Der Absturz der intellektuellen Kaste

In den unterschiedlichen Diskursen wird vieles beschrieben. Da ist von der manipulativen Rolle der sozialen Medien die Rede, von einer zunehmend inquisitorischen Argumentationsweise, von einer sich längst verselbständigten politischen Elite, von einer zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft, von einer unvorstellbaren Akzeptanz zumindest verbaler Gewalt, von einem gewaltigen Absturz des Bildungsniveaus in historischer und politischer Hinsicht und vieles mehr. Eines jedoch findet keinen Eingang in den Diskurs, wobei es vielleicht genau die Größe wäre, mit der die Krise des politischen Systems am besten beschrieben werden könnte: Der Absturz der intellektuellen Kaste!

Nicht, dass das Wesen des Kapitalismus durch agile, sich zu Wort meldende Intellektuelle

in seinem Kern getroffen werden könnte. Das alleine würde nie reichen. Aber die Tatsache, dass es Menschen gibt, die in der Lage wären, die tatsächlichen Triebfedern wirtschaftlicher, politischer, sozialer und kultureller Entwicklungen zu erkennen, zu benennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und sich auch noch mit dieser Erkenntnis zu Wort zu melden, würde zumindest vermuten lassen, dass – rein theoretisch – die notwendige Substanz einer ernst zu nehmenden Opposition vorhanden ist. 

Und nicht, dass jetzt manche verklärten Blickes und mit feuchten Augen in die Vergangenheit blicken. Sonderlich ausgeprägt war das nie. Aber es gab sie. Diejenigen, die der Herrschaft über Dinge und Worte den Spiegel vorhielten und ihnen die impertinente Camouflage unmöglich machten. Es waren Männer und Frauen mit Verstand, Haltung und Konsequenz.

Ein kritischer Blick auf das Zeitgeschehen vergegenwärtigt, in welchen Wüstenzustand sich zumindest die amtliche und zelebrierte Öffentlichkeit befindet. Da ist nichts zu sehen. Und selbst die Genres, in denen sich die kritischen Intellektuellen unter normalen Umständen tummeln,  sind leergefegt und von Claqueuren der herrschenden Meinung bevölkert. Das ist in der Literatur so, im Journalismus und im Kabarett. Diejenigen, die die Foren und Formate dominieren, wirken wie Werbedamen von einst, die sich nicht schämen, die angeschmacktesten Lobhudeleien auf einen kriminellen Akt nach dem anderen abzusondern oder diejenigen, die zäh gegen den frivolen Zeitgeist ankämpfen, im Tone tollwütiger Straßengören zu beschimpfen. Und damit ihnen nichts peinlich wird, werden sie mit Preisen aus dem Herrschaftssyndikat überschüttet. Für ihren Heroismus, auf den bemitleidenswerten Rest der Gesellschaft herunterzuschauen.

Und es ist ja nicht so, dass man in langer, intensiver Arbeit zu Erkenntnissen vordringen müsste, um das Spiel zu durchschauen. Musste man vor vierzig Jahren noch das Kapital von Karl Marx lesen, um das Wesen des Kapitalismus zu begreifen, würde es heute schon reichen, ein Hollywood-Produkt, den Paten I-III genauer anzusehen, um zu begreifen, welche Zustände herrschen. Protektionismus, Schutzgelder, Erpressung, Plünderung und Mord sind die Mittel, über die im politischen Orbit so diskutiert wird, als sei es das Normalste von der Welt. Es ist wirklich so: das Ende dieser Geschichte ist nah. Nur eben anders, als in Zeiten des Triumphalismus gedacht. 

Dass die Intellektuellen, die vielleicht nur noch in zoologischen Gärten zu finden sind, dazu schweigen, wird ihr Geheimnis bleiben. Was noch frei herumläuft, ist ein intellektuelles Prekariat, das vielleicht noch über vieles verfügt, aber eines völlig verloren hat. Es ist das Quäntchen Courage, das man braucht, um morgens in den Spiegel blicken zu können. Selbst das bekommen die domestizierten Literaten, Journalisten und Kabarettisten nicht mehr hin. Wie war das noch? Wenn der Tod eingekehrt ist, werden die Spiegel verhängt?

