Das High-Noon-Prinzip und die Kunst, Zeit zu gewinnen

Eine der großen Künste von Führung besteht darin, in einer Situation, die sehr widersprüchlich ist, für einen gewissen Zeitraum die Balance zu halten. Das entspricht nicht den Vorstellungen, die von konsequentem Handeln kursieren. Denn dort herrscht die Meinung, dass schnelles Handeln eine Güte an sich darstellt. Wer also immer das Bild des gordischen Knotens im Kopf hat, der zückt das Schwert und entzweit das komplizierte Geflecht mit einem wuchtigen Hieb. Das kann tatsächlich befreiend sein. Es kann aber auch dazu führen, dass die so oft bemühten Kollateralschäden weitaus größer sind als der Nutzen. Für beide Optionen existieren genügend Beispiele.

Andererseits, und vor allem in anderen Kulturen als der der unseren, würdigt man auch eine andere Strategie. Das, was hier so oft mit der negativen Konnotation des Aussitzens behaftet ist, gilt dort als die hohe Kunst der Balance in kritischen Zeiten. Ja, diejenigen, die die Fähigkeit besitzen, quasi die Zeit anzuhalten, genießen dort zuweilen Heldenstatus. Auch in diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass wir bei der Interpretation der Weltlage nur dem High-Noon-Prinzip der schnellen, finalen Lösung unsere Huldigung erweisen. 

Insofern sind wir, was die weltpolitische Lage anbetrifft, so konstant auf der falschen Seite. Denn, zumindest das sollten wir aus unserem Erfahrungsschatz nicht von interessierter Seite tilgen lassen, gut Ding will Weile. Das scheinen die sich neu formierenden, erstarkenden und aufgrund ihrer Masse nicht zu unterschätzenden Akteure wie China, Russland und Indien genau zu wissen. Zumindest sieht vieles von dem, was sie veranstalten, danach aus. Dass hier, in der Hemisphäre der schnellen Taktung, vom Gegenteil ausgegangen wird, minimiert die Erfolgschancen dramatisch. Allerdings, das sei eingestanden, wer den Erfolg nur in der Befriedung der anderen misst, hat nur diese eine, höllische Option.

Die besonders von dem momentan herrschenden Milieu im Kreis des Westens reklamierte Komplexität, die zweifelsohne vorhanden ist, spielt dabei eine essenzielle Rolle. Die Reklamation dieser Komplexität wird immer dann aktiviert, wenn es darum geht, oppositionelle Vorschläge beiseite zu schieben. Geht es um die tatsächliche Verwobenheit der Welt mit den unterschiedlichen Interessen der Handelnden, dann wird sie geleugnet. Plötzlich ist alles ganz einfach. Da sind die aus dem Westen die Guten, der Rest sind, man verzeihe den Originalton, Verbrecher- und Schurkenstaaten oder schlicht Scheißlöcher. Wer so unterwegs ist, dem muss man dann nachsehen, wenn er sich mit dem einen oder anderen Schurken gemein macht, weil es gerade in den Kram passt.

Zu beobachten ist das momentan allzu gut. Da entstehen Allianzen mit Regimen, die, stünden sie auf der anderen Seite oder lieferten sie keinen Nutzen, dazu geeignet wären, regelrechte Propaganda-Kriege gegen sie zu führen. Aber so ist das, wenn man die Redlichkeit, die im Vertreten des eigenen Interesses liegt, verlässt und mit einer Moral hausieren geht, die der US-Präsident Eisenhower bei der Beurteilung eines schillernden Bündnispartners so präzise auf den Punkt brachte: Natürlich ist er ein Hurensohn. Aber es ist unser Hurensohn!

Die momentan so laut vertretenen schnellen Lösungen haben gemein, dass sie die tatsächliche Komplexität der Situation leugnen. Insofern haben sie alles Zeug um in ein Debakel zu führen. So, wie es aussieht, ist es von großer Bedeutung, Zeit zu gewinnen. Wofür, das wird sich herausstellen.   

Deutsche Einheit: Right to be wrong?

