Archiv der Kategorie: recensions

Mussolini als Blaupause

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

In der Werbung wurde davon gesprochen, dass Antonio Scuratis Roman „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ das Buch sei, auf das Italien lange gewartet habe. Das mag so sein, aufgrund der historischen Brisanz und der brennenden Aktualität durch aktuelle politische Ereignisse in vielen Ländern dieser Welt hat die Periode von 1921 -1924, der Zeit der Machtergreifung durch Benito Mussolini und den Faschismus in Italien, auch woanders diese Wertigkeit verdient. Denn die Zeit, die Scurati in seinem Buch der Leserschaft noch einmal vor Augen führt, weist viele Deckungsmengen zu den aktuellen Verhältnissen auf.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber in der Geschichte existieren immer wiederkehrende Muster, aus denen man sehr gut für die Gegenwart und Zukunft lesen kann. Da ist zum einen eine Instabilität des existierenden politischen Systems, das den Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht wird. Da herrschen Unzufriedenheit und Existenzängste, da werden große Ansprüche formuliert, denen niemand mehr gerecht wird und da tauchen Figuren auf, die die fragile Situation wittern und selbst durch Charisma, Rhetorik und taktische Finesse ihren eigenen Wunsch nach der Erringung der absoluten Macht in greifbarer Nähe sehen.

Benito Mussolini war eine solche Figur, die sich weder um Traditionen noch einen zivilisatorischen Ethos scherten, sondern, geleitet von Allmachtsphantasien, sich mit den skrupellosesten und abgehängtetsten Elementen der Gesellschaft zusammentat, um seinem Ziel näher zu kommen. Stereotype, die sich historisch ebenfalls immer wiederholten, wie die Spaltung der Demokraten und die Finanzierung von Kriminellen durch die wirtschaftlich Mächtigsten, begünstigten nicht nur den Aufstieg dieses Maniaks, sondern sie ermöglichten ihn erst. Auch dazu liefert das Buch tiefe Einblicke. Während der Name Mussolini in den historischen Annalen seine Brandmarkung bereits erfahren hat, sind die der Pirelli, Agnelli und Conti nach wie vor in der Geschäftswelt als einflußreiche Kräfte präsent. 

Scurati erzählt die Geschichte dieser bedeutsamen Jahre multiperspektivisch. Die Leserschaft sieht verschiedene Blickwinkel. Selbstverständlich den Mussolinis, aber auch den so bedeutsamer Politiker wie Turati und Matteotti, er lernt etwas über die Denkwiese der letzten Repräsentanten des untergehenden Staates wie des fatal agierenden Königs und der letzten Staatspräsidenten. Unterbrochen wird die vielschichtige Erzählung durch Sequenzen aus der zeitgenössischen Berichterstattung, von den Organen des Faschismus, heute noch existierender bürgerlicher Zeitungen wie der sozialistischen und kommunistischen Presse. 

Psychosozial setzte Mussolini auf den Hebel, Angst in Hass zu verwandeln. Der markante Satz aus Scuratis Roman bringt es exakt auf den Punkt: „An der Wertpapierbörse der Habenichts wird jetzt das Schwermetall Angst gegen die hoch im Kurs stehende Währung tödlicher Hass getauscht.“ Eine Feststellung, die bei der Analyse gegenwärtiger Verhältnisse ein durchaus erschreckender wie wertvoller Hinweis ist.

Die Figur des Mussolini wird durchleuchtet und anhand seiner Handlungsweisen und sie unterlegenden Räsonnements entsteht das Psychogramm eines auf die absolute Macht fokussierten Verbrechers, dem kein Mittel, und natürlich auch nicht der massenhafte Mord, zuwider ist und der sich lustig macht über die Loyalität der politischen Konkurrenz zu dem bestehenden politischen System. So mutiert Mussolini in diesem Werk zu einer Blaupause für den faschistischen Rigorismus, der auch ohne das Emblem des Faschismus bis in die heutigen Tage fortlebt. Weder Ethos, noch Rationaliät oder Loyalität gegenüber Prinzipien sind solchen Figuren gewachsen. Die Conclusio ist ohrenbetäubend!

