Freiheit durch Verlust

Wir neigen dazu, bei Verlusten traurig zu sein. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die uns etwas bedeuten. Die Gründe sind vielfältig. Mal trennen sich Wege, auf denen man lange zusammen geschritten ist. Es kann sein, dass sich etwas ereignet hat, dass zu einem unerwarteten Bruch führte. Mal ist es ein längerer Prozess, der die Entfernung vergrößert, bei dem sich beide Seiten darüber grämen und sich immer wieder fragen, wie es dazu kommen konnte. Und selbstverständlich können es die immer wieder bemühten höheren Mächte sein, die eine soziale, menschliche, emotionale Bindung zu anderen Menschen beenden, wozu irgendwann und immer auch der Tod gehört. Egal, wie es sich vollzieht, selten führt ein Verlust menschlicher Konnektivität zu spontaner Freude. Oft ist es Trauer, manchmal Wut, und es kann auch zu  Verzweiflung führen.

Bei diesen Ausführungen kommen mir diejenigen in den Sinn, denen das Schicksal ihre Jugend geraubt hat und die, als sie noch von einem Leben vor sich träumten, in Uniformen gesteckt und in einen Krieg geschickt wurden, den sie weder wollten noch mochten. Sie lernten auf brachiale Weise, wie mit Verlusten umzugehen ist. Täglich, stündlich, verloren sie Freunde, mit denen sie am Tag zuvor noch gescherzt und über eine vor ihnen liegende Zukunft gesprochen hatten. Und diese Erfahrung machten sie über Jahre, bis das Gemetzel ein Ende hatte. Und später, als das alles hinter ihnen lag, kompensierten sie diese Erfahrung mit einer Härte, die ihre Nachkommen nicht verstanden. Da wurden Verluste vermeintlich bagatellisiert und man bekam den Rat, kühlen Blickes mit so etwas umzugehen. Du kannst fallen, hieß es da, aber du darfst nie liegenbleiben, du musst immer wieder aufstehen. Oder man bekam die Weisung, sich den Mund abzuwischen und sich weiter um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. 

Neben der Sozialisierung im Umgang mit permanenten Verlusten im Krieg existiert allerdings auch noch eine Form der Betrachtung, die einem tiefen humanistischen Denken entspricht. Spräche man mit einer zeitgemäßen Terminologie, so praktiziert sie ein Reframing. Sie erachtet den Verlust nicht exklusiv als ein verletzendes Ereignis, sondern auch als einen unerwarteten Zuwachs an Freiheit.  Wenn Bindungen sich lösen, ist man freier. So einfach wie überzeugend ist auch dieser Gedankengang. 

Was in Bezug auf Menschen vielleicht bei der ersten Überlegung etwas zynisch klingen mag, was es allerdings nicht ist, stellt sich als eine großartige Inspiration heraus, wenn es um Gewissheiten geht. Und in dieser Situation befinden wir uns seit einiger Zeit. Die Welt, unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft bieten nicht mehr die Gewissheiten, die wir seit langer Zeit gewohnt waren. Und, ganz wie bei menschlichen Beziehungen, es ist mehr als folgerichtig, dass wir zunächst in Trauer und schmerzhafte Reaktionen verfallen, wenn wir uns von diesen Gewissheiten verabschieden müssen. Die Zeitläufe sind allerdings so, dass wir gut beraten wären, diesen Modus so schnell wie möglich zu verlassen und uns dem zuwenden, was die Möglichkeiten der neuen Freiheit mit sich bringen mag.

Jetzt ist die Zeit, um sich an diejenigen zu erinnern, die ihre Jugend im Krieg verbracht haben und danach in Zeiten des Verlusts strikt dazu rieten, aufzustehen, sich den Mund abzuwischen und sich neuen, wichtigen Aufgaben zuzuwenden. Das Leben und die Geschichte sind immer gute Ratgeber.  

Verbrennen wir die Farben! Seien wir pragmatisch!

