Archiv der Kategorie: recensions

Über die Menschenbildung eines Diplomaten

Amélie Nothomb. Der belgische Konsul

Zunächst mutet es an, als seien zwei unterschiedliche Teile wahllos aneinander getackert worden. Obwohl der Roman „Der belgische Konsul“ von Amélie Nothomb wirkt, als gehörten manche Dinge nicht zusammen, ist von der ersten Zeile an ein beschwingter Lesefluss garantiert. Und das trotz eines Sujets, von dem man glauben könnte, es sei aus der Zeit gefallen. Ein belgischer Konsul, der vor einem Erschießungskommando kongolesischer Rebellen steht, leitet erzähltechnisch die eigne Geschichte als Kind und Jugendlicher im Belgien der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein. Und die Leserinnen und Leser bekommen einen Einblick in konservative Sichtweisen, in unterschiedliche Erziehungskonzepte, in Standesdünkel, in die Existenz verarmten Adels, in das Abarbeiten an einer künstlerischen Karriere und den Weg in die Adoleszenz. Das alles ist unterhaltsam wie aufschlussreich.

Was im Kopf bei dieser Lektüre immer wieder verstört, ist die Erinnerung an den Anfang, an die ehemalige Kolonie des Kongo und ihren Bruch mit der belgischen Macht. Irgendwie glaubt man, die Autorin, ihrerseits übrigens die Tochter eines belgischen Diplomaten, hätte vergessen, womit sie die Erzählung begonnen hat. Und dann, nachdem man der Erzählung gefolgt ist bis zu dem Punkt, an dem der junge Protagonist davon berichtet, dass er die diplomatische Laufbahn eingeschlagen hat und ihn seine erste Station in den Kongo geführt hat, ist man am Anfang der Geschichte angelangt.

Da wird dann, bei einem Aufstand in Stanleyville (heute Kisangani), der historisch verbürgt ist, findet man den jungen Diplomaten wieder, wie er sich tatsächlich als Diplomat und Geisel zu einem Wortführer in den Palabres macht. Letzteres sind von den Rebellen institutionalisierte Dauerdiskurse, die lebensgefährlich werden können, wenn man als Geisel in argumentative Fallen läuft. Und der Bericht über diese Palabres ist es, der en passant eine Idee von dem Begriff der Diplomatie vermittelt. Das was dort geschieht, unterscheidet sich von der Proklamationsdiplomatie heutiger Tage von Grund auf und vermittelt einen Eindruck von der tatsächlichen Macht diplomatischen Geschicks. Von der feinen Art zu denken und zu argumentieren, ohne jemals die andere Seite zu brüskieren, auch wenn es um Leben und Tod geht. Auch der Begriff des Stockholm-Syndroms wird eher nebenbei noch einmal präzisiert und von seiner mehrheitlich vulgären Deutung befreit.

Und der kurze, aber fulminante Schluss, der der Geschichte über eine Sozialisation eines Jungen im Belgien vergangener Tage eine Klammer bietet, liefert dann doch den Lesern genug Stoff, um über die Bildung von Menschen nachzudenken, die sich später für eine diplomatische Karriere entscheiden. Es sind Qualitätsmerkmale, die nahezu in toto als antiquiert gelten und ohne die die Diplomatie ihren Namen nicht verdient. Nur wer die Härten und Widrigkeiten des Lebens sinnlich erfahren hat, ist mit dem Vermögen ausgestattet, den Diskurs mit Menschen, die anderen Zwängen unterliegen, in zivilisierter Form zu führen. 

„Der belgische Konsul“ ist ein Roman von gerade einmal 140 Seiten, aber er strotzt vor Beobachtungen, die langes Nachdenken ermöglichen. Und trotzdem liest er sich leicht und gewährt den Lesern alle Freiheiten hinsichtlich eines eigenen Urteils.

