Archiv der Kategorie: short stories

Fünf Jahre für ein Implantat

Der erste Eindruck darf nie unterschätzt werden. Vor allem im Vergleich. Wer mehrmals an einen Ort kommt, hat die Bilder des letzten Besuchs noch im Kopf und in rasendem Tempo wird deutlich, was sich verändert hat. Auch dieser Eindruck sollte überprüft werden, aber ausgeblendet werden sollte er auch nicht, aus welchen Gründen auch immer. Besonders spannend wird so ein Vergleich, wenn eine große Zeitspanne zwischen den Besuchen liegt. Denn dann sind die Konturen dessen, was man im Kopf hat und das Bild, welches sich beim ersten, neuen Blick ergibt, deutlicher.

Mir ging es gestern so. Obwohl ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Spanien besucht habe, in Madrid war ich das letzte Mal vor nahezu vierzig Jahren. Madrid ist genauso wenig Spanien wie Berlin Deutschland oder Paris Frankreich. Und dennoch lassen sich in den Hauptstädten bestimmte Trends besser lesen als in der Provinz. Ich behaupte sogar, dass in den Metropolen die Lebensumstände und die täglich angewendeten Überlebenstechniken besonders herausstechen, während die Provinz einen prächtigen Befund über die Einstellungen und Haltungen der Gesellschaft vermittelt.

Es regnete in Strömen und so lag auf der Hand, den Prado aufzusuchen und sich Goyas Schwarze Reihe anzusehen und damit eine Idee davon zu bekommen, wie sich die Drohung einer omnipräsenten Inquisition auf das Denken und Schaffen von kreativen Menschen auswirkt. Das Thema ist brandaktuell, weil die moralistischen Inquisitoren auf nahezu jedem gesellschaftlichen Feld aktiv sind und der kreative Umgang mit dem gesellschaftlichen Sein sehr darunter leidet.

Als die Beine schmerzten und der Hunger sich meldete, machte ich mich auf in eine Bar, wo Tapas, dieses wunderbare Relikt aus den maurischen Zeiten, auf der Theke standen. Und wenn es ein Brennglas gibt für gesellschaftliche Veränderungen, dann ist es die Kneipe. Und ich glaube, die, in der ich war, war durchaus repräsentativ. Es war Freitagnachmittag und eine kleine Gruppe von Arbeitskollegen war wohl vom Mittagessen hängen geblieben. Sie hatten den von Rotwein leicht getönten Blick und waren bester Stimmung. Die Tapas, die ich bestellte, waren so köstlich wie in der Vergangenheit und der Fernseher, der lief, genauso laut wie immer. In Spanien setzt man sich mit seiner Stimme durch, sonst geht man unter.

Mir fielen die Diskussionen mit spanischen Freunden ein, als es um den Beitritt Spaniens zur EU ging. Viele befürchteten damals, dass der spanische Nationalcharakter und das spanische Lebensprinzip darunter leiden könnten. Das Manana, das Prinzip, dass das, was heute nicht geschieht, durchaus noch morgen vollzogen werden kann, schien in hohem Maße gefährdet. Wie vieles andere.

Was sich verändert hat, werden die Spanier besser beurteilen können. Wir haben die Statistiken gelesen, die Auskunft über das Ungleichgewicht innerhalb der Euro-Zone geben und dokumentieren, wie auch Spanien darunter gelitten hat. Mit Leben gefüllt wurden diese durch eine Werbung, die ich von der Theke aus im Fernsehen beobachten konnte und die immer wiederholt wurde. Es ging um die Finanzierung einer Zahnkrone oder eines Implantats im Wert von 1000 Euro. Für nur 19.50 Euro pro Monat kann man die Reparatur innerhalb von nur 60 Monaten, d.h. von fünf Jahren begleichen.

Wie heißt es doch bei uns immer wieder? Spanien ist auf dem richtigen Weg!

Siehst du all die Sternlein stehen?

