Ostenmauer – 4. Das Mädchen von Java

Niemand wäre auf die Idee gekommen, welch hartes Schicksal ihr Leben geprägt hatte, wenn sie  über die Hauptstraße schritt. Eine große Frau mit krausem Haar, das sie mit einem Seitenscheitel trug. Stolz schritt sie durch ihre Stadt und sie kannte jeden und alle kannten sie. Für einen Weg, der in Minuten hätte zurück gelegt werden können, brauchte sie Stunden. Hier wurde sie angesprochen, dort warf sie jemandem einen lakonischen Kommentar entgegen. Daraus entwickelten sich dann Gespräche, über das Geschehen im Ort, über diese oder jene Figur des Stadtgeschehens, über Politik, und manchmal sogar über Fußball. Über das Leben eben. Dabei wechselte sie eloquent zwischen Hochdeutsch und Platt, je nach dem, mit wem sie es zu tun hatte. Und, auch entsprechend der Situation, mal war sie vornehm, mal derb. Es schien, als kannte sie die Welt. Da war sie schon gar nicht mehr so jung. Und viele nannten sie eine Dame. In dem eher proletarisch-bäuerlichen Milieu eine Seltenheit. 

Das Mädchen von Java, wie sie die meisten nannten, hatte es hart getroffen im Leben. Früh verlor sie ihren Vater im I. Weltkrieg, ihre Mutter heiratete noch einmal, für die damaligen Zeiten eher eine Seltenheit und das trieb sie schnell aus der verbliebenen Familie. Mit ihrem Mann, ihrem Hermann, den sie sehr jung heiratete, hatte sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Das bescheidene Glück, das sie gefunden zu haben glaubte, währte nicht lange. Der Junge ging noch nicht zur Schule, da starb Hermann an einem viel zu großen Herzen. Ohne große finanzielle Mittel schlug sie sich und die beiden Kinder durch. Doch das Mädchen von Java ließ sich nicht verbittern. Sie sagte Ja zum Leben und gab nicht bei. Kaum eine Feier, auf der sie nicht das Tanzbein geschwungen hätte und mit einer Zigarette im Mundwinkel das patriarchalisch geprägte Publikum herausgefordert hätte. Nach dem Motto, na Jungs, was habt ihr drauf, gab sie den Takt vor.

Kurz nachdem der Sohn in einer großen Stahlradiatorenfabrik begonnen hatte, kamen Vertreter der Firma in ihr Haus und teilten ihr mit, dass der Sohn bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen war. Sie stellte sich die Frage, ob es schlimmer kommen könne und beantwortete die Frage mit einem Nein. Aber, so der ihr eigene Schluss, wozu sind wir denn hier, und damit meinte sie das irdische Dasein. Die Antwort war eindeutig, sie wollte sich das alles nicht bieten lassen. Ihren Namen, den alle kannten, und von dem kaum noch einer wusste, woher er stammte, hatte sie von einem Schlager aus den Zwanziger Jahren. Oh Mädchen von Java, ich hab dich tanzen gesehen, hieß der. Und sie hatte sich in einer Gaststätte, in der er aus dem Radio schallte, auf den Tisch geschwungen und dazu getanzt. Seitdem war sie das Mädchen von Java, oder auch nur Java. 

Als ihre Tochter aus dem Gröbsten heraus war, wie sie es nannte, und in die ferne Welt zog, lebte sie ihr Leben weiter. Und sie half, wenn es anderen schlecht ging. Mit ihrer vom Rauch dunkel gegerbten Stimme spendete sie manchen Trost, nur eines duldete sie nie, und das war die Weinerlichkeit. Dann konnte sie mit schnarrender Stimme wie ein Offizier auf dem Kasernenhof die armen Seelen zur Räson rufen. Selbstmitleid duldete sie nicht, das hatte ihr auch nicht geholfen und das ließ sie bei keinem zu. Sie blieb so, wie sie immer war. Graziös, burschikos und couragiert. Wer sie kannte und im Laufe der Jahrzehnte sah, glaubte immer, die Zeit stehe still. Selbst im hohen Alter wirkte sie jung und wem sie gut zuredete, der hatte wieder Mut gefasst und wem sie den Marsch blies, riss sich zusammen. Das Mädchen von Java wurde 95 Jahre alt und die letzten, die kurz vor ihrem Tod noch mit ihr sprachen, den sie als die große Reise beschrieb, die vor ihr läge, verließen ihr Haus voller Lebensmut.