  • Herausgeber  :  Diogenes; 1. Edition (21. Juni 2023)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  144 Seiten
  • ISBN-10  :  3257072317
  • ISBN-13  :  978-3257072310
  • Originaltitel  :  Premier sang
  • Abmessungen  :  11.9 x 2 x 18.3 cm

Die ungesichteten Kassiber des Grauens

Ralf Rothmann. Im Frühling sterben

In Zeiten, in denen der Krieg näher kommt, aber kaum jemand aus eigener Anschauung weiß, was das im Detail bedeutet, ist es ratsam, mit denen zu sprechen, die selbst noch einen Krieg erlebt haben. Da wir in der glücklichen Situation waren, im Gegensatz zu anderen Regionen in dieser Welt, über Jahrzehnte weit weg von kriegerischen Handlungen zu leben, ist die Vorstellung vom Schlachthaus Krieg verblichen und diejenigen, die noch darüber erzählen könnten, sterben weg. Ein zweifelsohne exzellente Erzähler unter den zeitgenössischen Schriftstellern deutscher Sprache, Ralf Rothmann, hat, bereits im Jahr 2016, einen Roman verfasst, der die Geschichte seiner Elterngeneration als junge Leute im Krieg zum Thema hat.

In dem unter die Haut gehenden Werk mit dem Titel „Im Frühling sterben“ erzählt Rothmann die Geschichte zweier junger Männer in Deutschlands Norden, die noch an die Front gezogen werden und am Frontverlauf in Ungarn die Schrecken und den Wahnwitz eines Krieges erleben, der von den Aggressoren mit einem grausamen Zynismus und in dem Endstadium zumeist unter vielfältigem Drogenkonsum zu Ende geführt werden soll. Und obwohl Rothmann der Leserschaft die unbeschreiblichen Details der Vernichtung, des Leids und der Verstümmelung erspart, findet er Wege, um das ganze Drama plastisch werden zu lassen. Es sind eher lapidare Sätze, die ein gestochen scharfes Bild von der tatsächlichen Situation zeichnen, in der sich eine Aggressionsarmee auf dem Rückzug befand. Eine Kostprobe möge genügen:

„Dabei weiß inzwischen jeder, dass dieser Krieg nichts mehr bringt. Unsere Offiziere werfen ihren eigenen Leuten Handgranaten in die Hacken, damit sie überhaupt noch angreifen.“

Der Abgleich zwischen Propaganda und den tatsächlichen Verhältnissen ist grotesk und entpuppt sich mit dem heutigen Wissen als eine Stereotype des Krieges. Folgerichtig wird einem der beiden Hauptfiguren die innere Ablehnung des Kriegs zum Verhängnis und der andere repräsentiert das Gros derer, die davon gekommen sind. Manche Erlebnisse haben sie in ihrem Inneren verschlossen und bis zu ihrem Ende Jahrzehnte später niemandem erzählt. Es sind die nie gesichteten Kassiber des Grauens, die ein Krieg hervorbringt.

In einem Epilog schildert Rothmann den vergeblichen Versuch seinerseits, das Grab der Figuren, von denen er erzählt, noch zu finden. Es gelingt ihm nicht und was bleibt, ist die Stille. Es drängt sich der Begriff auf, den diejenigen, die zu den Augenzeugen des Massakers wurden, so oft benutzten und der aus der Mode gekommen ist: das Unsägliche.  

Angesichts der Kriegsgeilheit, mit der wir täglich konfrontiert sind und der Leichtigkeit, wie zu einem Angriff geblasen wird in einem Land, von dem aus die größten Verbrechen der Neuzeit ausgegangen sind, sei diese schlichte, einfach erzählte und unter die Haut gehende Geschichte zur Lektüre empfohlen. Allen, die in ihrer Kriegsgegnerschaft Bestätigung brauchen und allen, deren Phantasie nicht ausreicht, um sich auszumalen, was der Krieg in der Lage ist anzurichten.  

