Der tränenreiche Aufstieg eines Hillbillys
J.D. Vance, Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und eine Gesellschaft in der Krise
Besser geht es nicht. Wenn man demonstrieren will, dass mit einer real existierenden Gesellschaft und ihrem Selbstverständnis etwas nicht zusammenpasst. Aber der Reihe nach. Spätestens nachdem J.D. Vance zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten nominiert wurde, steht er aufgrund seiner politischen Aussagen im Kreuzfeuer der bundesrepublikanischen Kritik. Man muss dazu sagen, dass sich die breite deutsche Öffentlichkeit im amerikanischen Wahlkampf seit langem zur Partei erklärt hat. Ob das klug, ist, wenn man sich das einseitige Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den USA ansieht, steht auf einem anderen Blatt.
Nun, der heute vierzigjährige J.D. Vance, seinerseits Jurist und Senator, wurde vor bereits acht Jahren durch die Publikation eines Buches bekannt, in dem er seinen Lebensweg und die großen Probleme seiner Klasse beschrieb. Unter dem Titel „Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ beschrieb er den leidvollen Weg eines Menschen, der im proletarischen Milieu in Kentucky aufgewachsen ist und mit allem konfrontiert war, was einer gedeihlichen Entwicklung im bürgerlichen Sinne entgegensteht: zerrüttete Familienverhältnisse, Drogensucht der Mutter, ständig wechselnde Partner derselben, chronische Geldsorgen, kein Herauskommen aus der eigenen sozialen Blase. Die so genannten Hillbilly’s, ethnische Ulster-Schotten, die längs der Appalachen gesiedelt hatten, gehören zu jenem Segment der amerikanischen Arbeiterklasse, das mit dem wirtschaftlichen und technologischen Wandel in den letzten sechzig Jahren abgewickelt wurde. Unterstützt wurden die Verlierer von keiner politischen Partei. Was blieb, ist Zerrüttung, Hoffnungslosigkeit und eine große Portion Gewalt, nach innen wie nach außen.
Wären da nicht Instanzen gewesen, die ganz konkret dem Individuum J.D. Vance bei großen Gewittern die Stufen zum Aufstieg gehalten hätten: eine liebende Großmutter, die Ausbildung zum Marine beim Militär, Studienkollegen und der eine oder andere Professor. Das alles ist nach Vance nur scheinbar reiner Zufall, sondern auch das Werk der eigenen Zielsetzung, die sich aus der mit jedem Schritt erhärtenden Erkenntnis gebildet hat, dass das eigene Zutun, die eigene Disziplinierung und die eigene Leistung die Voraussetzung für die sich anbietenden reichenden Hände ist.
Es ist entwaffnend, wie offen und ehrlich der Autor über die Verhältnisse, aus denen er stammt wie über die eigenen Schwächen schreibt. Wer einen Einblick in die strukturellen Probleme der amerikanischen Gesellschaft bekommen möchte, dem sei diese Lektüre unbedingt empfohlen. Die Rede ist von einer numerisch nicht zu unterschätzenden Gesellschaftsschicht, die von ihrer eigenen politischen Vertretung, den Demokraten, nicht mehr wahrgenommen wurde und die sich aus ihrer Wut und ihrem Frust bei der letzten Wahl einem Donald Trump zugewandt haben, während sie von einer Hillary Clinton noch verspottet wurden.
Vieles, was J.D. Vance in diesem 2016 erschienen Buch über die Hillbilly’s schreibt, kommt einem bekannt vor. Die Phänomene sind auch in unserer Gesellschaft präsent: auch hier gibt es Verlierer und auch hier werden sie zum Teil von ihrer eigenen tradierten politischen Vertretung verspottet und verachtet. Und auch hier wenden sie sich Alternativen zu, die mit Sicherheit ihre Belange nicht verbessern werden.
Um auf die Eingangsbemerkung zurückzukommen: Seit der Bekanntgabe der Nominierung von J.D. Vance steht dieses Buch bei den politisch gut Situierten hierzulande auf dem Index. Dabei ist eine solche Dokumentation als ein Geschenk an die politische Klasse insgesamt aufzufassen. Dagegen wird sogar davon gesprochen, dass der Ullstein Verlag das Buch aus dem Programm nehmen will. So frei ist der Weg zum Totalitarismus. Wer die amerikanische Politik besser verstehen will, lese dieses Buch. Wie er oder sie den Autor als heutige politische Figur bewerten möchte, hat damit nichts zu tun. Nur für Sektierer ist das höhere Mathematik.
