Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 14. Vom Kriege

Der und der war gefallen. Der eine in Russland und der andere an der Westfront. Und wieder ein anderer war gar nicht weg gewesen, sondern hatte die ganze Zeit in KZs verbracht und dennoch alles überlebt. Dafür rannte er jetzt nachts auf dem Friedhof herum und weinte stundenlang laut. Der große Krieg, wie sie ihn nannten, war die Schule meines Vaters und seiner Generation gewesen. Es war nicht so, dass sie nicht darüber sprachen. Aber zumeist waren es einzelne Sätze oder Erzählfetzen und alle wussten Bescheid. Da kamen russische Partisanen vor, die Haltung bewahrt hatten, obwohl sie wussten, dass ihre letzten Minuten angebrochen waren. Da gab es einen ganz brutalen Hund in der Kompanie, der am Heiligen Abend im russischen Winter in Tränen ausbrach. Die Metaphern, in denen etwas geschildert wurde, kamen meistens aus dem Krieg. Da war jemand voll wie eine Haubitze, da schlug eine Bombe ein oder da gab es Frauen, die als Granaten bezeichnet wurden. 

Sie hatten vieles erlebt und das zu ihrer besten Zeit, wie man so unbedacht sagt. In jungen Mannesjahren. Da wurden Soldaten, die nicht angreifen wollten, von ihren Vorgesetzten Granaten in die Hacken geworfen. Alkohol bei den niederen Graden und andere Drogen beim Offizierskorps sorgten dafür, dass sie vieles überhaupt aushielten. Und, obwohl der Krieg immer präsent war, auch in der Zeit danach, in denen sie sich zurück holen wollten, was sie verpasst hatten und sich dabei oft aufführten wie die Vandalen. Vieles blieb im Dunkeln. Weil sie es nicht erklären konnten, weil sie es nicht erklären und weil sie nach vorne blicken wollten. 

Diese sperrigen Typen, die durch die harte Schule des Krieges gegangen waren, die Entbehrungen und Krisen kannten, schufen, zusammen mit den Frauen, die jahrelang den Laden an der Heimatfront geschmissen hatten, das Land, in dem ich aufwuchs. Die Werte, die dabei eine Rolle spielten, kamen aus der Krise. Und zwar aus einer, in der es um Leben und Tod ging. Da fandest du Anerkennung, wenn du unter schwierigen Bedingungen etwas zustande gebracht hast. Da hattest du dann die Arschbacken zusammen gekniffen, wie es hieß, und dafür bekamst du Respekt. Hast du dich dagegen beklagt, über schlechte Bedingungen oder Ungerechtigkeiten, dann warst du eine Memme. Dann warst du schwach. 

Zeiten sind so, wie sie sind. Es ist aus meiner Sicht absurd, aus einer anderen Epoche moralisch über sie zu urteilen. Das Beste, was einem gelingen kann, ist, sie zu verstehen und die Umstände, die dazu geführt haben, zu begreifen. Vielleicht, wenn alles gut gelingt, auch, um eine Wiederholung zu verhindern.  In Anbetracht erneuter Kriege bin ich sprachlos,  wie schnell wieder eine Begeisterung für dieses Gemetzel hergestellt werden konnte. Natürlich von Leuten, die da nicht hin müssen. Hegel hatte wohl Recht, als er davon sprach, dass eine Lehre aus der Geschichte sei, dass die Menschheit aus ihr nichts lerne. 

Picasso demaskiert den Krieg. Arbeit an Guernica

Ostenmauer – 13. Charles Spencer Chaplin

Wir kannten ihn alle, als Kinder. Er war die Figur, die uns in ferne Welten fliehen ließ, die unser Dasein kannte und uns Trost spendete. Und die uns lehrte, das Tragische des Alltags auch mit einem lachenden Auge zu sehen. Helden von Kindern sind schnell verblichen. Er blieb. Weil er es vermochte, uns nicht nur als Kindern etwas mitzuteilen, sondern später noch sehr viel Stoff  bot, sich mit ihm zu befassen. Da waren die große Stadt und die Fabrik, da war die Liebe und das Leben unterwegs. Alles das waren unsere Themen. Wir flohen vom Land in die großen Städte, wir jobbten in Fabriken und wir verliebten uns über soziale Barrieren hinweg. Das alles war uns von ihm schon in unserer Kindheit erzählt worden, ohne dass wir es bewusst registriert hätten. Das ist Kunst. Das ist große Kunst.

