Archiv der Kategorie: recensions

Tabu gebrochen!

Admiral James Stavridis, Elliot Ackerman. 2034. A Novel Of The Next World War 

Lange war es Tabu, sich mit dem öffentlichen Durchspielen eines Atomkrieges zu befassen. Nicht, dass in den verschiedenen Think Tanks und Universitäten, die sich mit den Aufträgen des militärisch-industriellen Komplexes ein mächtiges Zubrot verdienen, schon seit langem Szenarien durchgespielt werden, wie es denn aussähe, wenn zumindest mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen eine geopolitische Auseinandersetzung geführt würde. Und, so wie man hört, sind die Optionen nicht sonderlich gut für das westliche Imperium. Und die Frage, die im den Krieg als reale Option anerkennenden Kreis virulent bleibt, ist dennoch nicht mehr das Ob, sondern das Wann.

Der ehemalige 4-Sterne-Admiral der US-Navy, James Stavridis, hat etwas gemacht, was Menschen seines Rangs und seiner Profession in der Regel nach dem aktiven Dienst vermeiden. Er hat, zusammen mit dem Schriftsteller Elliot Ackerman, einen richtigen Thriller zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt geworfen und, zumindest im anglophonen Sprachraum, für mächtig Aufregung gesorgt. Das Buch trägt den Titel „2034. A Novel Of The Next World War“. Mit seiner gesamten militärischen Erfahrung und dem der Thriller-Komposition des Ko-Autors hat er mit dem Tabu, einen begrenzten Atomkrieg überhaupt öffentlich zu thematisieren, gebrochen und einer zivilen Leserschaft so die Möglichkeit gegeben, sich auszumalen, was passieren kann, wenn die großen Mächte dieser Welt in der Zeit von mächtigen Verschiebungen auf die Idee kommen, das atomare Kriegsbeil auszugraben.

Und es ist realistisch und korrespondiert mit den geheimen Planspielen, die angestellt werden, dass der Konflikt im südchinesischen Meer entsteht, in dem es heute bereits ein ständiges Gerangel um Hoheitsgewässer geht, in der der geostrategische Konflikt zwischen den USA und der Volksrepublik China präsent und wegen der Nähe zu Taiwan virulent ist. Dass ein amerikanischer Autor auch in der Fiktion davon ausgeht, dass die chinesische Seite mit den kriegerischen Handlungen beginnt, passt zum Zeitgeist. Dass die Sache dann eskaliert bis hin zu taktischen Atomschlägen auf beiden Seiten, kann, und das ist die bittere Erkenntnis unserer Tage, als ein durchaus zu akzeptierender Realismus bezeichnet werden.

Das Interessante bei dem furchtbaren Spiel sind nicht nur die militärtechnischen Aspekte und die damit verbundenen verheerenden Verluste auf beiden Seiten, sondern auch und vor allem die daraus entstehende geopolitische Konstellation. Russland findet kaum statt, Europa gar nicht, dafür aber neben den Rivalen China und den USA vor allem Indien und der Iran. Es kristallisiert sich eine Weltordnung heraus, deren Konturierung durch den Einsatz der taktischen Atomwaffen beschleunigt wird, in der China an Bedeutung verliert, die USA als Schatten früherer imperialer Herrlichkeit als Elendszone dahinvegetiert und Indien als eine neue Ordnungsmacht aufscheint.

Admiral James Stavridis ist zu bescheinigen, dass er sowohl die verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung als auch das sich verändernde Standing der beteiligten Staaten so beschreibt, wie es einem Mann mit seinen Kenntnissen entspricht und was sich deutlich unterscheidet von den bellizistischen Elogen so mancher Journalisten in den gegenwärtigen Krisen. Das alleine ist eine Lektion, der man sich nicht entziehen sollte. Dass er zudem auch die eigene Rolle des amerikanischen Imperiums als möglichen Verlierer zulässt, zeugt von großem Mut und dokumentiert, wie viel Rationalität zuweilen in Militärkreisen zugegen ist, ganz im Gegensatz zu einer vom eigenen Moralismus geblendeten Zivilgesellschaft.

Leider existiert bis jetzt nur eine englische Ausgabe, eine deutsche wäre dringend erforderlich. Die Lektüre ist auf jeden Fall unbedingt zu empfehlen. 

