Die Andrea Doria, Nervenzustände und politische Notwendigkeiten
Außerdem ist alles längst zu spät, und der Nervenarzt weiß auch nicht mehr, wie es weiter geht. Ungefähr so ist die Textzeile aus dem Song Andrea Doria von Udo Lindenberg, mit dem er berühmt wurde. Was als eine Referenz an einen Musik- und Nachtclub gedacht war, könnte man als eine Zuschreibung auf den allgemeinen gesellschaftlichen Zustand unserer Tage nehmen. Ob wir uns dabei auch auf einer Andrea Doria befinden, jenem italienischen Schiff, das 1956 vor der amerikanische Küste mit der „Stockholm“ kollidierte, deren Passagiere allerdings im Gegensatz zu der 1912 gesunkenen Titanic gerettet werden konnten (1660 gerettet, 46 tot). Und schon lockt die Verleitung, dass eine Kollision mit einem Schiff aus dem eigenen Bündnis, vor der Küste des Hegemons, der Kahn Schiffbruch erlitte und man darüber spekulieren könnte, wie viele Menschen diesmal gerettet werden können oder ob sich das Elend der Titanic wiederholt. Doch satanischer Spaß und Spekulation beiseite, und zurück zum überforderten Nervenarzt.
Ein Amerikaner (!) fragte mich dieser Tage, was hier eigentlich los sei, wenn man bei allen nur noch das Weiße in den Augen sähe, wenn Prognosen über eine Landtagswahl in einem Nowhereland mit gerade einmal 2 Millionen Einwohnern publik würden, in denen die traditionellen Parteien einen Leberhaken bekämen? Man kann jetzt darüber räsonieren, wie unsensibel und der deutschen Geschichte unkundig der Mann sei. Das Problem dabei ist, dass es sich um einen durchaus auch politisch feinfühligen Menschen handelt, der zudem im Fach Geschichte sehr versiert ist. Was er mitbringt, und wir hier auf der metaphorischen Andrea Doria nicht haben, ist großes Vertrauen in das, was man gewöhnlich die Gesellschaft und ihre Zukunft, oder auch ganz einfach das eigene Land nennt.
Obwohl ich durchaus beunruhigter bin, was bestimmte Wahlergebnisse angeht, beschäftigt mich doch der Zustand, den der amerikanische Freund, ohne es zu beabsichtigen, mit ansprach. Wo ist eigentlich unsere Zuversicht geblieben? Wann wurde sie zerstört? War sie ein Gebilde aus Pappmaschee, das sich nach der ersten Erschütterung verflüchtigte? Es existieren gravierende Gründe für das Schwinden dieser Form gesellschaftlicher Zuversicht. Und es ist müßig, die Finanzkrisen, Militärinterventionen und die Etablierung inquisitorischer Schauprozesse aufzuzählen, die großen Schaden in das Vertrauen angerichtet haben, und wer die leugnet, ist einfach raus, aus einer Diskussion über die Zukunft. Aber wo, bitte schön, war der selbstbewusste Reflex, der da besagt, so, wie es sich manche Hasardeure, Landesverräter und Karrieristen vorstellen, wollen wir hier keine Politik machen! Nicht in dieser Republik! Nicht mit uns! Das ist unsere Lehre aus der so viel zitierten Vergangenheit!
Stattdessen wird erst gegrunzt, wenn die Wurst im Kühlschrank fehlt und von der täglichen Dosis der Schuldzuweisung jedoch Vorräte im Überfluss vorhanden sind. Bist du aber vollgefressen und fühlst dich schuldig, dann ist mit dir kein Staat zu machen. Und vielleicht ist dies eine Erklärung für den rebellischen Impuls, der bei so mancher Wahl einen falschen Eindruck erweckt. Vielleicht sind es viele Menschen einfach leid, nicht ernst genommen, immer ein bisschen sediert und permanent an ihre Unzulänglichkeit und an ihre kollektive Schuld erinnert zu werden? Vielleicht wollen sie selbstbewusst die Geschicke dieser Republik bestimmen? Nach ihrer Vorstellung des Zusammenlebens, nach ihren Interessen und frei von den Zwängen anderer, die sehr wohl ihre Interessen vertreten? Da heißt es Nerven behalten und den Verstand bemühen!