Viele Jahre später, als ich unterwegs war, da traf ich ihn wieder. In London. Soho. In einem kleinen Park inmitten des täglichen Trubels waren neben den Bänken die Büsten von britischen Literaten, Dickens, Yeats, Shakespeare, unter ihren mächtigen Köpfen stand der jeweilige Name und die Lebensdaten. Und dann war da noch eine Skulptur, der kleine Mann mit dem eigenwilligen Schnurrbart, dem feinen Spazierstock und den ausgelatschten Schuhen. He gave so much fun to so many people. Das war alles, was zu lesen war. Mehr brauchte es nicht, in Soho, dem pulsierenden Theaterviertel Londons. Charles Spencer Chaplin war über seine Heimatstadt weltweit bekannt. 

Charlie Chaplin eroberte Hollywood, als es noch nicht das war, wofür es heute bekannt ist. In Zeiten des Stummfilms und der erbärmlichen Drehbücher, in denen in der Regel ein Polizist mit einem Knüppel einen armen Teufel versohlte, woher der Name des Genres, Slapstick, stammte. Chaplin kam, schlüpfte in das Klischee der komischen Figur und inszenierte eine der  wirkungsvollsten Kulturkritiken der Moderne. Er thematisierte die Ausbeutung und Entfremdung (Modern Times), die Entwurzelung in Zeiten der Kapitalakkumulation (The Tramp), der Vereinsamung (City Lights) und sozialen Verarmung (The Kid). Dass er später noch den großen Diktator seiner Epoche persiflierte, und zwar vertont, ist nur eine Randnotiz eines vermeintlichen Komikerlebens, das nicht hätte politischer sein können. Chaplin war Europäer, und das blieb er auch in den langen Jahren seines Erfolges in den USA. Sein Demokratieverständnis gehorchte keinen Wellen, sondern es blieb stabil, auch nachdem Hitler längst auf dem Kompost der Geschichte lag und sich in den USA der McCarthy-Ära der Kalte Krieg formierte. Chaplin pflegte nach wie vor auch Kontakt zu Kommunisten und blies nicht in das Horn des Neonationalismus. 

So konnte er nach einer Europareise nicht wieder in die USA einreisen und wählte als letztes Domizil die Schweiz. Da war er bereits eine Legende. Durch sein künstlerisches Schaffen hatte er es vermocht, Bewegendes und Geistreiches für alle Bildungsgrade zu inszenieren und zu transformieren. Das können nur wenige. Charlie Chaplin war ein Großmeister dieser wenigen. Denn wer denkt schon daran, wenn er sich heute noch einmal diese Wackelfilme anschaut, dass diese es vermochten, dem Publikum eine Intuition dafür zu verschaffen, dass zum Glück das Unglück, zur Macht das Joch, zum Gigantischen die kleine Sorge und zum Strahlenden der Schatten gehört?  Ich habe ihn vor Augen, wie er vor mir steht, in Soho, ohne seinen Namen zu nennen, weil das auch gar nicht nötig ist. Heute hätte er Geburtstag.

Unerwartetes Wiedersehen

Ostenmauer – 12. Umbrüche

Wenn die großen Umbrüche stattfinden, dann bleibt nichts so, wie es einmal war. In der Erinnerung verklären sich die Bilder, vielen Menschen erscheint es so, als hätten sie in goldenen Zeiten gelebt und alles, was an Neuem entstanden ist, kann unter diesen Eindrücken nicht mehr imponieren. Nichts ist trügerischer als diese Art von Erinnerung. Sie liegt unter einem Schleier, der alles verdeckt, was in der Vergangenheit an Dreck, an Unrat, an Schmerz und an Verzweiflung existierte. Die so genannte gute, alte Zeit, entpuppt sich, wenn der realistische Blick die Oberhand gewinnt, als eine Fata Morgana. Zumindest für diejenigen, die sich erfolgreich aus ihr heraus gekämpft haben. 

