Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 99. Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!

Eine Frage durchgeistert viele Köpfe mehr denn je. Was braucht es, um den Menschen, das Individuum, den Staatsbürger, sich als frei fühlen zu lassen? Und was ist es, dass er oder sie sich tatsächlich auch frei fühlt? Die Regierungen in den westlichen Ländern verweisen auf ihre Verfassungen. In anderen Ländern wird Freiheit nicht als Verfassungsrecht, sondern als Naturgesetz verstanden. Dritte wiederum halten die Frage für irrelevant, solange eine wie auch immer geartete Führung es fertig brächte, das Gemeinwesen zum Prosperieren zu bringen. Und wiederum andere pfeifen auf den Aspekt der Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, solange sie selbst an der Macht sind. 

Es ist interessant, die Weltkarte nach diesen Kategorien zu durchforsten. Das für den westlichen Beobachter Überraschende wird dabei sein, entdecken zu müssen, dass die verfassungsmäßigen, verbrieften Freiheitsrechte des Individuums ungefähr nur in einem Achtel der auf der Welt repräsentierten Staaten erwähnt werden. Es sollte zu denken geben. Nicht, weil es etwas mit einer wie auch immer gearteten Wahrheit zusammenhinge. Nein, aber weil es die Orientierung der Gattung in Bezug auf seine jeweiligen Staatssysteme dokumentiert. Und in der Minderheit zu sein bedeutet, sich genau überlegen zu müssen, was man wie erreichen will. Kreuzzugsmentalitäten sind, sofern man nicht den Krieg zum Mittel aller Dinge erheben will, das wohl Dümmste, was einem dabei einfallen kann. Und, um diesen Gedankengang abzuschließen, momentan sieht es so aus, als hätte sich der Westen unter Führung der zunehmend mehr in Panik geratenden USA auf ausgerechnet die schlechtest mögliche Option eingeschworen. Wenn das so bliebe, dann werden die gerade mit ihren ersten Laufversuchen betrauten Enkelchen in den USA und Europa bis zur eigenen Ergrauung nichts mehr erfahren als Kriege.

Um ehrlich zu sein, wird es nichts helfen, sich über diese Großwetterlage in langen, fruchtlosen Debatten auseinanderzusetzen. Denn die Karten sind gemischt. Der Krieg ist allgegenwärtig und rückt immer näher. Und in welcher Regierungszentrale, bitte schön, beriete man so etwas wie die Möglichkeit von Frieden und der dazu notwendigen Architektur sowie einem Paradigmenwechsel in der Politik?

Das Einzige, was hilft, ist etwas, das es schon immer gab und das im Grunde, betrachtet man den Lauf der Weltgeschichte, die einzige Kraft ist, die in der Lage ist, dem psychotischen Machtstreben von Profiteuren der Vernichtung den Garaus zu machen. Es ist die innere Freiheit. Der einfache Satz des Rebellen, der da lautet, „entweder bist du frei, oder du bist es nicht“! Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die dein Handeln ermöglichen. 

Ja, der Einwand kommt sofort und immer: Kann es nicht sein, dass der Preis zu hoch ist? Und die Antwort ist ebenso klar. Ja, er kann sehr hoch sein, er kann sogar die eigene Existenz kosten. Aber das, das muss das Individuum selbst entscheiden. Die Freiheit ist nicht umsonst! Sie abhängig zu machen von Schriftstücken, von Erklärungen und unverbindlichen Formulierungen, das ist ein scheinheiliges Werk, das nichts bedeutet. Wer allerdings für sich bestimmt, dass er oder sie frei ist, der hat das Zeichen gelesen. Die eigene, innere Freiheit, die sich durch nichts korrumpieren lässt, weder durch Bequemlichkeiten noch durch Drohungen und Angst, sie ist die Voraussetzung, derer es bedarf, um den Geist von Raub und Unterwerfung zu bezwingen. 

Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!

Ostenmauer – 98. Das Spiel ist aus?

