Sibylle Berg. La Bella Vita. PNR
Manche Wege sind unergründlich. Vor Jahren sorgte eine gewisse Sibylle Berg als Spiegel-Kolumnistin bei mir immer wieder für Stirnrunzeln, weil sie dort herüberkam wie eine radikale Emanze mit einem Baseballschläger. Als dann vor wenigen Jahren mir ein Freund einen Roman von ihr empfahl, es handelte sich um RCE, in dem es um eine brutale Dystopie hinsichtlich des von uns allen zu erlebenden zeitgenössischen Kapitalismus ging, konnte ich mich nicht entschließen, das Buch zu lesen. Meine Bedenken gegen die Autorin waren längst verraucht, aber hinsichtlich der Inflation dystopischer Sichtweisen, die spätestens mit der Corona-Geschichte einsetzten, schien mir mein persönlicher Bedarf gedeckt. Als ich allerdings nun las, dass eben diese Sibylle Berg sich an eine Utopie gewagt hatte, konnte ich nicht mehr widerstehen. Das Buch mit dem Titel La Bella Vita und der Subzeile PNR hat mich von der ersten Zeile an fasziniert und ich empfehle es jedem weiter.
Das schöne Leben ist ein gewaltiger Hieb gegen den verständlichen, aber auch ach so modischen Trend der Dystopien. Die Autorin wagt es, dem Schlamassel eines durch jahrzehntelangen Wirtschaftsliberalismus zur Lupenreinheit gediehenen Kapitalismus das Licht abzudrehen und besticht nicht nur mit 93 verfassungsartigen Leitsätzen, sondern auch mit leicht erzählten Episoden, die das Leben nach dem Ende des Kapitalismus oder der gelungenen Revolution ausmacht. Natürlich spielt das neue Leben in Rom, der zivilisatorischen Wiege der westlichen Welt, und, ironischerweise steht das Motto des ehemaligen italienischen Präsidenten Mario Draghi in der Subzeile (piano nationale di ripresa e resilienza), dem Plan des nationalen Wiederausbaus und der Widerstandsfähigkeit nach der Pandemie. Mit Draghis Plan hat das wenig zu tun, aber mit der Analogie von Pandemie und Kapitalismus setzt Berg ein weiteres dezidiertes Statement.
Es wäre falsch, von den Inhalten des neuen Lebens berichten zu wollen, indem aufgezählt würde, was es alles nicht mehr gibt. Das würdigte in keiner Weise die Leistung der Autorin, das Neue zu formulieren. Alles ist anders. Aber eben nicht absurd oder im schlechten Sinne utopisch. Die Menschen leben, sie arbeiten, reduziert und ohne Stress, weil Nützlichkeit die Machinationen von Wachstum und Fetisch ersetzt hat. Der Gebrauchswert zählt, nicht der Tauschwert! Nützlichkeit und Freude sind die Maximen. Alles ist so, wie es ist und nichts unterliegt fremdbestimmten Zweckformulierungen. Das findet in weitgehend analogen Räumen statt und es erinnert an die glücklichen Stunden derer in der Antike, die frei waren. Die Herrschaft der Instrumente, der Maximen und der Technologie ist endgültig zu Ende und die Herrschenden schippern auf Kreuzfahrtschiffen über die Weltmeere, dürfen aber nirgendwo mehr anlegen.
Natürlich existiert noch Dissens. Manche trauern den alten Tagen nach, aber sie gewöhnen sich an die Leichtigkeit des Seins, das frei ist von den Katastrophen, die ein auf dem sozialen Zahnfleisch gehender Kapitalismus den Menschen mit seinen differenzierten Mechanismen der Angsterzeugung zu suggerieren versucht. Ob das so bleiben wird? Die Autorin lässt es offen. Und sie nennt auch die Preise, die manche derer, die als Revolutionäre agierten, bezahlen, weil sie nach der Intensität des Umsturzes in einen Zustand fallen, in dem toxischer Adrenalinausstoß nicht mehr gefragt ist. Ja, auch das Glück besitzt seine Dialektik. Ein großartiges Buch! La Bella Vita, ja, so könnte es sein!

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