Gerade läuft, ganz ohne Inszenierung, Right to be Wrong von Joss Stone und erfüllt den Raum mit einer gar nicht so verbreiteten Einsicht. Bei der Überlegung, was wohl nach drei Jahrzehnten nach der deutschen Vereinigung/Wiedervereinigung/Restvereinigung/Restanschluss und wie es auch immer genannt wird fehlt, drängt sich genau die Botschaft dieses Musikstücks auf. Nach allem, was nach dem großen imperialen Plan und seinem Desaster gefolgt ist, hatte die Möglichkeit, sich auch irren zu können, nie eine Chance. Zunächst durch die Teilung und die Existenz zweier Systeme unmöglich gemacht und dann fortgesetzt durch die Epoche, die unter der Überschrift „Alternativlos“ in die Geschichte eingehen wird, kam nie die Unbefangenheit auf, die herrscht, wenn man weiß, dass Fehler nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich sind. Und sein dürfen!

Und immer wieder herrschte das Mantra „Kein deutscher Sonderweg!“ Wenn es sich auf das Spezifikum eines mystischen, tief aus den dunklen Wäldern Germaniens stammenden anti-zivilisatorischen Impuls handelte, dann und ist diese Warnung sicherlich berechtigt. Wenn es sich aber darum handelt, wie man eine Nation zusammenfügt, wieviel Souveränität dazu erforderlich ist, wie eine Verfassung auszusehen hat, die eine Autonomie sichert, die nicht auf Kosten Anderer zustande kommt, dann muss das nicht der Weg sein, der ins Verderben führt. Und genau das gehört zu dem Kapitel, das immer dann aufgeschlagen wird, wenn es um die ureigensten Angelegenheit derer angeht, die unter der Bezeichnung eines Staatsvolkes in der juristischen Literatur zu finden sind.

Irgend etwas ist schief gelaufen. Und das, was seit den Tagen der Tyrannei, des Überfalls auf andere Länder und der schmutzigen Bündnisse geblieben ist, ist das Dogma. Das Dogma, bei allem, was getan wird, immer auf der richtigen Seite zu sein und allen, die eine andere Auffassung vertreten, zum inneren wie äußeren Feind zu erklären. Wer sich dieses inquisitorischen Instrumentariums bedient, darf sich nicht wundern, wenn aus der Trauer, die aus dem Unverstandensein erwächst, irgendwann Wut wird, die dann zur Arroganz gerinnt und in eiskalter Berechnung endet. 

Hört man die heutigen Reden, dann wird immer wieder die Spaltung der Gesellschaft geleugnet, um sie umgehend mit neuem Material zu befeuern. Das ist die Logik derer, die meinen, sie machten nie Fehler, sie hätten immer Oberwasser und alles bliebe immer so, wie es zur Zeit ist. Dass dem nicht so ist, kann jeden Tag den Nachrichten entnommen werden. Und dass daraus gesellschaftlich nichts gelernt wird, steht ebenfalls täglich in den Zeitungen. Aus dem mit so vielen Hoffnungen behafteten Akteur, der sich vor dreißig Jahren auf der europäischen Bühne zurückmeldete, wurde durch die Logik derer, die die Geschicke getrieben haben, ein Kranker.

Wie kann man diejenigen, die glaubten, zu neuen Ufern aufzubrechen, das Trauma nehmen, das sie erlebten, als sie begannen zu glauben, in der alten Welt wieder aufzuwachen? Und wie kann man denen, die längst geglaubt hatten, auf der Himmelsleiter bereits zu wandeln, das Entsetzen entreißen, dass sich bei einem tatsächlichen Abstieg einstellte? 

Es sind zwei Dinge, die vielleicht Heilung versprechen könnten: Tatsächliche Souveränität und das Recht, Fehler machen zu dürfen. Beides ist teuer, sehr teuer. Doch wer den Preis nicht zahlen will, der hat auch nichts zu beklagen. 

Comédie humaine oder reale Politik?

