Der Westen – das gleiche Schicksal wie die UdSSR?
Emmanuel Todd. Der Westen im Niedergang
Es mehren sich die Publikationen, die sich mit der Zukunft des Westens beschäftigen. Kein Wunder, präsentiert sich das diffuse Ensemble im Moment nicht wie ein sozial, kulturell und politisch definierbarer Zusammenschluss, sondern mehr als ein militärisches Bündnis und eine protektionistische Vertragsgemeinschaft. Der in den USA lebende Schotte Niall Ferguson hat unter dem Titel „Der Westen und der Rest der Welt“ in beeindruckender Weise noch einmal die Gebiete dokumentiert, die den global unaufhaltsamen Aufstieg möglich gemacht haben. Sein Fazit hinsichtlich der Zukunft des Westens war etwas enttäuschend, weil er sich dabei nicht mehr auf westliche Stärken als auf Feindbilder konzentrierte.
Der Franzose Emmanuel Todd, seinerseits Historiker und Anthropologe, der gefeiert wurde, weil er zehn Jahre vor dem Zusammenbruch der UdSSR diesen bereits vorhergesagt hatte, lässt in Bezug auf die Zukunft des Westens, so wie er sich momentan präsentiert, ebenfalls keine gute Prognose zu. Sein Buch „Der Westen im Niedergang. Ökonomie, Kultur und Religion im freien Fall“ lässt keine Zweifel aufkommen. Dass er dafür weniger gefeiert werden wird als für die Vorhersage bezüglich der Sowjetunion versteht sich nahezu von selbst und es wird nicht lange dauern, bis auch er unter dem Verschwörungsemblem einsortiert werden wird. Dennoch oder gerade deshalb ist die Lektüre unbedingt zum empfehlen.
Emmanuel Tod macht nämlich genau das, was er immer gemacht hat. Er stützt sich bei seinen Zustandsbeschreibungen auf Daten aus der empirischen Sozialforschung. Übrigens eine Wissenschaft, die in der Blüte der westlichen Welt zu den Disziplinen mit großem Renommee gehörten und die nach Jahrzehnten des Wirtschaftsliberalismus ein Schattendasein führt. Todd hingegen lässt sich nicht täuschen und sieht sich die Geburtenraten an, die Säuglingssterblichkeit, den Grad der Alphabetisierung. Er betrachtet die Studierenden in den verschiedenen Ländern bei ihrer Entscheidung, was sie studieren und er untersucht das so geehrte Steuerungsinstrument des Bruttoinlandsproduktes genau.
Die Ergebnisse sind erschütternd. Vor allem in den USA, die als Avantgarde der westlichen Entwicklung gelten. Alle Daten sprechen für einen Niedergang. Die Säuglingssterblichkeit steigt und liegt deutlich über der z.B. in Russland oder China, die Geburtenrate ist niedrig, wiewohl immer noch höher als in den europäischen Ländern, der Grad der Alphabetisierung sinkt dramatisch, studiert werden Fächer, die dem Verteilungssektor und nicht dem der Wertschöpfung zuzurechnen sind und das BIP ist, entblättert von den Kosten des gesellschaftlichen Überbaus, in Bezug auf die Produktivität auf Talfahrt.
Neben den Daten betrachtet Todd noch die Entwicklung auf die Rolle, die die protestantische Ethik und die spielt, nämlich zunehmend keine. So ganz nebenbei verweist er auf die unterschiedlichen Familienstrukturen in den Ländern des Westens und erklärt nachvollziehbar, dass das Attribut der liberalen Demokratie nur in drei Ländern angebracht gewesen ist: In Großbritannien, den USA und Frankreich. Bei der Betrachtung Deutschlands oder Italiens müsste man eigentlich selbst darauf kommen. Und man fragt sich, mit welcher Schimäre das so genannte westliche Bündnis eigentlich unterwegs ist.
Auch Todd erklärt die geopolitische Lage und sein Urteil ist eindeutig. Die USA alleine sind nicht der Westen. Der Westen hat als bloßes Anhängsel der USA keine Zukunft. Wenn Europa eine Zukunft haben soll, dann muss Deutschland seine Beziehungen zu Russland neu justieren.
Todd, der Franzose, sagt in diesem Buch Dinge, die zur Zeit in Deutschland auf dem Index stehen. Und seine Methode besticht in vielerlei Hinsicht, weil er mit sozialwissenschaftlichen Daten operiert. Wer sich um die Frage sorgt, was aus dem Westen wird, sollte beide erwähnten Bücher komplementär lesen. Wobei Emmanuel Todd wirklich neue Perspektiven eröffnet.
