Der Wert eines Menschen

„Nach Angaben des Dr. Charles H. Maye in Rochester ist ein Mensch nicht mehr und nicht weniger Wert als vier Mark, wobei Dr. Maye die Bemessung exakt auf Grund der Verwertbarkeit der in einem Menschen enthaltenen Rohstoffe vornimmt. So reicht das Fett eines Menschen zur Herstellung von sieben Stück Seife. Aus dem Eisen eines Menschen lässt sich ein mittelgroßer Nagel machen. Der Zucker langt für ein halbes Dutzend Faschingskrapfen. Mit dem Kalk kann man einen Kückenstall weißen. Der Phosphor liefert die Köpfe von 2200 Zündhölzern. Das Magnesium ergibt eine Dosis Magnesia. Mit dem Schwefel kann man einem Hund die Flöhe vertreiben. Und das Kalium reicht für einen Schuß aus einer Kinderkanone.“

Rudolf Brunngraber, Karl und das Zwanzigste Jahrhundert

Eine Demonstration der Macht?

Das Mantra durchdringt die ganze Gesellschaft. Es fühlt sich an wie die höchste Tugend. Selbst beim Fußball. Wenn das erfolgreiche Staatsmonopol des FC Bayern einmal wieder eine andere Mannschaft deklassiert. Dann schwärmen die Reporter von einer Demonstration der Macht. Wenn sie das deklamieren, dann spürt man, wie sie einen leicht schauderndes Gefühl erotischer Erregung durchströmt. Die Feststellung, dass der Fußball mit allem, was dazu gehört, bis heute immer ein sehr guter Seismograph für das war, was sich als gesellschaftliche Befindlichkeit bezeichnen ließe, bleibt aus meiner Sicht nach wie vor gültig. Die zitierte Demonstration der Macht bleibt im deutschen Fußball nur dem erwähnten Monopol vorbehalten. Elf Deutsche Meisterschaften hintereinander sind der Beleg. Wenn solche Verhältnisse herrschen, dann herrscht das Monopol.

Und so, wie sich diese Betrachtungsweise bis in den Fußball fortpflanzt, verhält es sich nicht auch, sondern gerade mit der Politik. Unsere Welt, der Westen, beherrscht von den USA, kennt nichts anderes als deren Doktrin. Full Spectrum Dominance heißt sie. Sie ist seit ihrer Formulierung nie modifiziert worden. Die stereotypische Taktik, die sich daraus ableiten lässt, ist immer gleich. Es geht um die Demonstration der Macht. Jede Situation, in der die totale Dominanz angezweifelt werden könnte, ruft die Drohung hervor, es nicht zu weit zu treiben. Sonst folgt die zitierte Demonstration der Macht. Die ultima Ratio der Machtdemonstration ist immer der Krieg. Der ultimative Krieg. Bis zum Einsatz von Atomwaffen. Das hat lange Zeit funktioniert und ist immer noch ein Pfund in der Hand des westlichen Monopols.

Was sich verändert hat, ist die Disposition der Mitspieler. Russland hat sich vom Zusammenbruch der Sowjetunion weitgehend erholt. China ist zu einem Wirtschaftsgiganten ausgewachsen, bei dem die USA bis über beide Ohren verschuldet sind und der auch die Messer gewetzt hat. Hinzu kommen ökonomisch immer stärker werdende Staaten wie Brasilien, Indien oder Indonesien, die sich getrauen, ihre Interessen auch politisch zu formulieren. 

Die Ignorierung von Kräfteverschiebungen kann immer der erste Schritt vom Ende einer Ära der Dominanz sein. Denn, und das wird gerne verdrängt, die Reihe der veranstalteten Machtdemonstrationen waren alles andere als überzeugend. Afghanistan, Irak, Libyen und nun die Ukraine, das alles hat nicht gezeigt, dass der vereinigte Westen unter Führung der USA die Macht demonstriert und danach keine Fragen mehr aufkommen lassen hätte. Es waren mehr oder weniger verunglückte Veranstaltungen, die sehr viel gekostet und gewaltige Friedhöfe hinterlassen haben. Das, was man unter einer Demonstration der Macht versteht, waren diese Episoden nicht. Und wer glaubt, sie hätten bei denen, die es hätte beeindrucken sollen, Angst und Schrecken hinterlassen, erliegt einer schweren Täuschung.