Heinrich, ein so genanntes Original in meiner Heimatstadt, pflegte, wenn die meisten bereits schliefen, durch die leeren Straßen zu ziehen und laute Gespräche mit sich selbst zu führen. „Siehst du all die Sternlein stehen, oben dort am Firmament?“ war einer der Sätze, die er immer wiederholte. Aber er beschränkte sich nicht darauf. In die bekannte Struktur seiner Ausrufe mischte er immer wieder hoch brisante, ja politische Aussagen ein, die es in sich hatten. Dann konnte schon mal die Frage kommen „Und wen hat der Führer mit einem so schönen Auftrag bedacht?“. Wer damit gemeint war, das wusste jeder, denn es handelte sich um einen Fabrikanten am Ort, der sehr schnell seine Produktion auf kriegstaugliches Material umgestellt hatte. Aber nach einer solchen Aussage kam dann wieder ein Satz wie „Machorka! Machorka Jungs, das befreit die Seele!“ Dabei handelte es sich um russische Zigaretten, wenn man von der Brisanz absieht, dass Heinrich das wohl von den russischen Kriegsgefangenen wusste, die zu Kriegsende in besagter Fabrik arbeiten mussten.

Das Schicksal Heinrichs hat sich mir nie geklärt. Ich wusste, er hauste in einer alten Lagerhalle. Alle kannten ihn, und er gehörte einfach zum Stadtbild. Aufgrund seiner nächtlichen Ausrufe konnte man schließen, dass er über Bildung verfügte und gesellschaftliche Zusammenhänge durchschaute. Was ihn aus der Bahn geworfen hatte, darüber gab es nie Auskünfte. Aber es ist sicherlich keine Spekulation, die zu weit geht, dass es etwas zu tun gehabt haben muss mit Faschismus und Krieg. Später, als wir uns einmal trauten, Heinrich direkt anzusprechen, ließ er mehr seiner Geisteskraft aufblitzen, aber immer, wenn wir dachten, wir hätten ihn in einem rationalen Dialog, zog er sich blitzschnell auf das Sonderbare zurück und begann zu deklamieren: „Jedes Seelchen, sehnt sich nach nem Sternchen, oh Baby, das wird dir der Herr doch noch gewähren! Machorka, Towarischi!“

Heinrich war nicht der einzige dieser Art. Da gab es noch Arthur, der nachts über den Friedhof lief und heulte wie ein Hund. Sein Schicksal war jedoch den meisten Mitmenschen klar. Er hatte die zwölf Jahre der Diktatur in KZs überlebt, weil er zufällig einen seltenen Nachnamen trug, den auch eine Nazi-Größe hatte. Das hatte ihn immer wieder vor der Exekution bewahrt, aber nicht am Gesamtschicksal. Und dann war da noch Gras Grün, der immer alte Zeitungen sammelte, um sie dann zum Verkauf anzubieten, als wären es neue. Von bürgerlichem Namen hieß er Valentin und war Verleger gewesen, bis sein Besitz arisiert wurde. Wieso er immer noch oder wieder in der Stadt war und noch lebte, lässt sich nur vermuten. Sicher ist, dass einige Bauern aus dem Umland jüdische Mitbürger über Jahre vor dem Zugriff durch die Nazis versteckt hatten. Da war auch ein später sehr bekannter Mann dabei, deshalb wurde diese Tatsache bekannt und dokumentiert. Die Bauern nannten ihn Männken Spiegel, er war Viehhändler gewesen und allein die Tatsache, dass sie ihm halfen, war ein Sachlage ins Gesicht derer, die gerade die jüdischen Viehhändler so verunglimpft hatten.

Wenn ich die Erinnerung bemühe, dann fallen mir immer mehr Personen und Dinge ein, die dazu geeignet sind, im eigenen, kleinen Mikrokosmos nach den vielen Indizien zu suchen, die ein Geschichtsbild ausmachen. Ich möchte dazu ermuntern. In die eigene Erinnerung zu schauen. Die Welt liegt im Detail!

Die Augenwinkel des Herrn B.

Nennen wir ihn Herrn B. Herr B. lebt in meinem Viertel. Seit Jahren. Er ist ein sehr umgänglicher Mensch, nicht auf den Mund gefallen und in der Lage, sich mit unterschiedlichen Sozialmilieus zu unterhalten. Mal im Dialekt, mal in ganz normaler Umgangssprache und mal in elaborierter Hochsprache. Nicht nur sprachlich, sondern auch sozial kann er sich sehr gut in unterschiedliche Welten einfühlen. Was er macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, lässt sich nur vermuten. Er ist selbstständig und bei ihm verkehren viele und unterschiedliche Leute. Was sie genau bei ihm oder von ihm wollen, ist nicht so richtig zu entziffern. Es scheint, als würde er Bekanntschaften arrangieren. Aber lassen wir das. Es ist seine Privatsache.

