Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 7. Ruhrpott

In kaum einer Region Europas wurde so im Dreck gewĂĽhlt. Der groĂźe Bedarf an Energie bei dem  gewaltigen und gewalttätigen Projekt des industriellen Kapitalismus hatte im Kohlenpott eine Heimstätte gefunden. Was an Energievorkommen unter der Erde lag, musste geborgen werden. Hunderttausende Migranten wurden aus ZĂĽgen ausgeladen und unter die Erde gejagt. Die Kohle, die gefördert wurde, befeuerte sofort die Stahlwerke, die gleich nebenan aus der Erde schossen. Eine wilde Menschenmischung aus Westfalen, Polen, OstpreuĂźen, Spaniern, Italienern und später vom Balkan und aus der TĂĽrkei fuhr ein, wie es heiĂźt, um teils tiefer als tausend Meter unter der Erde, bei kochender Hitze und tödlichem Steinstaub den Grundstein zu legen fĂĽr die Zivilisation, die auf Wertproduktion und Export basierte. Nicht umsonst entlehnten die Bewohner dieses gewaltigen Molochs einen französischen Terminus, den die napoleonische Armee im Gedächtnis hinterlassen hatte, um das alles zu bezeichnen. Der PĂĽtt, abgeleitet von Putaine, der Hure, was zeigt, dass die Poesie dort, wo alles immer gleich mit Menschenleben bezahlt werden musste, notwendigerweise zum Derben neigt.

So wie die Liebe im Pott eher als ein Geschäft gesehen wird, so ist der höchste Wert in der zwischenmenschlichen Beziehung bis heute der der Verlässlichkeit. Das resultiert aus dem Ur-Erlebnis unter Tage, wo es nicht auf Zuneigung, sondern Verlass ankommt. Das ist es, woran bis heute alles gemessen wird. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wie du willst, keiner muss dich lieben, aber wenn man sich auf dich verlassen kann, dann ist das in Ordnung so und du gehörst dazu. Bist du ein unsicherer Kantonist hingegen, dann bist du draußen, da hilft dir kein Charme und keine Begabung. Wer das nicht weiß, der wird die Seele des Ruhrpotts nie begreifen.

Denn der Ruhrpott, dieser großartige Moloch, den nur die lieben können, die seinen Dreck gefressen und seinen Schweiß gerochen haben, den gibt es in dieser Form gar nicht mehr. Er ist Geschichte, die nur noch auflebt in der Erinnerung und bei den Fußballspielen, die bis heute die Welt erleuchten wie früher nachts die Kokereien. So reich und mächtig diese Region einst war, so brutal wurde sie in die Knie gezwungen. Der so genannte Strukturwandel hat mehr menschliche Existenzen auf dem Gewissen als die brutalen Klassenkämpfe der zwanziger Jahre und die Verheerungen des großen Krieges. Die früheren Zechen sind heute Museen und manches Stahlwerk ist heute ein High-Tech- oder Kulturtempel. Dafür steht in Dortmund das wohl geilste Fußballstadion der Welt, was am Publikum liegt, dafür hat Schalke eine eigene Kapelle und einen eigenen Friedhof und einen Stan-Libuda-Ring. Und in Essen lag schon Siegfried, der deutsche Mythos schlechthin, in den Armen einer Schönen.

Und dennoch, auch wenn die harten Formen des Seins längst verblichen sind, bleibt das kollektive Gedächtnis und eine Mentalität, die stärker ist als die materielle Konkretisierung des Seins. Die Mentalität des Ruhrpotts existiert noch und sie scheint ein Modell zu sein, dass der Unterwerfung auch zukĂĽnftig trotzt. Da ist das Lakonische, das Laisser-faire, da ist die Toleranz und die Zuverlässigkeit und da ist der Humor, der jeder Macht spielerisch die Stirn bietet. Den Ruhrpott, den hast du im Blut, wenn dich dort deine Mutter zur Brust nahm, egal, woher sie auch kam, denn das spielt dort keine Rolle. 

Ostenmauer – 6. Poporello

Er war kein Stadtstreicher. Alles sprach dagegen. Dennoch wirkte er so, wenn er gebeugten  Schrittes durch die StraĂźen pirschte, immer mit einem gehetzten Gesichtsausdruck, immer ein wenig entrĂĽckt und immer um Tempo bemĂĽht. Seine Kleidung passte weder zum Eindruck eines Stadtstreichers noch in die Zeit. Er trug einen einstmals edlen, abgewetzten, aber immer noch tadellosen Lodenmantel, einen dazu passenden Hut und mit der Jagdtradition kokettierende Schuhe. Wenn er einmal irgendwo stehen blieb, etwas beobachtete und sich dazu äuĂźerte, dann war schnell klar, dieser Mann war nicht verrĂĽckt, sondern er hatte einen präzisen Verstand und ĂĽberraschte damit alle, die meinten, sie mĂĽssten mit einem ihrerseits dĂĽmmlichen Verhalten seiner eigenartigen Reputation Rechnung tragen.

Hinzu kam, dass ihn etwas Geheimnisvolles umwehte. So, wie es aussah, war er nicht arm, sondern lebte in finanziell gesicherten Verhältnissen. Im Knick der Klostergasse bewohnte er das gesamte Parterre eines gut bĂĽrgerlichen Domizils, das zwar einen Hauch von Morbidität verströmte, aber wo tut es das BĂĽrgerliche nicht? Er lebte allein, nur manchmal kam zu ihm eine Zugehfrau, die die Wohnung putzte, seine Wäsche wusch und ihn bekochte. Das einzige Wesen, das mit ihm unter seinem Dach leben durfte, war ein alter Jagdhund. Der lief den ganzen Tag allein in der Stadt herum, nahezu auf denselben Routen wie sein Herrchen. Nur abends kam er nach Hause, und nur dann, wenn das Herrchen seinerseits von seinen festen Routinen zurĂĽckgekehrt war. Das waren klar beschriebene Wege, die er beschritt. Denn, obwohl er ĂĽber Geld verfĂĽgte und alleinstehend war, in Gaststätten, CafĂ©s oder ähnlichen Etablissements sah man ihn nie. Die mied er konsequent. Der Eindruck, den er vermittelte, war der eines zwar etwas verschlampten, aber präzisen Uhrwerks. 

