Archiv der Kategorie: recensions

Macht und Überleben einer asiatischen Metropole

Suketu Mehta. Bombay. Maximum City

Wer die Wucht, Vitalität und das Mörderische der asiatischen Metropolen darstellen will, kann nicht in der Urbanität der alten, westlichen Welt sozialisiert sein. Deren über Jahrhunderte gewachsenen städtischen Strukturen und Kulturen sind nicht das Format, von dem aus eine Beurteilung der Komplexität und Dynamik der asiatischen Megastädte zu entziffern wäre. Notgedrungen kommen Urteile zustande, denen es entweder grundsätzlich an Verständnis oder einer positiven Perspektive fehlt.

Der 1963 in Kalkutta geborene, in Bombay aufgewachsene und dann nach New York City ausgewanderte Inder Suketu Mehta kennt sowohl eine Megastadt der westlichen wie der östlichen Hemisphäre und hat das Objektiv vor Augen, welches es ermöglicht, die unterschiedlichen Bilder für den Sensor der jeweils anderen Seite zu übersetzen. Mit seinem zuerst im Jahre 2005 erschienen Buch Bombay. Lost and Found, zu Deutsch Bombay. Maximum City ist ihm dieses in exzellenter Weise gelungen. Es handelt sich dabei um eine nahezu 800 Seiten umfassende Reportage mit den drei treffend überschriebenen Hauptkapiteln „Macht, Vergnügen und Passagen“ und beschreibt seine journalistisch-investigative Arbeit in seiner ehemaligen Heimatstadt Bombay, wohin er für zweieinhalb Jahre mit Frau und Kindern zurückkehrte, um dieses Buch zu schreiben.
Was Mehta in einer sehr präzisen und verständlichen Sprache beschreibt, sind die Lebensumstände, den Kampf ums Überleben, die Motive, die Dynamik, die Machtstrukturen und die unauflöslichen Widersprüche eines Gemeinwesens, das unaufhaltsam wächst und sich bis zum Jahr 2015 von derzeit 16 auf dann 23 Millionen Menschen vergrößert haben wird. Im Wesentlichen fällt auf, dass alle aus dem gesetzten Westen heraus betrachteten unerträglichen Missstände nicht die Triebfeder des Wachsens zu beeinträchtigen in der Lage sind. Die Menschen, die es nach Bombay zieht, haben den Kampf angenommen, der ein vermeintlich besseres Leben fordert und sie gehen nicht davon aus, dass sie diesen verlieren. Der kollektive Überlebenswille der millionenfach ausgeprägten, nicht durch etablierte Bürokratien normierten Individuen hält eine Stadt wie Bombay am Leben und garantiert eine Zukunft. Nicht das Geregelte, Etablierte und Eingespielte, sondern das Unbekannte, alle Möglichkeiten Öffnende, Anarchische und Extreme bildet die Grundlage für die komplexe Energie, die sich in dieser Stadt neue Bahnen sucht.
Hindus und Muslime, Schamanen und Ganoven, Starlets und Prinzessinnen, Diamantenhändler und Huren, Philosophen und Glücksritter, barfüßige Informatiker und Bentley fahrende Snobs, artistische Klempner und naive Maler, alles was in der einzigartigen Reportage auftaucht, ist nicht das Skurrile, welches als Ansammlung inszenierter Farbtupfer arrangiert wurde, sondern das Normale, welches sich aus der nicht vermuteten Individualität generiert, die als Voraussetzung für das Überleben und Wachsen zu sehen ist. Aus der Perspektive von Städten wie Hamburg Münschen oder Berlin, die allesamt als idyllische Luftkurorte im Vergleich zu einem Mammut wie Bombay erscheinen, schafft sich die Erkenntnis Bahn, dass im Jahre Darwins auch in Betracht gezogen werden muss, dass Biologismen eine entscheidende Rolle spielen. Die Jungen sind nach Bombay gekommen, um dort ihr Spiel zu machen und etwas vom Kuchen abzubekommen. Das macht sie so stark, koste es, was es wolle. Und es hält sie zusammen, es ist ihr Gesellschaftsvertrag!

