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Bei Luigi

Nichts übt eine solche Anziehungskraft aus wie die Abende, wenn, nach Monaten der Kälte und Gräue das Grün in die Bäume schießt und die ersten Lokale ihre Gärten öffnen. Dann treibt es in unseren Breitengraden alle, die im schlummernden Besitz ihrer Lebenslust sind, abends, nach den Pflichten des Tages, nach draußen, um ein gutes Essen oder ein kühles Getränk zu genießen und sich zu versichern, dass das Leben noch etwas anderes zu bieten hat als künstliches Licht und installierte Heizungen, als schlechtes Fernsehen oder auch gute Bücher. Dem Menschen ist nach Sozialkontakten unter freiem Himmel und der Schwung, mit dem er diesem Trieb nachgeht, ist einzigartig. Im Sommer ist dieses Gefühl immer noch präsent, aber es wird begleitet von den Mühen der einen oder anderen Hitzewelle, die vor allem in der großen Stadt dann zur Plage werden kann, wenn die hohen Temperaturen Einzug in die Wohnungen genommen haben und nachts der Kampf um einen erholsamen Schlaf geführt wird und man leider unterliegt.

Erlösung folgt dann nur noch im Spätsommer, wenn die Tage noch heiß sind, die Straßen leer, weil viele Zeitgenossen noch im Urlaub und in den Ferien weilen und die Nächte so langsam andeuten, dass es auch wieder kühl werden wird. Nach der ersten Chance im explosiven Mai ist das Ende des Augusts und der Beginn des Septembers die letzte, sich noch einmal abends draußen aufzuhalten und das Leben im Freien zu genießen. Die Abende haben dann einen anderen Charakter. Im Gegensatz zum Tatendrang des Frühlings sind sie geprägt von ruhigen, beschaulichen Gesprächen, so als wolle man den vergangenen Sommer für das bisherige Leben nehmen und noch einmal in angenehmer Atmosphäre alles Revue passieren lassen. Die Leute sind ruhig und gut gelaunt und an der Art, wie sie auf den vergangenen Sommer zurück blicken, kann man sehr gut erkennen, was sie von ihrem zukünftigen Leben noch erwarten. Manche, die innerlich wissen, dass ihre verbliebenen Lebenskontingente das Stadium,der Überschaubarkeit erreicht haben, sind eher melancholisch und andere, die sich noch nicht mit solchen Gedanken auseinandersetzen, sprühen ein letztes Mal voller Initiative, indem sie planen, was im nächsten Sommer noch alles zu unternehmen ist.

Ein immer wieder eigenartiges Phänomen in unserem Viertel ist der Italiener Luigi mit seinem Restaurant. Luigis Küche zählt sicherlich zu den besseren Exemplaren ihrer Zunft, auch wenn er sich dafür immer extrem gut bezahlen lässt. Was besonders an seinem Lokal reizt, ist der wunderbare Garten, der schattig und urban ist, in dem man das Gefühl entwickeln kann, tatsächlich irgendwo in Italien zu sitzen und die Durchdringung des öffentlichen Raums mit guten Gerüchen und Lauten der Ausgelassenheit genießen zu können. Was uns jedesmal verwundert ist die Tatsache, das Luigi genau dann, wenn er als wirtschaftlich denkender Gastronom den Garten am besten nutzen könnte, sich in seine weiße Luxuslimousine mit üppiger blonder Begleitung setzt und entspannt nach Sizilien rollt. Im gesamten August hängt dann ein Schild an seinem Lokal, dass darauf verweist, dass Luigi sich darauf freut, ab dem ersten September für seine geschätzte Kundschaft wieder da sein zu dürfen.