Jenseits der großen Themen, die täglich in der Politik verhandelt werden, d.h. jenseits von Krieg, Inflation, Sanktionen und allem, was damit zusammenhängt, sollte der Blick vor einem gewaltigen Funktionswandel nicht verschlossen bleiben. Es geht unter anderem darum, wie Politik tatsächlich funktioniert hat und wie sie dabei ist, neuerdings zu funktionieren. Denn es ist ein Wandel zu beobachten, der letztendlich dazu führen wird, dass dieses System von Politik der Vergangenheit angehören wird.

Klassischerweise funktionierte Politik in den sich als westliche Demokratien definierenden Ländern durch ein unterschiedliches Angebot an die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Klassen einer Gesellschaft seitens verschiedener Parteien, in einem daraus resultierenden Regierungsauftrag und einer späteren Überprüfung, inwieweit das gemachte Versprechen eingelöst wurde. Diese Wirkungsweise wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte vehement durch das Ausbleiben politischer Programme geschwächt und durch eine Personalisierung von Wahlen ersetzt. Wer daran zweifelt, sollte nach den Programmen von Parteien suchen, überprüfen, ob diese Programme, sofern vorhanden, Gegenstand der Diskussion zwischen der jeweiligen Partei und ihren potenziellen Wählern sind. Und, quasi als Gegenargument, sich die personalisierte Zuspitzung der letzten Wahlen in den Medien betrachten. Dann wird klar, dass Versprechen im Sinne politischer Programme kein Rolle mehr spielen und stattdessen das vermeintliche Psychogramm von Politikern immer mehr in den Fokus geraten ist.

Der Parteienkonkurrenz liegen keine gesellschaftlichen Konzepte zugrunde, sondern unterschiedliche Individuen, die ihrerseits über die Kommunikationsfelder von Twitter und Instagram versuchen, mit punktuellen Forderungen Profil zu gewinnen. Man höre bei den Nachrichten genau hin: ein Großteil der Meldungen über das politische Geschehen ist das Zitieren von Forderungen, die diese Politikerin oder dieser Politiker gestellt hat, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit ihrer Umsetzung. Von Taten und Fakten der in der Verantwortung stehenden Politik ist im Vergleich kaum die Rede. 

Was daraus zu lesen ist, kann mit der bedrückenden Einsicht umschrieben werden, dass auch das Feld der Politik zu einer virtuellen Veranstaltung mutiert ist, in der das eigentliche Maß bei der Beurteilung von Politik keine Rolle mehr spielt. Nicht das messbare Ergebnis ist zum entscheidenden Kriterium geworden, sondern die Plausibilität und Attraktion einer in die öffentliche Sphäre entlassene Forderung. Dass diese Veränderung von Politikverständnis derzeit funktioniert, belegen die Zustimmungswerte wie die Wahlen und die Resonanz in den Medien. 

Wer da jetzt aufstünde und fragte, was denn eigentlich bei der ganzen Unternehmung herausgekommen ist und ob sich der allgemeine Zustand insgesamt verbessert oder verschlechtert hat, wird prompt des politischen Irrsinns oder der Zugehörigkeit zu dunklen Mächten bezichtigt. Und, sollte es aufgrund eines Regieversagens dennoch einmal zu dieser Frage kommen, kann davon ausgegangen werden, dass jede Verschlechterung immer das Ergebnis anderer, nicht beeinflussbarer Kräfte zu verdanken ist und niemals denen in Rechnung zu stellen ist, die in der Verantwortung stehen.

Der Kulminationspunkt ist bald erreicht, weil sich nun, ganz konkret und für jedermann verfolgbar, noch eine Steigerung der Irrationalität Platz verschafft hat. Sie besteht darin, etwas anzukündigen, was bei näherer Betrachtung eine schlimme Fehlentscheidung wäre. Die Reaktion auf negative Resonanz ist jedoch nicht die Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben und diesen zu korrigieren, sondern die Verkündung der Rücknahme als politischen Erfolg zu feiern. So wie, betrachten Sie es genau, die Revision des Ansinnens einer geplanten Gasumlage. Da steht jetzt tatsächlich ein Kabinett, das Applaus erwartet, weil es davon absieht, etwas zu tun, was es selbst geplant hatte. 

Ist das, so wie wir es erleben, noch reale Politik? So, wie es scheint, wartet die Comédie humaine auf einen neuen Band!