Archiv der Kategorie: recensions

Weltschmerz, Nikotin und Psychoanalyse

Robert Seethaler. Der Trafikant

Vier Romane, drei Drehbücher, eine Anthologie und verschiedene Rollen als Schauspieler, Wohnsitze in Wien und Berlin. Der 1966 in Wien geborene Robert Seethaler bringt vieles mit, was unter dem neuzeitlichen Terminus eines Multitalents figurieren könnte. Letzterer steht allerdings nicht nur für die Fähigkeit, sich in verschiedenen Genres beweisen zu können, sondern auch für eine verlorene Gründlichkeit und Tiefe, die die Flexibilität einfordert. Das trifft allerdings nicht auf Robert Seethaler zu, den das deutsche Publikum auch als Gerichtspathologen in der Krimiserie Ein starkes Team bereits als Edelkomparse zur Kenntnis genommen hat. Sein neuer Roman Der Trafikant, seinerseits im Schweizer Edelverlag Kein & Aber veröffentlicht, hat ihm wahrscheinlich zum endgültigen Durchbruch als ernst zu nehmendem Schriftsteller verholfen.

Es kommt alles sehr leicht daher, in dem Roman, dessen Handlung im Jahre 1937 spielt und dessen Protagonist ein Junge vom Land ist, der aus Armut der Mutter vom Salzkammergut in die Trafik, d.h. das Tabak- und Zeitschriftengeschäft eines Bekannten nach Wien geschickt wird, um dort zu leben und zu lernen. Damit ist auch bereits das Motto des Romans genannt. Es geht um den Prozess der Großstadtsozialisation eines liebenswürdigen Landeis, das neben den Justierungsprozessen ins Erwachsenenleben Zeuge und Mitleidender wird bei der Faschisierung der österreichischen Gesellschaft, bei ihrem Abgleiten aus einer tradierten, vielleicht auch durch Nonchalance getriebenen Toleranz in eine Form der Verkommenheit und Barbarisierung, die aus dem heutigen öffentlichen Bewusstsein der rot-weiß-roten Rasse längst eliminiert wurde.

Seethalers narrative Konzeption ist bemerkenswert: Ein Strang führt vom Land in den Wiener Moloch mit seiner Zeitverwirrung, einer skizziert die Existenz des eigentlichen Trafikanten als den längst kleinbürgerlich etablierten Immigranten vom Balkan und einer den zum Bildungsbürgertum gehörenden Professor Sigmund Freud, der Kunde im Tabakladen ist und zwischen dem und dem Lehrling sich eine Beziehung entwickelt, die als Metapher gelten kann für die Tragik einer untergehenden Epoche.

Die Beziehung der beiden steht für die Dialogfähigkeit von Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Die soziale Permissivität des mit positiver Konnotation genannten Ancién Regime des Wiens der zwanziger Jahre tanzte in den Tagen der Schuschnigg-Regierung bereits den Makabré. Die Dialoge zwischen dem Lehrling Franz Huchel und Professor Sigmund Freud sind große Literatur. Da fragt der einfache Landmensch den Intellektuellen nach einer Welterklärung, die dieser nicht geben kann und will. Da wird versucht, das große Geheimnis der menschlichen Beziehungen zu lüften, indem der Gelehrte mit kubanischen Zigarren, entwendet aus dem Laden, bestochen werden soll. Letzterem gelingt es aber, mit der Magie des eigenen Zuhörens den Erkenntnisprozess des ersteren einzuleiten und zu fördern und somit die Theorie seiner therapeutischen Schule nicht zu erklären, sondern fühlbar zu machen.

Der Roman ist eine Referenz an die Qualität menschlicher Bindungen, eine Hommage an die Loyalität aus einem humanistischen Urgefühl. Dokumentiert wird dieses nicht nur durch die Dialoge zwischen Franz und Freud, sondern auch seine wunderbare Korrespondenz mit der Mutter auf dem Land sowie die wortlose Übereinkunft mit dem Trafikanten, der mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland genauso untergeht wie Franz, der sein Erbe rasend schnell einzulösen bereit ist, will er keinen Sinn mehr sieht in einem Leben ohne Moral. Freud, der Greis, quält sich noch ins englische Exil. Was bleibt, ist ein Wien, das nur noch in der Erinnerung existiert. Das Unwiederbringliche findet in diesem Roman eine prächtige Gestalt.