Wenn das Wetter mitspielt, wie es treffender in unserer Sprache nicht ausgedrückt werden kann, dann ist folglich der erste September der Tag, an dem man abends zu Luigi geht, um in diesem Sommer das gute Gefühl seiner Küche und seines Gartens, aber auch des ganzen Viertels noch einmal für sich haben zu können. Denn trotz seiner etwas überpfefferten Preise treibt es Vertreterinnen und Vertreter aller in diesem Viertel lebenden Schichten in sein Lokal. Zwar fällt bei den einen, die es nicht so locker sitzen haben, die Wahl auf eine Pizza, während die anderen sich beim Entree für dünne Scheiben der Salami vom Pata Negra und einen folgenden Wolfsbarsch entscheiden. Egal, man trifft sich bei Luigi und es wird dort etwas reproduziert, was den Stadtteil so einzigartig macht: Das Nebeneinander unterschiedlicher Sozial- wie Bildungsschichten, die die Eigenheit besitzen, die Existenz der jeweils anderen in besonderem Maße zu schätzen, statt sie zu verachten.

Als ich die Straße überquerte und Luigis Lokal bereits im Auge hatte, das übrigens einen eigenen Namen hat, der hier keine Rolle spielen soll, konnte ich feststellen, dass der Garten voll besetzt war. Zum Glück war mein Freund Willy, mit dem ich mich verabredet hatte, früh genug dort gewesen, saß an einem Tisch und winkte mir. Luigi begrüßte uns überschwänglich, aber auch sichtlich gestresst. Er hatte, nach dem Monat in Sizilien, entweder noch nicht zu einem strammen Arbeitsrhythmus zurückgefunden oder nicht mit einem solchen Andrang gerechnet.So hielten wir ihn nicht lange durch unsere Konversation von der Arbeit ab und lasen aufmerksam die besonderen, auf Schiefertafeln geschriebenen Angebote des Tages. Willy und ich hatten uns schnell entschieden, er wählte Antipasto mit Pata Negra, ich roten und weißen rohen Thunfisch, beim Hauptgang wollten wir beide eine Lammhaxe, die auf der Tafel stand. Luigi bedeutete uns, die Haxen seien noch nicht so weit, wir müssten verstehen, das sei heute sein erster Tag und die müssten noch schmoren. Wir sahen uns bedeutungsvoll an, weil wir die Erklärung beim besten Willen nicht verstanden und bestellten etwas anderes, was auf der regulären Karte stand.

Während wir uns der Vorspeise widmeten, erschien meine Frau, die, vom Yoga kommend, Pasta bestellte, diese längst nicht kontemplativ verspeiste und uns wieder alleine ließ, da sie um unser folgendes Zigarrenritual wusste. Zeitgleich tauchte noch eine Gesellschaft auf, die den einzigen noch nicht besetzten Tisch reserviert hatte. Offensichtlich handelte es sich um ein Elternpaar, das zusammen mit dem erwachsenen Sohn und dessen Freundin unterwegs war. Vater und Mutter wirkten respektabel, hatten etwas patronesk Mediterranes an sich, das allerdings mehr auf den Balkan wies als auf Italien. Der Sohn wirkte wie die in unserer Stadt nicht selten geglückte Symbiose aus seiner originären Provenienz und der sehr bodenständigen, robusten Qualität der Straße. Das wurde durch sein Äußeres noch unterstrichen. Er verfügte über eine bullige Figur, die, begünstigt durch die hohen Temperaturen und die damit verbundene Kleidung von kurzer Hose und knappen mit T-Shirt, durch zahlreiche Tätowierungen unterstrichen und verziert wurde. Seine Braut hingegen wirkte puppenhaft und ausstaffiert, wankte ein wenig unsicher auf ihren Pfennigabsätzen und stellte dabei ein gefrorenes Lächeln zur Schau.

Als sich die Gesellschaft setzte, begrüßten sich Luigi und Sohn wie leibliche Brüder, während der ornamentierte Kraftprotz lautstark herumtönte, die italienische Küche sei die beste und er kenne alles. Sein Vater, ebenfalls bullig, etwas vom Alter und Genuss gezeichnet, aber durchaus noch einflussreich und mächtig wirkend, sah seinen Sohn dabei etwas verächtlich an, während die Mutter mit schweifendem Blick für das Barbarische ihres Sohnes um Verzeihung bat.