Man soll das nie zu früh sagen. Die Defätisten und Kassandras wissen das immer alle viel zu früh. Für die ist immer ganz schnell alles vorbei und verloren. Ich war schon immer der Meinung, dass der Fussball ein wunderbares Paradigma für die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände und das Leben im Allgemeinen ist. Franz Beckenbauer begab sich im Camp Nou in Barcelona in jenem denkwürdigen Champions League Endspiel 1999 beim Stand von 1:0 für Bayern München gegen Manchester United von den VIP-Rängen zum Aufzug, um rechtzeitig zum Abpfiff und zur Siegerehrung unten auf dem Spielfeld zu sein. Als er kurz danach dem Aufzug entstieg, stand es 2:1 für Manchester.  Der Engländer Gary Lineker sprach – allerdings zu besseren Zeiten des deutschen Fußballs – davon, dass man gegen die Deutschen erst dann gewonnen habe, wenn die sich bereits im Bus auf der Autobahn befänden. Und ich selbst kann mich noch an ein Europapokalspiel von Schalke gegen Porto erinnern, als wir bei einem Stand von 2:1 für Porto in der 85. Minute das Stadion Richtung Parkplatz verließen. Doch da gab es noch einen Klaus Fischer und einen Rüdiger Abramczik, die, zumindest hören konnten wir das, noch zweimal zuschlugen. 

Ich habe das immer wieder erlebt, im Fußball und im Leben. Daher vertrete ich den festen Glauben, dass das Spiel erst aus ist, wenn du endgültig mit dem Kranz in die Grube fährst. Das Spiel ist aus? Noch ist nicht aller Tage Abend!

Das Spiel ist aus?

Ostenmauer – 97. Zwei Dekaden

Ein letztes Durchatmen am Lago Maggiore. Dann der Sprung ins Ungewisse. Der Flug nach Asien, das Hotel in Glodok, mitten im Rotlichtviertel, das Frühstück mit den Chinesen, die die Eier mit dem Messer meuchelten, die lange Nacht mit dem Experten, im alten Holländerviertel, wo nichts mehr stand als die Erinnerung. Die Fahrt über Land, mit dem Zug nach Yogyakarta, dort wo im goldenen Kästchen die Ratten unter den Käfigen der Papageien umherliefen. Dann, mit dem Schiff nach Pangandaran, wo die Entscheidung fiel, bei selbst gebackenem Brot nach Bauernart und den Affen, die in Banden den Diebstahl organisierten. Der Flug zurück und die Auflösung. Alles musste weg, bis auf das Unentbehrliche, das große Container füllte. Der improvisierte Vertrag in Heidelberg und dann schnell nach Paris, Adieu zu sagen, an Heines und Zolas Grab, bei Austern im Freien, im Kalten November und einer englischen Komödie, die keinen Franzosen zum Lachen brachte. 

Der Schluss, mit einem Fest für die Freunde und einem erneuten Flug in die neue Heimat. Singapur, Jakarta, Yogya. Im Puri Arta, wo der javanische Wächter dem großen Fisch des Hochzeitsbuffets genüsslich die blauen Augen aussaugte. Und dann der Kampf um das Malay, jeden Tag, in der Hitze, bei Gewitter, im Schatten des Merapi, der säuselnd heiße Asche spuckte. Und dann Jakarta. Hotel Marco Polo, dort, wo es überall nach Durian roch und sich die Tische bogen unter den Köstlichkeiten, die das Archipel bot. Der Arbeitsbeginn und die lange Zeit bis die Wohnung da war. In der Nähe der Jalan Asia Afrika. Unten, nebenan, der Kampung. Und die Skyline einer neuen Welt. Arbeitsbeginn und Aufstand. Eine brennende Stadt, der Diktator, in Ägypten, verlor die Macht. Auf die Studenten in der Nachbarschaft wurde geschossen. Klopfzeichen in der Nacht, auf Bambus, sie gingen durch die ganze Stadt. Die organisierte Flucht nach Kuala Lumpur.

Dort das Warten, auf die Rückkehr, woanders sollte es nicht mehr hingehen. Die Fahrt nach Penang, auf die Insel, wo der russische Botschafter allgegenwärtig war. Und die Rückkehr, in eine Heimat, die noch keine war. Das Leben unter Expats, die Annäherung an das Land. Die große, beschwerliche Reise in Sulawesi, am Steuer Haji, dem einstigen Guerillakämpfer, durch den Taman Kopi, bis nach Manado. Das fürstliche Essen im Bordell, das keines war, das Paradis unter dem Meer, das keine Drogen brauchte, um zu wirken. Der Trip nach Singapur, wo die Hawker das Schönste waren und der Rest so aussah wie Frankfurt am Main.