Wie eine Reise mit der Zeitmaschine

Max Frisch. Aus dem Berliner Journal

Der Wert von Tagebüchern bezieht sich in seltenen Fällen auf literarische Güte. Zumal bei Schriftstellern stellte man sich ansonsten nicht umsonst die Frage, warum zur Klärung der sprachlichen und kompositorischen Qualität nicht das zu nehmen wäre, was von den Autoren selbst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Das Interesse an Tagebüchern ist vor allem aus der historischen Perspektive heraus dennoch nicht zu unterschätzen. Tagebücher geben Einlass in die Tagesroutinen, die ganz profanen Ängste, Sorgen, Quälereien oder Ausschweifungen. Daraus kann ein Bild entstehen, das das abgestimmte oder von den Feuilletons erschaffene relativieren. Und in besonders seltenen Fällen bekommt die Nachwelt noch Informationen, die nicht unbedingt das Bild der Person oder des Werkes präziseren, sondern Einblick geben in das, was man die Lebensbedingungen des Zeitalters zu nennen pflegt, zu denen auch die politischen Umstände der Existenz zählen.

Nun, lange nach seinem Tod, erscheint ein Band mit dem Titel Aus dem Berliner Journal. Es bezieht sich tatsächlich auf die täglichen Notizen Max Frischs während seiner Berliner Jahre, die 1973 in einer Wohnung in Friedenau begannen und den Rest des Jahrzehntes andauern sollten. Da das Journal vieles enthielt, was Personen des Zeitgeschehens betraf, war Max Frisch weise genug, die Publikation mit einer 20jährigen Sperrfrist zu belegen. Und die Max Frisch Stiftung, die nun letztlich darüber entschied, was aus den Journalen veröffentlicht werden sollte, war klug genug, das Private und die Beziehung Frischs zu seiner damaligen Frau nicht für die Publikation frei zu geben. In Zeiten, in denen der Voyeurismus zum Massenphänomen geworden ist, haben Charaktere wie Max Frisch und Marianne Oellers auch postum ein Recht auf Schutz.

Neben den nicht untypischen Krisen eines Schriftstellerlebens hinsichtlich akuter Schreibblockaden, Alterungshysterien und Alkoholübertreibungen bietet Aus dem Berliner Journal vor allem Einblicke in Lebensumstände und Studien von Psychogrammen interessanter Literaten jener Zeit. Die Leserinnen und Leser werden Zeugen der Auftritte Uwe Johnsons, sie erhalten Einblicke in die prekäre Existenz Wolf Biermanns in der Chausseestraße, sitzen zusammen mit Christa Wolf am Tisch, wenn sie ihr Verhältnis zur DDR erklärt. Damalige Upcomer wie Jurek Becker sind ebenso mit von der Partie wie Günter Kunert. Max Frisch nutzte das Interesse der DDR, mit literarischen Größen aus dem Ausland Verkehr zu pflegen. Als Etablierter mit einem Schweizer Pass passte er genau in den Fokus der Parteibürokraten. Er ließ sich auf das Werben ein und besuchte Ost-Berlin so oft wie möglich. Und erhielt Einsichten, die bis heute sehr wertvoll sind.

Gerade die Lebens- und Schaffensbedingungen der DDR-Schriftstellerinnen und –Schriftsteller sind vor allem aus heutiger Zeit sehr interessant, weil sie aus der Perspektive eines unabhängigen Geistes geschildert werden, der sich zu keinen Ressentiments verpflichtet sah. Frisch, der immer das Prätentiöse genauso ablehnte wie das gierige Understatement, korrigiert mit seinen Notizen nicht nur das Bild des einen oder anderen Zeitgenossen, sondern er schildert die geteilte Stadt Berlin als einen Status des Irrwitzes, für den beide Seiten teuer mit dem Stigma des Provinziellen bezahlten. Der freie Westen verströmte den gleichen Kleinbürgermief wie die Hauptstadt der DDR.

Aus dem Berliner Journal ist ein wichtiges Dokument. Es ist wie eine Reise mit der Zeitmaschine und gibt Einblicke in das Leben wichtiger Figuren der Zeitgeschichte, es dechiffriert ideologisch beladene Darstellungen von Lebensumständen in Ost und West und es vermittelt eine Ahnung von den Krisen des literarischen Schaffens.

