Nun gehts hinaus und wählt!

Man möchte sehnsüchtig zum Himmel hoch blicken und welche Instanz auch immer anflehen. Um sich zu wünschen, dass der seit langer Zeit eingeübte Brauch erstürbe, alle und alles nach einem fiktiven Wertemaßstab zu beurteilen, der vor allem eines garantiert: die überzogene, in keinem Verhältnis stehende Reaktion auf andere Sichtweisen. Das einzige Maß, das sich aus dieser Übung ableiten lässt, ist das der Empörung. Bei einem einzelnen Individuum in unseren Breitengraden spräche man von einer Adoleszenzkrise. Aber wie soll das Phänomen genannt werden, wenn es sich um eine ganze Gesellschaft handelt?

Da ist zum einen die Übersteigerung der individuellen Befindlichkeit und ihre Erhebung zum Maß aller Dinge. Und genau das ist ein Kriterium für den Prozess des Erwachsen-Wederns. Da kommt das vor. Und es gilt als ein Erfolg der Sozialisation, wenn diese hormonell bedingte Übersteigerung zugunsten einer realistischen Einschätzung der eigenen Existenz im Konsortium eines sozialen Ensembles zurück gedrängt werden kann. 

Und zum anderen ist es die Absenz einer jeden Form von Rationalität. Rationalität im gesellschaftlichen Sinne. Wo es nicht um Befindlichkeit, sondern um berechtigte Interessen geht. Die im Ensemble austariert werden müssen und die als Grundlage eines Modus Vivendi zu gelten haben. 

Diese zwei Kleinigkeiten trüben zur Zeit die Urteilskraft. Zuviel Emotion und zu wenig Verstand. Und die nicht vorhandene Urteilskraft für gesellschaftliche Zusammenhänge und ihr Wirken strahlt in voller Kraft auf die Welt, die betrachtet wird. Gerade in diesen Tagen wird deutlich, dass die wie auch immer generierte Emotion das Urteil nach den eigenen Interessen unbarmherzig ertränkt. 

Da mag man nur hoffen, dass so manches Phänomen, das sich vor den Augen der überhitzten Betrachter entfaltet, so schockiert und beeindruckt, dass der tief im Innern schlummernde Selbsterhaltungstrieb erwacht und zu einem kühlen Urteil rät. Denn, auch das weiß diese Instanz, Panik ist nicht nur die schlechteste mögliche Ratgeberin, sondern, ganz im Gegenteil, nahezu eine Garantie für das größt mögliche Desaster. Wäre es nicht so banal, müsste man den Rat geben, sich an der Natur zu orientieren. Da heißt Panik Tod.

Aber, kann man mehr als appellieren? Zu hoffen und zu bitten, sich zu besinnen, tief durchzuatmen und nach den eigenen Interessen zu entscheiden? Nein. Aber darum geht es. In einer der wohl emotional überhitztesten Phasen der Republikgeschichte stehen Wahlen an. Und  es geht um sehr viel. Jeder möge sich seiner tatsächlichen, existenziellen Interessen besinnen und dann entscheiden, wer das Potenzial hat, sie zu vertreten. Und seine Urteilskraft nicht kaufen lassen vom Ressentiment. Weder vom einen noch vom anderen! Von keinem! Und kalt kalkulieren wie eine Registrierkasse. Gefühl bei Wahlen zeugt davon, nicht erwachsen zu sein. Alle großen Zivilisationen haben gezeigt, wie das geht. Davon sind wir im Moment sehr weit entfernt. Auch das sollte uns bewusst sein. Wir sind nicht in der Position, anderen Ratschläge zu erteilen. Es ist zu zeigen, was verstanden wurde. Und was nicht. Ambition ohne Demut garantiert die Katastrophe. 

Nun gehts hinaus und wählt!