Radikal an der Desillusionierung arbeiten!

Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrbuch

Tief im Westen weiß man immer sehr schnell alles zu erklären. Auch und gerade die Befindlichkeiten derer, die im Osten aufgewachsen sind. Die Rede ist von den Deutschen. Die werfen einen Blick in irgend ein Lexikon oder auf Wikipedia, und schon sind sie Experten und erklären einem staunenden Publikum um sich herum, wie sich die Sache verhält. Für viele Menschen aus dem Osten, jener Republik mit Namen DDR, muss das eine schlimme Erfahrung gewesen sein. Dass man alles im germanischen Okzident besser weiß als im Orient. Umso befreiender sind bestimmte Dokumente, die darüber Aufschluss geben, wie es einem ergangen ist, der voller Hoffnung und vielleicht auch Illusion von Ost nach West ging und am Ende sehr ernüchtert war.

Eine dieser Geschichten ist die des Birk Meinhardt, der bereits ein angesehener Sportreporter in der DDR war und den man zu einem renommierten Blatt nach der Wiedervereinigung nach München holte. Sport, so dachte man dort, ist nicht gleich ein politisches Risiko. In seinem Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ erzählt Meinhardt seine Geschichte bei der Süddeutschen Zeitung. Wie er dort aufgenommen wurde, wie toll anfänglich das Arbeiten war, wie man ihm zutraute, auch in fremden, gar politischen Ressorts sein Können zu zeigen und wie er merkte, wo die Grenzen der journalistischen Freiheit liegen.

In seinem kleinen Buch schildert Meinhardt anhand dreier von ihm erstellten Reportagen, wie ihm die der Zensurring durch die Nase gezogen wurde. Die in Gänze dokumentierten Stücke haben es natürlich auch in sich:  ein Werk über die mehr und mehr in die internationale Finanzspekulation verstrickte Deutsche Bank, die sich nahezu in toto von ihrem originären Auftrag, mit Krediten die deutsche Wirtschaft zu unterstützen, verabschiedet hat. Beim zweiten Beispiel handelt es sich um einen zu Unrecht verurteilten Rechtsradikalen. Das passte nicht ins Klischee und touchierte die Illusion von der Unabhängigkeit der Richter. Und die dritte Reportage befasste sich mit dem Status und den Aktivitäten der amerikanischen Streitkräfte in Ramstein. Da ging es um formales bundesrepublikanisches Recht und amerikanische Faktizität. 

In allen drei Fällen kam es zu keiner Publikation. Und Meinhardt beschreibt sehr eindringlich, wie die zahlreichen Versuche aussahen, um ihn zu zensieren und den enthüllenden Charakter der Arbeiten zu zerstören. In einem Dialog mit einem Freund, seinerseits auch ein von Ost nach West Migrierter, aber in einem anderen Genre arbeitend, gibt ihm dieser den weisen Rat, radikal an seiner Desillusionierung zu arbeiten. Dann ließe sich hier, im Westen, leben und arbeiten.  

Dass Birk Meinhardt nicht mehr bei „seiner“ Süddeutschen Zeitung arbeitet, versteht sich von selbst. Letztere hat die eindeutige Tendenz, die er in dem Buch beschreibt, in atemberaubender Weise in den letzten Jahren übertroffen. Freie Meinung und investigativer Journalismus gelten exklusiv für die als amtlich anzusehenden politischen Positionen. Für mehr ist da kein Platz. Auch hier zeigt sich, dass die Menschen aus dem Osten, sofern sie noch alt genug waren, um das politische System dort zu spüren, einen untrüglichen Riecher besitzen für Entwicklungen, die alles Mögliche sind, nur nicht demokratisch.