  • Herausgeber : Klett-Cotta; 3. Druckaufl. 2020 Edition (9. März 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 830 Seiten
  • ISBN-10 : 3608985670
  • ISBN-13 : 978-3608985672
  • Originaltitel : M. Il figlio del secolo

Das Nibelungenlied: Die Dilemmata einer indigenen Zivilisation

Das Nibelungenlied, In Prosa übertragen von Uwe Johnson und Manfred Bierwisch

Alle, die es einmal in ein Seminar der germanistischen Mediävistik verschlagen hat, werden sich an die zunächst unentschlüsselbaren Texte erinnern, die von dem frühen Schriftgut der deutschen Literatur zeugen. Und neben Autorennamen wie Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Gotfrit von Straßburg und Wolfram von Eschenbach kommen Texte wie die Merseburger Zaubersprüche und natürlich auch das Nibelungenlied zurück ins Gedächtnis. Letzteres kann zu den großen Epen der deutschen Literatur gerechnet werden, von dem aufgrund der großen Mühe und dem damit zu erwerbenden Wissen nur wenig in die Neuzeit herüber gerettet wurde, und von dem im öffentlichen Bewusstsein nur die Mythen übrig geblieben sind, die durch Richard Wagners Ring der Nibelungen und den mythologischen Überhöhungen durch den Nationalsozialismus schillernd inszeniert wurden.

Das Schicksal dieses Epos ist nicht nur schade, sondern es ist eine Tragödie, denn es hülfe, vieles zu erklären, wenn man sich mit dem befasst, was vielleicht, auch das im Dunst der Flüsse, am besten als so etwas wie eine deutsche Mentalität bezeichnet werden kann. Umso verdienstvoller – neben den Arbeiten eines Jürgen Lodemann (Der Mord, Kriemhild) – was der Schriftsteller Uwe Johnson zusammen mit Manfred Bierwisch geleistet haben, als sie das monumentale Verswerk sehr getreu zum Original in eine gut lesbare, moderne Prosa übertrugen. „Das Nibelungenlied“ in dieser Version kann heute ohne den Tribut von Blut, Schweiß und Tränen gelesen, genossen und reflektiert werden. Und allen, die sich bis heute noch nicht damit befasst haben, kann versprochen werden, dass sie eine überaus spannende und aufschlussreiche Lektüre erwartet.

Die historisch im Dunkeln gebliebene, aber in dieser Form erzählte Geschichte lässt sich in zwei große Erzählungen ordnen, in die des tragischen Scheiterns des Helden Siegfrieds von Xanten am burgundischen Hofe von Worms und die Kämpfe der Burgunden am Hofe des Hunnenkönigs Attila. Während im ersten Teil die zentralen Themen Mut, Betrug, Intrige und Treue sind, spielen diese im zweiten Teil zwar noch eine Rolle, werden aber immer wieder überstrahlt vom Sittengemälde der ritterlichen Kultur. 

Die Verworrenheit, die Dilemmata, der ständige Kampf von Gut gegen Böse, das alles lässt die Assoziation zu, es hier mit einem germanischen Ramayana zu tun zu haben. Auch dort im fernen Asien, spielen diese Unauflösbarkeiten eine hervorragende Rolle. Da es sich dort, vor allem in Indien und auf der Insel Java, um eine orale Erzähltradition handelt, lässt sich erklären, dass dieses Ur-Epos bis heute, immer wieder aktualisiert, am Leben geblieben ist und einen hohen Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs hat, während das Nibelungenlied die Archive schmückt. Vielleicht erklärt es auch, warum der ideologische Diebstahl durch Demagogen im kollektiven Bewusstsein so unbemerkt geschehen konnte.

Denn, soviel sei verraten, es handelt sich nicht um eine dunkle, den Blutrausch und das bornierte Heldentum verehrende Erzählung, sondern das Streben nach Vervollkommnung, die Definition eines Ethos, der das Gemeinwohl im Sinn hat, nimmt großen Raum ein und vermittelt etwas, das als die indigenen Anlagen einer späteren Zivilisation erahnen lässt.

Lassen Sie sich nicht schrecken! Das Nibelungenlied in der vorliegenden Prosa-Version ist die Zeit wert! 

