In der Epoche der rauschhaften Spekulation

Nichts ist nicht doch noch steigerungsfähig. Im Rausch der Superlative ist alles möglich. Es geht jedoch weder um bezaubernde Strategien, die einen gut gelaunten Blick in die Zukunft erlaubten, noch um intelligente Vorstellungen hinsichtlich der Lösung gravierender Probleme. Auf diesen Feldern existiert nicht einmal mehr der Komparativ. Da herrscht das beredte und betretene Schweigen. Alles, was nach vorne weist, alles, was Perspektiven eröffnen würde, ist in das  Nirvana des kollektiven Bewusstseins entfleucht. Die Kompensation für dieses kollektive Versagen findet woanders statt. Auf dem Feld der Spekulation befinden wir uns in tatsächlich weltmeisterlichen Zeiten. Keine Sottise ist zu plump, kein Click Bait zu unsinnig, als dass es nicht eine schnelle, lauffeuerartige Verbreitung fände. In der medizinischen Fachsprache bemühte man für dieses Phänomen den Begriff des Sprühstuhls.

Von der Politik bis zum Sport, von der Welt der Prominenten bis hin zum Prekariat – die Hausse der Spekulation stellt alle Orgien der Börsengeschichte in den Schatten. Und nicht, dass es die Regenbogenwelt wäre, die bei diesem Spiel heraussticht, nein, ganz oben auf der Skala steht die Politik. Unerreicht auf dem Podest steht da ein Kollektiv, das in Hochzeiten der Zivilisation allenfalls als Gurkenauslese bezeichnet worden wäre, und donnert seine Spekulationen über die Motive des politischen Handelns vermeintlicher Feinde heraus, ohne auch nur einen Schimmer von den jeweils tatsächlichen Verhältnissen zu besitzen. Desavouierte Politikkarrieristen reichen sich in Talk Shows, in denen mit ihnen Schiffbrüchige des Journalismus sitzen, reihenweise die Hand. Auffällig ist nur, dass es sich lediglich um eine Handvoll von Akteuren handelt, die in dieser unglücklichen Zeit alle verfügbaren Bühnen beherrschen.

Im Sport ist es nicht anders. Dort buhlen die ehemaligen Klassenbesten um die exklusiven Plätze niederster Spekulation. Vor allem das Profi-Geschäft, welches sich bereits durch die Dimension der jonglierten Summen seit langem zu einer Zockerwelt etabliert hat, bringt täglich unzählige Tratschgeschichten hervor, die mit allem zu tun haben, aber nichts mit der eigentlichen Zweckbestimmung. Die Kolportage ist die Königin der Nacht. Und des Tages. Und überhaupt.

Und von den so genannten kulturellen und geistigen Größen der Gesellschaft soll erst gar nicht berichtet werden.  Die Klugen, die etwas zu sagen hätten, haben Schutz in der Dunkelheit öffentlicher Wahrnehmung gesucht. Nur die Knallchargen tummeln sich noch auf den öffentlichen Plätzen und tröten ihre Zustimmung zum kollektiven Niedergang noch in schlechter Qualität hinaus. Nichts, absolut nichts ist trivial genug, um daraus nicht noch eine Titelgeschichte zu machen.

Blüht auf der einen Seite die Spekulation, die die herrschende Ahnungslosigkeit dokumentiert, so ist parallel die Diffamierung zur Hochkonjunktur gelangt. Wer sich dem Chor der Spekulanten verweigert, wird des Feldes verwiesen, der hat im gesellschaftlichen Albtraum nichts mehr verloren. Das ist, für alle, die noch einen Rest gesellschaftlicher Selbstreflexion besitzen, die gute Nachricht. Wer jetzt keine Hommagen verdient, hat, wenn er sich einigermaßen an den eigenen Verstand hält und seinen politischen Kompass noch nicht auf dem Dilettantenmarkt verhökert hat, noch eine Option auf die Zukunft in der Tasche. All denen sei geraten, gut darauf aufzupassen. Denn die Feinde einer wie auch immer gearteten, aber vernünftig gestalteten Zukunft lauern überall. In der Epoche rauschhaftem Spekulation.  

