Archiv der Kategorie: recensions

System Change aus Sicht eines Kindes

Lea Ypi. Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Wie leicht und frei! Was wie eine unterhaltsame Lektüre über eine Kindheit im sozialistischen Albanien anfing, wurde zu einem regelrechten Thriller über einen System Change. Die Autorin Lea Ypi, Jahrgang 1979, heute auf dem Feld der Politischen Theorie unterwegs, hat der Leserschaft mit diesem sehr persönlichen Buch einen intimen Einblick gewährt. Unter dem deutschen Titel „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ beschreibt sie den sehr speziellen Weg des Sozialismus in Albanien unter dem großen Enver Hodscha aus der Sicht eines Kindes und seiner Familie und die plötzliche Implosion dieses politischen Systems aus Sicht einer jungen, heranwachsenden Frau. 

Und gerade diese Perspektive ist es, die es ermöglicht, die einfachen, aber zielführenden Fragen zu stellen, die eine jede politische Ordnung beantworten muss. Früh merkt das Kind, dass ihre Eltern und erst recht die Großmutter vor der Revolution zur herrschenden Klasse gehört hatten und sich nun durch einen gespielten Konformismus fügten. Sie beobachtet die Brüche in der Verarbeitung dieser Situation bei den Elternteilen, sie charakterisiert exzellent die einzelnen Prototypen, die autoritäre Regime hervorbringen: die Ideologen, die Propagandisten, die Spione und und Denunzianten, aber auch die menschlichen Bande, die über alle Strukturen und Zwänge hinausreichen und das Leben dennoch lebenswert gemacht haben. 

Als dann alles zusammenbricht, sieht die junge Frau die Möglichkeiten, die die neue Freiheit mit sich bringt, inklusive des Preises: Verlust in allen Bereichen,  vom kleinen Sparvermögen bis hin zu fliehenden Familienmitgliedern, von schwindenden institutionellen Gewissheiten bis zu vielen Vertrauten, die auf der Flucht auf den Meeresgrund sanken. Und die neuen Gesichter, die dann auftauchten und ein neues Zeitalter versprachen und doch in vielerlei Hinsicht den Fahnenschwenkern aus der überwunden geglaubten Zeit verräterisch ähnelten.

Das überzeugend Authentische an diesem Buch ist der unbestechliche Realismus. Aus Sicht der Erzählenden sind es nicht die Systeme, die das Leben lebenswert oder zu einem Fluch machen, sondern die Menschen, die über Haltung und Gesinnung verfügen oder eben auch nicht. Bei der gesamten Lektüre habe ich darüber nachgedacht, warum in Deutschland, das auch den Zusammenbruch eines Systems wie einen atemberaubend schnellen Übergang zu einer neuen Ordnung im Osten erlebte, nie eine solch bestechend einfache, menschliche Sicht auf die Entwicklungen aufkam oder aufkommen durfte. Jede Form der Anerkennung des Früheren und jede Kritik an dem Neuen machte politisch verdächtig, diskreditierte die unbefangen kritische Sicht auf die Entwicklungen komplett.

Insofern erzählt Lea Ypi in „Frei“ nicht nur einiges, was man als Zentraleuropäer über Albanien und seine jüngere Geschichte wissen sollte, sondern auch, wie wir uns immer wieder mit instinktiver Zielsicherheit in Denkfallen begeben, die es uns unmöglich machen, wirklich frei an etwas Neuem zu arbeiten und uns letztendlich auch selbst zu befreien. Das hat die Autorin mit Sicherheit nicht intendiert, ist aber ein großes Geschenk, das sie uns deutschen Lesern mitbringt. Und, ein Aspekt, der allenfalls noch in unseren Geschichtsbüchern zu finden ist: ihr gelingt es, die jeweiligen, für alle Beteiligten sicherlich sehr herausfordernden Geschehnisse in einem Licht der Komik erscheinen zu lassen, was doppelt befreit. 

Lea Ypi ist eine kluge Frau. Mit welchem Zitat beginnt sie ihre Erzählung? 

„Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.“ Rosa Luxemburg  

Ferguson: Grandios im Antritt, schwach im Abgang

Niall Ferguson, Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen

Ein Paradoxon unserer Tage besteht daran, dass man, sobald man die aktuelle Befindlichkeit des so genannten Westens kritisiert und an seine Entstehungsstärken erinnert, sich der Systemopposition verdächtig macht. Vielleicht ist es auch Zuviel verlangt. Einerseits destruktive Tendenzen verteidigen zu müssen und nicht irgendwelche dahergelaufenen Feinde dafür verantwortlich machen zu können, sondern sich an die eigene Nase fassen zu müssen. Insofern habe ich laut aufgeatmet, als ich das Buch des schottisch-amerikanischen Historikers Niall Ferguson in die Hand bekam, das Abhilfe versprach. Unter dem Titel „Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen“ kündigt Ferguson an, sich mit den Kraftquellen des Aufstiegs des Westens befassen zu wollen, ihre Entwicklung zu beobachten und zu einem Abgleich mit dem gegenwärtigen Zustand im Vergleich zu wieder erstarkenden Kulturen und Systemen bereit zu sein.

Wohltuend beim Betrachten der Gliederung war, dass es sich dabei nicht um die immer wieder exklusiv gesetzte Triade von Aufklärung, Technik und demokratischer Staatsform handelte, sondern dass Ferguson eine meines Erachtens intelligentere Aufgliederung vollzieht. Anhand von den Sektoren Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentum, Medizin, Konsum und Arbeit durchleuchtet er den atemlosen Aufstieg des Westens vom 16. Jahrhundert bis heute. Es ist eine spannende Reise, bei der es nicht an Ausblicken auf andere kulturelle Hochperioden wie der chinesischen fehlt. Dass das hier genannte Paket zweifelsohne nicht ohne andere Supplemente Sinn vermittelt,  wie der Rechtssicherheit besonders in der Eigentumsfrage, steht außer Zweifel. Umso mehr vermisste zumindest ich bei der Lektüre die Künste, vor allem im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Gerade die von ihr ausgehende Inspiration ist eine Quelle für die massenhafte Verbreitung von Kritik, Inspiration und Formnovellierung in den westlichen Massengesellschaften. 

Doch davon abgesehen ist vieles besonders vom heutigen Zustand aus betrachtet nicht mehr oder nur noch eingeschränkt gegeben. der Wettbewerb ist durch Monopolisierung und Kartellierung kontaminiert, die Wissenschaften sind stark instrumentalisiert, das Eigentum hoch konzentriert, die Medizin privatisiert, der Konsum hat terroristische Formen angenommen und der Arbeitsethos hat sich in vielerlei Hinsicht pulverisiert. Das alles ist kein Grund, sich nicht an den Quellen und ihren Möglichkeiten zu orientieren, um nach Wegen zu suchen, die nicht in Utopien sektiererischeren Charakters enden. 

Dass Ferguson in diesem voluminösen Buch nicht ohne bodenlose Verdächtigungen gegenüber aus dem westlichen Kapitalismus entstandenen kritischen Theorien auskommt und sich immer wieder einmal im Gestrüpp der Polemik verirrt, hätte er genauso wenig nötig gehabt wie analoge Ausfälle gegen erstarkende Ökonomien, wie der chinesischen, die er als schlechte Kopie westlicher Qualitäten begreift und deren Scheitern er prophezeit. 

Das Buch eignet sich hervorragend als Lektüre, um sich Gedanken über die tatsächlichen Kraftquellen des Westens zu machen und sie mit der heutigen gelebten Praxis abzugleichen. In dieser Hinsicht sei die Lektüre unbedingt empfohlen. Die vor allem in den letzten einhundert (von knapp 600) Seiten aufscheinenden Formulierungen politischer Pamphlete genau der Parteien, die für die Verwässerung der Stärken stehen, kann man sich sparen. Das ist schade. Aber so sind die Zeiten. Fragen wir den Sommelier! Grandios im Antritt, schwach im Abgang. Trotzdem einen Schluck nehmen!