Willy und ich resümierten derweil den Sommer, der mal kühl und verregnet und mal von außergewöhnlichen Hitzeperioden gekennzeichnet gewesen war und insofern dem Bild der letzten Jahre glich. Letztendlich war es keine gute Saison für eine Zigarre am Abend gewesen, denn bei Regen machte es keinen Spaß und bei drückender Hitze schon gar nicht. Umso schöner sollte der Ablauf dieses abends werden. Als Luigi, nun mit Schweißperlen auf der Stirn, uns den Hauptgang brachte, viel uns zum ersten Mal ein Paar an einem Nachbartisch auf, weil die Frau, die wie eine verhärmte Lehrerin, die dem Veganismus nahesteht wirkte, immer wieder aufstand und mit Luigi sprach. Luigis Physiognomie war zu entnehmen, dass er sich anstrengen musste, um höflich zu bleiben. Es schien sich um Instruktionen darüber zu handeln, wie das von ihr bestellte Essen zubereitet werden sollte und welche Zutaten auf jeden Fall vermieden werden sollten. Ihr Begleiter, der prima vista gar nicht zu ihr passte, weil er eher wie ein harter, sportiver Outdoortracker wirkte, saß unbeteiligt am Tisch und machte zu allem ein freundliches Gesicht.

Was mich beruhigte war die Mimik zweier Damen, ihrerseits sommerlich elegant und stilvoll gekleidet, die das Auftreten der Instruktorin amüsiert und dezent ironisch verfolgten. Vor deren Tisch lag ein deutscher Pinscher, genauer gesagt eine deutsche Pinscherhündin, die Luigi treu ergeben, wenn nicht gar verfallen, weil sie schlicht von Luigi durch kulinarische Schnipsel bestochen war. Die Dame, die den Hund ihr eigen nannte, nahm es wissend hin und sprach wie von einer Bühne in den Garten, Luigi wisse, wie er sich Frauen zugeneigt mache. Diese Bemerkung ließ uns wiederum schmunzeln und verschaffte uns einen Stimmungswechsel, weil wir uns gerade über das leidige Thema der EU unterhielten. Das korrespondierte nicht mit der guten Qualität des Essens, das sich dem Ende neigte und nun durch einen Espresso abgeschlossen werden würde.

Längst war am Nachbartisch aufgetragen worden. Der tadelnde Vater hatte sich aufs Telefonieren zurückgezogen und sah aus, als dirigiere er Containerflotten im Frachthafen von Rotterdam, während die Begleitung des Sohnes immer noch gleichbleibend ihr Lächeln verstrahlte. Nur Mutter und Sohn steckten über einer Riesenschale Muscheln die Köpfe zusammen und unterhielten sich lautstark. Die wesentlichen Botschaften sendete allerdings der Sohn, und die Satzfragmente bestanden immer wieder in der Aussage, Mutti, du kennst mich doch, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Diese Aussage führte zur Kontinuität des Lächelns der Freundin, einem leichten Zucken der Augenbraue des Vaters und zu einem wohlwollenden Schmatzen der Mutter beim Auslutschen der Muscheln.

Als der Espresso an unseren Tisch kam, schnitten wir unsere Zigarren an und entzündeten sie. Voll im Genuss der ersten Züge vernahmen wir dann große Aufregung in unserem Rücken und ehe wir uns orientieren konnten lief die Lehrerin mit der schlechten Körperhaltung, ihren Teller in Händen haltend, kopfschüttelnd und den Backpacker im Schlepptau an uns vorüber und bekam vom konsternierten Luigi einen gerate frei gewordenen Tisch auf der anderen Seite zugewiesen. Als wir Luigi fragend ansahen murmelte er etwas von unter freiem Himmel und alles sei in Ordnung.

