Regierung: „Ich will jetzt nur nach vorne schauen!“

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben für eine bestimmte Zeit die Leitung eines Projektes von Ihrem Auftraggeber erhalten und sind für alles, was in diesem Zeitraum geschehen ist, verantwortlich. Einiges hat nicht die Entwicklung genommen, wie es geplant war, manches ist aber auch gelungen. Letztendlich muss Ihr Auftraggeber aber über eine neue Organisation entscheiden, weil das Führungsgremium, dem Sie angehörten, sich zerstritten hat und unter diesen Umständen nicht mehr weiterarbeiten will. Und nun stehen Sie vor Ihrem Auftraggeber, der wissen will, wie es zu den durchwachsenden Ergebnissen kam, was sie selbstkritisch anders machen würden und mit welchen Initiativen Ihrerseits zu rechnen oder nicht zu rechnen ist. Wie gesagt, der Auftraggeber muss letztendlich entscheiden, wie es weitergehen soll. Er sitzt vor Ihnen und wartet auf eine Erklärung und alles, was Sie ihm antworten ist: „Man kann zu allem die eine oder andere Meinung haben, aber mich interessiert das eigentlich nicht mehr. Ich will jetzt nur nach vorne schauen und bitte um Ihre Unterstützung!“ 

Und tatsächlich sind es zumindest die beiden Perspektiven, die wir bei der Arbeit, in deren Verantwortung wir stehen, haben. Die eine ist der Rückblick, der uns die große Chance gibt, aus dem Gemachten zu lernen, und die Vorausschau, bei der es auf Planungsfähigkeiten und eine große Portion Mut ankommt, denn nichts ergibt sich umsonst, alles ist mit Mühen verbunden und Garantien für das Gelingen existieren nie. Insofern ist das Plädoyer für den Blick nach vorn verständlich, ginge es nicht einher mit einem strikten Votum dafür, das vergangene auszublenden. Wenn das so ist, das wissen wir alle, dann ist etwas faul im Staate.

Auffällig ist, dass diejenigen, die in den letzten Jahren die Regierungsverantwortung trugen und die in einer mehr als fragwürdigen Weise den Terminus der Verantwortung gerne im Munde führten, von dieser Form der Zuständigkeit, nämlich Fehlentwicklungen und sogar dem Misslingen, strikt von sich weisen. Im Hinblick auf den Konflikt mit Russland konnte man immer wieder hören, dass es nicht interessiere, was in der Vergangenheit geschehen sei, und wir reden hier nicht von Petitessen, sondern von historisch unerreichten Opfern. Bei der Betrachtung der Schäden, die durch eigene Beschlüsse wie nichts bewirkender Sanktionen für die eigene Volkswirtschaft und die Kaufkraft der Bevölkerung verursacht wurden, schiebt man gerne die Urheberschaft auf fremde Feindbilder. Und nun, beim Rückblick auf die eigene Regierungszeit, schlägt man es kategorisch aus oder schiebt es auf diejenigen, mit denen man sich entzweit hat. 

Was bei diesem Spiel gewaltig aus den Augen verloren wurde, ist das Faktum, dass die Wählerschaft der Auftraggeber derer ist, die das Projekt Regierung für einen zeitlich begrenzten Zeitraum führen sollen. Jeder Auftraggeber, dem eine substanzielle Zurechnungsfähigkeit konzediert werden muss, wird sich mit einer Erklärung der Projektleitung, das, was Geschen sei, interessiere sie nicht, denn sie wolle nur nach vorne schauen, nicht zufrieden geben und  umgehend die Kündigungspapiere aushändigen. Nicht wegen des einen oder anderen Fehlers. Sondern wegen der Verkennung der grundlegenden Verhältnisse. Es soll ja auch Mitglieder der Projektleitung gegeben haben, die in aller Öffentlichkeit bekundeten, den Willen und die Intention des Auftraggebers nicht anerkennen zu wollen, weil sie selbst andere Interessen haben, denen sie treu blieben. Das ist betriebsschädigendes Verhalten und Vertrauensbruch in einem. Wer sich dann noch einmal für den Job anbietet, ist eine Gefahr für das gesamte Unternehmen. Es bleibt die Hoffnung, dass der Auftraggeber bei klarem Verstand ist.

