariert werden. Kollektive Ratio, das vielleicht als kleiner, folgenloser Rat, greift nur dann, wenn die Redlichkeit des eigenen Handelns außer Zweifel steht. 

Und große Zweifel, nein Evidenz herrscht über die Verlogenheit und die systematisch betrieben Verdunkelung von allem, was weder in den schönen Büchern des Gesetzes noch in einem moralischen Kodex über menschliches Zusammenleben steht. Nachweisen muss das niemand mehr. Es existieren ganze Magazine, die das unglaubwürdige wie unglaubliche Verhalten dokumentieren. Und immer mehr Menschen haben das begriffen.

Bei vielen Mitgliedern der Parteien, die an dem Spiel beteiligt sind, haben sich diese Erkenntnisse seit langem durchgesetzt. Was verwundert, ist ihr Schweigen.  Immer, wenn es heikel wird, verstummen sie.  Historisch wird es irrelevant sein, was sie dazu veranlasst. Denn die Geschichte ist ein kalt rechnender Kaufmann, der nur Soll und Haben kennt. Und wer sich trotz seiner Erkenntnisse zum Schweigen entscheidet, aus welchen Motiven auch immer, taucht letztendlich bei den Schlechten in der Bilanz auf. Aber auch das ist dem Kaufmann egal. Was zählt, ist das Ergebnis. Und, bei allen Daten, die bis jetzt zur Verfügung stehen, deutet vieles auf eine Insolvenz hin. Es sei denn, es wird kräftig saniert und umgesteuert.

Dort hingehen, wo es wehtut! — Neue Debatte

Die Erneuerung des politischen Systems kann nur gelingen, wenn die Eigendynamik der Bürokratie gebrochen und eine zeitgemäße Administration geschaffen wird und wenn die staatlich alimentierten Claqueure schlechter Regierung in den Ruhestand versetzt und durch kritische Geister ersetzt werden, die dort hingehen, wo es wehtut. Der Beitrag Dort hingehen, wo es wehtut! erschien zuerst auf Neue…

Dort hingehen, wo es wehtut! — Neue Debatte