Untertanen – im digitalen Zeitalter
Wenn Kollektive zeitversetzt lernen, hat dies skurrile Situationen zur Folge. Während in den skandinavischen Ländern, die ihrerseits Pioniere bei der Digitalisierung des Schulunterrichts waren, rigoros die digitalen Hilfsmittel aus den Klassenzimmern entfernen und die großen Tycoone aus dem Silicon-Valley ihren Nachwuchs auf Schulen schicken, die mit ihrer analogen Vorgehensweise werben, hatten wir hier jüngst eine Bund-Länder-Konferenz zu protokollieren, in der die Digitalisierung der Schulen mit einer neuen Offensive bedacht werden sollte. Länder mit hinreichender Erfahrung in der Gestaltung des Unterrichts unter digitalen Vorzeichen und Eliten, die ihre astronomischen Gewinne mit der Verbreitung digitaler Maschinen und Programme verdienen, wenden sich ab vom Trend, wenn es um die Ausbildung und Erziehung des Nachwuchses geht und hier, ausgerechnet in Deutschland, wo man sich auf eine hohe Schule der Geistigkeit beruft, kann die Unterwerfung des jungen Verstandes nicht schnell genug voran gehen. Zudem ist der Ausdruck „schnell“ in diesem Kontext eine heillose Verharmlosung des Schneckentempos auf dem Terrain der Innovation.
Nicht, ja, ein langweiliger, aber in diesen Breitengraden notwendiger Satz, nicht jede Innovation ist mit Skepsis zu betrachten. Und vieles von dem, was wir heute bei unserer Lebensgestaltung schätzen, entstammt dem Prozess technischer Innovationen. Der Prozess der Entmündigung und das Nicht-Erlernen eigener analytischer Vorgehensweise jedoch ist durch die Perfektion algorithmischer Programmierung nachweislich beschleunigt worden. Die Vorstellung, dass diese technischen Hilfsmittel dem Subjekt Mensch die Arbeit erleichtern, hat sich in vielen Bereichen als schöne Illusion erwiesen. So, wie der Trend geht, wenn man ihm nicht durch bewusste Steuerung begegnet, verwandelt das gedachte Objekt (Maschine) das Subjekt (Mensch) in das Gegenteil. Die artifizielle Intelligenz, die gerade mit ungeheurer Wucht aufschlägt, degradiert den Menschen immer wieder zum Objekt und viele weisen dem eigentliche Objekt, dem Werkzeug, den Subjekt-Status zu. Dass zumindest einige Länder und Sozialgruppen dieses erkannt haben, regt zum Hoffen an. Dass das in unserem Land nicht so ist, vergrößert die Betrübnis.
Der Beispiele, wie sich bereits verblendete Zeitgenossen von der im klassischen Sinne in allen gesellschaftlichen Bereichen vorherrschenden technokratischen Vorherrschaft weiterhin täuschen lassen, gibt es viele. Die sich am meisten aufdrängendsten sind die, in denen Eltern oder Lehrende stolz darauf sind, wenn Schülerinnen oder Studenten mittels der KI Aufgaben erledigen lassen können, ohne selbst im handwerklichen Sinne dazu in der Lage zu sein. Sie sind trotz des Lobes zu bloßen Bedienern degradiert, denen ein Gabelstaplerfahrer mit seinen von ihm geforderten Fertigkeiten und Fähigkeiten weit überlegen ist.
Diese Form der kritischen Reflexion als eine rückwärts gewandte, dem Fortschritt generell skeptisch gegenüberstehende Haltung zu bezeichnen, wie dies allzu oft geschehen ist und immer wieder geschieht, muss leider als ein Indiz für das brutale Fortschreiten der Entmündigung gewertet werden. Da schwingen sich Exemplare der Gattung, die ihrerseits immer fester an die Existenz und das Vermögen von Heinzelmännchen glauben, dazu auf, das bisschen Geist, das noch auf dem Bodensatz einer konsumistisch verblödeten Öffentlichkeit aufzufinden ist, als die Rückständigkeit aus einer anderen Zeit zu verkaufen.
Ja, es bleibt dabei, hier geht alles etwas langsamer. Das Ringen um Prinzipien überstrahlt die Pragmatik, der Besitzstand, so bemitleidenswert er auch ist, schützt vor der Überraschung, die neue Wege mit sich bringen könnten. Also stellen wir jetzt noch mehr Computer in die Schulen. Und lernen wir bitte nicht, mit dem eigenen Kopf zu denken. Wo kämen wir dahin! Wir brauchen Untertanen – im digitalen Zeitalter.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.