  • Herausgeber  :  Penguin Books (8. März 2022)
  • Sprache  :  Englisch
  • Taschenbuch  :  320 Seiten
  • ISBN-10  :  1984881272
  • ISBN-13  :  978-1984881274
  • Abmessungen  :  13.31 x 2.01 x 20.19 cm

Stalingrad: Die Stadt, die heute anders heißt

Wassili Grossman, Stalingrad

Wie alles, was in den Turbulenzen eines Krieges entsteht, hat auch dieses Stück einzigartiger Literatur sehr lange gebraucht, bis es einem größeren, internationalen Publikum in einem Zeitraum  namens Danach zugänglich werden konnte. Wassili Grossman, dessen zweiter Band „Menschen und Schicksale“ längst gelesen und rezipiert worden war, hatte den ersten Band mit dem Titel bedacht, der zumindest für einen Deutschen bis heute einen Moment des schaurigen Innehaltens auslöst und für einen Russen den Glauben an sich selbst bestärkt: Stalingrad.

Grossman hatte sich als Berichterstatter vor Ort aufgehalten und im Jahr 1942 beim Angriff auf Stalingrad, der Stadt, die den Krieg entscheiden sollte, einen Fortsetzungsroman begonnen, der in verschiedenen Journalen erschien, die auch von den russischen Soldaten gelesen wurden. Auf 1200 Seiten suchte Grossmann die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Krieg, auf die Verhältnisse eines Landes, das sich an einem großen historischen Projekt wähnte und die tatsächlichen Veränderungen in dem Leben der einzelnen Glieder. Sehr präzise werden die unterschiedlichen Sichtweisen geschildert und minutiös die Veränderungen untersucht, die in das Leben der verschiedenen sozialen Schichten dieser Sowjetunion Einzug gefunden hatten.

Ohne mit dem Zeigefinger zu sehr auf den Zusammenhang von positiver gesellschaftlicher Umgestaltung, die vielen Bürgerinnen und Bürgern einen Zugang zu qualifizierten Berufen bot, die Bildung jedermann zugänglich machte, die eine medizinische Versorgung garantierte, die gigantischen Karrieren den Weg ebnete etc., werden in diesem monumentalen Werk die kleinen Mosaike sichtbar, die die Basis für die strategische Überlegenheit einer an Technik und Militärressourcen unterlegenen Nation garantierten. 

Die wenigen Schlaglichter, die Grossman in Stalingrad auf die deutsche Seite wirft, zeugen von einem scharfen Blick, sowohl auf Hitler und das ihn umgebende Personal als auch auf die Offiziere und Soldaten, die scheinbar ohne Unterbrechung immer weiter nach Osten in die Sowjetunion vordringen. Wer Hinreise auf propagandistische Überzeichnung erwartet, muss sich enttäuscht abwenden. Denn sowenig Grossman die tatsächlichen Lebensverhältnisse auf russischer Seite glorifiziert, so wenig verteufelt er die deutsche Seite in toto. Obwohl er die Psychopathie und den imperialen Irrsinn der Protagonisten grandios erfasst, wird sein Blick nicht eingeengt. Denn dort, auf dieser Seite, gibt es sie, die Individuen, die unter dem Wahn der nationalistischen und rassistischen Überhebung leiden und daran scheitern.

Stalingrad ist ein Konvolut von Einzelaspekten aus dem Leben in der Sowjetunion, das in seiner Fülle einen Eindruck von dem Gefühl vermittelt, dass durch den Angriff auf dieses Land bei seinen Bewohnerinnen und Bewohnern ausgelöst wurde. Die Gewissheit, nicht nur einen Kampf auf Leben und Tod führen zu müssen, sondern auch das Bewusstsein, an einem Projekt zu arbeiten, das der Menschheit eine Alternative zu der sich immer wieder ereignenden imperialistischen Zerstörung und Versklavung bietet. Grossmans Schilderungen machen deutlich, wo der Schlüssel zu suchen war, der den Krieg entschieden hat.

Dass die Sieger Geschichte schreiben, ist bekannt. und dass so manches, was den Krieg entschieden hat, selbst von den Siegern hinterher nicht geschätzt wird, ist keine neue Erkenntnis. Wassili Grossman und seine Stalingrad Dilogie, in deren 2. Band, Menschen und Schicksale, die eigentliche Schlacht um Stalingrad geschlagen wird und in dem aber auch die restaurativen Züge beschrieben werden, die letztendlich den strategischen Vorteil der eigenen Seite konsequent zerstörten, ist das wohl für die Person des Autors weitaus schlimmere Schicksal als die Malaisen um die Veröffentlichung der verschiedenen Bände des Romans. Das Gute entscheidet die Schlacht und das Böse schreitet im Lorbeerkranz umher.