Diejenigen, denen das nicht gelungen ist, die sind längst nicht mehr unter den Lebenden. Und, sollten sie es dennoch sein, dann haben sie keine Stimme mehr. Die einzige Gruppe, die zu recht über die goldene Vergangenheit sprechen kann, sind die ehemaligen Gewinner, die sich in Ruhm und Reichtum sonnen konnten, bis das alles zusammenbrach. Doch sie sind in einer verschwindenden Minderheit, wie immer. Das Gros der Gesellschaft muss kämpfen. Das war so in der verklärten Vergangenheit, das ist so während der Zeiten der großen Umbrüche und das wird so sein, wenn sich alles neu sortiert hat.

Umbrüche hat es immer gegeben. Auf der Oberfläche lassen sie sich als etwas beschreiben, das die Dominanz der Kräfte, die für ein bestimmtes Zeitmaß die Entwicklung maßgeblich bestimmt haben, an einem gewissen Zeitpunkt den Zenit erreicht hat. Dann lassen sich neue Kräfte beobachten, die innovativer sind, die mehr Dynamik besitzen und die andere Interessen verfolgen und die sich zum Angriff auf das Bestehende formieren. Zunächst erscheinen die herrschenden Verhältnisse dann als nicht mehr so gut wie allgemein dargestellt, vieles bekommt das Attribut „marode“ und die Eliten vermitteln ein Bild, als seien sie sich des Ernstes der Lage gar nicht bewusst.

Es ist wie eine Wiederholung der Kapitel in den Geschichtsbüchern, in denen die späte Dekadenz von Gesellschaften beschrieben wird. Da steht nur noch das eigene, in Verschwendung und Unmaß badende Wohlergehen im eigenen Fokus, da wird nichts mehr investiert, da findet keine Erneuerung mehr statt, da werden Probleme verdrängt und es wird ein Lied angestimmt, in dem die eigene Glorie auf Ewigkeit besungen wird, obwohl sie längst am Abgrund steht. Die späte Dekadenz am Ende einer Epoche ist das verlässlichste Zeichen für einen gravierenden Umbruch.

Während dieses Lärms, der durch die Sattheit und Verschwendung hier wie der wachsenden Not und dem Überdruss gegenüber dem Alten dort verursacht wird, wirken bereits die Kräfte des Wandels. Sie nutzen den Alltag, um die Routinen zu Fall zu bringen, sie erneuern alles, sie reden nicht viel und sie haben mit dem, was auf der großen Bühne passiert, nicht viel im Sinn, weil sie mit der Veränderung des Profanen alle Hände voll zu tun haben. Wenn diese Vertreter einer neuen Ordnung die Bühne betreten, dann ist bereits alles vorbei – für die alte Zeit und deren Prinzipien. Sie kann sich dann verklären lassen, von denen, die damals das Sagen hatten und denen, die an den Schmerz nicht mehr erinnert werden wollen. 

Die neuen Kräfte hingegen werden sich mit dem Neuen selbst, das oft technischer und wirtschaftlicher Natur ist, auseinanderzusetzen haben und dann daran gehen müssen, politisch ihre Interessen zu vertreten, um eine neue soziale Ordnung zu etablieren. In Zeiten des Umbruchs, wenn er in vollem Gange ist, bleibt für diejenigen, die ihn betreiben, keine Zeit, in der Verklärung des Vergangenen zu verharren. 

Und wer bei der hiesigen Beschreibung bestimmte Bezüge zum Zeitgeschehen gewittert hat, verfügt über eine gute Nase.