Gabriel Garcia Marquez. Erzählung und Nationenbildung

Gabriel Garcia Marquez ist tot. Mit 87 schied er dahin. Nach einem langen, erfüllten Leben, in dem er Werke schuf, die lange noch gelesen werden. Hundert Jahre Einsamkeit oder Die Liebe in Zeiten der Cholera sind große Erzählungen, die heute unter dem Begriff des magischen Realismus geführt werden. Doch das ist eine literarische Kategorie, die zwar das Werk beschreibt, aber nicht seine Wirkung. Nach dem Tod von Marquez verordnete der kolumbianische Präsident eine dreitägige Staatstrauer. Das ist die Wirkung. Gabriel Garcia Marquez war der große Erzähler der kolumbianischen Nation. Er hatte das geschaffen, was vielleicht am besten als die Metapher des kolumbianischen Volkes beschrieben werden kann. Er entnahm seinen Stoff aus den alltäglichen Lebensbedingungen, aus den Merkwürdigkeiten, die die Leute daraus ableiteten und woraus sie ihre Motivation entwickelten. Das heißt, Marquez traf den Nerv des Geistes und der Emotion. Es gelang ihm, indem er sich zeit seines Lebens als Bestandteil des großen Ganzen fühlte und auch so verhielt. Marquez lebte in keinem Elfenbeinturm, in dem die Sprache und die Bilder des Volkes verblichen.

Es sind die großen Erzähler, die in der Lage sind, an so etwas wie einer nationalen Identität mitzuarbeiten, die einzelne politische Episoden und Systeme überdauert. Charles Dickens war so einer, den in London mehr als eine halbe Millionen Menschen zu Grabe trugen. Tolstoi und Puschkin, die in Moskau ihre Denkmäler haben, ertrinken täglich in einem Meer frischer Blumen. Und ein Zola oder Balzac sind auf ihren Friedhöfen zu Paris bis heute nie allein. Und ein John Steinbeck gehört zum amerikanischen Geschichtsunterricht bis in unsere Zeit, ein Mark Twain genießt immer noch Kultstatus. Die Zuneigung, die die genannten Schriftsteller bis heute in ihren Ursprungsländern erfahren, resultiert aus ihrer Untrennbarkeit von den allgemeinen Lebensbedingungen und Nöten ihrer Völker. Sie sind der Grundstein, der emotionale Konsensus der Nation.

In Deutschland, dem so genannten Land der Dichter und Denker, das spöttisch von Franzosen wie Briten so bezeichnet wurde, weil es sich mit der Nationenbildung so schwer tat, fehlen derartige Gestalten. Natürlich gab es große Schriftsteller und Erzähler, aber sie trafen keinen nationalen Konsens. Schiller läutete mit seinen aufregenden Dramen das bürgerliche Zeitalter
ein und schrieb für die treibende Klasse, Goethe war schon das, was man die deutsche Krankheit nennen könnte, er schuf Geniales, aber als Staatsbeamter, Heine musste als jüdischer Bildungsparvenü ins Exil, Lessing, emanzipatorisch wie er war, schrieb Fabeln, die zu anspruchsvoll waren, Brecht widmete alles der neuen Klasse des Industriezeitalters, Thomas Mann verschrieb sich einem elitären Ästhetizismus. Der große Erzähler, der in aller Bücherschrank steht und der zur Überlieferung des allgemein als gültig Erachteten konnte in dem nationalen Bruchstück, das Deutschland immer blieb, nicht gedeihen. Es gab diese Erzähler, aber sie hatten immer nur regionale Wirkung.

Es kann nur bei einer Feststellung bleiben. Die Sinnstiftung, die durch die literarische Überlieferung des nationalen Psychogramms einem Land widerfährt, blieb in Deutschland aus. Umso bewundernswerter ist es, wenn so etwas woanders gelingt. Die Deutschen sollten sich dessen bewusst sein. Man kann sie dafür nicht haftbar machen. Aber es erklärt vieles. Umso respektvoller sollte der Blick in die Länder sein, wo die Dramaturgie der Geschichte so etwas schuf. Gabriel Garcia Marquez war für die Kolumbianer so ein Glücksfall. Er ist aus der Geschichte so wenig wegzudenken wie das Volk selbst. Eine Kongruenz, für die es dankbar ist.