Morgens, wenn der Hund bereits herausgelassen war, ging unser Mann im Lodenmantel einmal die HauptstraĂźe herauf und wieder herunter, besah sich die Auslagen und erschreckte den einen oder anderen Händler, oder frĂĽhe Passanten mit seinen Kommentaren zu dem, was er beobachtete. „Da dekoriert mir der richtige Kretin. – Du hast aber ein völkisches Spitzmäulchen. – Dein Röckchen trägt dich aber flugs ins Schlafgemach.- Des Michels Edle ist die Torheit.- Fern ab der Poesie herrscht der Wahn der Begriffsstutzigen.- Nackte Schenkel schmĂĽcken das Kirchenportal.“ 

Die Notizen und Kommentare, die er hörbar von sich gab, zeugten von SprachgefĂĽhl und Intelligenz, aber sie beschrieben auch seine Einsamkeit. Und diejenigen BĂĽrger, die ihn hörten, waren verstört und amĂĽsiert zugleich. Ein wahres Ă„rgernis, das Ablehnung und Hass beschwört, war er nie. Ganz im Gegenteil, ihm schlugen Sympathien, vor allem auch der jungen Leute, entgegen. Aber allen war gleich einer heiligen Formel klar, dass niemand den modus vivendi durchbrechen durfte, um dieses bereichernde Ereignis nicht aufs Spiel zu setzen. Niemand sprach ihn an, er sprach seinerseits niemanden direkt an. Niemand ärgerte ihn oder seinen Hund und er ärgerte niemanden. Morgens die HauptstraĂźe, dann Mittagessen und ein Nickerchen zuhause. Nachmittags die Runde im Stadtpark, am FlĂĽsschen entlang, dann wieder nach Hause und Schluss. 

Er war kein Stadtstreicher. Er war kein Bürger. Wie ein Band durchlief er die kleine Stadt. Mit Botschaften, die verschlüsselt waren, aber deutlich machten, dass alles, was als normal galt, hinterfragt werden konnte. Dafür wurde er geschätzt. Für die Botschaft, dass nichts so war, wie es schien. Das war unheimlich, andererseits wiederum beruhigend. So lange er lebte, waren auch die Leute klüger. Als er nicht mehr zu sehen war, begannen die, die danach dort lebten, alles zu glauben, wie es erschien. Die Botschaft, die alles zum Rätsel machte, war weg.

Auf Poporellos Route

Ostenmauer – 5. Auf Kohle geboren

Identität ist zu einem zentralen Begriff geworden. Die einen nutzen ihn, um sich ihrer eigenen Wurzeln bewusst zu werden, die anderen, um sich abzugrenzen und andere wiederum, um Rechte für sich einzufordern. Ich leide nicht unter großer Ungewissheit, was meine Identität bedeutet. Von der Familie her ist das relativ eindeutig. Die Mersmanns stammen ursprünglich aus einer Region, die von Flandern bis ins Münsterland reicht. Der Name kommt von Marsch, der Landschaftsform, die an Flüssen und am Meer auftritt. Mütterlicherseits ist es das Elsass, aus dem die Dummeldingers kamen, während die Adrians vielleicht auch eher im Flandrischen anzusiedeln sind. Mein Vater und meine Mutter kamen aus Landstrichen, die auch als Melting Pots bezeichnet werden können: Das Ruhrgebiet und die Kurpfalz. Insofern bin ich bereits von Kindesbeinen an gegen jegliches rassisches Reinheitsgebot imprägniert. Ich kenne nur die ethnische wie kulturelle Vielfalt. Sie ist nur denkbar mit Toleranz und Neugier auf das Fremde. Beides ist ein wesentliches Motiv meines Handelns.

Und doch existieren gewisse Besonderheiten, die eben aus dieser Herkunft resultieren und die sehr viel mit Identität zu tun haben. Allerdings einer Art von ethischer Identität. Ich gehöre zum einen zum Kohlenpott-Adel, der sich aus der Formulierung „auf Kohle geboren“ speist. Sie impliziert aus einigem, was die Bergleute ins Testament geschrieben haben: Solidarität, Loyalität und Verlässlichkeit. Wenn du das in der Region nicht mitbringst, dann hast du verloren. Dann nützt dir kein Talent, kein Können und kein Vermögen. Bringst du diese Referenzen allerdings mit, dann interessiert niemanden, woher du kommst und mit welcher Zunge du sprichst. Und, inmitten dieser Schicksalsgemeinschaft, giltst du nur etwas, wenn du in gewissen Fällen die Courage besitzt, zu rebellieren.

Diese Form der Identität ist mir geblieben, unabhängig davon, wohin es mich verschlug und wo ich lebte. Das fĂĽhrte oft zu Konflikten, denn ĂĽberall dort, wo man nicht auf Kohle geboren ist, spielen andere Eigenschaften eine wichtige Rolle. Aber diese Identität hat mich getragen und sie wird mir bleiben. 

Ich leite daraus keine Ansprüche ab, wie das heutigen Moden vielleicht entspräche.