Politik ohne Strategie: You can check out any time you like, but you can never leave!

Seit dem Zeitpunkt, an dem die so treffende wie indikatorische Redewendung „von der normativen Kraft des Faktischen“ die Öffentlichkeit erreichte, ist ein Zustand erreicht, der gründlich überdacht werden muss. Kurze Zeit später hieß es dann auch noch, man „fahre auf Sicht“, was zu der ersten Formulierung komplementär gelesen werden muss. Man könnte zurückgreifen auf Hegels Satz, dass alles, was ist, vernünftig sei und daraus den Stillstand als die Realität anpreisen, aus der es kein Entrinnen gibt. Und wenn sich doch etwas verändert, dann kann man nur darauf reagieren. Zur Beruhigung aller, die jetzt bereits die Stirn runzeln: Hegel war schon weiter, denn dem oben angeführten Satz folgte der als Schulgeheimnis der Hegel´schen Philosophie geltende, dass alles, was vernünftig ist, sein müsse. Und schon waren zumindest die Berliner Studenten im frühen 19. Jahrhundert in Bezug auf eine strategische Ausrichtung menschlicher wie gesellschaftlicher Handlungen weiter als der heutige Zeitgeist.

Zumindest hier, in unserem kulturell-politischen Dunstkreis. Selbiger ist definiert durch ein politisches System, das mit Regelmäßigkeit durch Wahlen die Legitimität politischen Handelns herzustellen sucht. Der Gedanke ist lobenswert, hat jedoch einige Bruchstellen. Eine, um die es hier geht, ist die Kürze der Wahlperioden und die notwendige Karriereplanung der handelnden Politiker. Dinge, die in einem Jahrzehnt vielleicht aus jetzigen Entscheidungen resultieren, betreffen nicht mehr die, die sie treffen. Geschweige denn, was kommende Generationen betrifft. Und, um einer trunkenen Vorstellung vorzubeugen, auch die jetzt lebenden Jungen haben diese Perspektive nur so lange im Blick, sofern sie glauben, den Zustand selbst noch erleben zu müssen.

Es geht hier nicht um den Tadel aktueller Akteure, wiewohl es dazu immer wieder Anlass gibt, sondern es geht um den Kerngedanken, dass der gegenwärtige Zustand der politischen Legitimation mehr oder weniger systematisch die Entwicklung einer langfristigen Strategie für eine komplexe Massengesellschaft ausschließt. Das ist beängstigend und zeigt, in Konkurrenz zu autoritäreren Staatsstrukturen, einen erheblichen Nachteil. 

Aktuell sind sich viele Menschen dieses Defizits bewusst, aber es scheint so, als befänden wir uns in einem Zustand, wie er im „Hotel California“ so treffend beschrieben ist: „You can check out any time you like, but you can never leave.“ Wer sich vom Tagesgeschäft, dieser grausamen normativen Kraft des Faktischen, abgrenzt und versucht, etwas systematischer sich der Aporie von Legitimation und Strategie zu widmen, wird von den Bluthunden der Erregungsgesellschaft zu Tode gehetzt. Das, was Gesellschaften, die eine gute Zukunftsprognose für sich beanspruchen, auszeichnet, ist unter anderem die Fähigkeit systemischer Innovation.

Die Notwendigkeit einer Strategie beinhaltet sehr viele gesellschaftliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, die momentan nur rudimentär vorhanden sind. Aber es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die nicht in der Lage wären, einen solchen Prozess zu bewerkstelligen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es erwünscht ist.

Genau betrachtet sind die „Gewinner“ der Krisen, die aus einer mangelnden, strategischen und programmatischen Ausrichtung über das Gemeinwesen hereinbrechen, an einer systemischen Innovation nicht interessiert. Das Malheur, so könnte man es salopp ausdrücken, ist die Quelle des Reichtums einer Minderheit. Diese wiederum verteidigt apologetisch den Zustand, der als nicht zufriedenstellend bezeichnet werden muss. Die Kritik an den bestehenden Zuständen wird als Blasphemie verdammt. Dabei ist sie momentan der konstruktivste Impuls.

