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Gentrifizierung in der Metzgerei

In der Skizzierung eines um sich greifenden Musters beschreibt Christoph Twickel unter dem Titel Gentrifidingsbums genau das: Woran ist zu bemerken, dass ein städtisches Quartier von diesem Prozess ergriffen worden ist? Von einem Prozess, der mit einem Fremdwort belegt ist, mit dem sich viele Menschen schwer tun? Und wie soll erklärt werden, was Gentrifizierung tatsächlich ist, wenn es sich doch um einen schleichenden Prozess handelt? Twickel selbst macht das am Beispiel Hamburgs sehr gut und anschaulich. Er weist darauf hin, dass zuerst der türkische Gemüsehändler durch ein veganes Café ersetzt wird, dass am Platz der letzten Bar im Viertel nun eine Kinderkrippe entsteht. Und, das wohl treffendste Bild dieser Beobachtung, nachts leuchten aus den antiken Cafés die Apple Logos der aufgeklappten Rechner, hinter denen ätherisch anmutende Gestalten sitzen. Vieles davon ist stereotyp, und wer noch schnell in demnächst lukrativen Wohnraum investieren will, der sollte jetzt schnell aktiv werden. Und wer dann lange genug wartet, der kann, wenn er Glück hat, irgendwann durch ein wunderschönes Viertel flanieren, in dem es wenige Menschen gibt, vor dessen Häusern exklusive Kinderfahrräder der Firma Manufaktum stehen und in dem die Langeweile die Herrschaft übernommen hat.

Wer sich allerdings mit dieser Stereotypie zufrieden gibt, kann sich auch gewaltig irren. Denn die Gentrifizierung kann schon ihre Spezifika aufweisen und in ganz anderen Mustern auf sich aufmerksam machen. Mitunter trifft in diesem Prozess nämlich nicht ein Ghetto auf das andere, sondern das neue Ghetto schleicht sich in das alte und versucht es durch seine Lebensweise zu majorisieren.

Wie das aussehen kann, erlebe ich immer samstags, wenn ich meiner obligatorischen Einkaufsroutine folge und dabei auch beim Metzger lande. Ja, sie haben richtig gehört, beim Metzger! Wenige hundert Meter von dieser Metzgerei, die in der Hauptstraß des Viertels liegt, hat vor kurzer Zeit einer der jungen Stararchitekten, die in Design und ökologischer Bauweise hervorstechen, einen größeren Komplex mit chiquen Apartments und Ateliers gebaut. Obwohl der Kaufpreis pro Quadratmeter mehr als das Doppelte des üblichen Verkehrswertes betrug, waren die Objekte schnell verkauft und bezogen. Seitdem tauchen auch beim Metzger nicht mehr exklusiv nur Handwerker, Rentnerinnen, Studentinnen und Studenten sowie der eine oder andere Arbeiter oder Bildungsbürger auf, sondern auch neuartige Sozialtypen und Charaktere.

Da ist dann schon mal ein massiger Mann mit Schlägermütze und Hornbrille, der mit einem breiten Wiener Akzent und einer Lautstärke, als würde er auf einer Theaterbühne extemporieren, kiloweise Rinderfilet ordert, oder sein Pendant, die feingliedrig und nahezu asiatisch anmutende Philologin, die mit drei Scheiben Schinken und einem Paar Frankfurter nach Hause geht, oder der seinem Pulk von ungezogenen Kindern dozierende Welterklärer, der vor lauter politischer Korrektheit eigentlich keinen Hunger haben dürfte oder die leidende bildende Künstlerin, die schon am frühen Morgen mit rotweingeölter Stimme die Vergeblichkeit ihrer Kochbemühungen beklagt und auch die auf eine Inspirationskrise zurückführt.

Eingebettet ist das Ganze in den alten Stamm des Viertels, wie erwähnt, Rentnerinnen und Rentner mit übersichtlichen Bezügen, raubeinige Handwerkern mit radikalen Ansichten, Studenten aller Couleur, Lebenskünstler der alten Kategorie und Musiker, die zu der Besonderheit des Quartiers schon immer gehörten und die vielleicht eine der Ursachen sind, warum es andere Kreative dorthin zog.