  • : Insel Verlag; 5. Edition (16. Juli 2012)
  • Sprache: : Deutsch
  • Taschenbuch : 263 Seiten
  • ISBN-10 : 3458362282
  • ISBN-13 : 978-3458362289
  • Abmessungen : 17 x 2.1 x 19 cm

Klima: Desaster oder zivilisatorischer Quantensprung?

Philipp Blom. Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700

Ist es denkbar, dass Naturereignisse dazu beitragen, bestehende Gesellschaftsordnungen aus den Fugen zu heben? Eine Fragestellung wie sie aktueller nicht sein könnte! Der Autor Philipp Blom ist genau dieser Frage nachgegangen. Als historische Vorlage hat er das genommen, was als Kleine Eiszeit in die Geschichtsbücher eingegangen ist und, in Bezug auf die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtdimension, noch gar nicht solange her ist. Mehr noch, die Kleine Eiszeit von 1570 bis 1700 war nicht exklusiv aber mit verantwortlich für das, was in Europa als moderne Zivilisation bezeichnet wird. „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie die Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“ ist der erfolgreiche Versuch, komplexe Wirkungszusammenhänge erklärbar zu machen.

Es spricht für Blom, dass er nicht mit der vielleicht allzu billigen Version daherkommt, die einen Klimawandel ausschließlich dazu zu ermächtigen, die Welt, in der sich menschliche Gesellschaften eingerichtet haben, radikal zu verändern. Was historisch jedoch belegbar ist, sind bestimmte Fakten, die vieles zur Entstehung der modernen Welt beigetragen haben. Der Kälteeinbruch in Europa um jene Zeit, der brachiale Winter zur Folge hatte, zerstörte das Prinzip der feudalen landwirtschaftlichen Produktion. Da in Europa Getreide fehlte und Hungersnöte ausbrachen, wurde aus Nahrungsmitteln plötzlich eine Ware, die importiert werden musste und das Entstehen der Börse zur Folge hatte. Handelshäuser waren die neuen Mächte, eine Effektivierung der Produktion die notwendige Konsequenz und die feudalen Landbesitzer stellten sich als eine Kaste dar, deren Zeit vorbei war.

Der mentale Umgang mit drastischen Naturphänomenen hatte gleichzeitig zur Folge, dass die alten, vor allem durch die katholische Kirche gelieferten Erklärungsmuster für die Existenz des Menschen und seiner Bestimmung ins Wanken gerieten und eine geistige Revolution zur Folge hatte. Neben den apokalyptischen Lamenti der untergehenden Erklärungsmuster verschafften sich auch Neuerer Gehör. Namen wie Descartes, Montesquieu und Spinoza stehen für diesen Prozess und nicht umsonst gelten sie als die geistigen Vorläufer der Moderne, die sich bei der Gründung der USA wie bei der Französischen Revolution letztendlich manifestierte. 

Die Stärken in Bloms Buch sind in der Darstellung der ideengeschichtlichen Folge der kleinen Eiszeit zu finden. Der Konnex von Naturveränderung, Ökonomie und philosophischer  Selbstreflexion findet den größten Raum. Damit wird der Komplexität der Wirkungsmechanismen Rechnung getragen und es wird verhindert, das schematische Schlussfolgerungen gezogen werden könnten. Naturentwicklungen wie ein Klimawandel können einen zivilisatorischen Quantensprung zur Folge haben, müssen sie aber nicht. Phänomene wie diese können auch Kulturen in Gänze vernichten. 

Die Anregungen, die Philipp Blom hinsichtlich dessen liefert, womit die Menschheit in der Gegenwart konfrontiert ist, sind deshalb wertvoll, weil sie nicht der Huldigung der Ideologisierung erliegen, sondern die Möglichkeit menschengesteuerter Einflussnahme offen lassen. Das Desaster bleibt genauso eine Option wie ein zivilisatorischer Quantensprung. 

  • Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft (30. November 2018)
  • Sprache: : Deutsch
  • Taschenbuch : 304 Seiten
  • ISBN-10 : 3423349409
  • ISBN-13 : 978-3423349406