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Morton Ramsland: Hundsköpfe

Romane aus Skandinavien, die in den letzten 20 Jahren ins Deutsche übersetzt wurden, kommen selten daher als solides Handwerk aus einem nahen, artverwandten Kulturkreis, sondern als klirrende Botschaften, die das gesetzte Bild unserer Nordnachbarn gehörig ins Wanken bringen. Meist bleibt nicht viel von der Vorstellung, unsere skandinavischen Nachbarn seien aufgeklärte, zurückhaltend lebende Völker mit einer gesetzten, demokratischen Tradition, überdimensionierter Toleranz und einem impliziten Hang zur Avantgarde.

Der in Dänemark lebende und 1971 geborene Morten Ramsland hat mit dem im Jahr 2005 erschienen Roman Hundsköpfe ein weiteres Verfremdungswerk aus Skandinavien auf den Markt gebracht, das – ähnlich wie die Populärmusik aus Witula in Schweden – bei heimischem Publikum Kultstatus erreichte und bei uns zum Geheimtipp für Liebhaber des literarisch Skurrilen wurde.

Im Grunde erzählt Ramsland eine Familiengeschichte, die zur Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen beginnt und Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts endet. Die Handlung umfasst die Familienbande von fünf Generationen, verwoben durch Schicksal und Unvermeidliches, magische Geschichten und irrationale Wendepunkte. Großvater Askild, einer der Protagonisten, schmuggelt und bestiehlt die deutschen Besatzer, um Geld für die Heirat mit einer Tochter aus höherem Hause zu beschaffen, wird gefasst, landet in einem deutschen KZ, kann unter mysteriösen Umständen fliehen und kehrt traumatisiert zurück. Ihm gelingt es, die Frau seiner Liebe zu gewinnen, aber er entpuppt sich als ein zerstörter Mensch, der zeit seines Lebens vom Alkoholismus begleitet wird. Als Schiffskonstrukteur scheitert er, weil er die Konstruktionszeichnungen immer wieder mit kubistischen Extravaganzen versieht, an denen alle Schmiede scheitern. So wandert er samt junger Familie von Werft zu Werft in Norwegen bis letztendlich Dänemark, alle durchleben das psychopathische Rondo immer wieder, dazwischen liegen die Kindheitssozialisationen der Nachkommen, die nur so von abstrusen Entwicklungen und tragischen Wendungen strotzen. Einen Teil zieht es zur Seefahrt, und diese Figuren tauchen wie die schwarzen Reiter immer mal wieder auf, übersät mit Tätowierungen und Papageien auf der Schulter, trunken oder fleischeslüstern, um gleich darauf von den Wellen in die imaginäre Exotik zurück getragen zu werden. Diejenigen, die in dem wie auch immer gearteten „daheim“ geblieben sind, das sich lediglich als zuverlässiges Provisorium entpuppt, durchleben die unerträgliche Enge der Provinz, mit ihrem Schein, ihrer Habsucht, ihrem Frevel und ihrer Brutalität.

Das einzige, was dieses Ensemble von-einander-weg strebender Individuen zusammenhält, sind die episodenhaften Geschichten, die von den einzelnen Familienangehörigen erzählt werden, ohne immer mit den Tatsachen kongruent zu sein. Aber sie setzen einen Sinn, der das Zusammensein begründet. Erst der letzten Generation gelingt es, das Brüchige der tradierten Lebenslüge zu enttarnen, ohne dass es ihnen damit besser ginge. Als die Alten sterben, lüftet sich die Wahrheit und es blitzt so etwas auf, wie eine letzte Verbundenheit, die sich aus einer vermeintlichen Erinnerung nährt. Ein Grund für eine gemeinsame Zukunft findet sich jedoch nicht und es kommt einem alles nur vor wie ein böser Rausch, von dem da erzählt wurde, aus einem Teil der Erde, der das halbe Jahr im Dunkeln liegt.

Gabriel Garcia Marquez. Leben, um davon zu erzählen

Wenn erfolgreiche Literaten zur Feder greifen, um ihre Memoiren zu schreiben, dann ist das nicht immer ein Anlass zu übergroßer Freude. Nicht selten fallen die Erzählungen aus dem eigenen Leben weit zurück hinter die großartigen Werke der Fiktion, die in ihrer Erlebnisdichte wie Metaphorik kaum durch das Profane des Alltags überboten werden können. Der 1927 geborene Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez hat kurz nach der Jahrtausendwende den vermutlich ersten Teil seiner Memoiren herausgegeben, ohne große Werbekampagne im Voraus und ohne knisternde Versprechung im Titel.

Garcia Marquez, der zweifelsohne zu den gegenwärtig großen lebenden Erzählern in der Literatur zählt, hat es nicht nötig, aus dem selbst Erlebten eine reißerische Story zu machen, mit der sich ein vermeintlich noch größerer Ruhm erzielen ließe. Vielmehr entfaltet Gabito, wie er von Freunden genannt wird, in über sechshundert Seiten ein Bekenntnis zu der großen Passion seines Lebens, dem Schreiben. Im Grunde handelt es sich um ein Buch, in dem Garcia Marquez den Leser in seine Werkstatt einlädt, um ihm über seine Schulter schauen zu können, wie Werke wie Hundert Jahre Einsamkeit, Liebe in Zeiten der Cholera, Ein General in seinem Labyrinth etc., die in alle Weltsprachen übersetzt wurden und auf allen Kontinenten gelesen wurden, entstanden.