Über seine eigene Biographie wird so manches im Viertel gemunkelt. Nicht, dass er dort schwarze Flecken hätte, aber sie ist dennoch von gewissen Gerüchten umgeben. Während er selbst immer ein Vorbild in Verhalten, Kleidung und Umgangsformen war und jederzeit hätte durchgehen können als der Prototyp eines Musterschwiegersohnes, sagt man ihm nach, seine Partnerinnen, von denen er im Laufe der Jahre nicht wenige hatte, seien genau das Gegenteil gewesen. Viele von ihnen, so eine ansonsten seriöse Nachbarin, seien wahrscheinlich Barschlampen gewesen, hätten bis mittags geschlafen und dann gleich, nach der ersten Zigarette, mit Sekt weiter gemacht. Wie dieser kultivierte Mann zu solchen Frauen kam, ist für viele ein Rätsel.

Herr B. lebt eher zurückgezogen. Man sieht ihn zwar ab und zu einkaufen gehen, aber ansonsten muss man schon auf Zeichen achten, um seinen Lebensstil zu entschlüsseln. Er ist ein ordentlicher Mensch, denn sowohl sein kleiner Vorgarten als auch das Trottoir vor seinem Ladenlokal, das als Büro dient, sind stets in einem Zustand, den man hier in der Region gerne als picobello bezeichnet. Er scheint ein Frühaufseher zu sein, weil bereits um kurz nach sechs seine Fenster geöffnet sind und er die Morgenluft in seine Wohnung lässt. Obwohl im Viertel zahlreiche gastronomische Angebote existieren, sieht man ihn selten dort einkehren, vielleicht einmal im Jahr.

Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass er ein sehr aufgeräumtes Leben führt und nichts mehr so ist, wie in seiner Jugend, als er mit seinen Barschlampen bis spät in die Nacht Würfelspiele veranstaltet hat, bei denen zum Zorn der Nachbarn viele Gäste anwesend, ziemlich berauscht und vor allem laut gewesen seien. Sieht man Herrn B. heute die Straße entlang gehen, dann kommt man auf viele Ideen, wie man diesen Passanten deuten könnte, aber nicht auf die, es mit einem Womanizer zu tun zu haben, der sich im Rotlichtmilieu bewegt. Ist er ja auch nicht mehr. Zumindest dem Anschein nach.

Immer, wenn ich ihm begegne, tauschen wir kleine, spaßhafte Gemütsverfassungen oder Beobachtungen aus. Wie das angefangen hat, weiß niemand von uns, nehme ich an. Aber irgendwann müssen wir beide gemerkt haben, dass wir einen durchaus vergleichbaren Humor haben. Und so ist es durchaus folgerichtig, dass wir uns gegenseitig immer etwas auf den Arm nehmen. Als Anspielung auf sein Geschäft frage ich ihn öfters, wie die Aktien der Lonely Hearts Club Band stehen, womit er durchaus umzugehen weiß. Und da er mich als einen politisch denkenden und handelnden Menschen kennt, versucht er immer ein bisschen, den Ernst aus diesem Metier zu nehmen, was gar nicht so einfach ist, in unserem Land.

So kann es vorkommen wie neulich. Ich wollte zur Arbeit und war auch für meine Verhältnisse früh. Da kam er mir bereits mit einer gefüllten Einkauftasche entgegen. Auf meine Frage hin, ob er Schlafstörungen habe oder warum er sich als Selbstständiger, der frei über seine Zeit verfüge, mitten in der Nacht im Supermarkt herumtreibe, blieb erstehen, kam näher, sah mich an und erklärte: Erstens halte ich es mit dem jüdischen Sprichwort: Wer früh aufsteht, dem gehört die Welt! Und zweitens: Wenn ich um diese Uhrzeit dort einkaufen gehe, dann liegt das Prekariat noch im Bett. So kann ich olfaktorisch unbehelligt in der Kassenschlange stehen und habe gleich alle Einkäufe für den Tag erledigt.

Nach solchen Sätzen suche ich immer sofort die Augenwinkel von Herrn B. Zu seinem großen Glück verraten diese dann immer ein verschmitztes Lachen. Letzteres rettet uns beide.