Man kann es auch einmal so sehen: Wie tief sind wir gesunken?
Ein kluger Lehrer meinerseits gebrauchte oft die Formulierung „das kann man doch auch einmal so sehen“. Damit vermied er, seinen Schülern zu sagen, dass sie falsch lägen oder etwas nicht bedacht hatten und er ging ebensowenig in die Falle, Partei zu ergreifen. Unseren Diskussionen hat dieser Einwurf oft gut getan. Denn wir lernten, einen Perspektivenwechsel ohne Parteilichkeit zu vollziehen. Übriges etwas, das in unserer durch verbale wie tatsächliche Gewaltexzesse zunehmend kontaminierte Gesellschaft kaum noch vorstellbar ist. Ganz im Gegenteil. Käme dieser exzellente Lehrer heute aus seinem Grab und formulierte seine Anregung, dann wäre er sehr schnell als was auch immer ausgedeutet. Denn Perspektivenwechsel sind per se suspekt. So ist das nun einmal in Kriegszeiten.
Letztere sind vor allem in unserer Gesellschaft geprägt durch den Gedanken, dass die Guten gegen die Bösen kämpfen. Wobei alles, was die Guten tun, durch ihre noble Absicht als akzeptabel und legitim gedeckt ist und alles, was die Bösen machen, den ganzen Frevel ihrer Existenz dokumentieren. Dass sich die Methoden meistens gleichen, vom Mord an Zivilisten, dem Einsatz von Drohnen gegen zivile Ziele, die Nutzung von Streubomben etc., verführt nahezu zu einem Perspektivenwechsel. Man kann es auch einmal so sehen: die Nutzung tödlicher und Qualen verbreitender Mordwerkzeuge sind der beste Garant für eine tödliche Spirale der Eskalation. Je mehr Schmerz verbreitet wird, desto nachhaltiger die Rachlust. Es klingt zwar furchtbar, ist aber leider menschlich.
Man kann es auch einmal so sehen: der aktuelle Schlag gegen die Hisbollah im Libanon, der tausende ihrer Mitglieder sowie Zivilisten tötete, indem Pager oder Walkie Talkies am Körper explodierten, werden momentan von allen, die Israel jegliches Recht auf Selbstverteidigung einräumen, als ein Husarenstück heimlich gefeiert. Es handelt sich dabei tatsächlich um ein Novum der Kriegsführung mit einer hohen Erfolgsquote. Aber, nachdem diese Art nun publik wurde, was passiert, wenn so etwas in unseren Breitengraden vonstatten geht, wenn jemand, der neben einem am Gemüsestand steht, plötzlich in die Luft fliegt, oder wenn der Bundeskanzler, der sein Smartphone zückt, plötzlich nicht mehr ist? Gut, dann wird ritualisiert von feige, hinterhältig und bestialisch schwadroniert. Und warum? Weil es die eigene, gute Seite trifft? Was interessieren da die so genannten Kollateralschäden auf einem fernen Markt in Beirut? Diesen Konnex herzustellen, ist bei Strafe verboten.
Es ist an der Zeit, dass man sich, wenn man den Anspruch einer guten Sache vertritt, ohne Wenn und Aber festlegt: terroristische Akte, und darum handelt es sich, gegen Zivilisten, sind zu bannen. Wer sie duldet oder schönredet, hat das Lager eines zivilisierten Anspruchs verlassen. Unter diesem Aspekt sind wir momentan Zeugen einer konzertierten Aktion terroristischer Propaganda auf Staatskosten und durch Staatsträger. Man kann es auch einmal so sehen: Wie tief sind wir gesunken?

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