Archiv der Kategorie: recensions

Fundstück: Wie eine Träne im Ozean

Vielleicht ist es die Metapher überhaupt, die in der Lage ist, das Gefühl zu materialisieren, dem der Mensch in der Moderne, in der technisierten Massengesellschaft, unterliegt. Der in der heutigen Ukraine geborene Schriftsteller Manés Sperber ersann diese Metapher als Titel für eine Romantrilogie, die er geschrieben hatte und die sich mit der verlorenen, zerbrochenen Illusion des Kommunismus auseinandersetzte. Folgerichtig hatten bereits die einzelnen Bücher leidensgeschichtliche Titel: 1. Der verbrannte Dornbusch, 2. Tiefer als der Abgrund, 3. Die verlorene Bucht. Anhand zweier Protagonisten beschrieb Sperber den langen Weg von Osteuropa in den Westen und vom Stalinismus in den bürgerlichen Liberalismus. Obwohl der Faschismus besiegt werden konnte zum Preis eines materiell zerstörten Westeuropas brachen große Teile der osteuropäischen kommunistischen Jugend unter der Niederlage des kommunistischen Ideals durch den Stalinismus ebenfalls zusammen. Wie eine Träne im Ozean, das beschrieb die Weiterexistenz in einer immensen, amorphen, gewaltigen Masse mit der individualisierten, nur atomisiert wahrnehmbaren Trauer und Melancholie. Nichts konnte vernichtender sein, um das 20. Jahrhundert zu beschreiben.

Jenseits der kommunistischen Ideale hat das Bild jedoch seine Fortsetzung. Während im Osten die bereits geopferte Vision immer noch auf dem Altar stand, wurde im Westen die Freiheit des Individuums als das große Projekt des 20. Jahrhunderts festgeschrieben. Und nach dem Kapitel, das als der Kalte Krieg bezeichnet wurde und das nun eine Renaissance erfährt, als das Sowjetimperium implodierte und der Freie Westen auf keine Grenzen mehr zu stoßen schien, da entpuppte dieser sich auch jener Generation, die mit ihm als Stimulans aufgewachsen war, als ein verzerrtes Projekt, in dem es um nackte Macht und nackten Reichtum ging. Bliebe man im literarischen Genre, so müsste jetzt eine weitere Trilogie folgen, und zwar die über die zerbrochene Illusion des Westens, die eine ehemalige Jugend zurücklässt, die sich fühlt wie die einstige kommunistische. Das Déjà-vu jedoch könnte sich unter der gleichen Metapher wiederfinden wie das historische Original: Wie eine Träne im Ozean.

Und alle, die sich mit Abscheu oder in großer Enttäuschung von den politischen Visionen abgewendet haben und nun auf eine technische Lösung des menschlichen Strebens nach Glück setzen, werden mit Sicherheit auf die gleiche Bezugsgröße zurückkommen wie die ihr vorangegangenen idealistischen Bewegungen. Am Ende stehen Macht, Gewalt und Reichtum. Die technische Vision ist ebenso wenig von den beschämenden Mustern der menschlichen Natur zu trennen wie bei den politischen Visionen, die ihr vorausgegangen sind. Und so konstant wie der Ruin einer jeden Vision ist das Bild, das das menschliche Debakel, das sich hinter dieser Zerstörungstat verbirgt. 

Wenn es eine literarische Pionierarbeit in der Moderne gab, die eine Analogie zu Sperbers Roman bildet, dann waren es Balzacs Verlorene Illusionen und Glanz und Elend der Kurtisanen, die die brutale Hinrichtung der Illusion der freien Meinungsäußerung durch eine unabhängige Presse zum Thema hatten. Das bürgerliche Ideal der freien Meinung verschwand unter dem Hammer des Wertgesetzes und des Zeitungsmarktes. Das war es noch die verlorene Illusion Einzelner. Nach dem Einsturz des Kommunismus betraf es radikal alle, ohne Ausnahme. Und die Metapher, die unser aller Gemütszustand präzise umreißt, ist die Träne im Ozean. Mit dieser Tragödie müssen wir leben.

Radikal an der Desillusionierung arbeiten!

Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrbuch

Tief im Westen weiß man immer sehr schnell alles zu erklären. Auch und gerade die Befindlichkeiten derer, die im Osten aufgewachsen sind. Die Rede ist von den Deutschen. Die werfen einen Blick in irgend ein Lexikon oder auf Wikipedia, und schon sind sie Experten und erklären einem staunenden Publikum um sich herum, wie sich die Sache verhält. Für viele Menschen aus dem Osten, jener Republik mit Namen DDR, muss das eine schlimme Erfahrung gewesen sein. Dass man alles im germanischen Okzident besser weiß als im Orient. Umso befreiender sind bestimmte Dokumente, die darüber Aufschluss geben, wie es einem ergangen ist, der voller Hoffnung und vielleicht auch Illusion von Ost nach West ging und am Ende sehr ernüchtert war.

Eine dieser Geschichten ist die des Birk Meinhardt, der bereits ein angesehener Sportreporter in der DDR war und den man zu einem renommierten Blatt nach der Wiedervereinigung nach München holte. Sport, so dachte man dort, ist nicht gleich ein politisches Risiko. In seinem Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ erzählt Meinhardt seine Geschichte bei der Süddeutschen Zeitung. Wie er dort aufgenommen wurde, wie toll anfänglich das Arbeiten war, wie man ihm zutraute, auch in fremden, gar politischen Ressorts sein Können zu zeigen und wie er merkte, wo die Grenzen der journalistischen Freiheit liegen.