Und wieder einmal kann die Erfahrung gemacht werden, dass Weltliteratur nicht unbedingt in den Metropolen, sondern in der Provinz entstehen kann, in der vor allem das Genre der Epik als Erbe der mündlichen Erzähltradition in voller Blüte steht. Garcia Marquez erzählt von seinen Eltern, Geschwistern, Großeltern, Onkeln und Nachbarn, er holt den kolumbianisch-karibischen Mirkokosmos mit seinem Aberglauben, Animismus, seiner Mystik und tropischen Lebensfreude in das Zentrum der Betrachtung. Sofort wird deutlich, dass die großen Romane des Autors schon in seiner Kindheit thematisch auf einem kleinen Fleckchen Erde bereit lagen und nur noch durch einen Epiker geborgen werden mussten, der sich nicht nur traute, diese Stoffe zu verwerten, nein, der es bei seinem Leben musste, sonst wäre er untergegangen.

Das Sujet seiner Literatur ist das Volk und seine ans Absurde grenzende Kreativität und Liebe, die großen politischen Ereignisse im andinen Bogotá seiner jungen Jahre spielen zwar auch eine, aber letztlich untergeordnete Rolle, zumal der Karibe Garcia Marquez sie als kritischer und mutiger Journalist stets begleitet hat. Aber die eigentliche Geschichte, die vollzieht sich aus Sicht dieses Autors im kollektiven Gedächtnis der kleinen Leute, die jeder lüsternen Verführung aufgeschlossen gegenüberstehen und die keinen Versuch scheuen, vom Teller der bitteren Enttäuschung zu kosten.

In seinen Memoiren gewährt Gabriel Garcia Marquez Einblicke in das große Konstruktionshaus des von ihm begründeten magischen Realismus, es ist die Freigiebigkeit eines Meisters, der schon lange kein Plagiat mehr fürchten muss.

Oskar Maria Graf. Der Moralist als Wurzel der Diktatur

Oskar Maria Graf hatte vieles erlebt: Gezwungen zu einer Bäckerlehre in Oberbayern, Flucht nach München, Bekanntschaft mit Erich Mühsam und Frank Jung, Rekrutierung in den I. Weltkrieg an die Ostfront, Nervenzusammenbruch, ein Jahr Aufenthalt in der Nervenheilanstalt, Teilnahme an der Münchner Räterepublik, Avancement zu einem der meist gelesenen Schriftsteller der Weimarer Republik, nach seinem Aufruf „Verbrennt mich!“ Exil in Österreich und der Tschechoslowakei und schließlich 1938 Übersiedlung nach New York, wo er bis zu seinem Tod 1967 blieb.

Seine Romane, die in der Tradition der mündlichen Erzählkunst standen, aber ansonsten mit allen Dogmen brachen, an denen sich die deutsche Gesellschaft abarbeitete und die diese letztendlich in das Desaster des Faschismus geführt hatten, in diesen Romanen schlug Graf mit seinem Epatez le Bourgois den saturierten Gralshütern des Kommunismus, der Religion und der monothematischen Staatslehre Mensuren, die ihm niemals verziehen wurden. Graf blieb sich treu und fristete in New York über Jahrzehnte ein Dasein jenseits des Rampenlichts und Wohlstands.

In seinem über einhundert Seiten langen Essay „Der Moralist als Wurzel der Diktatur. Eine geistespolitische Betrachtung“, den er zwischen September und Weihnachten 1951 in New York verfasst hatte, zog er, der Erzähler, in einem ihm fremden Genre Bilanz. Was er dabei zustande brachte, hat nicht nur in der Retrospektive eine markante Bedeutung, sondern gewinnt angesichts der abstrusen Logik der political correctness und der etablierten Denkfiguren politischer Diskurse unserer Tage eine brisante Aktualität.

Auch den Essay beginnt Graf mit der Schilderung von Begebenheiten, die er in verschiedenen Phasen der von ihm erlebten Zeitgeschichte immer wieder erleben musste: Das Erheben des moralischen Zeigefingers, das Formulieren einer wertrationalen Apotheose, das Herausarbeiten einer ethisch puristischen Maxime und die gleichzeitige Diskriminierung derer, die der synthetischen Lehre in ihrer Lebenspraxis nicht folgten.

Oskar Maria Graf enthüllt die scheinbar moralische Attitüde der reinen Lehre, weil sie selbst diejenigen, die sie fordern und entwickeln, von der Verantwortung der Aufklärung befreit. Ein Mensch, der frei sein will, ein Mensch der dieses nicht auf Kosten anderer erreichen will, dieser Mensch hat die Aufgabe, sich selbst zu verantworten, diszipliniert und konsequent zu sein. Wie bei Sartres „Das Sein und das Nichts“ definiert Graf das Sein als etwas zu Leistendes und die Propheten der reinen Lehre, die selbst weit von einem Vorbild des verantwortungsvollen Seins entfernt sind, die demaskiert er als die eigentlichen Obskurantisten. Ihr Wirken ist der Keim diktatorischer Phantasien, denen die Reglementierung der Individuen nach den normativen Werten einer Lehre widerfahren soll, die keiner bereit ist, zu leben.

Das Fazit aus der großen Katastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts ist für Graf so einfach wie bestechend. Er bringt das einzelne Individuum erneut in die Verantwortung. Dadurch versucht er, die große Idee der Aufklärung zu vitalisieren, dass es das Werk des Einzelnen ist, die selbst verschuldete Unmündigkeit abzuschütteln. Und all jene, die so liebreizend locken mit der moralischen Unversehrtheit, die letztendlich ein Staat oder sonstiges repressives Gebilde garantieren sollen, denen weist er bestechend einfach nach, dass sie es sind, die den Diktaturen das Wort reden.