An einem dieser Samstage nun hatte eine hoch betagte Rentnerin ihre spärlichen Wünsche geordert und mit ihrer brüchigen Stimme ein Das wärs angeschlossen. Gebeugt schritt sie zur Kasse, kramte aus ihrer Einkaufstasche das Portemonnaie heraus und wartete auf die Bedienung, als ihr schweifendes Auge auf einem technischen Gerät haltmachte. Was ist denn das? sprudelte es aus ihr heraus. Die nun sich ebenfalls dort befindliche Chefin des Hauses erklärte es ihr: Das ist für Kreditkartenzahlung. Auf das von der Rentnerin eingeworfene Was soll denn das? folgte gleich die Erklärung: Das ist für Kunden, die hier für größere Beträge einkaufen, die wünschen sich, dass sie auch in dieser Form bezahlen können.

Die Rentnerin schüttelte den Kopf und fragte nach dem Preis, den sie zu zahlen hatte. Die ihr mitgeteilten fünf Euro neunundachtzig zählte sie passgenau in das Zahlschälchen., wobei sie, mehr für sich, dabei erklärte, dass das, was sie hier kaufte, immer gleich und bar bezahlt würde. Ich brauche so etwas nicht, schloss sie, mit einem leicht verächtlichen Blick auf die ihr nicht vertraute Apparatur. Dann drehte sie sich um und ging mit einem kaum vernehmbaren, durch das Anstoßen der Zunge am Gaumen erzeugten, dreimal wiederholten Missfallenston aus dem Geschäft. Das Publikum in der gut besuchten Metzgerei sah sich zum Teil belustigt, zum Teil vielsagend an. Manche verstanden, was da gerade geschah, manche verstanden es nicht. Die, die nichts verstanden hatten, schienen den größten Spaß zu haben.

Die Mittagsbrezel

Ja, in der Literatur der 1920iger Jahre, da tauchten plötzlich Figuren auf, die vorher so gar nicht existierten, die niemand auf dem Schirm hatte und die aus dem Boden schossen wie die Waldpilze. Weltverbesserer, Mystiker, Reformbewegte, Sterndeuter, Sonnenanbeter, Verdauungsphilosophen und Verschwörungstheoretiker. Als hätte die damalige Gesellschaft wie ein Seismograph reagiert auf die bevorstehende Katastrophe, die den europäischen Kontinent heimsuchen sollte wie kein Ereignis zuvor. Das irre Funkeln in den Augen, flüsterten diese schrägen Gestalten ihre Phantasien und Horrorszenarien in das Halblicht der Handlung. Die Literaten, die das beschrieben, hielten sich an ihre Beobachtungsgabe, ohne das, was sie da beobachteten, zeitgleich zu deuten zu vermögen.

Erst bei Werken, die nach Eintreten der großen Katastrophe erschienen, begannen die Interpretationen, die der wachsenden Zahl irrlichternder Individuen eine Art Frühwarncharakter für den großen Knall zuwiesen. Widersprochen wurde dem nie, aber so interessant, dass es eine Debatte mit Für und Wider gegeben hätte, war es bis heute auch nicht. Um offen zu sein: Ich glaube an die These, dass eine ansteigende Anzahl von Lunatics ein Indiz für einer vehemente gesellschaftliche Krisenentwicklung ist.

Umso mehr besorgt mich ein Erlebnis, das ich gestern hatte. Nach einer längeren Sitzung am Vormittag und einer weiteren, wichtigen, eine gute Stunde später entschied ich mich, nur eine kurze, informelle Auszeit zu nehmen, um den Mittag zu überbrücken. So fuhr ich mit dem Fahrrad in einen Stadtteil, von dem ich wusste, dass es dort mehrere ganz gute Cafés gab, wo man formlos und leger eine Kleinigkeit zu sich nehmen konnte. Dort angekommen, entschied ich mich sogar für eine Bäckerei, kaufte zwei Brezeln und einen Kaffee und setzte mich direkt auf eine kleine Bank auf dem Trottoir direkt vor dem Schaufenster und begann das Gekaufte zu konsumieren. Dabei beobachtete ich das Treiben in der lebhaften Straße und genoss das Grundrauschen des Alltags. Was ich nicht bemerkt hatte, war ein auch auf der Bank sitzender Nachbar. Erst als dieser begann, mich in ein Gespräch zu verwickeln, nahm ich ihn wahr.