Alte Linien und ein neues Debakel

Das wahrhaft Schöne an unserer Zeit ist der Umstand, dass man sich täglich die Augen reiben muss. Um sich zu vergewissern, ob das, was zu sehen oder zu hören ist, den tatsächlichen Ereignissen entspricht oder nicht. Bei dem Wust an so furchtbar titulierten Fake News ist immer die Recherche gefragt. Und zwar auf allen Seiten! Wer sich auf der sicheren, der einzigen Wahrheit verbürgten wähnt, hat das Spiel bereits verloren. Aber das einmal nur ganz am Rande. Für die Verbohrten. Auf allen Seiten!  Aber lassen wir das. 

Heute Morgen erhielt ich eine Email mit einem Attachment, das mich nicht nur erfreute, sondern tatsächlich dazu veranlasste, zweimal hinzuschauen respektive zu hören. Es war die Neujahrsbotschaft der us-amerikanischen Botschafterin in Moskau, Lynn Tracy. Sie wünschte sich und den Russen, dass der so wichtige Austausch in allen gesellschaftlichen Bereichen am Leben bleibe und ausgebaut werde. Sie erzählte, dass sie selbst ein Kind des Kalten Krieges sei und wüsste, wie wichtig menschliche Kontakte seien, um in politisch schwierigen Zeiten, die mit ernsthaften Konflikten beladen sind, am gegenseitigen Verständnis zu arbeiten und die Sichtweisen der anderen Seite kennenzulernen. Der Dialog von Amerikanern und Russen aus allen Gesellschaftsschichten sei eine wichtige Voraussetzung dafür. 

Als ich mir die Botschaft anhörte, klang es für mich fast so, wie die Interaktion von Alliierten. Und wenn ich mir dazu die Parolen aus dem Auswärtigen Amt dieser Republik ansehe, dann erinnern mich diese an die alten, kriegerischen Konfrontationslinien. Ich erspare mir die Formulierung, so weit seien wir wieder gekommen. Die Stimme jedenfalls, die mit der Kenntnis der Vergangenheit  und über die Notwendigkeit der Verständigung spricht, ist zumindest im offiziellen Teil des Gesellschaftslebens erloschen und wird dominiert von Ressentiments aus der untersten Schublade. Es scheint, als führten alte Linien zu einem neuen Debakel.

Die Argumentation, dass Demokratie das sei, was bei freien, gleichen und geheimen Wahlen via Ergebnis zu Amt und Würden gelangt, ist, bei den verzweifelten Versuchen einer Regierungsbildung aufgrund größerer Parteienvarianz so nicht mehr zu halten. Und die These, dass das, was letztendlich an Koalitionen zustande kommt, das Ergebnis notwendiger Kompromisse sei, hat sich a) bei der Ampel als nicht stabil genug entpuppt und ist b) ein doppelt scheußliches Testat, wenn man sich den militaristischen, bellizistischen, kolonialistischen und imperialistischen Eifer ansieht, mit der die Bundesrepublik Deutschland seit der Besetzung des Außenamtes in der jetzigen Form in die Welt hinaus agiert. Ich benutze die Formulierung sonst nicht, aber als Beobachter aus dem eigenen Land bleibt nur noch das Fremdschämen. 

Letzteres gilt auch für das Auftreten der Unperson in Syrien. Gerade weil die Warnungen vor einem durch Terrorismus groß gewordenen Ensemble mehr als berechtigt sind und die geplante, unwürdige, aber misslungene Umarmung aufzeigt, dass im jetzigen Stadium der Werteanspruch und die vermeintlichen geopolitischen Notwendigkeiten sich diametral entgegenstehen, war der Besuch der Außenministerin dort wieder ein Lehrstück. Eines dafür, wie man glaubt, mit doppelten Standards über die Runden zu kommen, wie man sich vorstellt, dass die eigenen Sitten allen anderen überlegen sind und wie man es mit Bravour bewerkstelligt, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen und zu isolieren, weil man in seiner sektenhaften Halsstarrigkeit in einer multikulturellen Welt mit divergierenden Interessen zum Scheitern verurteilt ist. Wenn das der Konsens ist, der aus dem Prozess demokratischer Usancen entstanden ist, dann ist jemand dabei, alles zu ruinieren, was dieses System zu bieten hat.