Fundstück: Der Endsieg steht vor der Tür!
Ein Grund, warum sich die politische Satire nahezu flächendeckend verabschiedet hat, ist die täglich erlebte Realität. Denn das Schauspiel, das diese präsentiert, ist grotesker als alles, was sich kreative Quälgeister ersinnen könnten. Täglich überholt der Alltag den zynischsten Witz. Zu erleben ist das alles in den Medien, seien es die großen traditionellen Print-Organe oder die Radio- und Fernsehstationen, die rund um die Uhr mit Interviews und Talkshows versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass diese geballte Kraft zum großen Teil die Politik treibt, gehört zu den Malaisen unserer Zeit. Wen sie dabei zu sich holen und als Experten präsentieren, das ist keine Fehlentwicklung mehr, sondern ein Komplott. Denn dümmer und dreister geht es nicht.
Da tauchen immer wieder dieselben Gesichter auf, von denen die meisten nicht wissen, warum sie dort auftauchen und wo ihre Referenzen liegen. Dass das Gros aus Denkfabriken stammt, die direkt oder indirekt von interessierter Seite der USA finanziert sind, gilt nicht als Hinderungsgrund, sondern als Empfehlung. Oder sie gehören zu der Fraktion, die es seit langer Zeit wieder in die Regierungsverantwortung geschafft hat und die schon einmal unter Beweis stellen konnte, dass sie mit dem Instrument der moralischen Demagogie ihr Klientel schneller in die Kriegsbegeisterung treibt, als dass es jede Form von Anstand zuließe.
Und gerade aus diesem Milieu kommen die ideologischen Speerspitzen, auf die alles anwendbar ist, was in den seichten Fahrwassern der alten Republik noch als Rechtsradikalismus bezeichnet wurde. Die Kriegspropaganda wird geschmückt mit rassistischen Accessoires, die eigenen Völkerrechtsverletzungen werden als humanistische Akte verkauft, der politische Beischlaf mit Verbrechern als Notwendigkeit einer regelbasierten Ordnung gepriesen, die offenen Rechnungen aus den Verletzungen durch den Kolonialismus als aggressive Schimären diskreditiert, die schrittweise Aussetzung von Grundrechten als Bedingung für das eigene Überleben gepriesen.
In diesen Tagen kulminiert dieser Affront in der Omnipräsenz einer Redakteurin aus dem Szene-Blättchen, die nicht nur von einer energetischen Kriegsökonomie schwärmt, sondern auch noch den Endsieg gegen Russland in Aussicht stellt. Sie spricht offen darüber, dass die Regierung bei der jetzigen Lösung in Bezug auf den befristeten Weiterbetrieb der verbliebenen drei deutschen Kernkraftwerke von der Hoffnung ausgehe, dass ab dem Frühjahr wieder russisches Gas nach Deutschland komme, da Russland militärisch vor dem Zusammenbruch stehe.
Für alle, die sich nicht schlüssig sind, was die Dame sagt: Der Endsieg steht vor der Tür! Während den Mitgliedern der Grünen zuzutrauen ist, dass sie diesem Unfug glauben schenken, beunruhigt zum einen die Frage, ob die Bundesregierung in toto dermaßen den Verstand verloren hat oder nicht. Und es zeigt sich, dass die wiederholte Bemühung einer solchen Quelle durch verschiedene mediale Formate die Unmöglichkeit einer jeglichen Reform unterstreicht. Das Ausmaß der Desinformation, welches in dieser Republik unter staatlicher Mitwirkung und institutioneller Duldung Verbreitung findet, beantwortet die Frage, wie es nach dem jetzigen Krieg weitergehen soll.
Da von den zitierten Trommlern sowieso niemand von einem Ende des Konfliktes spricht, ist davon auszugehen, dass sie nach dem Motto „Sieg oder Tod“ unterwegs sind. Bis jetzt sind sie schon recht erfolgreich gewesen, denn die Ukraine als Staat mit einer unabhängigen Zukunft wird es nicht mehr geben. Und vieles spricht dafür, dass ein handlungsfähiges Europa ebensowenig übrig bleiben wird. Wie gesagt, wenn es die gegenwärtig so gehypten Irrlichter nicht noch fertigbringen, den Krieg flächenmäßig oder nuklear auszudehnen und es noch ein Danach geben sollte, dann muss die Formulierung, Verantwortung zu übernehmen, eine ganz andere Bedeutung bekommen.
20.10.2022

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