Ganz harmlos sprach mich ein ungefähr siebzigjähriger Mann an, der zwischen seinen Füßen eine angetrunkene Flasche Bier stehen hatte und in der Hand einen Kaffeebecher aus Styropor hielt. Stellen Sie sich vor, so begann er, die da drüben, und dabei wies er auf ein Café vis-a-vis, nehmen doch tatsächlich für einen Kaffee Einssechzig, die sind doch völlig verrückt geworden. Und hier, da nehmen sie Einszwanzig, da ist doch klar, wohin man geht. Abwesend und vielleicht auch etwas abweisend stimmte ich dem Mann zu, signalisierte aber wohl durch meine Körpersprache, dass ich ganz gerne einige Minuten mit mir allein gewesen wäre. Aber wie so oft im Leben, mein Signal wurde gänzlich anders aufgenommen von dem Mann, der durchschnittsgepflegt und -gekleidet aussah und keinerlei Verwahrlosung vermuten ließ.

Wissen Sie, so spann er seinen Faden weiter, nicht, dass ich so knapp wäre, dass ich bei einem Tässchen Kaffee gleich rechnen müsste, denn meine Rente ist nicht schlecht, aber bescheuert, bescheuert bin ich schon lange nicht. Und, ehe ich mich versah, befand ich mich in einer wilden Geschichte, die ich aufgrund ihrer Vehemenz, ihres Tempos, ihrer wachsenden Lautstärke und meiner nach dem Verzehr der Brezel abrupt beschlossenen Flucht nur noch bruchstückhaft in Erinnerung habe.

Es begann mit einem Ärztekomplott, einer jener typischen Veranstaltung der Faschisten in Weiß, die ihm, meinem Nachbarn, doch alle Diabetes diagnostizierten, wo er doch kerngesund sei. Diese dreckige Mischpoke jedoch wolle ihn mit den der Krankheit zugedachten Medikamenten Schachmatt setzen. Aber da, so der immer lauter werdende Banknachbar, da müssten diese Schlafmützen früher aufstehen. Die Killerdrogen hätte er entweder gleich vor der Apotheke in den Gully gekippt oder später zuhause ins Scheißhaus geworfen. Nun, etwas erstaunlich, bekam sein Gesicht einen milden Zug und er sinnierte, immer noch gleich laut, über die Weißkittel nach, die natürlich auch nur Oper seien.

Die eigentlichen Schweinehunde seinen nämlich die Staatsbullen. Die hätten es schon immer auf ihn abgesehen. Aber, und nun war er so laut, dass vorbeigehende Passanten auch mich fragend anzusehen begannen, diese Arschlöcher sollten sich bloß nicht so sicher sein. Seit Jahrzehnten verfolge er ihr abgekartetes Spiel, tausendmal hätten sie versucht, ihn zur Strecke zu bringen, aber immer, immer sei er diesen Halbintelligenzlern auf die Schliche gekommen. Mit seinem Namen, und jetzt wurde es nahezu literarisch, mit meinem Namen, so schrie er völlig ungehemmt über die Straße, ist euer Scheitern verbunden. Nun saß er auch nicht mehr, sondern er stand auf der Bank, hatte die Faust geballt und drohte nun, so wie es aussah, dem ganzen Viertel. Passt gut auf Freunde, ich habe das lautlose Töten gelernt. Wenn ihr glaubt, mich fertigmachen zu können, dann seid ihr schief gewickelt. Ohne dass einer was hört, wringe ich euch euer armseliges Dasein aus, bevor ihr was merkt, liegt euer hässlicher Kadaver hier im Rinnstein.

Als nun doch der Verkehr zum Erliegen kam, bezog mich der schrille Zeitgenosse wieder in seine heißblütige Eloge mit ein. Verstehen Sie, ich habe das lautlose Töten gelernt und wissen Sie was, das Wichtigste wissen diese bekloppten Staatbullen noch gar nicht! Ich bin nämlich mit Graf Stauffenberg befreundet!

Nun bekam ich die Vision, dass ein längeres Verweilen auf ein und derselben Bank eventuell dazu führen könnte, dass ich mit dem Rhetor der Straße in fürsorgliches Gewahrsam genommen werden könnte. Meine Brezel war verzehrt und so sprang ich, nicht ohne kollegialen Wink zu dem Killer und Stauffenbergfreund und zur Verwunderung einiger Passanten auf mein Fahrrad und machte mich von dannen. Auch Stunden später noch dachte ich immer wieder an das kleine Erlebnis. So irrsinnig vieles auch klang, diese Bankbekanntschaft hatte mich heftig zum Nachdenken gebracht.

