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Pflichtlektüre für alle, die gerne wüßten, wofür sie sterben sollen!

Stefan Heym. Kreuzfahrer von Heute. Roman

Einen Kriegsroman lesen? Im Jahre 2025? Ja, unbedingt! Norman Mailers Die Nackten und die Toten, Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues und Stefan Heyms Kreuzfahrer von Heute sind immer die Lektüre wert. Dass sie aktuell von besonderem Interesse sein muss, liegt an den Umständen. In großen Teilen Europas und vor allem in Deutschland hat sich eine Kriegsbegeisterung Platz verschafft, wie man sie vor einigen Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Daher ist es wichtig, sich in die Materie hineinzubegeben, um eine Vorstellung von dem zu bekommen, was ein Krieg bedeutet.

Stefan Heym selbst ist schon als Person eine besondere Empfehlung. 1913 in Chemnitz als Jude geboren, floh er vor den Nazis über die Tschechoslowakei in die USA, wurde amerikanischer Staatsbürger und landete mit als Propagandaoffizier 1944 in der Normandie. Die Erfahrungen dieses Krieges sind Gegenstand seines übrigens in der Originalversion in Englisch geschriebenen Romans Kreuzfahrer von Heute. Obwohl Mitglied einer letztendlich siegreichen Armee, schildert er darin die Verluste, die menschlichen Enttäuschungen, die Begegnung mit dem Unaussprechlichen und die Suche nach dem Sinn. 

Die unterschiedlichen Perspektiven der Soldaten allein sind spannend genug. Da sind diejenigen, die ihren kleinen persönlichen Vorteil bei dem Raubzug der Entbehrungen finden wollen. Da sind die Karrieristen, die sich eine gute Ausgangsposition für die Zeit danach suchen wollen. Da sind ehemalige Deutsche, die die alte Heimat als ein Albtraum erleben müssen. Da sind die kalten Kalkulatoren, die über Gewinn und Verlust Buch führen. Und da sind einige Wenige, die das gut organisierte Gemetzel als einen Kampf der Demokratie gegen die Barbarei betrachten. Alles ist wesentlich schillernder, als es in den Geschichtsbüchern danach zu lesen war und ist. Und da ist die Verzweiflung, wie man das zerstörte Gemeinwesen Deutschland wieder auf die Beine stellen will oder kann, ohne auf die alten Wissensträger und somit Täter zu vertrauen.

Alles in diesem voluminösen Buch von mehr als tausend Seiten ist im Detail spannend, miteinander verwoben und kommt, das die wohl größte Stärke, ohne abgegriffene Klischees aus. Das macht diesen Roman so authentisch. Unabhängig davon, wie man das Agieren der amerikanischen Streitkräfte im Nachhinein bewertet, es wird deutlich, wie brutal vielschichtig ein Unternehmen Krieg sich gestaltet und wie viel Zerstörung es in der Lage ist, anzurichten – bei allen Beteiligten. Wenn eine Zusammenfassung erlaubt wäre, müsste sie heißen: Alle Kriege sind verlorene Kriege. 

Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das ganze Panorama auf den anderen, an diesem Krieg beteiligten Seiten, vorzustellen. Die Bilanz ist die gleiche. Oder, um exakt zu sein, die Guten, sofern es sie gibt, leiden immer ein wenig mehr als die Schlechten. Und selbst wenn das Gute siegt, geht das Schlechte mit in die Zukunft. Stefan Heym, ein aktuell eher in Vergessenheit geratener Schriftsteller, dessen Biographie wie kaum eine andere eine Referenz an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt, hat nicht nur mit diesem Buch verstanden, das übrigens zwischendurch auch unter dem ebenfalls treffenden Titel Bitterer Lorbeer erschien, die Komplexität gesellschaftlicher Zustände einzufangen, ohne langweilige Schematisierungen dazu zur Hilfe zu nehmen.

Kreuzfahrer von Heute, ein Titel, der aktuell nicht passender sein könnte, wirft dem kriegsjohlenden Pöbel unserer Tage gekonnt den Fehdehandschuh vor die Füße. Der Roman sollte allen Pflichtlektüre sein, die gerne wüßten, wofür sie sterben sollen, in einem Krieg, bei dem es immer nur ums verlieren geht.