Die Episode ließ uns in einen kurzen Kulturpessimismus verfallen, der allerdings nicht lange anhielt, weil, so unser Resümee, das Leben zu kurz sei, um sich intensiv mit Engstirnigkeit und Hysterie zu befassen. Dieses harsche Urteil wurde bestätigt, als ich beobachten konnte, wie die vermeintliche Lehrerin es völlig entspannt hinnahm, dass ihr Backpacker sich nach dem Essen eine Zigarette drehte und sie beim späteren Rauchen immer wieder anblies.

So langsam leerte sich das Lokal, die beiden Damen mit der Pinscherhündin verabschiedeten sich, ohne dass es Luigi versäumte hätte, die Abhängigkeit des Tieres von ihm nicht noch einmal zu intensivieren, der Mustersohn versicherte seiner Mutti ein letztes Mal seine Zuverlässigkeit und schon waren wir bis auf einen Tisch auf der anderen Seite des Eingangs die einzigen Verbliebenen. Dieser Tisch wuchs durch ein ständiges Kommen immer neuer Gäste an. Es wurde lauter und lauter. Immer wieder kamen vor allem neue Frauen hinzu, die, wie der Volksmund so sagt, in ihren besten Jahren waren. Alle waren spärlich wie modisch gekleidet, alle fielen bei der Begrüßung Luigi um den Hals als sei er die Liebe ihres Lebens und alle rauchten eine Zigarette nach der anderen. Sie orderten Wein wie Champagner in Flaschen, die Luigi in Eiskübeln an den Tisch schaffte. Dort wurde es immer ausgelassener, die eine berichtet über die wilden Partys in Südfrankreich, die andere, wie sie zu Hause unter dem Solarium eingeschlafen sei. Dann fuhr quietschend ein Wagen vor und vier Männer stiegen aus, einer sprang an den Zaun vom Garten und schrie, jetzt ginge es wieder los, ein anderer, als er am Tisch angekommen war, verkündete mit piepsender Stimme, er habe heute schon drei Ibuprophen 600 und fünf Grippostad eingeworfen, jetzt helfe nur noch Champagner.

Willy und ich redeten wenig, wie immer bei der Zigarre, es ist das Wohltuende, sich einem Genuss zu widmen und dennoch die Sinne empfänglich zu machen für die Aufnahme anderer Eindrücke. Wir kamen sehr schnell zu der Einsicht, dass unser Viertel so, wie wir es heute bei Luigi wieder einmal erlebt hatten, trotz und wegen aller Schrägheiten das war, wofür wir es liebten. Nachdem Luigi zum Abschied den finalen Grappa gebracht hatte und wir uns zufrieden vom Tisch erhoben, schien es bei der übrig gebliebenen Gesellschaft erst richtig los zu gehen.

Als wir uns vor dem Lokal verabschiedeten versicherten wir uns, dass mehr Gelassenheit und Toleranz dem Leben gut täten. Ein besseres Resümee für einen solchen Abend konnte es nicht geben. Auch da waren wir uns einig.

Gentrifizierung in der Metzgerei

In der Skizzierung eines um sich greifenden Musters beschreibt Christoph Twickel unter dem Titel Gentrifidingsbums genau das: Woran ist zu bemerken, dass ein städtisches Quartier von diesem Prozess ergriffen worden ist? Von einem Prozess, der mit einem Fremdwort belegt ist, mit dem sich viele Menschen schwer tun? Und wie soll erklärt werden, was Gentrifizierung tatsächlich ist, wenn es sich doch um einen schleichenden Prozess handelt? Twickel selbst macht das am Beispiel Hamburgs sehr gut und anschaulich. Er weist darauf hin, dass zuerst der türkische Gemüsehändler durch ein veganes Café ersetzt wird, dass am Platz der letzten Bar im Viertel nun eine Kinderkrippe entsteht. Und, das wohl treffendste Bild dieser Beobachtung, nachts leuchten aus den antiken Cafés die Apple Logos der aufgeklappten Rechner, hinter denen ätherisch anmutende Gestalten sitzen. Vieles davon ist stereotyp, und wer noch schnell in demnächst lukrativen Wohnraum investieren will, der sollte jetzt schnell aktiv werden. Und wer dann lange genug wartet, der kann, wenn er Glück hat, irgendwann durch ein wunderschönes Viertel flanieren, in dem es wenige Menschen gibt, vor dessen Häusern exklusive Kinderfahrräder der Firma Manufaktum stehen und in dem die Langeweile die Herrschaft übernommen hat.