Sagen, was ist!

Stefan Aust, Zeitreise. Die Autobiografie

Der Vorteil, wenn sich alte Wölfe, die schon viel Schnee gesehen haben, erinnern, ist das Fehlen der Kontaminierung durch den kollektiven Brainwash unserer Tage. Nämlich das, was von den Zwergen auf den Schultern von Riesen momentan aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gemacht wird, entspricht in keiner Weise dem, was tatsächlich geschehen ist und der Motivation der Handelnden entsprach. Da ist es hilfreich, jemandem zuhören, der neben einer eigenen politischen Meinung, die man nicht teilen muss, dennoch in der Lage ist, die Geschehnisse so darzustellen, wie sie ein guter Journalist, der den Prinzipien und dem verloren gegangenen Ethos dieses Berufes entspricht und die als Motto über dem Hause stand, in dem er lange Zeit eine herausragende Stellung einnahm:

„Der Journalist hat nicht das Mandat, Wahlen zu gewinnen und Parteien zu promovieren. Er gerät auf die Verliererstraße, wenn er versucht, Kanzler und Minister zu machen, große oder kleine Koalitionen zu begünstigen, kurz, wenn er der Versuchung erliegt, Politik treiben zu wollen. Unternimmt er es dagegen, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen und zu sagen, was ist, dann ist er mächtig“. (S. 477)

Stefan Aust, seinerseits Verfasser seiner Autobiografie, zitiert nicht nur einmal den Spiegel-Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein. Immer, wenn er das macht, geht es um seine journalistischen Grundsätze. Aust selbst ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er hat als begleitender Journalist, der Recherchen betrieb, die so manchen Institutionen richtig weh taten, vieles erlebt und begleitet. Der Baader Meinhof Komplex, die NSU Morde und vieles andere, was die Geschichte dieser Republik geprägt hat und den Regierenden mal das Attribut staatsmännischer Größe und Verantwortung und mal das des kläglichen Versagens anheftete. 

„Umstritten“, um ein inflationär benutztes Wort des heutigen journalistischen Boulevards zu benutzen, war Stefan Aust immer. Oder nein, um bei der Wahrheit zu bleiben, er war immer streitbar. Ob als junger Redakteur bei Konkret, ob als Chef von Spiegel TV, ob als Chefredakteur des Spiegel, ob als Herausgeber von Die Welt, ob als Buchautor oder als freier Journalist. Und, das muss man ihm attestieren, er hat immer gesagt, was ist. Und er hat seine eigenen Ansichten nie verborgen, aber er hat sie gekennzeichnet.

„Die Zeitreise“, wie seine Autobiografie heißt, liest sich wie seine Artikel, flüssig, das Wesentliche hervorhebend, prägnant. Es ist auch für die Leserin oder den Leser eine Zeitreise durch die Geschichte der Republik. Durch die Revolten, den Kalten Krieg, die Vereinigung, die Wirtschaftskrisen und politischen Karrieren. Angenehm ist, dass der Autor zwar auch über sein Leben berichtet, das er während der verschiedenen Phasen gelebt hat, aber auch dabei distanziert und sachlich bleibt. 

Entstanden ist ein Konvolut von 640 Seiten, das nicht am Stück gelesen werden muss, weil es durchgehend thematisch gegliedert ist und die Ereignisse über das eigene Agieren gestellt werden. Insofern handelt es sich um ein Buch, das einen unverstellten Einblick in das bundesrepublikanische Zeitgeschehen gewährt, das diese Republik geformt hat, bevor eine neue Form der historischen Inquisition das Ruder der öffentlichen Meinungsbildung ergriff und versuchte und versucht, Geschichte gravierend umzudeuten. Also sei es empfohlen. Ausdrücklich. Stefan Aust. Zeitreise.