  • Herausgeber  :  Suhrkamp Verlag; 7. Edition (8. August 2016)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  233 Seiten
  • ISBN-10  :  3518466801
  • ISBN-13  :  978-3518466803
  • Abmessungen  :  11.8 x 2 x 19 cm

Ein Panoptikum der Katastrophe

Eugen Ruge. Pompeji

Die Idee ist gut! Man nehme eine historische Naturkatastrophe und schildere die Situation an ihrem Vorabend. Hinsichtlich aller Zeichen und der damit verbundenen menschlichen Reaktionen. Und schon scheint das ganze Panoptikum von Defätismus, Eskapismus, Populismus, Hysterie, wilden Geschichten und Geschäftemacherei auf, welches mit derartigen Ereignissen einhergeht. Eugen Ruge hat sich den Vorabend des historischen Ausbruchs des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus vorgenommen und eine Geschichte erzählt, die aktueller nicht sein könnte. In seinem Roman „Pompeji“ tauchen historische Figuren wie fiktive Charaktere auf, und es wird die Geschichte erzählt, wie sie tatsächlich rekonstruiert werden kann, allerdings auch mit Figuren, die es so nie gegeben hat. Sie beginnt mit den ersten Vorzeichen eines Vulkanausbruchs und verläuft bis hin zu dem Moment der Zerstörung der blühenden Stadt Pompeji und Herculaneum. 

Erzählt wird aber auch von Handlungen und Karrieren von gerissenen Demagogen, die mal auf die eine, mal auf die andere politische Strömung setzen, von Politikern, die, bleiben sie bei ihren Routinen und streben sie nach Stabilität, von den Emotionsschüben der hysterisierten Massen an den Rand gespült werden, von Mystikern, die ihre Stunde als gekommen sehen, von Spekulanten, die sich mit Bau- und Grundstücksgeschäften bereichern und natürlich von Gerüchten, die alle Dimensionen des bisher Wahrscheinlichen sprengen und dennoch Gehör finden.

Eugen Ruge gelingt es, eine gut lesbare, durchaus unterhaltende und spannende Lektüre zu gestalten, die als eine Typologie gesellschaftlicher Reaktionen auf eine drohende Katastrophe bezeichnet werden kann. Ganz im Sinne des Brecht´schen Verfremdungseffekts spielt die Handlung im historischen Rom und ist weit genug weg, um nicht in der Hitze unserer Gegenwart missverstanden zu werden. Und dennoch ist das alles brandaktuell. Wir leben in einer Abfolge von natürlichen und menschengemachten Katastrophen, wir sehen die Versuche, die Verhältnisse zu stabilisieren, wir sehen die Populisten, die wie Pilze aus dem Boden schießen und wir sehen die Katastrophengewinnler, die sich jenseits jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung die Hände reiben und ihren Geschäften nachgehen und wir spüren das drohende Unheil, das sich in Wellen von Angst und Aggression ankündigt.

Und dennoch: die teils historisch belegte, teils fiktive Handlung spielt im Jahr 79 und erlebt die Kaiser Vespasian und seinen nachfolgenden Sohn Titus, und die Leserschaft bekommt zu der Gesellschaftsanalyse noch ein kulturelles Panorama vermittelt, das sonst nur in Dokumentationen verfügbar ist. Vor dem Auge entsteht eine Sozialtypologie der damaligen Gesellschaft, die Lebensweise von Beamten, sozialen Outcasts, saturierten Kaufleuten und Adeligen wird lebendig, man erfährt wie die Menschen wohnten, wie sie sich kleideten und wie sie speisten. Es ist, neben dem politisch-pädagogischen Clou, auch eine Sittengeschichte des Römischen Reiches. Das ist viel, das ist mehr, als man im Hinblick auf viele zeitgenössische historische Romane erwarten kann, das ist komponiert und geschrieben in der Dimension eines Lion Feuchtwanger. Eugen Ruge hat einen Roman geblieben, der auch in Schulen gelesen werden sollte! Spannender und lehrreicher kann Literatur nicht sein! 

  • Herausgeber  :  dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 2. Edition (20. April 2023)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  368 Seiten
  • ISBN-10  :  3423283327
  • ISBN-13  :  978-3423283328
  • Abmessungen  :  13.4 x 3 x 20.8 cm