Wer sich allerdings mit dieser Stereotypie zufrieden gibt, kann sich auch gewaltig irren. Denn die Gentrifizierung kann schon ihre Spezifika aufweisen und in ganz anderen Mustern auf sich aufmerksam machen. Mitunter trifft in diesem Prozess nämlich nicht ein Ghetto auf das andere, sondern das neue Ghetto schleicht sich in das alte und versucht es durch seine Lebensweise zu majorisieren.

Wie das aussehen kann, erlebe ich immer samstags, wenn ich meiner obligatorischen Einkaufsroutine folge und dabei auch beim Metzger lande. Ja, sie haben richtig gehört, beim Metzger! Wenige hundert Meter von dieser Metzgerei, die in der Hauptstraß des Viertels liegt, hat vor kurzer Zeit einer der jungen Stararchitekten, die in Design und ökologischer Bauweise hervorstechen, einen größeren Komplex mit chiquen Apartments und Ateliers gebaut. Obwohl der Kaufpreis pro Quadratmeter mehr als das Doppelte des üblichen Verkehrswertes betrug, waren die Objekte schnell verkauft und bezogen. Seitdem tauchen auch beim Metzger nicht mehr exklusiv nur Handwerker, Rentnerinnen, Studentinnen und Studenten sowie der eine oder andere Arbeiter oder Bildungsbürger auf, sondern auch neuartige Sozialtypen und Charaktere.

Da ist dann schon mal ein massiger Mann mit Schlägermütze und Hornbrille, der mit einem breiten Wiener Akzent und einer Lautstärke, als würde er auf einer Theaterbühne extemporieren, kiloweise Rinderfilet ordert, oder sein Pendant, die feingliedrig und nahezu asiatisch anmutende Philologin, die mit drei Scheiben Schinken und einem Paar Frankfurter nach Hause geht, oder der seinem Pulk von ungezogenen Kindern dozierende Welterklärer, der vor lauter politischer Korrektheit eigentlich keinen Hunger haben dürfte oder die leidende bildende Künstlerin, die schon am frühen Morgen mit rotweingeölter Stimme die Vergeblichkeit ihrer Kochbemühungen beklagt und auch die auf eine Inspirationskrise zurückführt.

Eingebettet ist das Ganze in den alten Stamm des Viertels, wie erwähnt, Rentnerinnen und Rentner mit übersichtlichen Bezügen, raubeinige Handwerkern mit radikalen Ansichten, Studenten aller Couleur, Lebenskünstler der alten Kategorie und Musiker, die zu der Besonderheit des Quartiers schon immer gehörten und die vielleicht eine der Ursachen sind, warum es andere Kreative dorthin zog.

An einem dieser Samstage nun hatte eine hoch betagte Rentnerin ihre spärlichen Wünsche geordert und mit ihrer brüchigen Stimme ein Das wärs angeschlossen. Gebeugt schritt sie zur Kasse, kramte aus ihrer Einkaufstasche das Portemonnaie heraus und wartete auf die Bedienung, als ihr schweifendes Auge auf einem technischen Gerät haltmachte. Was ist denn das? sprudelte es aus ihr heraus. Die nun sich ebenfalls dort befindliche Chefin des Hauses erklärte es ihr: Das ist für Kreditkartenzahlung. Auf das von der Rentnerin eingeworfene Was soll denn das? folgte gleich die Erklärung: Das ist für Kunden, die hier für größere Beträge einkaufen, die wünschen sich, dass sie auch in dieser Form bezahlen können.