Der tränenreiche Aufstieg eines Hillbillys

J.D. Vance, Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und eine Gesellschaft in der Krise

Besser geht es nicht. Wenn man demonstrieren will, dass mit einer real existierenden Gesellschaft und ihrem Selbstverständnis etwas nicht zusammenpasst. Aber der Reihe nach. Spätestens nachdem J.D. Vance zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten nominiert wurde, steht er aufgrund seiner politischen Aussagen im Kreuzfeuer der bundesrepublikanischen Kritik. Man muss dazu sagen, dass sich die breite deutsche Öffentlichkeit im amerikanischen Wahlkampf seit langem zur Partei erklärt hat. Ob das klug, ist, wenn man sich das einseitige Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den USA ansieht, steht auf einem anderen Blatt.

Nun, der heute vierzigjährige J.D. Vance, seinerseits Jurist und Senator, wurde vor bereits acht Jahren durch die Publikation eines Buches bekannt, in dem er seinen Lebensweg und die großen Probleme seiner Klasse beschrieb. Unter dem Titel „Hillbilly-Elegie: Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ beschrieb er den leidvollen Weg eines Menschen, der im proletarischen Milieu in Kentucky aufgewachsen ist und mit allem konfrontiert war, was einer gedeihlichen Entwicklung im bürgerlichen Sinne entgegensteht: zerrüttete Familienverhältnisse, Drogensucht der Mutter, ständig wechselnde Partner derselben, chronische Geldsorgen, kein Herauskommen aus der eigenen sozialen Blase. Die so genannten Hillbilly’s, ethnische Ulster-Schotten, die längs der Appalachen gesiedelt hatten, gehören zu jenem Segment der amerikanischen Arbeiterklasse, das mit dem wirtschaftlichen und technologischen Wandel in den letzten sechzig Jahren abgewickelt wurde. Unterstützt wurden die Verlierer von keiner politischen Partei. Was blieb, ist Zerrüttung, Hoffnungslosigkeit und eine große Portion Gewalt, nach innen wie nach außen.

Wären da nicht Instanzen gewesen, die ganz konkret dem Individuum J.D. Vance bei großen Gewittern die Stufen zum Aufstieg gehalten hätten: eine liebende Großmutter, die Ausbildung zum Marine beim Militär, Studienkollegen und der eine oder andere Professor. Das alles ist nach Vance nur scheinbar reiner Zufall, sondern auch das Werk der eigenen Zielsetzung, die sich aus der mit jedem Schritt erhärtenden Erkenntnis gebildet hat, dass das eigene Zutun, die eigene Disziplinierung und die eigene Leistung die Voraussetzung für die sich anbietenden reichenden Hände ist.

Es ist entwaffnend, wie offen und ehrlich der Autor über die Verhältnisse, aus denen er stammt wie über die eigenen Schwächen schreibt. Wer einen Einblick in die strukturellen Probleme der amerikanischen Gesellschaft bekommen möchte, dem sei diese Lektüre unbedingt empfohlen. Die Rede ist von einer numerisch nicht zu unterschätzenden Gesellschaftsschicht, die von ihrer eigenen politischen Vertretung, den Demokraten, nicht mehr wahrgenommen wurde und die sich aus ihrer Wut und ihrem Frust bei der letzten Wahl einem Donald Trump zugewandt haben, während sie von einer Hillary Clinton noch verspottet wurden.

Vieles, was J.D. Vance in diesem 2016 erschienen Buch über die Hillbilly’s schreibt, kommt einem bekannt vor. Die Phänomene sind auch in unserer Gesellschaft präsent: auch hier gibt es Verlierer und auch hier werden sie zum Teil von ihrer eigenen tradierten politischen Vertretung verspottet und verachtet. Und auch hier wenden sie sich Alternativen zu, die mit Sicherheit ihre Belange nicht verbessern werden.

Um auf die Eingangsbemerkung zurückzukommen: Seit der Bekanntgabe der Nominierung von J.D. Vance steht dieses Buch bei den politisch gut Situierten hierzulande auf dem Index. Dabei ist eine solche Dokumentation als ein Geschenk an die politische Klasse insgesamt aufzufassen. Dagegen wird sogar davon gesprochen, dass der Ullstein Verlag das Buch aus dem Programm nehmen will. So frei ist der Weg zum Totalitarismus. Wer die amerikanische Politik besser verstehen will, lese dieses Buch. Wie er oder sie den Autor als heutige politische Figur bewerten möchte, hat damit nichts zu tun. Nur für Sektierer ist das höhere Mathematik.