Und die aktuellen Ereignisse in Israel, das von seiner Taktik stets analog zu den USA gefahren ist, dokumentieren, dass die Demonstration der Macht, die nur Sinn macht, wenn die eigene Unverletzlichkeit unstrittig ist, als politisches Leitthema zu ihrem Ende gekommen ist. Eine der Ursachen ist das tatsächliche wirtschaftliche, politische und militärische Erstarken anderer Nationen auf diesem Globus. Eine andere ist intrinsisch. Das Gift, das gleich der Wirkung von Arsen die Reputation des Westens zerstört hat, ist die Doppelmoral. Jeden Tag sind wir Zeugen ihrer Verlogenheit. Und nicht nur wir. Der Rest der Welt schaut zu. Irgendwann wird die Demonstration der Macht zur Farce. 

“Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!“

Eine Frage durchgeistert viele Köpfe mehr denn je. Was braucht es, um den Menschen, das Individuum, den Staatsbürger, sich als frei fühlen zu lassen? Und was ist es, dass er oder sie sich tatsächlich auch frei fühlt? Die Regierungen in den westlichen Ländern verweisen auf ihre Verfassungen. In anderen Ländern wird Freiheit nicht als Verfassungsrecht, sondern als Naturgesetz verstanden. Dritte wiederum halten die Frage für irrelevant, solange eine wie auch immer geartete Führung es fertig brächte, das Gemeinwesen zum Prosperieren zu bringen. Und wiederum andere pfeifen auf den Aspekt der Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, solange sie selbst an der Macht sind. 

Es ist interessant, die Weltkarte nach diesen Kategorien zu durchforsten. Das für den westlichen Beobachter Überraschende wird dabei sein, entdecken zu müssen, dass die verfassungsmäßigen, verbrieften Freiheitsrechte des Individuums ungefähr nur in einem Achtel der auf der Welt repräsentierten Staaten erwähnt werden. Es sollte zu denken geben. Nicht, weil es etwas mit einer wie auch immer gearteten Wahrheit zusammenhinge. Nein, aber weil es die Orientierung der Gattung in Bezug auf seine jeweiligen Staatssysteme dokumentiert. Und in der Minderheit zu sein bedeutet, sich genau überlegen zu müssen, was man wie erreichen will. Kreuzzugsmentalitäten sind, sofern man nicht den Krieg zum Mittel aller Dinge erheben will, das wohl Dümmste, was einem dabei einfallen kann. Und, um diesen Gedankengang abzuschließen, momentan sieht es so aus, als hätte sich der Westen unter Führung der zunehmend mehr in Panik geratenden USA auf ausgerechnet die schlechtest möglichen Option eingeschworen. Wenn das so bliebe, dann werden die gerade mit ihren ersten Laufversuchen betrauten Enkelchen in den USA und Europa bis zur eigenen Ergrauung nichts mehr erfahren als Kriege.

Um ehrlich zu sein, wird es nichts helfen, sich über diese Großwetterlage in langen, fruchtlosen Debatten auseinanderzusetzen. Denn die Karten sind gemischt. Der Krieg ist allgegenwärtig und rückt immer näher. Und in welcher Regierungszentrale, bitte schön, beriete man so etwas wie die Möglichkeit von Frieden und der dazu notwendigen Architektur sowie einem Paradigmenwechsel in der Politik?

Das Einzige, was hilft, ist etwas, das es schon immer gab und das im Grunde, betrachtet man den Lauf der Weltgeschichte, die einzige Kraft ist, die in der Lage ist, dem psychotischen Machtstreben von Profiteuren der Vernichtung den Garaus zu machen. Es ist die innere Freiheit. Der einfache Satz des Rebellen, der da lautet, „entweder bist du frei, oder du bist es nicht!“ Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die dein Handeln ermöglichen. 

Ja, der Einwand kommt sofort und immer: Kann es nicht sein, dass der Preis zu hoch ist? Und die Antwort ist ebenso klar. Ja, er kann sehr hoch sein, er kann sogar die eigene Existenz kosten. Aber das, das muss das Individuum selbst entscheiden. Die Freiheit ist nicht umsonst! Sie abhängig zu machen von Schriftstücken, von Erklärungen und unverbindlichen Formulierungen, das ist ein scheinheiliges Werk, das nichts bedeutet. Wer allerdings für sich bestimmt, dass er oder sie frei ist, der hat das Zeichen gelesen. Die eigene, innere Freiheit, die sich durch nichts korrumpieren lässt, weder durch Bequemlichkeiten noch durch Drohungen und Angst, sie ist die Voraussetzung, derer es bedarf, um den Geist von Raub und Unterwerfung zu bezwingen.