Die Qualität der Politik manifestiert sich im Kriege

Patrick Rambaud. Die Schlacht

In einem Zeitalter, in dem so genannte lokale Kriege simultan zu hunderten den Globus überziehen, ist es jenseits des investigativen Journalismus eher unüblich, sich mit dem Sujet des Krieges vor allem in Romanform zu befassen. Der Franzose Patrick Rambaud hat sich Ende der neunziger Jahre an dieses Thema gewagt, mehr noch, er wählte eine Schlacht aus dem neunzehnten Jahrhundert, um einiges zu verdeutlichen, was bei der Fülle gegenwärtiger Kriege seltsamer Weise aus dem Blickfeld geraten ist. Im Jahre 2002 erschien sein historischer Roman „La Bataille“ erstmals in deutscher Übersetzung.

Der Roman befasst sich mit der Schlacht zwischen der französischen und der österreichischen Armee im Jahre 1809 vor den Toren Wiens, genauer gesagt bei Aspern und Eßling an der Donau. Handlung wie Dramaturgie sind einfach zu beschreiben. Ein abgehetzter, alternder wie erfolgverwöhnter Napoleon will die österreichischen Streitkräfte im Handstreich schlagen, erdenkt sich eine Finte, um einen Angriff der Österreicher, die das vor vier Jahren durch die Franzosen besiegte Wien zurück erobern wollten zu provozieren und sucht die Schlacht auf der Insel Lobau. Durch gezielte Aktionen gelingt es den Österreichern, die Versorgung, den Nachschub und frische Truppen für die französische Armee zu unterbrechen, was ihnen durch die Zerstörung der Pontonbrücken gelingt. Es entbrennt eine dreißigstündige Schlacht, in der 40.000 Soldaten getötet und 11.000 verwundet werden. Die erste große, verheerende Materialschlacht des Krieges der Neuzeit ging mit diesem Ereignis in die Annalen ein, ohne dass die in ihr schlummernden Kenntnisse geborgen wurden.

Ohne dieses Ereignis und seine Ausmaße sind die späteren Kriege in den Folgejahren und die anti-napoleonischen Befreiungskriege im Osten Europas wohl nicht denkbar. Und ohne letztere wären die Überlegungen eines Carl von Clausewitz in seiner revolutionären Schrift „Vom Kriege“ wohl nicht zu Papier gebracht worden. Wenn man Rambaud genau liest, sind die Spuren allerdings zu finden. Nicht, dass er es versäumte, mit der Perspektive eines Aufklärers unterschiedliche Wirkungen des Krieges auf die verschiedenen, an ihm beteiligten Stände genau zu beschreiben. Da sterben einfache Infanteristen, die zuvor noch stolz darauf waren, ein Paar Lederstiefel von einem toten Kameraden ergattert zu haben genauso wie Marschälle, die an der Seite Napoleons schon unzählige erfolgreiche Schlachten geschlagen haben und von Status und Vermögen nahezu überladen sind. Da fehlt es nicht an Vergewaltigungen, ebenfalls einem der Wesenszüge des Krieges, wie an der körperlichen und seelischen Verstümmelung und da kommt der Tod daher wie der einzige und rechtmäßige Wahrer der Gerechtigkeit.

Die eigentliche Schlüsselszene spielt sich in der Schlacht ab, da einem Soldaten durch eine Kanonenkugel der Kopf abgerissen wird, und aus seinem Halstuch Goldmünzen auf das Schlachtfeld rollen, die er in vielen Kämpfen gesammelt hatte. Als sie von anderen Soldaten aufgesammelt werden, stellen diese mit Enttäuschung fest, dass sie nichts mehr wert sind, weil auf ihnen die Gravur der Einheit der Nation und der Gleichheit ihrer Bürger zu lesen ist. Diese Münzen gelten in Frankreich nichts mehr, weil sie durch andere ersetzt wurden und diese Sentenz auf den neuen Geldstücken fehlt. Das Frankreich Napoleons im Jahre 1809 hatte seinen revolutionären Elan eingebüßt, es war zu einer statischen, imperialen Macht verkommen. Der Krieg, schrieb Clausewitz, ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Und die Politik, die diesem verheerenden Krieg vorausging, konnte an den Mitteln seiner Führung genau beschrieben werden.