Aufstand der Kanaker

Es wird darüber berichtet wie man eben zu berichten müssen glaubt. Über den Aufstand auf der anderen Seite der Erdkugel. Im südlichen Pazifik.  Dort, wohin eigentlich niemand schaut. Wenn es um die großen Ereignisse geht. Und so ist es auch jetzt: im Westen. Da haben die indigenen Bewohner des zu Frankreich gehörenden Neu-Kaledoniens, die Kanaker, die Nase voll von einer kolonialistischen Unterwanderung, die nun durch ein neues Gesetz beschleunigt werden soll. Demnach sollen Franzosen aus Frankreich, die bereits heute eine knappe Mehrheit in Neu-Kaledonien ausmachen, noch schneller dort eingebürgert werden können und das Wahlrecht erhalten. Für die Kanaker würde das bedeuten, selbst bei Kommunalwahlen nicht mehr für Mehrheiten erreichen zu können, die sich für ihre spezifischen Belange einsetzen. Anfänglich friedliche Proteste schlugen nach brutalen Polizeieinsätzen in einen offenen Aufstand um. Aus Paris wurden Soldaten geschickt, die die Rebellion nun niederschlagen sollen.

Was sich weitab in der Südsee abspielt, mag aus der eurozentrischen Weltsicht eine Petitesse sein, im Rest der Welt wird genau beobachtet, was sich dort abspielt. Neben der touristischen Attraktion, die sich aus allen Vorstellungen speist, wie sich Europäer eben die Südsee vorstellen, ist der strategische Wert immens. Wer dort im Kampf um Einfluss einen Standort hat, kann beim Rennen um globale Vorherrschaft mitmischen. Angesichts der us-amerikanischen Zielformulierung, die Dominanz im Pazifik sicherstellen zu wollen, kann die französische Präsenz in Nouvelle-Calédonie nicht hoch genug eingeschätzt werden.

So weit, so gut. Doch das internationale Interesse bezieht sich auf die in guter alter kolonialer Tradition stehende Vorgehen der französischen Regierung. Wenn die Kanaker protestieren, dann schickt man Soldaten, momentan ist sogar von einer Luftbrücke zwischen Paris und der neu-kaledonischen Hauptstadt Nouméa die Rede, und zeigt mit militärischer Gewalt, wer das Sagen hat. Da fällt mit einem Schlag wieder einmal die Maske des Werte-Westens, ohne dass sich die breite Öffentlichkeit dort darüber bewusst wäre. Die alt bekannte Doppelmoral zeigt sich in voller Wirkungsmacht und destabilisiert den Westen in Bezug auf seine Fähigkeit, mit allen Staaten außerhalb der eigenen Bündniswelt noch vernünftige Beziehungen pflegen zu können. Dass dabei der Eindruck entsteht, dass man darauf auch keinen Wert mehr legt, zeigen die gegenwärtigen Protagonisten in der europäischen Politik zur Genüge.

Wer sich dennoch die Mühe machen möchte, die Reaktion im Rest der Welt zur Kenntnis zu nehmen, wird auf sehr vernichtende Beurteilungen des Vorgehens der französischen Regierung stoßen und darf sich nicht darüber wundern, dass es mit dem Wesen des Westens gleichgesetzt wird. Hegemonie und Dominanz, ohne Respekt gegenüber denjenigen, die ihnen unterlegen sind.  Die ganzen Parolen von Vielfalt, Diversität und Toleranz werden als hohle Propaganda identifiziert. 