Spieler, Untertanen, Populisten

Wollte man sich am Kanon der Literatur in diesen Tagen orientieren, so drängen sich aus meiner Sicht drei Werke auf. Zu allererst wäre das „Der Spieler“ von Dostojewskij. Dann käme, gleich danach, „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Und, als dritte Empfehlung, „Anton Sittinger“ von Oskar Maria Graf. Wenn sie diese drei Bücher lesen, werden Sie ein großes Wiedererkennungserlebnnis durchlaufen. Jeder dieser drei Romane erfasst nämlich den gegenwärtigen Gesellschaftszustand, oder, um präziser zu sein, die drei prototypischen Protagonisten unserer Tage. Vielleicht, wenn Sie es vermeiden wollen, danach in eine tiefe Depression zu verfallen, wäre ihnen noch anzuraten, etwas zu lesen, was zumindest im Titel so etwas wie Erlösung verspricht, wie zum Beispiel „Alles wird gut“, unter dem die Erzählungen Jörg Fausers veröffentlicht wurden. 

Mit Dostojewskijs „Spieler“ wäre der Sozialtypus im politischen System zu sehen, der seinen gesamtes Lebensarrangement nach der Illusion ausrichtet, die Verhältnisse zu seinen Gunsten verändern zu können, obwohl weder sein Einfluss noch seine Fähigkeiten in irgend einer Weise relevant wären für das, was am Spieltisch passiert. Mit immer größeren Beträgen, die den eigenen Ruin beschleunigen, wird versucht, das große Spiel zu beeinflussen, ohne Aussicht auf Erfolg. Das Objektive folgt den kalten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und wird nicht von den Sehsüchten und Wünschen derer bestimmt, die sich auf das Spiel einlassen. Was zählt, ist Mathematik und Selbstbeherrschung. Und an dieser zuletzt genannten, nicht vorhandenen Tugend scheitert der Prototyp des Spielers. Immer wieder. Gesetzmäßig. Ohne Perspektive auf Änderung.

Der von Heinrich Mann in einem der wohl ikonischsten Romane des letzten Jahrhunderts dargestellte Typus des Untertanen verrät alles über die Dehnbarkeit eines Individuums ohne inneren Kompass, ohne Haltung und Charakterfestigkeit. Der Untertan folgt stets dem Druck der ihm übergeordneten Macht. Und anstatt dabei in eine mentale Krise zu fallen, die bei gefestigten Menschen als Konsequenz der Fremdbestimmung aufträte, begibt sich der Untertan in das Labyrinth einer abstrusen Hermeneutik, die seine Illusion als die Dinge selbst bestimmendes Individuum am Leben hält, obwohl nicht die geringste Spur von Souveränität aufzufinden ist.

Und „Anton Sittinger“ ist der mentale Kleinbürger, der jede, aber auch jede Erklärung gesellschaftlicher Zusammenhänge in sich aufsaugt, die bestimmt ist von abstruser Kausalität und irrwitzigen Feindbildern, solange er mit niemandem aneckt und bei einem Bier in den eigenen vier Wänden seinem Hass auf alles, was er aufgrund der eigenen Labilität fürchtet, ohne Sanktion freien Lauf lassen kann. Der einzige Schlag, zu dem er sich fähig sieht, ist seine Bereitschaft, mit seinem Wahlverhalten „denen da oben“ mal so richtig den Marsch zu blasen.

Ich hoffe, mit dieser kurzen Darstellung der drei Werke Ihre Lust, sich ihnen zu widmen, etwas beflügelt zu haben. Ja, ich bin der Meinung, dass in Zuständen großer Umwälzung bestimmte Prototypen, die alles andere als neu sind, das allgemeine Geschehen bestimmen. Wir sind umgeben von Spielern, Untertanen und Populisten. Eine Mixtur, bei dem nur noch ein soziales Genre fehlt. Es sind die Figuren aus Zolas „Germinal“. Doch bis jetzt spielen Revolte und Rebellion noch keine Rolle. Bleibt, fürs erste, die hier empfohlene Lektüre.   