Nica´s Dream

Baronesse Pannonica De Koenigswarter: Die Jazzmusiker Und Ihre Drei Wünsche

Die Liebe zum Jazz trieb die junge Britin früh in die Metropole New York, wo die Adelige aus dem Hause Rothschild den Rest ihres Lebens verbringen sollte. In dunklen Bars und Clubs, aufmerksam den Pionieren eines neuen, über Jahrzehnte diskriminierten Genres lauschend, unsichtbar und dennoch vieles zusammenhaltend. Charlie Parker nahm in ihrer Wohnung Zuflucht, weil er nicht ins Krankenhaus zum Sterben wollte und Thelonious Monk residierte fast ein Jahrzehnt in ihrem berühmten Cathouse, weil es voller Katzen und Jazzmusiker war.

Schon früh begann die Passionata des Jazz, mit einer Polaroidkamera Fotos von denen zu machen, die aus heutiger Sicht fast alle im Pantheon des Jazz ein Zuhause haben. Von den fünfziger bis zu ihrem Tod in den achtziger Jahren blieb sie bei ihrem einfachen wie bestechenden Konzept: Sie fotografierte und fragte die auf Zelluloid gebannten Protagonisten des Jazz nach ihren drei wichtigsten Wünschen. Die Fotos sind allesamt einzigartige Dokumente von Getriebenen einer Idee, die zärtlich an ihren Instrumenten hängen und deren Blicke stets etwas Flüchtiges haben, wie Menschen, die auf einer heißen Spur sind und nicht abgelenkt werden wollen. Nicht unfreundlich gegenüber der Aufnehmenden, aber eben doch etwas ge- oder verstört, weil sie doch so nah dran sind, an der Idee von etwas Neuem, an einer Fährte von etwas Verwegenem oder an dem Anblick eines Abgrunds, der wiederum eine irrwitzige Idee verbirgt. Abgelichtet vom Skript einer alten, hammerschweren Schreibmaschine sind die Wünsche auf vergilbtes Papier geworfen, wo viel von Ruhm, Frieden, der Freiheit von Diskriminierung, von vielem Geld, von Sex und unbändiger Liebe zu lesen ist.

Ob von Thelonious Monk, John Coltrane, Miles Davis, Charles Mingus, Ornette Coleman, Horace Silver, Duke Ellington, Art Blakey, Ben Webster, Cannonball Adderley, Kenny Clarke, Art Pepper oder vielen anderen, Pannonica de Koenigswarter, die bei den Musikern nur Nica, oder the baronesse hieß, sie fragte sie ausnahmslos und erhielt Antworten, die gar nicht mit den Bildern korrespondieren. So sehr die geäußerten Wünsche eine wunderbare und aufschlussreiche Dokumentation darüber geben, wie die sozial meist schlecht gestellten und gesellschaftlich unterprivilegierten Größen des avantgardistischen Jazz dachten und mit welchen Problemen sie täglich zu kämpfen hatten, sie verraten nicht das Geheimnis, das aus den sie flüchtig festhaltenden Fotos spricht. Da sieht niemand so aus, als ginge es ihm exklusiv um Geld oder Sex, um Ruhm oder den Weltfrieden.

Vielmehr drängt sich aus den Körperhaltungen und Physiognomien dieser Giganten der Eindruck auf, als wollten sie nicht abgelenkt werden durch die Misslichkeiten des Alltags von Underdogs, um sich konzentrieren zu können auf die alles entscheidenden Tempi und Tonartfolgen, auf die Klarheit der Töne und die wohl inszenierten Dissonanzen ihrer klangvollen Eroberungen, denen sie hinterher wie voraus eilten, ohne dabei vom Größenwahn getrieben oder elitären Hirngespinsten bestochen zu sein. Dass es einer Frau, die alle Potenziale gehabt hätte, den Trug der Statusorientierung auszuleben, aber stattdessen entschied, sich aufopferungs- und genussvoll denen hinzugeben, die in einer anderen Dimension lebten, ist vielleicht das Geheimnis von Nicas wunderbarem Erfolg. In mehr als zwanzig Jazztiteln wurde sie verewigt, die große Dramaturgin bloßer Beobachtung, und Nica´s Dream von Horace Silver fängt dieses Geheimnis ebenso subtil wie gefühlvoll ein.