Seien wir einmal ehrlich! Programmatisch verbreitet der gegenwärtige Wahlkampf Langeweile. Nichts, was nicht schon bekannt wäre und nicht das Aroma einer Wiederholung verströmte. Alle antretenden Parteien kommen, wenn überhaupt, mit politischen Aussagen oder Ankündigungen um die Ecke, die sie schon immer im Repertoire hatten. Und, auch das wie immer, viele der Spots und Plakate, sind ohne jeglichen politischen Inhalt. Käme man nach langer Zeit aus einem anderen, fernen und fremden Land, hätte man das Gefühl, auf Altvertrautes zu stoßen. 

Dass die Welt sich im letzten Jahrzehnt dramatisch verändert hat, kann man am Auftreten der politischen Parteien hierzulande nicht erkennen. Einmal abgesehen von lange zurückliegend geglaubten Ressentiments aus dem Kalten Krieg, die ein großes Revival erlebt haben, ist alles beim Alten geblieben. Die einen hauen mit uralten neoliberalen Parolen auf die Pauke, die anderen kommen mit einem Erste-Hilfe-Kasten vor das Wahlvolk und versprechen ihm etwas Linderung bei akuten Verletzungen, dritte wiederum singen ein Öko- und Klima-Lied, das bei der gleichzeitigen Kriegsmentalität einer Inszenierung aus dem absurden Theater gleicht. Und diejenigen, die sich nicht nur gegen den Krieg als Mittel der vermeintlichen Interessenvertretung stellen, sondern auch auf die Auswirkungen bereits geführter Kriege hinweisen, bekommen zwar Zuwachs, werden aber gleichzeitig kollektiv von den programmatisch Stehengebliebenen als Spione des Feindes bezeichnet oder gar des Rechtsradikalismus bezichtigt. Demnach, nur als Hinweis an diejenigen, die zumindest guten Willens sind, wäre ein Willy Brandt heute ein Agent Putins und Helmut Schmidt ein gesichert Rechtsradikaler.

Die Dummheit und Kuriosität einer museal verharrenden Politiklandschaft dokumentiert in bedrückendem Maße, in welch verheerenden Zuständen wir uns befinden. Denn wenn eines offensichtlich ist, dann ist es die Unfähigkeit, aus den sicherlich kostspieligen und schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre Schlüsse zu ziehen und die Politik zu ändern. Alles erinnert an das in der Poesie immer wieder bemühte Narrenschiff, bei dem vom Kapitän bis zum Hilfsmatrosen niemand mehr eine Vorstellung davon hat, wie die totale Havarie verhindert werden kann.

Die mediale Begleitung dieses Trauerspiels entspricht seinem Charakter. Da geht es nicht um gute Ideen, um Vorstellungen zu gehender Wege, von Konzepten, die die Bevölkerung inspirieren und zum Mitmachen anstiften könnten, sondern um Lug und Trug, um Verdächtigungen und Diskreditierungen. Es fehlt nicht mehr viel, und der ganze Unrat einer aus der Zeit gefallenen Gosse wird von den ehemaligen Flaggschiffen des Journalismus auf das Volk hinabgeschüttet. Schon heute befällt immer mehr Menschen die Scham bei der Betrachtung dieses Niedergangs. Und spätestens nach dem Tag der Wahl wird es losgehen, das Verurteilen einer geistig minderbemittelten, intellektuell überforderten und von seinen Bildungsdefiziten gezeichneten Bevölkerung. Sehen sie sich die Journale und Kommentare am Tag danach an! Es wird so kommen!

Was die Frage aufwirft, ob es überhaupt etwas Klügeres gibt, als die möglichen Koalitionen derer, die einer grundlegenden Veränderung unfähig sind, sich selbst zu überlassen. Um Zeit zu gewinnen, für einen Neuanfang.  Ja, der muss demokratisch sein. In seinem tiefsten Sinn. Ohne Ressentiment oder Belehrung. Wie schrieb vor kurzem ein kluger Zeitgenosse? Wir haben nur eine Perspektive, wenn es gelingt, dass unsere schöpferischen Kräfte in der Lage sind, das Ressentiment in Schach zu halten. Verbrennen wir die Farben! Seien wir pragmatisch! 