Wer den Namen der Stadt, die heute anders heißt, die jedoch aus der Geschichte nicht mehr wegzudenken ist, entzaubern will, und wer ein Interesse daran hat, die gängige Geschichtsschreibung zu entlarven, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Jenseits des propagandistischen Nebels

Jörg Kronauer, Der Aufmarsch – Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen

Der in London lebende Autor Jörg Kronauer hat sich bereits durch mehrere Publikationen, in denen er die sich verändernde geostrategische Weltlage unter die Lupe nahm, einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch mit dem Titel „Der Aufmarsch Vorgeschichte zum Krieg. Russland, China und der Westen“ ist nicht nur wegen der darin dargestellten Entwicklung lesenswert, sondern auch durch die historisch einzigartige Tatsache, dass der Text bereits beim Verlag war, als der Autor wie der Rest der Welt von dem Einmarsch der russischen Streitkräfte am 22. Februar in die Ukraine erfuhr. Dieses Faktum setzt den zu erwartenden Vorwurf außer Kraft, da würde im Nachhinein für das Verständnis von etwas geworben, für das es kein Verständnis geben sollte, es sei denn, man hat die gesamte Entwicklung im Blick. 

Der Ansatz Kronauers ist einfach und transparent. Er hat nichts anderes getan, als sich die Politik der einstigen Parteien des Kalten Krieges nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion angesehen und minutiös alles beschrieben, was an fortgesetzter oder erneuter Polarisierung stattgefunden hat. Ein innerer Blick in die nach-sowjetische Realität, in der sich mit Mafia-Methoden kämpfende Oligarchen das Staatseigentum aufteilten während die Bevölkerung hungerte, die Nachfolge des schwachen Jelzins durch Putin, der dem Wild-West-Kapitalismus Einhalt bot und eine neue, alles andere als demokratische Ordnung herstellte. Das allmähliche Wiedererstarken der russischen Wirtschaft und die Renaissance eines imperialen Ansatzes.

Die gleichzeitige Osterweiterung der NATO, die vielen Mosaike, die auf eine mögliche militärische Eskalation hindeuten. Die Warnungen Russlands, die Ignorierung durch vor allem die Vereinigten Staaten. Der ganze Prozess von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Und die Überschreitung von Russlands roter Linie in der Ukraine, durch die letztendlich auch eine kulturelle Linie verläuft.

Das alles wäre noch einmal eine Revue dessen, was aufmerksame Menschen hier in Europa ohnehin verfolgen konnten, wenn Kronauer nicht im zweiten Kapitel das Bild vervollständigen würde, indem er analoge Manöver der USA und ihrer Verbündeten auf der pazifischen Seite gegenüber China dokumentieren würde. Auch dort, und im Einklang mit den Aktivitäten in Ost- und Zentraleuropa zeigt sich, dass eine Global-Strategie in den USA vorliegt, die auf eine direkte Konfrontation mit Russland und China hinausläuft. 

Auch für Militärstrategen ist es interessant zu sehen, dass es vor allem um die Vorbereitung von Blockaden von Seewegen geht, ob gegenüber Russland wie gegenüber China, beides kontinentale Mächte, die allerdings vehement geschwächt werden, wenn sie ihre maritimen Zugänge verlieren. Da rüstet eine maritime Weltmacht zum letzten Gefecht und wer will, schaut zu.

Kronauers Buch ist eine kurze wie faltenreiche Nachzeichnung der militärpolitischen Entwicklung der letzten 30 Jahre, auch unter dem Aspekt einer neuen, multipolaren Weltordnung. Dabei verfällt er nicht gängigen Versionen der Vereinfachung, sondern beschreibt ebenso unbestechlich die Verwerfungslinien, die auch zwischen Russland und China verlaufen. 

Das Bedrückende der Lektüre ist die wachsende Wahrscheinlichkeit eines Dritten Weltkrieges und die maßgebliche Rolle, die dabei die USA spielen. Aber die Realität schert sich nicht um Empfindungen. Angesichts der inflationär kursierenden und gewaltig aus dem propagandistischen Nebel geborenen Erzählungen über den Zustand der Welt ist die Lektüre dieses Buches unbedingt zu empfehlen!

  • Herausgeber  :  PapyRossa Verlag; 1. Edition (1. April 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Broschiert  :  207 Seiten
  • ISBN-10  :  3894387785
  • ISBN-13  :  978-3894387785
  • Abmessungen  :  12.9 x 1.9 x 19.6 cm