Die große Gelassenheit

Es wird immer wieder die Geschichte kolportiert von dem Revolutionär, der sich so müde fühlte. Jahrelang hatte er auf sein Ziel, den großen Umsturz, hingearbeitet. Tausend Entbehrungen und Schmähungen hatte er hingenommen. Viele seiner Weggefährten hatten ihr Leben lassen müssen, viele Freunde hatten ihn verlassen, und die Frauen um ihn, die ihm etwas bedeutet hatten, waren verschwunden. Dann, über Nacht, in wenigen Stunden, hatte sich der Lauf der Dinge beschleunigt, plötzlich brannte das so lange und geduldig geschürte Feuer lichterloh und die Verhältnisse begannen zu tanzen. Es war seine Stunde. Er wurde überall gefeiert und gefragt und es begann eine Zeit, in der er von einer mächtigen Bewegung getragen wurde. Alles schien leicht von der Hand zu gehen, manchmal reichte ein Wort, und Berge wurden versetzt. Die Zeit raste, die Welt änderte sich und der Revolutionär war immer an maßgeblicher Stelle dabei.

Ganz langsam, kaum merkbar, änderten sich Kleinigkeiten. Hier etwas weniger Resonanz und Begeisterung, dort die eine oder andere kritische Frage mehr. Und Dinge, die mit so viel Schwung verändert worden waren, begannen wieder zu funktionieren wie vor der großen Umwälzung. Die Routinen, die sich herausgebildet hatten, rochen genauso wie die Routinen, die man geglaubt hatte zerschlagen zu haben. Und plötzlich sah der Revolutionär wieder in Gesichter, die nicht von einer Idee, sondern von Status und Ansehen inspiriert waren. Phlegma und Eigensinn machten sich breit, das Feuer war erloschen.

Das war die Stunde, als der Revolutionär große Müdigkeit verspürte. Alles, was gestern noch grandios funktionierte und leicht von der Hand ging, war nun fehlerhaft und mühselig. Er selbst wollte immer noch die Dinge verändern und den Fortschritt herbeiführen, aber er sah sich umgeben von einem Trott, den er nach all den Jahren, die ihn von der Entbehrung bis zum Erfolg geführt hatten, nicht mehr ertrug.

Und der Revolutionär begann zu grübeln. Er konnte sich das leisten, denn die Macht war in seinen Händen. Verschiedene Optionen gingen durch seinen Kopf. Sollte er, müde, wie er war, dem aktiven Leben den Rücken kehren und sich in die private, vielleicht gelehrte Sphäre zurückziehen? Oder sollte er versuchen, da Feuer wieder zu entfachen? Indem er auf die Jugend setzte? In dem er auf die erneute Verfettung mit anklagendem Finger deutete? Oder sollte er kurzerhand den Apparat in Bewegung setzen und diejenigen, die den erneuten Rückschritt verkörperten, aus den Ämtern drängen und zur politischen Passivität verdammen? Alle diese Dinge hatte die Geschichte schon erlebt, und der Revolutionär kannte sie. Er wusste, dass alle Varianten ihre Fehler hatten und dass es keine Lösung gab, die er vorbehaltslos hätte wählen können.

Da saß er nun, müde, enttäuscht, gereizt und auch traurig. Nicht, weil er sich mit etwas auseinandersetzen musste, was er auch hätte als Rückschlag deuten können. Denn mit einem Rückschlag wäre er gut ausgekommen. Das kannte er und steckte er weg, wie er zu sagen pflegte. Aber das, was er jetzt erlebte, das nagte am Sinn. Er sah das Motiv seines ganzen Lebens angefressen von den Mäusen des Müßiggangs und der Routine. Sollte das immer so sein? Diese Frage beschäftigte ihn. Aber, auch wenn es ungewohnt war, sie interessierte ihn immer mehr. Manchmal, wenn er räsonierte, kam sogar das Feuer zurück. Dann taten sich ihm neue Horizonte auf. Denn, so dämmerte es ihm, wenn es ein Bewegungsmuster für Revolutionen gab, das so aussah, wie er es nun selbst erlebte, dann hatte auch die Müdigkeit ihren legitimen Platz im Lauf der Dinge. Der Platz war zwar klein, und die Dauer nicht groß, aber irgendwie nahm dem Revolutionär diese Erkenntnis die Traurigkeit. Sein Umfeld berichtete, fortan habe er sehr gelassen gewirkt.