Ostenmauer – 7. Ruhrpott

In kaum einer Region Europas wurde so im Dreck gewühlt. Der große Bedarf an Energie bei dem  gewaltigen und gewalttätigen Projekt des industriellen Kapitalismus hatte im Kohlenpott eine Heimstätte gefunden. Was an Energievorkommen unter der Erde lag, musste geborgen werden. Hunderttausende Migranten wurden aus Zügen ausgeladen und unter die Erde gejagt. Die Kohle, die gefördert wurde, befeuerte sofort die Stahlwerke, die gleich nebenan aus der Erde schossen. Eine wilde Menschenmischung aus Westfalen, Polen, Ostpreußen, Spaniern, Italienern und später vom Balkan und aus der Türkei fuhr ein, wie es heißt, um teils tiefer als tausend Meter unter der Erde, bei kochender Hitze und tödlichem Steinstaub den Grundstein zu legen für die Zivilisation, die auf Wertproduktion und Export basierte. Nicht umsonst entlehnten die Bewohner dieses gewaltigen Molochs einen französischen Terminus, den die napoleonische Armee im Gedächtnis hinterlassen hatte, um das alles zu bezeichnen. Der Pütt, abgeleitet von Putaine, der Hure, was zeigt, dass die Poesie dort, wo alles immer gleich mit Menschenleben bezahlt werden musste, notwendigerweise zum Derben neigt.

So wie die Liebe im Pott eher als ein Geschäft gesehen wird, so ist der höchste Wert in der zwischenmenschlichen Beziehung bis heute der der Verlässlichkeit. Das resultiert aus dem Ur-Erlebnis unter Tage, wo es nicht auf Zuneigung, sondern Verlass ankommt. Das ist es, woran bis heute alles gemessen wird. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wie du willst, keiner muss dich lieben, aber wenn man sich auf dich verlassen kann, dann ist das in Ordnung so und du gehörst dazu. Bist du ein unsicherer Kantonist hingegen, dann bist du draußen, da hilft dir kein Charme und keine Begabung. Wer das nicht weiß, der wird die Seele des Ruhrpotts nie begreifen.

Denn der Ruhrpott, dieser großartige Moloch, den nur die lieben können, die seinen Dreck gefressen und seinen Schweiß gerochen haben, den gibt es in dieser Form gar nicht mehr. Er ist Geschichte, die nur noch auflebt in der Erinnerung und bei den Fußballspielen, die bis heute die Welt erleuchten wie früher nachts die Kokereien. So reich und mächtig diese Region einst war, so brutal wurde sie in die Knie gezwungen. Der so genannte Strukturwandel hat mehr menschliche Existenzen auf dem Gewissen als die brutalen Klassenkämpfe der zwanziger Jahre und die Verheerungen des großen Krieges. Die früheren Zechen sind heute Museen und manches Stahlwerk ist heute ein High-Tech- oder Kulturtempel. Dafür steht in Dortmund das wohl geilste Fußballstadion der Welt, was am Publikum liegt, dafür hat Schalke eine eigene Kapelle und einen eigenen Friedhof und einen Stan-Libuda-Ring. Und in Essen lag schon Siegfried, der deutsche Mythos schlechthin, in den Armen einer Schönen.

Und dennoch, auch wenn die harten Formen des Seins längst verblichen sind, bleibt das kollektive Gedächtnis und eine Mentalität, die stärker ist als die materielle Konkretisierung des Seins. Die Mentalität des Ruhrpotts existiert noch und sie scheint ein Modell zu sein, dass der Unterwerfung auch zukünftig trotzt. Da ist das Lakonische, das Laisser-faire, da ist die Toleranz und die Zuverlässigkeit und da ist der Humor, der jeder Macht spielerisch die Stirn bietet. Den Ruhrpott, den hast du im Blut, wenn dich dort deine Mutter zur Brust nahm, egal, woher sie auch kam, denn das spielt dort keine Rolle. 

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