In seinem kleinen Buch schildert Meinhardt anhand dreier von ihm erstellten Reportagen, wie ihm die der Zensurring durch die Nase gezogen wurde. Die in Gänze dokumentierten Stücke haben es natürlich auch in sich:  ein Werk über die mehr und mehr in die internationale Finanzspekulation verstrickte Deutsche Bank, die sich nahezu in toto von ihrem originären Auftrag, mit Krediten die deutsche Wirtschaft zu unterstützen, verabschiedet hat. Beim zweiten Beispiel handelt es sich um einen zu Unrecht verurteilten Rechtsradikalen. Das passte nicht ins Klischee und touchierte die Illusion von der Unabhängigkeit der Richter. Und die dritte Reportage befasste sich mit dem Status und den Aktivitäten der amerikanischen Streitkräfte in Ramstein. Da ging es um formales bundesrepublikanisches Recht und amerikanische Faktizität. 

In allen drei Fällen kam es zu keiner Publikation. Und Meinhardt beschreibt sehr eindringlich, wie die zahlreichen Versuche aussahen, um ihn zu zensieren und den enthüllenden Charakter der Arbeiten zu zerstören. In einem Dialog mit einem Freund, seinerseits auch ein von Ost nach West Migrierter, aber in einem anderen Genre arbeitend, gibt ihm dieser den weisen Rat, radikal an seiner Desillusionierung zu arbeiten. Dann ließe sich hier, im Westen, leben und arbeiten.  

Dass Birk Meinhardt nicht mehr bei „seiner“ Süddeutschen Zeitung arbeitet, versteht sich von selbst. Letztere hat die eindeutige Tendenz, die er in dem Buch beschreibt, in atemberaubender Weise in den letzten Jahren übertroffen. Freie Meinung und investigativer Journalismus gelten exklusiv für die als amtlich anzusehenden politischen Positionen. Für mehr ist da kein Platz. Auch hier zeigt sich, dass die Menschen aus dem Osten, sofern sie noch alt genug waren, um das politische System dort zu spüren, einen untrüglichen Riecher besitzen für Entwicklungen, die alles Mögliche sind, nur nicht demokratisch.   

Sagen, was ist!

Stefan Aust, Zeitreise. Die Autobiografie

Der Vorteil, wenn sich alte Wölfe, die schon viel Schnee gesehen haben, erinnern, ist das Fehlen der Kontaminierung durch den kollektiven Brainwash unserer Tage. Nämlich das, was von den Zwergen auf den Schultern von Riesen momentan aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gemacht wird, entspricht in keiner Weise dem, was tatsächlich geschehen ist und der Motivation der Handelnden entsprach. Da ist es hilfreich, jemandem zuhören, der neben einer eigenen politischen Meinung, die man nicht teilen muss, dennoch in der Lage ist, die Geschehnisse so darzustellen, wie sie ein guter Journalist, der den Prinzipien und dem verloren gegangenen Ethos dieses Berufes entspricht und die als Motto über dem Hause stand, in dem er lange Zeit eine herausragende Stellung einnahm:

„Der Journalist hat nicht das Mandat, Wahlen zu gewinnen und Parteien zu promovieren. Er gerät auf die Verliererstraße, wenn er versucht, Kanzler und Minister zu machen, große oder kleine Koalitionen zu begünstigen, kurz, wenn er der Versuchung erliegt, Politik treiben zu wollen. Unternimmt er es dagegen, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen und zu sagen, was ist, dann ist er mächtig“. (S. 477)

Stefan Aust, seinerseits Verfasser seiner Autobiografie, zitiert nicht nur einmal den Spiegel-Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein. Immer, wenn er das macht, geht es um seine journalistischen Grundsätze. Aust selbst ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er hat als begleitender Journalist, der Recherchen betrieb, die so manchen Institutionen richtig weh taten, vieles erlebt und begleitet. Der Baader Meinhof Komplex, die NSU Morde und vieles andere, was die Geschichte dieser Republik geprägt hat und den Regierenden mal das Attribut staatsmännischer Größe und Verantwortung und mal das des kläglichen Versagens anheftete. 

„Umstritten“, um ein inflationär benutztes Wort des heutigen journalistischen Boulevards zu benutzen, war Stefan Aust immer. Oder nein, um bei der Wahrheit zu bleiben, er war immer streitbar. Ob als junger Redakteur bei Konkret, ob als Chef von Spiegel TV, ob als Chefredakteur des Spiegel, ob als Herausgeber von Die Welt, ob als Buchautor oder als freier Journalist. Und, das muss man ihm attestieren, er hat immer gesagt, was ist. Und er hat seine eigenen Ansichten nie verborgen, aber er hat sie gekennzeichnet.

„Die Zeitreise“, wie seine Autobiografie heißt, liest sich wie seine Artikel, flüssig, das Wesentliche hervorhebend, prägnant. Es ist auch für die Leserin oder den Leser eine Zeitreise durch die Geschichte der Republik. Durch die Revolten, den Kalten Krieg, die Vereinigung, die Wirtschaftskrisen und politischen Karrieren. Angenehm ist, dass der Autor zwar auch über sein Leben berichtet, das er während der verschiedenen Phasen gelebt hat, aber auch dabei distanziert und sachlich bleibt. 

Entstanden ist ein Konvolut von 640 Seiten, das nicht am Stück gelesen werden muss, weil es durchgehend thematisch gegliedert ist und die Ereignisse über das eigene Agieren gestellt werden. Insofern handelt es sich um ein Buch, das einen unverstellten Einblick in das bundesrepublikanische Zeitgeschehen gewährt, das diese Republik geformt hat, bevor eine neue Form der historischen Inquisition das Ruder der öffentlichen Meinungsbildung ergriff und versuchte und versucht, Geschichte gravierend umzudeuten. Also sei es empfohlen. Ausdrücklich. Stefan Aust. Zeitreise.