Und man erinnert sich an das den Kolonialismus anklagende Buch Franz Fanons mit dem Titel „Die Verdammten dieser Erde“. Das Vorwort schrieb übrigens der Franzose Jean Paul Sartre und er überschrieb es mit der Zeile: „Wir sind alle Mörder“. So, wie es aussieht, ist das historische Bewusstsein eines großen Teils der Weltbevölkerung nicht so leergefegt wie das derer, die immer noch glauben, als Minderheit den Planeten beherrschen zu müssen. Der Aufstand der Kanaker in der fernen Südsee zeigt es von Neuem. 

Vom Lernen und vom Scheitern

Wir kennen das. Wir haben einen Plan, der, sollte er realisiert werden, vieles von dem ermöglicht, was wir als sinnvoll erachten. Doch dann stellt sich heraus, dass wir einiges falsch eingeschätzt haben und viele der Maßnahmen, die wir ergriffen haben, uns nicht dem Ziel näher bringen, sondern scheitern. In solchen Situationen drängt sich die Konsequenz auf, sich neu zu besinnen. Es besteht die Möglichkeit, die eigene Taktik, das heißt, den Weg der Umsetzung, den man eingeschlagen hat, zu überdenken und sich neue Mittel zu überlegen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung beinhalten. Oder, was gravierender wäre, wenn sich die Einschätzung aufdrängt, dass bei der strategischen Ausrichtung, bei der Formulierung des Zieles, das Wunschdenken größer war als es die eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Können und Ressourcen hergeben, es notwendig wäre, sich anders oder neu zu orientieren. Dann ist eine umfassende Revision erforderlich. 

Es existiert allerdings noch eine dritte Möglichkeit, wenn, aus welchen Gründen auch immer, man sich der Möglichkeit einer Justierung sowohl bei der Strategie als auch bei der Taktik verweigert. Es ist die Beharrung. Egal, was passiert, unabhängig davon, wie groß die Verluste und Rückschläge sind, man macht einfach weiter wie gehabt, weil man der Auffassung ist, dass es keine anderen Optionen gibt. Es ist eine Haltung, die der festen Überzeugung entspringt, dass es keine Alternative gibt. Weder zur Formulierung des Zieles noch bei der Wahl der Taktik. Eine derartige Haltung führt in der Regel zu hohen Kosten, gravierenden Verlusten und, hält man lange genug an der starren Position fest, zum Ruin.

Nun existieren im gedanklichen Reservoir vieler Menschen Szenarien, an denen man die hier aufgezeigten Vorgehensweisen überprüfen kann. Das eigene Erleben und die eigene Praxis eignen sich immer am besten, um solche Thesen zu überprüfen. Meine Behauptung ist, dass jeder Mensch unzählige Male solche Situationen in seinem Leben erlebt. Und, wenn nicht alles rund lief, wie man es sich vorgestellt hat, hat man entweder die Strategie oder die Taktik geändert und den Prozess für sich als das verbucht, was das Leben ausmacht: als Lernen durch praktisches Vorgehen. Und, auch diese Beispiele haben die meisten Menschen für sich parat: wenn sie störrisch waren und gescheitert sind, dann gehörte die daraus resultierende schmerzhafte Niederlage zu den ganz großen Lehren, die man sich immer wieder vor Augen führt und, ist der Abstand groß genug, als die ganz großen Lehren seines Lebens in die eigene Chronik schreibt.

Was im individuellen Erfahren und in der beruflichen Tätigkeit zutrifft, ist in der Politik nicht anders. Auch dort existieren Strategien und Taktiken, die sich in der Praxis zu bewähren haben, die sich hier und da als fehlerhaft und nicht der Realität entsprechend herausstellen und justiert werden müssen. Lernprozesse, die daraus resultieren, werden von denen, die Politik beauftragen, in der Regel verstanden und bis zu einem gewissen Grad akzeptiert. Eine Haltung, die die einmal festgelegte Route als alternativlos darstellt, verliert, je gravierender die Verluste, letztendlich jegliche Form der Legitimation.