Die Rentnerin schüttelte den Kopf und fragte nach dem Preis, den sie zu zahlen hatte. Die ihr mitgeteilten fünf Euro neunundachtzig zählte sie passgenau in das Zahlschälchen., wobei sie, mehr für sich, dabei erklärte, dass das, was sie hier kaufte, immer gleich und bar bezahlt würde. Ich brauche so etwas nicht, schloss sie, mit einem leicht verächtlichen Blick auf die ihr nicht vertraute Apparatur. Dann drehte sie sich um und ging mit einem kaum vernehmbaren, durch das Anstoßen der Zunge am Gaumen erzeugten, dreimal wiederholten Missfallenston aus dem Geschäft. Das Publikum in der gut besuchten Metzgerei sah sich zum Teil belustigt, zum Teil vielsagend an. Manche verstanden, was da gerade geschah, manche verstanden es nicht. Die, die nichts verstanden hatten, schienen den größten Spaß zu haben.

Die Mittagsbrezel

Ja, in der Literatur der 1920iger Jahre, da tauchten plötzlich Figuren auf, die vorher so gar nicht existierten, die niemand auf dem Schirm hatte und die aus dem Boden schossen wie die Waldpilze. Weltverbesserer, Mystiker, Reformbewegte, Sterndeuter, Sonnenanbeter, Verdauungsphilosophen und Verschwörungstheoretiker. Als hätte die damalige Gesellschaft wie ein Seismograph reagiert auf die bevorstehende Katastrophe, die den europäischen Kontinent heimsuchen sollte wie kein Ereignis zuvor. Das irre Funkeln in den Augen, flüsterten diese schrägen Gestalten ihre Phantasien und Horrorszenarien in das Halblicht der Handlung. Die Literaten, die das beschrieben, hielten sich an ihre Beobachtungsgabe, ohne das, was sie da beobachteten, zeitgleich zu deuten zu vermögen.

Erst bei Werken, die nach Eintreten der großen Katastrophe erschienen, begannen die Interpretationen, die der wachsenden Zahl irrlichternder Individuen eine Art Frühwarncharakter für den großen Knall zuwiesen. Widersprochen wurde dem nie, aber so interessant, dass es eine Debatte mit Für und Wider gegeben hätte, war es bis heute auch nicht. Um offen zu sein: Ich glaube an die These, dass eine ansteigende Anzahl von Lunatics ein Indiz für einer vehemente gesellschaftliche Krisenentwicklung ist.

Umso mehr besorgt mich ein Erlebnis, das ich gestern hatte. Nach einer längeren Sitzung am Vormittag und einer weiteren, wichtigen, eine gute Stunde später entschied ich mich, nur eine kurze, informelle Auszeit zu nehmen, um den Mittag zu überbrücken. So fuhr ich mit dem Fahrrad in einen Stadtteil, von dem ich wusste, dass es dort mehrere ganz gute Cafés gab, wo man formlos und leger eine Kleinigkeit zu sich nehmen konnte. Dort angekommen, entschied ich mich sogar für eine Bäckerei, kaufte zwei Brezeln und einen Kaffee und setzte mich direkt auf eine kleine Bank auf dem Trottoir direkt vor dem Schaufenster und begann das Gekaufte zu konsumieren. Dabei beobachtete ich das Treiben in der lebhaften Straße und genoss das Grundrauschen des Alltags. Was ich nicht bemerkt hatte, war ein auch auf der Bank sitzender Nachbar. Erst als dieser begann, mich in ein Gespräch zu verwickeln, nahm ich ihn wahr.

Ganz harmlos sprach mich ein ungefähr siebzigjähriger Mann an, der zwischen seinen Füßen eine angetrunkene Flasche Bier stehen hatte und in der Hand einen Kaffeebecher aus Styropor hielt. Stellen Sie sich vor, so begann er, die da drüben, und dabei wies er auf ein Café vis-a-vis, nehmen doch tatsächlich für einen Kaffee Einssechzig, die sind doch völlig verrückt geworden. Und hier, da nehmen sie Einszwanzig, da ist doch klar, wohin man geht. Abwesend und vielleicht auch etwas abweisend stimmte ich dem Mann zu, signalisierte aber wohl durch meine Körpersprache, dass ich ganz gerne einige Minuten mit mir allein gewesen wäre. Aber wie so oft im Leben, mein Signal wurde gänzlich anders aufgenommen von dem Mann, der durchschnittsgepflegt und -gekleidet aussah und keinerlei Verwahrlosung vermuten ließ.