China – Ein Kapitel im Buch der Irrungen

Frank Sieren. Zukunft? China!*

Der Zeitpunkt rückt näher, dass man sich in Deutschland daran machen muss, das Buch der großen Irrungen zu verfassen. Ein Kapitel, das ist heute schon sicher, wird das über die Ansichten auf China sein. Ohne auf die beschämende politische Ignoranz seitens der jüngsten Außenpolitik eingehen zu wollen, hat sich ein Bild über die Weltmacht China festgesetzt, das in Teilen immer schon falsch war und in anderen Teilen weit in der Vergangenheit liegt. China ist ein moderner Gigant, der, ob er es will oder nicht, nach einer gewichtigen Stimme im Weltkonsortium verlangt.

Man hätte, so müsste dieses Kapitel im Buch der großen Irrungen beginnen, man hätte es besser wissen können. Ein Landsmann, der bereits seit dreißig Jahren in Peking lebt und sehr aufmerksam und gewissenhaft, ohne ideologische Brille, die Entwicklung Chinas genau beobachtet und in mittlerweile 14 Büchern beschrieben hat, ist Frank Sieren. Es gab Zeiten, da hatte sich die Politik noch für derartige Expertise interessiert. Der ehemalige Kanzler Helmut Schmidt war so einer, der sogar mit dem damals jungen Sieren ein Buch veröffentlichte. Aber die Zeiten sind vorbei. Umso wichtiger ist es, sich damit zu befassen, was Sieren zum Beispiel in dem 2018 erschienenen Buch „Zukunft? China!*“ zu Protokoll gibt.

Da erfährt man, gefüttert mit harten Fakten und unumstößlichen Zahlen, was sich in China getan hat. Der Autor gibt einen Überblick über das gegenwärtige weltpolitische Machtgefüge. Er beschreibt die rasante Entwicklung in Sachen KI, die Revolution in der dortigen Automobilindustrie, das tatsächliche Verhältnis von Privatwirtschaft und Kommunistischer Partei als Ordnungsmacht, den unaufhaltsamen Drang zu Innovation, den großen strategischen Wurf der Neuen Seidenstraße, die taktischen Siege während der Wirtschafts- und Finanzkrisen des Westens, die wirtschaftliche Dominanz gegenüber den USA und den Coup in Bezug auf den afrikanischen Kontinent. 

Bei der Darstellung des atemberaubenden Aufstiegs Chinas werden die Unterschiede zu den Vorstellungen des Westens über Wirtschaft, Politik und Entscheidungslegitimation nicht ausgespart, aber sie überdecken nicht das, worum es geht: China und seine Menschen ihn ihrem Blick auf die Welt zu begreifen und den tatsächlichen Stand des Landes in seinem Zivilisationsprozess zu erfassen. Es geht, wieder einmal, um das Vestehen. Dass eine derartige Form der Darstellung dann unweigerlich auch auf die Defizite der deutschen Sicht stößt, lässt sich nicht vermeiden. 

Die arrogante, herablassende Sicht vor allem des hiesigen Industriemanagements auf das Land hat bereits einige schmerzhafte Entwicklungen nach sich gezogen. Vor allem die Automobilindustrie hat mit ihrem Festhalten am Verbrenner-Antrieb die blitzartige Umstellung auf dem chinesischen Markt auf E-Mobilität verpasst und die Atempause, die bei einer Wahrnehmung und Bedienung des schnell wachsenden afrikanischen Marktes hätte gewonnen werden können, wurde verschlafen. Angesichts derartiger Beispiele zieht Sieren eine bedrückende Parallele zu der Zeit, als China als Reich der Mitte das Maß aller Dinge zu sein glaubte und keine Impulse mehr registrierte oder aufnahm, die von außen kamen, um danach für lange Zeit brutal unter die Räder zu kommen. Ob der Westen dieses Schicksal teilen wird, steht noch in den Sternen.

Allen, die mehr wissen wollen, als das ideologische Schauermärchen oder herablassende Töne bereits überrollter Wirtschaftsakteure hergeben, sei das Buch dringend ans Herz gelegt! Zukunft? China!*