EU und Ukraine: Reise ohne Kompass

Angesichts der beginnenden Sondierungen zwischen den USA und Russland im saudi-arabischen Riad sind mehrere Ebenen zu betrachten. Zunächst, und darum ging es von Anfang an, ist zu berücksichtigen, welche Interessen die beiden am Verhandlungstisch Sitzenden ihrerseits im Blick haben. Auf russischer Seite, dass ist einfach wie offensichtlich, steht der Wunsch, ukrainisches Territorium nicht als Aufmarschgebiet der NATO zu sehen und die militärischen Erfolge territorial festzuschreiben. Die amerikanische Seite hat kein Interesse mehr, Russland in einen lokalen Zermürbungskrieg zu ziehen und möchte, aufgrund geostrategischer Überlegungen, die Beziehungen zu Russland normalisieren, zuverlässig  strategische Rohstoffe erhalten und die Distanz zwischen Russland und China vergrößern. Mit Altruismus hat das auf keiner Seite zu tun. Es handelt sich um Interessen, die in bestimmten historischen Phasen kongruent sein können. Ob daraus etwas wird, wird sich zeigen. Zu hoffen, vor allem im Interesse der gebeutelten Ukraine, ist es.

Die in EU wie NATO vereinten Länder, die momentan über ihre Nichtbeachtung sowohl der USA als auch Russlands schockiert sind, haben bereits begonnen, mit einer Fortsetzung der Kriegslogik über einen möglichen Frieden zu phantasieren. Es wird darüber sinniert, ob man die USA nicht erweichen könne, wenn man mehr Waffen an die Ukraine lieferte und die Entsendung von Truppen zur „Friedenssicherung“ anböte. Damit dokumentieren sie, dass das weder im Interesse Russlands sein kann, noch den Ansichten der neuen US-Administration entspricht. 

Was sich nun bitter rächt, ist die jahrelange Verunglimpfung des Versuchs, die Perspektive Russlands zu verstehen und die einseitige Parteinahme für die amerikanischen Demokraten. Biden, der in seinem Personal-Portfolio aufgeladene Revisionisten wie Blinken – die Familie stammt aus Kiew – und Nuland – deren Wurzeln in Bessarabien/Moldawien liegen – hatte und sie damit beauftragt hatte,  den Konflikt mit Russland zu inszenieren, ist Geschichte. Und dass die EU sich hatte dazu verleiten lassen, die Frage der ukrainischen EU-Mitgliedschaft an die NATO zu binden, hat sich zudem durch die eigene strategische Fehleinschätzung für immer aus dem Spiel genommen.  

Es ist nicht so, dass nicht häufig genug auf den Irrweg hingewiesen worden wäre. Aber alle Stimmen, die dazu rieten, die Finger von einer militärischen Einbindung der Ukraine in die NATO zu lassen, sich auf die eigenen Interessen zu besinnen und sich nicht nur für eine Partei in den USA zu entscheiden, wurden von der gesamten politischen Elite genauso verunglimpft wie von einer im Dunkeln der Weltgeschichte tappenden Qualitätspresse. Perspektivenwechsel, um das Spiel der Kräfte zu verstehen, galt und gilt im milden Fall als anti-demokratische Attitüde und in gesteigerter Form als agentenhaftes Treiben im Auftrag des Feindes. Wer so unterwegs ist, hat keinen Kompass mehr. Die Reaktionen auf die aktuellen Geschehnisse belegen genau das. Es herrscht großes Entsetzen, ohne auf die Idee zu kommen, dass das eigene Handeln mit der Entwicklung zu tun hat. Und wer immer noch an dieser These zweifelt, sehe sich die Begründung der amerikanischen Administration an, warum es keinen Sinn macht, die „Europäer“ an den Gesprächen mit Russland zu beteiligen.

In Westeuropa sollte sich derzeit jedoch niemand zurücklehnen und den Lauf der Dinge unbeteiligt beobachten. Die bellizistische Waffenlobby, die ihre Trabanten in den Reihen der so genannten demokratischen Mitte gut platziert hat, fürchtet wie ihre Trabanten den Frieden, weil er einhergehen wird mit ihrer Bedeutungslosigkeit. Letzteren ist alles zuzutrauen, nur kein rationales Handeln. 

Ostenmauer – 13. Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern später noch sehr viel Stoff  bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, Shakespeare, unter ihren mächtigen Köpfen stand der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht, in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt. 

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch nicht das war, wofür es heute bekannt ist. In Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der  wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Kompost der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus. 

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er bereits eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört?  Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.

Unerwartetes Wiedersehen