Wissen Sie, so spann er seinen Faden weiter, nicht, dass ich so knapp wäre, dass ich bei einem Tässchen Kaffee gleich rechnen müsste, denn meine Rente ist nicht schlecht, aber bescheuert, bescheuert bin ich schon lange nicht. Und, ehe ich mich versah, befand ich mich in einer wilden Geschichte, die ich aufgrund ihrer Vehemenz, ihres Tempos, ihrer wachsenden Lautstärke und meiner nach dem Verzehr der Brezel abrupt beschlossenen Flucht nur noch bruchstückhaft in Erinnerung habe.

Es begann mit einem Ärztekomplott, einer jener typischen Veranstaltung der Faschisten in Weiß, die ihm, meinem Nachbarn, doch alle Diabetes diagnostizierten, wo er doch kerngesund sei. Diese dreckige Mischpoke jedoch wolle ihn mit den der Krankheit zugedachten Medikamenten Schachmatt setzen. Aber da, so der immer lauter werdende Banknachbar, da müssten diese Schlafmützen früher aufstehen. Die Killerdrogen hätte er entweder gleich vor der Apotheke in den Gully gekippt oder später zuhause ins Scheißhaus geworfen. Nun, etwas erstaunlich, bekam sein Gesicht einen milden Zug und er sinnierte, immer noch gleich laut, über die Weißkittel nach, die natürlich auch nur Oper seien.

Die eigentlichen Schweinehunde seinen nämlich die Staatsbullen. Die hätten es schon immer auf ihn abgesehen. Aber, und nun war er so laut, dass vorbeigehende Passanten auch mich fragend anzusehen begannen, diese Arschlöcher sollten sich bloß nicht so sicher sein. Seit Jahrzehnten verfolge er ihr abgekartetes Spiel, tausendmal hätten sie versucht, ihn zur Strecke zu bringen, aber immer, immer sei er diesen Halbintelligenzlern auf die Schliche gekommen. Mit seinem Namen, und jetzt wurde es nahezu literarisch, mit meinem Namen, so schrie er völlig ungehemmt über die Straße, ist euer Scheitern verbunden. Nun saß er auch nicht mehr, sondern er stand auf der Bank, hatte die Faust geballt und drohte nun, so wie es aussah, dem ganzen Viertel. Passt gut auf Freunde, ich habe das lautlose Töten gelernt. Wenn ihr glaubt, mich fertigmachen zu können, dann seid ihr schief gewickelt. Ohne dass einer was hört, wringe ich euch euer armseliges Dasein aus, bevor ihr was merkt, liegt euer hässlicher Kadaver hier im Rinnstein.

Als nun doch der Verkehr zum Erliegen kam, bezog mich der schrille Zeitgenosse wieder in seine heißblütige Eloge mit ein. Verstehen Sie, ich habe das lautlose Töten gelernt und wissen Sie was, das Wichtigste wissen diese bekloppten Staatbullen noch gar nicht! Ich bin nämlich mit Graf Stauffenberg befreundet!

Nun bekam ich die Vision, dass ein längeres Verweilen auf ein und derselben Bank eventuell dazu führen könnte, dass ich mit dem Rhetor der Straße in fürsorgliches Gewahrsam genommen werden könnte. Meine Brezel war verzehrt und so sprang ich, nicht ohne kollegialen Wink zu dem Killer und Stauffenbergfreund und zur Verwunderung einiger Passanten auf mein Fahrrad und machte mich von dannen. Auch Stunden später noch dachte ich immer wieder an das kleine Erlebnis. So irrsinnig vieles auch klang, diese Bankbekanntschaft hatte mich heftig zum Nachdenken gebracht.