Der erste Berührung mit Australien. Perth, Freemantle, Boxing Day, nackte Nikoläuse am Strand und ein Flugzeugträger der Amerikaner, die sich nachts über Northgate ergossen und einen Frank-Sinatra-Film nachspielten. Das Licht von Perth, es bleibt, Blattgold am großen Himmel. Und die Immigranten, die nie aufgenommen wurden, und die Aborigines, die gebrochenen Blickes in der Parks herumlagen.

Jakarta, die Siegreiche, wurde das Zuhause. Der Ramadan, die Unabhängigkeitsfeiern, der Kalender wurde ein neuer. Reisen nach Bali, nach Sumatra, Schweinebraten und reichlich Bier bei den Bataks am Toba-See. Jakarta. Die Skurrilen aus allen Ländern der Welt, die sich nirgendwo heimisch fühlten außer hier. Wo alle etwas fanden. Die große Unruhe im Land. Die Aufbruch, die Rückschläge. Die Staus, die Empfänge, die Zugänge und die Abreisen. Weihnachten in Pangandaran. Die unvergessliche Nacht auf Nusa Kambangan, der Tropensturm und die dramatische Rettung, mit dem Katamaran über das tödliche Meer.

Der schwere Abschied, der gewollt war. Die Akklimatisierung an den Westen im fernen Australien, Sydney, Great Ocean Road, die großen Spaziergänge im Gezeitenbad. Das Warten am Bondi Beach. Der kalte Einstieg in der alten Heimat. Die Vergleiche, die alle misslangen. Die Pausen, um durchzuatmen. Auf den Kanaren und im Lazio. Die missglückten Versuche, alles zu erklären. 

Der Trip nach Texas, die Weite, die Dynamik, die sechste Straße in Austin, das neue Modell in San Antonio, die Geier am Himmel, die Züge in der endlosen Ebene, die Nacht in Mexiko, die Schikanen der Grenzer. Die blutjungen Soldaten, die in den Iran flogen und kein Essen herunterbekamen. Das Gefühl, dass alles aus den Fugen geriet. 

Die Mühen in der Ebene, die Pausen in Amsterdam und am Meer. Das Protokoll in Istanbul, das Leben im offiziellen Modus. Die ständigen Wechsel, die Mühen, Europa wieder zurück zu bekommen. Das immer wieder präsente Spanien, das geliebte Italien, die Wege, die versperrt waren, irgendwie die lange Nacht, die kein Ende nahm und die von außen so glänzte.

New York. Die Gesänge in Marys Crisis, die Fahrt mit mit dem roten Kreuzer in die Hamdens, die Pancakes in Montauk, der Spaziergang in Cape Cod. Das verregnete Boston, Haltestelle Dewey Square, Charlie Parker ließ grüßen. Ein Abschied im Village Vanguard und ein Präsident, der alles anders machen wollte. 

Die Toten, die den Weg säumten, die so nahe waren, von denen die Erinnerung bleibt, weil sie uns so viel lehrten.

Die sieben Ebenen, die nicht enden wollten. Befreiungsschläge. Die ungewollte Zeit in Lissabon, die den Fado brachte. Mit russischen Bären und NATO-Offizieren beim Frühstück auf Zypern. Schalke gegen Madrid und der mögliche Griff in Ronaldos Tasche. Dann die fetten Suppen in Hongkong und die Begegnung mit dem Roten Drachen. Das Wiedersehen mit Bali, der Insel der Götter, die im Stau erstickte, aber den Spirit nicht hergab. Später die Ruhe am Meer im Norden und der Schinken im Alentejo. Und die Gewissheit, dass alles weiter geht, und das eigene Schicksal, das keine Rolle spielt. 

Die Mütze ist voll. Prallvoll. Alles geht weiter, auch über das Ende hinaus. Es war ein Privileg. Es ist ein Privileg. Und es geht weiter. Immer weiter. Kein Ende in Sicht. Bei allem Schwärmen, auf den Mikrokosmos kommt es an. Die Welt liegt im Detail.       

Zwei Dekaden